The Americans 4x09

Die The Americans-Episode The Day After hat ihren Titel einem Fernsehfilm gleichen Namens zu verdanken, der im Herbst 1983 auf ABC ausgestrahlt wurde. Darin spielt John Cullum die Hauptrolle in einer Welt, die von einem Atomkrieg zwischen Russland und den USA heimgesucht wurde. Für das Autorenteam der Serie ist das natürlich ein gefundenes Fressen, weshalb die Ausstrahlung als Leinwand für die komplizierten Emotionen der Protagaonisten herhält.
Should've been a lot of things
An vorderster Front steht dabei Elizabeth (Keri Russell), die vielleicht nicht ihre schwierigste Entscheidung trifft, aber doch eine, die sie emotional hart trifft. Zunächst sendet William (Dylan Baker) ohne Rücksprache mit Gabriel (Frank Langella) ein Signal aus, was ungewöhnlich anmutet. Beim Treffen im Park stellt Philip (Matthew Rhys) fest, dass die Loyalität seines Kontaktmanns immer weiter schwindet, was die Nichteinbindung von Gabriel erklärt. Diese Zweifel gehen sogar so weit, dass William seinen Landsleuten nicht zutraut, den biologischen Kampfstoff, den er schmuggeln soll, richtig zu behandeln.
Um überhaupt erst an das Lassa-Virus heranzukommen, braucht William eine höhere Sicherheitsbefugnis, wodurch die bislang sehr gemächlich verlaufende Operation rund um Young-Hee (Ruthie Ann Miles) und ihren Ehemann Don (Rob Yang) auf die nächste Eskalationsstufe gehoben wird. Verantwortlich dafür ist allerdings Elizabeth selbst. Denn Philip schlägt nach dem Film, der sämtliche Zuschauer - auch Elizabeth - in Schockstarre versetzt, vor, die Operation gegenüber dem Center als gescheitert zu verkaufen.
So weit ist Elizabeth jedoch noch lange nicht. Schließlich hat sie zuvor mit einem kurzen Lächeln offenbart, auch ein bisschen froh darüber zu sein, dass die richtige Action nun wieder losgeht. Allzu lange währt diese Freude nicht. Um ein Druckmittel gegen Don zu finden, bietet sie Young-Hee an, für eine Nacht auf deren Kinder aufzupassen, um dem Ehepaar eine Verschnaufpause zu verschaffen. Am nächsten Morgen ist jedoch der Frust groß und das Nervenkostüm beinahe schon wieder so dünn wie vor dem siebenmonatigen „Urlaub“. Philip versucht erneut, seinen Vorschlag schmackhaft zu machen, beißt damit aber wieder auf besten russischen Granit.

So aufgewühlt Elizabeth nach dem Film auch war, so sehr wurde damit ihre ideologische Überzeugung verfestigt: „This is why we're here“. Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, dass sie im Laufe der Jahre - und vor allem an der Seite des Pro-Amerika-Philip - weicher geworden ist. Was sie Young-Hee nun wird antun müssen, trifft sie besonders hart, weil sie vielleicht die erste Zielperson ist, die Elizabeth als echte - sofern man das überhaupt so umschreiben kann - Freundin wahrnimmt. Jedenfalls ist die Annahme, dass sie nie eine gute Freundin hatte, nicht weit hergeholt.
Do you think it makes a difference?
Wie Regisseur Daniel Sackheim und Keri Russell diesen inneren Kampf auf den Bildschirm bringen, ist schlichtweg genial. Den zweiten Versuch Philips, sie umzustimmen, wehrt Elizabeth nicht nur mit einem knappen „I'll be fine“ ab, sondern auch mit einem gequälten Lächeln, das man ihr selbst dann nicht abnähme, wenn man sie zum allerersten Mal kennenlernen würde. In dieser Episode gibt es viele solcher kleinen Momente - in wenige Gesichtszüge packt Russell die volle emotionale Zerrissenheit ihrer Figur. Es ist wahrlich eine Freude, ihr beim Arbeiten zuzusehen.
Nun geht Elizabeth mit rabiateren Methoden vor. Young-Hees Ehemann - die eigentliche Zielperson - wird unter einem Vorwand in Pattys Wohnung gelockt, um dort abgefüllt und mit Drogen vollgepumpt zu werden. Nachdem er bewusstlos zu Boden gegangen ist, schleift ihn Elizabeth in das Schlafzimmer, legt ihn aufs Bett, zieht ihn aus und schmiert ihm eine weiße Flüssigkeit zwischen die Beine. Dann zieht sie sich selbst aus, legt sich neben ihn und wartet, bis er aufwacht. Sicher hat Elizabeth weitaus schlimmere Dinge getan, wofür man nur an die letzte Episode zurückdenken muss, als sie Lisa kaltblütig ermordete.
Ihr Training ermöglicht es ihr, solche Missetaten an sich abperlen zu lassen. Wenn jedoch freundschaftliche Emotionen - die sie in der Form eventuell noch nie kannte - ins Spiel kommen, wird daraus ein weitaus komplizierterer Balanceakt. Da ist es dann auch wenig verwunderlich, dass sie ihre Trauer über den Verlust von Young-Hee gegenüber Philip nicht mehr verstecken kann: „I'm gonna miss her.“ Hier zeigt sich ein weiteres Mal, was diese Serie so besonders macht: Die Protagonisten sind zwar ausgebildete Killermaschinen, aber immer noch Menschen. Sie haben Gefühle und Fehler, die sie nicht abstellen können. Sie müssen jede Minute von jedem Tag mit den Konsequenzen ihrer Handlungen leben.

Anderswo geht es nicht weniger dramatisch zu. Um uns sanft darauf vorzubereiten, gönnt uns Drehbuchautorin Tracey Scott Wilson zu Beginn eine comic relief-Szene mit Philip und Paige (Holly Taylor), in der Letztgenannte eine Fahrstunde bekommt. An deren Ende grüßt uns jedoch schon wieder die grausame Realität: Paige hat sich mittlerweile zu einer solch fähigen Jungspionin entwickelt, dass sie genau weiß, wie Pastor Tim (Kelly AuCoin) zu lesen ist. Um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen, sollte mindestens ein Elternteil mit zu einer bevorstehenden Kirchenveranstaltung kommen.
Too soft
Dort äußert der Prediger gegenüber Philip seine Sorgen um Paige. Sie komme ihm traurig, irgendwie niedergeschlagen vor. Philip versucht, das mit dem Hinweis auf ihr Teenageralter auszubügeln, hat damit aber keinen Erfolg. Wenn er von seiner Reise ins vom Hunger geplagte Äthiopien zurückkehre, wolle sich Tim mit Ehepaar Jennings noch einmal gründlicher über dessen Tochter unterhalten. Jedoch halte ich es durchaus für möglich, dass der Pastor von dieser Reise niemals wiederkommen wird - schließlich wäre das Ausland optimal, um sich seiner zu entledigen.
Ob er nun zurückkehrt oder nicht, eines steht fest: Tim ist und bleibt das größte Problem der „Americans“. Ein weniger großes ist derzeit Stan (Noah Emmerich), mit dem sich Philip wieder blendend versteht. Allerdings hat sich Stan noch weiter in sein Loch des Verdrusses gegraben. Mit Tori ist Schluss, der neue Chef und die „Munchkins“ (LOL) nerven und der Beruf ist schon lange nicht mehr das, was er sich einst vorgestellt hat. Darauf sollte sich Philip jedoch nicht ausruhen - ein kleiner Verdachtsmoment genügt, um Stans Jagdinstinkt wiederaufflammen zu lassen.
Indes ist William nicht der einzige Russe, der sein Vaterland im Hintertreffen sieht. Oleg (Costa Ronin) und Tatiana (Vera Cherny) haben den siebenmonatigen Zeitsprung genutzt, um aus ihrer Arbeits- eine Liebesbeziehung zu machen. Nach einem weiteren Stelldichein erzählt Oleg die Geschichte eines Beinahe-Angriffs, der durch fehlerhafte Technologie ausgelöst wurde und fast in die Katastrophe geführt hätte. Über 30 Jahre später wissen wir, dass es dazu nie kommen wird. Umso höher ist es The Americans anzurechnen, dass daraus trotzdem eine so spannende und emotional mitreißende Geschichte gemacht wird. Die Serie befindet sich auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft.
Trailer zu Episode 4x10: 'Munchkins'
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 12. Mai 2016The Americans 4x09 Trailer
(The Americans 4x09)
Schauspieler in der Episode The Americans 4x09
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?