The Americans 4x06

The Americans 4x06

The Rat spielt sowohl im übertragenen als auch wörtlichen Sinne eine zentrale Rolle in der nach ihr benannten The Americans-Episode. Darin gerät die Situation rund um Martha vollends außer Kontrolle. Ein versöhnliches Ende rückt für sie in beinahe unerreichbare Ferne.

Martha (Alison Wright) und Clark (Matthew Rhys) sind in eine Sackgasse geraten. / (c) FX
Martha (Alison Wright) und Clark (Matthew Rhys) sind in eine Sackgasse geraten. / (c) FX

Gegen Ende der ersten Staffel von The Americans gab es eine Frage, die Fans und Kritiker gleichermaßen beschäftigte: Welche Figur würde im Finale sterben müssen - Nina (Annet Mahendru) oder Martha (Alison Wright)? Die Serie lieferte uns bekanntermaßen die größtmögliche Überraschung, indem sie einfach beide Charaktere überleben ließ - für die Showrunner Joel Fields und Joe Weisberg war deren Geschichte entgegen der landläufigen Meinung nicht an ihrem natürlichen Ende angekommen.

Doing the right thing

Knapp zweieinhalb Staffeln durfte Nina schließlich noch mitwirken, bevor sie mit brutalem Aplomb aus der Serie geschrieben wurde. Sie hatte sich einmal zuviel gegen das rigide Sowjetsystem aufgelehnt und erhielt in furchteinflößend bürokratischer Form den Todesstoß. Alles andere hätte keinen dramaturgischen Sinn ergeben, ihre Geschichte war schlichtweg auserzählt. Für Martha scheint dieser Punkt nun ebenfalls immer näher zu kommen. Wo es den Autoren in vergangenen Staffel stets mit klugen Wendungen gelungen ist, sie überleben zu lassen, könnte sie nun in eine Sackgasse geraten sein.

Das ist ziemlich bedauerlich, vor allem angesichts der Tatsache, dass das Sterben weiblicher Hauptfiguren gerade einen traurigen Frühling erlebt. Jedoch scheint es für Martha - analog zu Nina - derzeit keinen nachvollziehbaren Ausweg zu geben. Das FBI hat zwar noch keine handfesten Beweise gegen sie gefunden, der Verdacht von Stan Beeman (Noah Emmerich) und Dennis Aderholt (Brandon J. Dirden) ist jedoch schon so konkret, dass sie nicht mehr davor zurückscheuen, ihren Chef Frank Gaad (Richard Thomas) einzuweihen.

Zuvor haben sie Marthas Wohnung durchsucht, nachdem die sich krankgemeldet hatte, zu Hause aber nicht erreicht werden konnte. Wäre dies ein isolierter Einzelfall gewesen, hätten sie sich wohl nichts weiter gedacht. Da jedoch schon der Anfangsverdacht besteht, erhält dieser nur neues Futter. Bestätigung für ihren Argwohn erhalten sie hernach bei der Durchsuchung der Wohnung ihrer angeblichen Affäre Clark. Dort finden sich weitere Indizien, dass ebenjener darauf erpicht ist, keine Spuren zu hinterlassen - ein eindeutiges Zeichen für die Verwicklung in Spionageaktivitäten.

Frank Gaad (Richard Thomas) kann nicht glauben; was er da hört. © FX
Frank Gaad (Richard Thomas) kann nicht glauben; was er da hört. © FX

Für den weiteren Verlauf der Serie ist es überaus wichtig, dass Stan und seine Kollegen diesen wahrscheinlichen Ermittlungserfolg feiern können. In zu vielen anderen Formaten wird die Ignoranz der Strafverfolgungsbehörden als Gegebenheit dargestellt, damit den Antihelden - wie zum Beispiel Tony Soprano oder Walter White - keine Gefahr droht. Hätten sich Beeman und Gaad weiterhin von der unbedarften Martha täuschen lassen, wäre das äußerst nachteilig für die Glaubwürdigkeit ihrer Charakterzeichnung gewesen.

A lonely existence

Nachdem Gaad nun mehrere Episoden keinen Auftritt mehr hatte, bekommt er hier gleich mehrere emotional mitreißende Szenen. Als er von seinen beiden Agenten erfährt, wen sie verdächtigen, kann er es zunächst gar nicht glauben: „That's crazy.“ Thomas spielt die übertölpelte Reaktion seiner Figur grandios. Je länger der Abteilungsleiter jedoch darüber nachdenkt, desto mehr weichen die Zweifel - vor allem auch wegen der Erkenntnis, dass es für Martha am leichtesten war, die Kugelschreiberwanze in seinem Büro unterzubringen. Hernach stellt Gaad eine weitere richtige Vermutung an, als er gegenüber Stan spekuliert, dass sich Gene nicht selbst das Leben genommen hat.

Echtes emotionales Dynamit zündet Drehbuchautor Joshua Brand aber erst in dem Handlungsbogen, in dem die von sämtlichen Seiten beobachtete Zielperson im Zentrum steht. Martha ist mittlerweile so verunsichert, dass sie ihren Revolver mit zur Arbeit nimmt. Im Büro kommt sie allerdings nie an, denn sie wird von Philip alias Clark (Matthew Rhys) vorher abgefangen. Er wurde durch ein Gespräch mit seinem Spionagekollegen William (Dylan Baker) in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt, nachdem er von den Problemen mit Martha - die er natürlich nicht beim Namen nennt - berichtet hatte.

Hernach bringt er sie in einen sicheren Unterschlupf, wo Gabriel (Frank Langella) auf sie aufpassen soll. Jedoch ist Philip mittlerweile so paranoid, dass er Martha unter keinen Umständen alleine lassen will - nicht mit Elizabeth (Keri Russell), die sich als Clarks Schwester Jennifer ausgibt, und vor allem nicht mit Gabriel, dessen Absichten trotz gegenteiliger Behauptungen im Unklaren bleiben. Beiden beichtet er während der Diskussion um das weitere Vorgehen, dass Martha sein wahres Aussehen kennt - und dabei wird es nicht bleiben.

Jennifer aka Elizabeth (Keri Russell) ist schnell entlarvt. © FX
Jennifer aka Elizabeth (Keri Russell) ist schnell entlarvt. © FX

Im Laufe der Episode entwickelt sich eine Situation, die der um Paige (Holly Taylor) aus der dritten Staffel nicht unähnlich ist. Martha ist nun an einem Punkt angelangt, an dem es kaum noch möglich ist, ihr etwas anderes als die Wahrheit zu erzählen. Sie ahnt, dass Jennifer und Clark keine Geschwister sind, und will nun wissen, ob sie eine Beziehung miteinander führen. Philips Antwort darauf zieht eine weitere folgerichtige Frage nach sich, auf die es - wie bei Paige - nur eine Antwort geben kann: Clark und Jennifer arbeiten für den KGB.

Never going home

Marthas Reaktion darauf ist zweigeteilt. Statt sich sofort von Philip abzuwenden, schlägt sie vor, dass sie doch miteinander abhauen sollten. Er jedoch lässt sie bei erster Gelegenheit sitzen, um ein weiteres Treffen mit William zu organisieren. Dieser Handlungsbogen driftet in zu konstruiertes Territorium ab, existiert er doch nur, damit Martha aus dem safe house flüchten kann. Es muss sicherlich einen anderen Agenten geben, der die Übergabe des neuen chemischen Kampfstoffes hätte absolvieren können. Gabriel hätte wissen müssen, dass bei Martha Fluchtgefahr besteht - und dass er sie alleine nicht aufhalten kann.

Es ist ein kleiner Wermutstropfen in einer ansonsten überzeugenden Episode. Weil sich The Rat voll auf das Schicksal Marthas konzentriert, kommen die übrigen Figuren nur am Rande vor. Paige scheint sich mit der konfusen Situation um Pastor Tim arrangiert zu haben, wie die unbeschwerte Zubereitung eines gemeinsamen koreanischen Abendessens beweist. Als sie ihre Mutter jedoch fragt, woher sie das Rezept hat, stockt Elizabeth kurz, was an Paige nicht unbemerkt vorübergeht - genauso wie die Tatsache, dass ihr Vater einmal mehr arbeitsbedingt beim Essen fehlt.

Alles, was die Eltern fortan tun, wird von Paige in diesem Lichte betrachtet werden. Da wäre es nicht verwunderlich, würde sie ein bisschen neidisch auf ihren ahnungslosen Bruder Henry (Keidrich Sellati) schielen, der sich in dieser Staffel größtenteils damit begnügt, in seinen Computerbildschirm zu starren. Der amerikanische Kollege Sepinwall hat diesbezüglich eine sehr schöne Beobachtung angestellt: „Is the computer to Henry what breakfast was to Walter White Jr.?“ Nach weiteren comic relief-Momenten sucht man in dieser Episode jedoch vergeblich. Für Martha wird es nun sehr eng.

Trailer zu Episode 4x07: 'Travel Agents'

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 21. April 2016

The Americans 4x06 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 6
(The Americans 4x06)
Deutscher Titel der Episode
Die Ratte
Titel der Episode im Original
The Rat
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 20. April 2016 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 8. September 2017
Autor
Joshua Brand
Regisseur
Kari Skogland

Schauspieler in der Episode The Americans 4x06

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