The Americans 4x07

Je lÀnger das FX-Spionagedrama The Americans lÀuft, desto offensichtlicher wird, wie fest das Autorenteam die eigene Geschichte in der Hand hat. Schon vor ein paar Wochen wurde das deutlich, als man sich von Nina (Annet Mahendru) trennte, weil ihr Handlungsbogen keinen anderen Ausweg zugelassen hatte. Ein Àhnliches, wenn vielleicht auch nicht ganz so drastisches Schicksal droht in Travel Agents nun der armen Martha (Alison Wright), deren Welt vollends zusammenzubrechen droht.
No choice
Die von Tanya Barfield geschriebene und von Dan Attias inszenierte Episode lĂ€sst sich zunĂ€chst Zeit, bis Martha zum ersten Mal selbst auftaucht. In den Köpfen ihrer Verfolger ist sie jedoch dauerprĂ€sent. Elizabeth (Keri Russell) und Philip (Matthew Rhys) erfahren von Gabriel (Frank Langella), was sich am Ende von The Rat ereignet hat. Sie bekommen den Auftrag, nach ihr zu suchen - und die subtile Anweisung, sie umzubringen, sollte sie den öffentlichen Aufstand machen, den sie gegenĂŒber Gabriel angekĂŒndigt hatte.
Auch beim FBI rĂŒckt sie ins Zentrum sĂ€mtlicher Agenten der von Frank Gaad (Richard Thomas) angeleiteten Counterintelligence Unit. Die Erkenntnis, dass ihr vermuteter KGB-Kontaktmann Clark Westerfeld einen toten Zwillingsbruder hat, reicht aus, um letzte Zweifel auszurĂ€umen. Bei einer nun ganz offiziellen Wohnungsdurchsuchung findet sich ein weiteres Indiz, das Gaad völlig unglĂ€ubig zurĂŒcklĂ€sst: „They seduced and married my secretary.“ Was das fĂŒr seine Karriere bedeutet, ist ihm bald darauf klar. Allzu lange wird er - zumindest in dieser Position - wohl nicht mehr zu sehen sein.
Weil wir nahezu die gesamte Vorgeschichte von Martha kennen, birst beinahe jede Einstellung dieser Episode vor Spannung. Selbst eine kurze Szene wie die, in der FBI-Agent Aderholt (Brandon J. Dirden) alte Fotoalben durchblĂ€ttert, könnten das Jennings-Kartenhaus in Sekundenschnelle einstĂŒrzen lassen. Allzu abwegig ist es nĂ€mlich nicht, dass Martha einen weiteren Abzug des Hochzeitsfotos von sich und Philip aka Clark darin versteckt hat. Weil sich darin aber zunĂ€chst nichts findet, bekommt Stan Beeman (Noah Emmerich) die Anweisung, seinen Kontakt in der Rezidentura dazu auszufragen.

Stan weigert sich jedoch aus gutem Grund, dieser Anweisung zu folgen, wĂ€re Oleg (Costa Ronin) dadurch doch in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Bevor es darĂŒber zu einem gröĂeren Streit zwischen rangunterschiedlichen Beamten kommen könnte, meldet sich Martha bei ihren Eltern, deren Telefon vom FBI angezapft wurde. Hier beginnt eine lange Reihe eindrĂŒcklicher, emotional aufwĂŒhlender und herzzerreiĂender Szenen, die Marthas Tortur zu einem sinistren Höhepunkt fĂŒhren.
Our little girl
Martha verabschiedet sich von ihren Eltern, ohne sie in ihre missliche Lage einzuweihen. Ihre Verzweiflung ist förmlich greifbar, und auch die Verwirrung der Eltern wird in wenigen Worten spĂŒrbar. FĂŒr jeden Vater und jede Mutter muss es eine der gröĂten Horrorvorstellungen sein, dem eigenen Kind die Verzweiflung anzumerken, ihm oder ihr aber nicht helfen zu können. Diese ist so real, dass Martha kurz nach dem Auflegen tatsĂ€chlich darĂŒber sinniert, sich von einer BrĂŒcke in den Tod zu stĂŒrzen.
Stattdessen beschlieĂt sie, sich doch noch einmal bei Clark zu melden und die Gedanken von vor ein paar Momenten zu verbalisieren. Sie hĂ€lt sich dabei nicht zurĂŒck („I want it to end.“) und verrĂ€t ihren Aufenthaltsort, was zu einem Wettlauf mit dem FBI fĂŒhrt, wobei keine der beiden Seiten weiĂ, wo sich die jeweils andere gerade befindet. FĂŒr uns Zuschauer kann es in diesem Moment nicht besser laufen - knisternde Spannung ist bei einem solchen Szenario garantiert. Schon wieder hĂ€ngt die Operation der Jennings davon ab, ob das FBI schnell genug ist, weshalb es leicht verwundert, dass sich Philip nicht wenigstens eine PerĂŒcke anzieht.
Wahrscheinlich denkt er daran gar nicht mehr, was dafĂŒr spricht, dass ihm Martha so wichtig geworden ist, wie sie ihm niemals hĂ€tte werden dĂŒrfen. Den vereinbarten Treffpunkt erreicht er schlieĂlich zu spĂ€t, weil ihm Elizabeth zuvorgekommen ist. Als Martha andeutet, den angekĂŒndigten Aufstand zu machen, greift sie zu rabiaten Mitteln: „There's nowhere to go. They're coming for you, and they will find you.“ Der dazugehörige Schlag in die Magengrube ist eine besonders grausame Metapher fĂŒr all das, was Martha in den letzten Episoden durchlaufen musste. Aber da hört es noch nicht auf.

ZurĂŒck in Gabriels safe house bekommt Martha ihren dĂŒsteren neuen Lebensausblick in kleinen Dosen verabreicht. Um die schlechten Nachrichten nicht alle auf einmal zu verkĂŒnden, lĂ€sst Philip sie zunĂ€chst ihre Gedanken ordnen. In der letzten Episode hatte ich nach seiner Beichte, dem KGB anzugehören, rĂ€soniert, dass sie nun bald alles wisse auĂer seinem echten Namen. Ebendas wird nun nachgeholt, als sie sowohl seinen Deck- als auch Geburtsnamen erfĂ€hrt. In dieser Staffel wurde Philip noch nicht allzu oft mit seiner Herkunft konfrontiert, dafĂŒr in dieser Episode gleich zwei Mal - das andere Mal, als er von Telefonistin Joan (Polly Lee) Borschtsch angeboten bekommt.
Pretty much dead already
Bevor Philip endgĂŒltig die unausweichlichen truth bombs auf Martha niederregnen lĂ€sst, kommt es zu einer in diesem Kontext unerwartet zĂ€rtlichen Szene zwischen ihm und Elizabeth. Seine nominelle Ehefrau spĂŒrt schon lĂ€nger, wie sehr er an seiner zweiten hĂ€ngt, und bringt das hier zur Sprache. Falls er keine Kinder hĂ€tte und mit Martha in die UdSSR flĂŒchten könne, wĂŒrde er es tun? FĂŒr uns Zuschauer hat sich diese Frage nie wirklich gestellt, weil wir ja wissen, wie unterschiedlich Philip mit seinen beiden Ehefrauen umgeht. Elizabeth weiĂ das aber natĂŒrlich nicht, weshalb sie nun erleichtert ist, eine ehrliche LiebeserklĂ€rung von Philip zu hören.
All diese Szenen sind emotionale Feuerwerke, verblassen aber im Vergleich zu der, die am Ende kommt. Philip beschlieĂt, den Rat von Elizabeth nicht anzunehmen und Martha die ganze bittere Wahrheit zu erzĂ€hlen: Sie werde nun nach Russland geflogen - ein Land, in dem sie niemanden kennt, dessen Sprache sie nicht spricht. Und was noch viel schwerer fĂŒr sie wiegt: Er wird sie nicht dorthin begleiten. Sie wird alleine sein. Es ist die niederschmetternde, logische Konklusion eines Handlungsbogens, der uns seit der ersten Episode von The Americans begleitet. Rhys und Wright spielen die emotionale ErschĂŒtterung ihrer Figuren schlichtweg fantastisch.
In einer so aufwĂŒhlenden Episode wie Travel Agents ist comic relief ein gerngesehener Gast, weshalb einmal mehr Henry (Keidrich Sellati) einspringen darf. Er und Matthew (Danny Flaherty) bestaunen Brookie Shields in diesem Calvin-Klein-Werbespot, um hernach gemeinsam mit Paige (Holly Taylor) dem unbeaufsichtigten Alkoholgenuss zu frönen. Jedoch wohnt auch diesen Szenen eine traurige Erkenntnis inne: Die Eltern der Jugendlichen sind so beschĂ€ftigt, dass sie darĂŒber ihre Erziehungspflichten beinahe vollstĂ€ndig auĂer Acht lassen.
Wohin man derzeit auch schaut, ĂŒberall blicken traurige Gestalten auf die TrĂŒmmer ihrer Existenz - oder die von Menschen, die ihnen wichtig sind. Die âAmericansâ nehmen ihre Zuschauer nicht in Schutz, sondern liefern sie den bitteren Wahrheiten der Welt im Jahre 1983 aus. Vielen Dank dafĂŒr!
Trailer zu Episode 4x08: 'The Magic of David Copperfield V: The Statue of Liberty Disappears'
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 28. April 2016The Americans 4x07 Trailer
(The Americans 4x07)
Schauspieler in der Episode The Americans 4x07
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?