The Americans 4x04

The Americans 4x04

Die The Americans-Episode Chloramphenicol endet beinahe auf einer versöhnlichen Note - bis sie doch noch einen der größten Schocker der eigenen Geschichte hervorkehrt. Der verläuft so kühl, berechnet und schnell, dass kaum Zeit zum Atmen bleibt.

Elizabeth (Keri Russell) hat eine schwere Nacht zu überstehen. / (c) FX
Elizabeth (Keri Russell) hat eine schwere Nacht zu überstehen. / (c) FX

Die besten Dramaserien zeichnen sich nicht nur durch ihre Geschichten, ihre Dialogarbeit oder ihre visuelle Umsetzung aus, sondern auch durch die Konsequenz ihres Storytellings. Wenn ein Handlungsbogen an seinem natürlichen Ende angekommen ist, dann darf er nicht künstlich verlängert werden - egal, wie beliebt eine Figur sein mag, die damit auch ihr Ende finden könnte. Wie man es nicht macht, haben in der Vergangenheit Formate wie Homeland oder The Walking Dead gezeigt. Entsprechend sind sie hernach in qualitativer Hinsicht abgefallen.

Living in a burning house

Ereignisse dürfen nicht einfach nur geschehen, weil es interessant wäre, sie zu sehen - sie müssen organisch aus der Geschichte heraus entstehen. Meister dieser konsequenten Erzählform waren die Begründer des aktuellen Golden Age: The Sopranos (man denke nur an eine Episode wie Long Term Parking) oder The Wire (auch hier gibt es viele Beispiele zu nennen), aber auch Serien wie Breaking Bad oder Mad Men. Seit längerer Zeit schon darf sich The Americans zu dieser kleinen, elitären Gruppe zählen. Einen eindrucksvollen Beweis dafür erbringt die Episode Chloramphenicol.

Irgendwie hätte man es ja kommen sehen können, ist es in diesen Dramen doch oftmals so, dass geliebte Figuren sterben müssen, nachdem ihnen ein kleiner Hoffnungsschimmer erschienen ist. Der kompromisslose, brutale, mit bürokratischer Routine durchgeführte Tod von Nina Sergeevna (Annet Mahendru) war schon vorher absehbar. Schon in der letzten Staffel war es den Autoren schwergefallen, interessante Geschichten für sie zu finden, war sie doch viele tausende Meilen von all den anderen Hauptfiguren entfernt im russischen Gulag eingesperrt. Natürlich hätte sich das Autorenteam um die Showrunner Joel Fields und Joe Weisberg eine Konstruktion ausdenken können, Nina wieder zurück in die USA zu verfrachten.

Aber das wäre unglaubwürdig gewesen, nicht realistisch, viel zu konstruiert. Die Serie hätte vielleicht nicht sofort ihre (zugegebenermaßen nicht gerade vielen) Anhänger verloren, aber sie hätte definitiv an Glaubwürdigkeit eingebüßt. So sehr sich Stan Beeman (Noah Emmerich), Oleg Burov (Costa Ronin) und Arkady Ivanovich (Lev Gorn) auch für Nina eingesetzt haben mögen - das sowjetische Rechtssystem war nicht darauf ausgelegt, einer mehrfachen Landesverräterin Gnade auszusprechen. Ninas Entscheidungen aus den letzten Episoden bekommen dadurch eine noch größere Relevanz. Sie wusste, worauf sie sich einlässt. Sie wusste, dass sie dafür sterben könnte. Sie war dafür bereit.

Nina (Annet Mahendru) scheint eine dunkle Vorahnung zu haben. © FX
Nina (Annet Mahendru) scheint eine dunkle Vorahnung zu haben. © FX

Geträumt hat sie indes vom Gegenteil, und für kurze Zeit durften auch wir Zuschauer davon träumen. Wegen des Todes seines Bruders ist Oleg nach Moskau zurückgekehrt, wo er seinen Vater Igor (Boris Lee Krutonog) abermals darum ersucht, Nina zu helfen. Der weiß wahrscheinlich längst, dass es dafür keinen Weg gibt, nutzt die Bitten seines Sohnes jedoch, um ihm ein Versprechen abzutrotzen. Oleg soll in Moskau bleiben, um der Familie in diesen schweren Zeiten beizustehen. Sobald der aber von Ninas Tod erfährt, dürfte er kaum dort zu halten sein.

The sentence of death will remain unchanged. It will be carried out shortly.

Wer sich von diesem Silberstreif noch in die Irre führen ließ, der wird spätestens während der deutlich gekennzeichneten Traumsequenz bemerkt haben, dass Nina diese Episode nicht überleben wird. Erschreckend, ja geradezu schockierend war ihr Tod trotzdem. Unter dem Vorwand, transferiert zu werden, wird sie aus ihrer Zelle geholt. Hier ahnt sie noch nichts Böses. Als sie jedoch in einen fahl beleuchteten Kellergang geführt wird, verändert sich ihr Gesichtsausdruck bereits. Dann wird sie vor einen Offizier gestellt, der ihr Todesurteil ausspricht. Besonders viel Zeit bleibt ihr und uns jedoch nicht, um diese vernichtende Botschaft zu verarbeiten.

Ein Kopfschuss, und ihr Leben ist ausgelöscht. Der anwesende Arzt stellt ihren Tod fest, danach wird ihre Leiche von zwei Soldaten in eine Decke eingewickelt. Zurück bleibt das Blut, das ihr aus dem Kopf gequollen ist. Die Szene hat mich sprachlos zurückgelassen - nicht nur, weil Nina eine so interessante Figur war, die von Mahendru fantastisch gespielt wurde, sondern auch, weil der Mord an ihr so unterkühlt vonstatten geht, so sauber, so emotionslos, so unbarmherzig. Gleichzeitig - und genau deshalb - muss ich dem Kreativteam großen Respekt zollen: Es hat erkannt, dass Ninas Geschichte an ihrem Ende angelangt ist. Sie konnte nur so enden.

Ihr gewaltsamer Tod bringt neue Brisanz in die Handlungsbögen der übrigen Figuren. Auch Elizabeth (Keri Russell) und Philip (Matthew Rhys) sehen sich mit der eigenen Mortalität konfrontiert. Sie harren in der Wohnung von Gabriel (Frank Langella) aus, und warten darauf, dass das Glanders-Gegenmittel von William (Dylan Baker) Wirkung zeigt. Über Nacht sieht es dafür nicht allzu gut aus. Nicht nur Gabriel ringt mit dem Tod, auch bei Elizabeth zeigen sich Symptome. Sie trifft eine für sie vor Monaten noch unvorstellbare Entscheidung: Im Falle ihres Todes soll Philip die Schuld für den Mord an Pastor Tim auf sie schieben und mit den Kindern ein Leben als Amerikaner beginnen.

Stan (Noah Emmerich) durchsucht Marthas Wohnung. © FX
Stan (Noah Emmerich) durchsucht Marthas Wohnung. © FX

In ihrer Charakterentwicklung ist das ein großer Schritt. Früher hätte sie sich niemals eingestanden, dass ihr Ehemann ideologisch weniger gefestigt ist als sie. Und auch wenn sie es sich eingestanden hätte, hätte sie ihm niemals eine solche Absolution erteilt. Nun aber verschließt sie nicht mehr die Augen vor der Wirklichkeit, und mehr noch: Sie hat ihren Frieden damit gemacht. Es kommt jedoch nicht dazu, dass Philip eine solche Verkündung machen muss, denn sie und Gabriel genesen über Nacht. Eine entscheidende Wendung bringen die nächtlichen Erfahrungen und Einsichten aber mit sich. Pastor Tim soll nun nicht mehr getötet, sondern nur noch geturnt werden.

If something happens, you blame me

Gabriel warnt davor, indem er von seinen eigenen düsteren Tagen im Krieg erzählt, worin sich das Folgende um Nina sehr schön spiegelt: „Every day, I'd think, 'Is it today? Is it gonna be me? Is it my turn?' That's not an easy way to live.“ Die Alternative wäre jedoch, Paige (Holly Taylor) für immer zu schädigen. Viel weniger gefährlich ist das auch nicht, schließlich könnte sie eines Tages, von Schuldgefühlen gepeinigt, ihre eigenen Eltern verraten. Aufgelockert wird dieses Dilemma durch eine familiäre Bowlingrunde, bei der sich Elizabeth sogar traut, gegenüber Paige einen Spaß über ihre geheime Identität zu machen - Charakterentwicklung auf die besonders merkwürdige Art.

Martha (Alison Wright) rückt derweil in den Fokus von Stan Beeman und dessen Kollegen Aderholt (Brandon J. Dirden). Letztgenannter lädt die bemitleidenswerte, völlig verunsicherte Clark-Zuträgerin zum Essen ein, damit Stan in ihre Wohnung einsteigen kann. Er findet dort nichts Nennenswertes, weil Philip das Hochzeitsfoto von ihr und Clark in dessen Wohnung verfrachtet hat - der eine oder andere glückliche Zufall sei auch einer Serie wie The Americans gestattet. Bemerkenswert ist an der Dinnerszene, wie stark Clarks Fähigkeit zur Lüge auf Martha abgefärbt zu haben scheint - sie vermengt die Story von ihrem Geliebten mit wahren Details aus ihrem Leben, um glaubwürdiger zu erscheinen.

Positiv hervorzuheben ist überdies, dass Stan nicht als völlig ahnungsloser FBI-Agent dargestellt wird, der nie einen Verdacht gegen seine Sowjetspion-Nachbarn hegt. Könnte das schon sein Todesurteil sein? Unvorstellbar ist das ganz und gar nicht. Wenn uns eine herausragende Episode wie Chloramphenicol eines zurück ins Gedächtnis ruft, dann, dass bis auf wenige Ausnahmen keine Figur in dieser Serie vor dem gefeit ist, was vielen in diesem Berufsfeld bevorsteht. William findet dafür die passenden Worte: „Nobody sane would do this work.

Trailer zu Episode 4x05: 'Clark's Place'

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 7. April 2016

The Americans 4x04 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 4
(The Americans 4x04)
Deutscher Titel der Episode
Quarantäne
Titel der Episode im Original
Chloramphenicol
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 6. April 2016 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 1. September 2017
Autor
Tracey Scott Wilson
Regisseur
Stefan Schwartz

Schauspieler in der Episode The Americans 4x04

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