The Americans 4x08

Die vierte Staffel von The Americans ist ein Paradebeispiel dafĂŒr, wie man aus wenig Plot und eingeschrĂ€nkten Mitteln die beste aktuelle Dramaserie macht. Es braucht hierzu keine Explosionen, keine fancy Kameraarbeit und kein riesiges Ensemble. Viel eher braucht es die volle Hingabe des Autorenteams - im Falle der Episode The Magic of David Copperfield V: The Statue of Liberty Disappears ist es Stephen Schiff - zu inhaltlicher KohĂ€renz, vor allem aber zur realistischen Umsetzung von Konsequenzen.
You love your prison
Viele andere Serien schaffen das nicht - vielleicht, weil es sie weniger interessiert, oder weil sie schon an den nĂ€chsten Handlungsbogen denken, ohne den aktuellen abgeschlossen zu haben. Die âAmericansâ hingegen bleiben so lange bei einer Geschichte wie es auch im echten Leben dauert, um sie zu verdrĂ€ngen, zu vergessen oder einfach nicht mehr so oft an sie denken zu mĂŒssen. Manchmal funktioniert jedoch auch das nicht, wie wir hier eindrucksvoll vorgezeigt bekommen. Im Streit diverser Familienmitglieder tauchen Namen wieder auf, die wir schon lange nicht mehr gehört haben.
So sehr wir Menschen auch versuchen, das Unangenehme in eine mentale Schublade zu schlieĂen und diese tief in unserer Erinnerung zu vergraben, so wenig erfolgreich sind wir meist mit diesem Ansinnen. Keine Frage, dass Philip (Matthew Rhys) auch lange nach den Ereignissen dieser Episode, ja sogar lange nach der erzĂ€hlten Zeit in der Serie - vorausgesetzt er stirbt an deren Ende nicht - darĂŒber nachdenken wird, was wohl aus Martha (Alison Wright) geworden ist. Ihr Abschied zu Beginn der Episode ist fĂŒr uns Zuschauer beinahe genauso erschĂŒtternd wie fĂŒr Philip.
Rhys, der fĂŒr diese Folge zum ersten Mal im Regiestuhl Platz nahm, inszeniert die Auftaktszene als lange, wortlose Tortur. Ganze fĂŒnf Minuten dauert es, bis zum ersten Mal gesprochen wird. Als letzte Worte hat sich Martha etwas Generöses ausgedacht: „Don't be alone, Clark.“ Mit stillem Stoizismus begeht sie ihren Abschied, der ein Abschied fĂŒr immer ist. FĂŒr Philip wĂ€re es vielleicht sogar einfacher gewesen, hĂ€tte sie sich mit HĂ€nden und FĂŒĂen, unter TrĂ€nen und laut schreiend dagegen gewehrt. So spricht lediglich aus ihren Augen die reine Verzweiflung. Das Leben, wie sie es kannte, ist nun fĂŒr immer vorbei.

Es ist der bewegende, kraftvolle Auftakt einer Episode, die bis an den Rand gefĂŒllt ist mit solchen Szenen. FĂŒr unsere russischen Spione gilt besonders, was fĂŒr uns alle gilt: Alle Handlungen ziehen Konsequenzen nach sich. Und weil sich die Serie offensichtlich dazu verpflichtet hat, sĂ€mtliche Auswirkungen dieser Konsequenzen peinlich genau auszuleuchten, werden wir Zuschauer auf eine kaum je dagewesene emotionale Achterbahnfahrt geschickt. An deren Ende sieht sogar der knorrige Gabriel (Frank Langella) ein, dass sich Familie Jennings lĂ€ngst eine Pause verdient hat.
Things have to change
Jedoch dauert es eine ganze Weile, bis Gabriel zu dieser Einsicht gelangt. Zuvor legen Philip und Elizabeth jeweis auf ihre eigene Art den Offenbarungseid ihres hauchdĂŒnnen NervenkostĂŒms ab. Philips Krise um Martha - die vielleicht gravierendste in seiner Agentenlaufbahn - hat sich zu einer handfesten Midlife-Crisis ausgewachsen, was er zunĂ€chst auf herkömmliche Weise zu bekĂ€mpfen versucht. Er will nicht nur mehr Zeit mit den Kindern verbringen, was wohl vor allem Henry (Keidrich Sellati) freuen dĂŒrfte, sondern auch wieder mit dem Hockey anfangen.
Die SchuldgefĂŒhle nagen jedoch weiter gnadenlos an ihm. In Tarnung begibt er sich ans Grab von Marthas Kollegen Gene Craft, der fallen musste, um sie zu schĂŒtzen. Von Nachbar Stan (Noah Emmerich) bekommt er hernach wenigstens ein bisschen Erleichterung, als er erfĂ€hrt, dass es die richtige Entscheidung war, Martha ins einsame Exil nach Russland zu schicken. Doch schon die Anmerkungen seiner Ehefrau zu Marthas vermeintlich simplem GemĂŒtszustand bringen dieses mĂŒhsam errichtete Kartenhaus sofort wieder zum EinstĂŒrzen.
Zwischen ihm und Elizabeth (Keri Russell) brodelt ĂŒber den Verlauf der Episode ein gefĂ€hrliches SĂŒppchen aus gegenseitiger Verachtung, bis es schlieĂlich zur Explosion kommt. Um den versprochenen Gefallen an ihn einzulösen, besucht sie eine Sitzung des EST-Seminars, erkennt darin aber nichts mehr als eine gutgeölte Geldmaschine: „It's very American, the whole thing.“ FĂŒr sie ist das eine Beleidigung, fĂŒr Philip nicht. Der dieser Serie innewohnende Konflikt zwischen den Eheleuten bricht wieder mit voller Kraft hervor. In einer toll inszenierten Szene, die den Eindruck erweckt, als seien Philip und Elizabeth meilenweit voneinander entfernt, werden alte Wunden wieder aufgebrochen, die beide einen Namen haben - Gregory und Irina.

Wir vergessen eben nicht - und sollten wir es versuchen, gelingt es uns nur sehr schlecht. Gabriel ist darĂŒber alles andere als erfreut, hat aber noch nicht genug emotionales Leid gesehen, um dem Ehepaar eine Verschnaufpause zu gönnen. Viel eher beschwert er sich im einzigen comic relief-Moment der Episode bei Claudia (Margo Martindale) ĂŒber die vermeintliche Verweichlichung seiner Untergebenen. Dass dies ein Trugschluss ist, beweist vor allem Elizabeth in den nachfolgenden, bedrĂŒckenden Szenen.
The pressure is too much
ZunĂ€chst fĂ€llt sie ĂŒber ihre eigene Tochter her, die es sich erlaubt hat, eine Bibelstunde bei Pastor Tim (Kelly AuCoin) zu schwĂ€nzen. FĂŒr dieses Verhalten hat Elizabeth nicht das geringste VerstĂ€ndnis. Sie findet deutliche Worte und erteilt Paige (Holly Taylor) einen ebenso deutlichen Auftrag: Wenn sie nicht wolle, dass die Familie zerstört werde, dĂŒrfe sie keinerlei Verdacht bei Tim und seiner Ehefrau schĂŒren. Paige ist jetzt ihr asset, ihre Informantin, sie ist lĂ€ngst Teil der Ausbildung zur russischen Spionin - eine atemberaubende Entwicklung.
Auch wenn Elizabeth es sich kaum je ansehen lĂ€sst, welch verheerende Auswirkungen dies auf ihren GemĂŒtszustand hat, so sehr platzt es in solchen Szenen heraus. Erspart bleibt ihr deshalb trotzdem nichts. Als sie von Lisa (Karen Pittman) erfĂ€hrt, dass die keine verlĂ€ssliche Zuliefererin mehr sein kann, bringt sie die Alkoholikerin ausgerechnet mit einer Flasche Schnaps um. Auch hier wĂ€hlt Rhys eine machtvolle Einstellung, um uns mit dem Horror des Geschehens alleine zu lassen. Das Bild, das Elizabeth und Philip danach bei Gabriel abgeben, ist an KĂŒmmerlichkeit kaum zu ĂŒberbieten. Wie zwei verĂ€ngstigte, verletzte Welpen sitzen sie da, lecken sich gegenseitig die Wunden und schauen hilfesuchend zu ihrem Mentor auf. Er weiĂ, dass es fĂŒr beide jetzt keinen anderen Ausweg geben kann, als einen langen Urlaub.
Dieser lĂ€sst sich zunĂ€chst gut an, bevor der stille Schrecken wieder ins Familienleben einbricht. Gemeinsame Fernsehabende, eine Reise zum EPCOT-Center und ein Zeitsprung von sieben Monaten legen nahe, dass die Auszeit gutgetan hat. Das Bild von Paige beim Minigolf mit Pastor Tim und seiner Frau lassen jedoch Böses erahnen. Kurze Zeit spĂ€ter wird das bestĂ€tigt - als sie nach Hause kommt, leiert sie im monotonen Stakkato einer Spionageveteranin herunter, wie das Treffen mit ihren Zielpersonen verlaufen ist. Das Leben mag ihnen eine kurze Pause gegönnt haben, besser ist es dadurch jedoch nicht geworden. FĂŒr uns Zuschauer bedeutet das glĂŒcklicherweise, dass wir mit Fernsehen der Extraklasse belohnt werden.
Trailer zu Episode 4x09: 'The Day After'
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 6. Mai 2016The Americans 4x08 Trailer
(The Americans 4x08)
Schauspieler in der Episode The Americans 4x08
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