The Americans 4x02

Das Problem, das sich Ehepaar Jennings in der The Americans-Episode Pastor Tim stellt, ist ein nahezu unlösbares. Wenig überraschend schlägt Elizabeth (Keri Russell) als erstes vor, den titelgebenden Mitwisser einfach zu töten. Darauf antwortet Philip (Matthew Rhys) jedoch mit der berechtigten Kritik, dass sie ihre Tochter Paige (Holly Taylor) dann wohl für immer verlieren würden. Elizabeth begegnet dem mit einem widerspenstigen „better than losing us“, aber da weiß sie selbst schon, wie schwach ihr Argument ist.
Learn how to deal with things
Die Alternative zur naheliegenden Räumungsmethode ist für den Familienverbund wohl noch gefährlicher. Sollte man Tim (Kelly AuCoin) mit diesem Wissen in Frieden lassen, müsste man sich stets darauf gefasst machen, erwischt zu werden. Diese Option besteht indes auch, würde man ihn liquidieren. Im schlimmsten Falle würde Paige dann nämlich selbst ihre Eltern auffliegen lassen. Es ist ein klassischer Catch-22, eine Zwickmühle, aus der es sich kaum befreien lässt. Da erscheint die Option, mit Tim zu reden, die er ja gegenüber Paige in der letzten Episode selbst vorgeschlagen hatte, doch gar nicht mehr so weit hergeholt.
Das Problem haftet an Philip und Elizabeth wie die Glanders-Kanüle, die ihnen einfach niemand abnehmen will - und das aus verständlichen Gründen. Ihr Kontaktmann Gabriel (Frank Langella) organisiert ihnen ein Treffen mit einem Piloten, der das gefärhrliche Paket außer Landes schmuggeln soll. Aber wie es in dieser Serie schon fast zu erwarten gewesen wäre, kommt es bei der Übergabe zu Schwierigkeiten, auf die Philip ziemlich unüberlegt reagiert. Der Pilot erregt durch seine Nervosität die Aufmerksamkeit eines Sicherheitsmitarbeiters des Flughafens, weshalb sich Philip gezwungen sieht, diesen an Ort und Stelle zu erdrosseln.
Die Szene ist nicht nur packend inszeniert, sondern enthält auch die mittlerweile zum Markenzeichen der Serie gewordene musikalische Untermalung mit einem 80er-Jahre-Hit. Dieses Mal wird uns „Tainted Love“ von Soft Cell für absehbare Zeit madig gemacht. Sollten wir uns in nicht allzu ferner Zukunft darüber unterhalten, was wohl der größte Beitrag von The Americans zum aktuellen „Goldenen Fernsehzeitalter“ war, dann dürfte die Vermischung von Pop und Gewalt ganz vorne rangieren.

So faszinierend diese morbide Kombination auch ist, so sehr muss sich Philip die Frage stellen lassen, ob er in diesem Moment nicht überreagiert. Der Sicherheitsbeamte könnte zweifellos zur Gefahr werden, jedoch hätte Philip auch abwarten können, bis der Pilot wirklich seine Fassung verliert. Die Szene erscheint auch deshalb in einem anderen Licht, weil Philip ja eigentlich gerade versucht, sich seiner Dämonen zu entledigen, vor allem des prominentesten von ihnen - das Kind, das ihn einst piesackte und das er im Alter von nur zehn Jahren mit einem Stein erschlug.
My world was too small for you
Hierzu besucht er die EST-Seminare, wie er seiner Ehefrau gegen Ende der Episode beichtet. Zu Beginn traut er sich noch nicht, solch eindeutige Worte zu finden. Als Elizabeth eine Antwort auf den Ärger von Nachbar Stan (Noah Emmerich) verlangt, erzählt ihr Philip von seinen Ausflügen mit dessen Ehefrau. Als Begründung liefert er jedoch nur äußerst vage Stammeleien: „Life, I guess. You know. Everything.“ Elizabeth reagiert jedoch anders als erwartet - statt ihn dafür herabzusetzen, bietet sie an, ihn dorthin zu begleiten.
Es ist der zwischenzeitliche Höhepunkt einer bemerkenswerten Entwicklung. Die ideologisch gestählte Elizabeth aus der ersten Staffel hätte ihren Ehemann über soviel Unvernunft wohl zu Kreuze kriechen lassen. Nun hat sie sich seinem Wunsch nach einem normalen Leben - wie auch immer das aussehen mag - zumindest ein bisschen angenähert. Sie würde zwar noch lange nicht ihre Sachen packen und mit der Familie einfach abhauen, wie er es hier sogar vorschlägt, jedoch ist auch für sie aus dieser Scheinehe längst eine richtige Beziehung geworden. So fällt es ihr auch leichter, die emotionalen Turbulenzen im Kopf ihres Ehemanns nachzuvollziehen.
Im fernen Russland - der Heimat, die Ehepaar Jennings an der Spionagefront verteidigt - liefert Nina (Annet Mahendru) indes den passenden Satz zur parallelen Charakterentwicklung von ihr und Elizabeth: „I'm not who I was.“ Sie wurde da gerade gefragt, warum sie eine Botschaft an den Sohn von Anton (Michael Aronov) abgesetzt und sich so wissentlich in Gefahr gebracht hat. Auch hier gilt: Die Nina von früher hätte niemals so gehandelt. Durch die freundschaftliche Beziehung zu Anton - einem Mann, der sie in keinerlei Weise auszunutzen gedenkt -, erkennt sie aber etwas, das für sie in diesem Moment wichtiger ist als der Schutz des eigenen Wohlergehens: Empathie und Nächstenliebe.

Das mag dick aufgetragen sein, kann aber für einen Menschen, dem in einem dikatorischen System wiederholt Ungerechtigkeiten widerfahren sind, die Rettung der eigenen geistigen Gesundheit bedeuten. Zur Überbringung der Botschaft hat sie am Ende der letzten Episode das Treffen mit ihrem Ehemann Boris (Gene Ravvin) verlangt, das ihr nun zugestanden wird. Daraus entsteht eine weitere zauberhafte Szene. Die beiden haben nach jahrelanger Abwesenheit immer noch viel füreinander übrig, wissen aber auch, dass sie nie wieder zueinander finden werden. Diese Tragik ist in ihren Augen und den vielen kleinen unbeholfenen Gesten zu erkennen, in die sie sich immer wieder flüchten, um die eigene Verlegenheit zu überdecken.
You did this to me
Eine Bekundung genuiner Zuneigung bekommt Elizabeth indes ausgerechnet von ihrer Tochter. Kurz zuvor hat sie von Gabriel erfahren, dass ihre Mutter nun gestorben ist - und diese ihr hat ausrichten lassen, dass sie sie liebt. Als Paige davon mitbekommt, überschreitet sie die unsichtbare Grenze zwischen ihnen - Regisseur Chris Long macht diese Grenze durch eine Hauswand überaus sehenswert sichtbar - und gibt ihrer Mutter eine lange Umarmung. Der Frieden währt jedoch nicht lange, denn Paige erzählt später von selbst, dass sie Pastor Tim in das Familiengeheimnis eingeweiht hat. Elizabeth und Philip wissen natürlich sofort, was das bedeutet: „We're in trouble.“
Was also tun? Eine Möglichkeit wäre, Tim in seiner Waldhütte zu ermorden und es dort wie einen Unfall aussehen zu lassen. Die aufgeweckte Paige würde wohl aber keine Minute brauchen, um die Verbindung herzustellen. Das Problem beschäftigt Elizabeth so sehr, dass sie nachts davon träumt. Teil dieses Traums ist Nikolai Timoshev (David Vadim), den sie und Philip in der Pilotepisode entführt hatten, und der - und das ist viel wichtiger - Elizabeth während ihrer Ausbildung vergewaltigt hatte. Für welche Lösung sich die beiden auch immer entscheiden - ich bin darauf unendlich gespannt.
Stan Beeman bewegt sich derweil in einer ähnlich grauen Wolke persönlicher und beruflicher Probleme. Er wird von seinem Vorgesetzten Gaad (Richard Thomas) weiterhin behandelt, als habe er Hochverrat begangen, und weil sein „boyfriend“ (O-Ton Elizabeth - sie kann auch witzig sein!) immer noch nicht mit ihm spricht, reaktiviert er seine Freundschaft zu dessen Sohn Henry (Keidrich Sellati), der seine Faszination für ältere Frauen nun von Sandra auf seine Lehrerin übertragen hat. Das Duo sorgt für die bitter nötige Portion comic relief und hat damit Erfolg auf ganzer Linie.
Für Oleg Burov (Costa Ronin) hat Stan indes nur niederschmetternde Neuigkeiten hinsichtlich Nina, was dessen Tag jedoch kaum schlechter macht, hat er doch zuvor schon die Nachricht vom Tod seines Bruders bekommen. Auch hier lässt sich eine schöne Parallele ziehen zwischen seinem Bruder, der aus dem Krieg hätte zurückkehren können und sich stattdessen entschied, weiterzukämpfen, und Nina, die so kurz vor ihrer Entlassung in die Freiheit einen schwerwiegenden Fehler begeht. Zu Beginn der vierten Staffel von The Americans scheint alles miteinander verbunden zu sein - welch hervorragende Ausgangslage!
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 24. März 2016The Americans 4x02 Trailer
(The Americans 4x02)
Schauspieler in der Episode The Americans 4x02
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