Supergirl 2x22

© ässt einfach nicht locker: Melissa Benoist als Kara aka Supergirl in „Supergirl“ / (c) The CW
Zweite Staffeln von Serien sind immer wieder eine schwierige Angelegenheit, insbesondere, wenn die erste Staffel zu gefallen weiß, die Erwartungen an das Format bei den Zuschauern dadurch automatisch steigen und Serienmacher sich nicht nur neue Geschichte ausdenken, sondern auch die bereits etablierte Qualität halten müssen. Superheldenserien sehen sich hier eventuell sogar noch einem größeren Risiko ausgesetzt, folgen Comicadaption doch oftmals der gleichen Formel, wodurch es gerne zu eher uninspirierten Wiederholungen von ganzen Handlungssträngen kommt, die mehr Langeweile als Begeisterung auslösen.
Die zweite Staffel von Supergirl war nicht nur dieser Herausforderung ausgesetzt, die TV-Produktion zog zusätzlich auch noch von CBS zum „Superhelden-Network" The CW um (und vom sonningen Kalifornien ins kanadische Vancouver), was Budgeteinkürzungen und Veränderungen im Produktionsverlauf, zum Beispiel bezüglich der Darstellerriege, nach sich zog. Nach dem Staffelfinale Nevertheless aus der letzten Woche kann man aber beruhigt eine positive Bilanz ziehen. Und der Senderwechsel hat dabei vielleicht sogar einen wünschenswerten Effekt gehabt.
Denn das Vertrauen, dass The CW in Greg Berlanti, Ali Adler und Andrew Kreisberg sowie deren Autorenteam gesetzt hat und welches bei CBS nicht mehr wirklich gegeben war, haben die Verantwortlichen mit einer insgesamt sehenswerten zweiten Staffel von „Supergirl“ zurückgezahlt, die manch einem Zuschauer eventuell mehr Freude bereiten konnte als die Arrowverse-Serienkollegen Arrow, The Flash oder Legends of Tomorrow. Ich selbst verfolge nach wie vor alle vier dieser Superheldenformate und komme am Ende der TV-Saison einfach nicht umher, ein paar Vergleiche zu ziehen und in meinem Kopf ein kleines Ranking zwischen den Superfreunden aufzustellen. Und siehe da: „Supergirl“ ordnet sich meiner Ansicht nach tatsächlich an der Spitze dieses Quartetts an.
Das hat zum einen wohl damit zu tun, dass die arrivierten „The Flash“ und „Arrow“ mit ihrer dritten respektive fünften Staffel nicht ihren besten Lauf hinter sich haben. Vor allem der schnellste Mann der Welt ließ mich zuletzt etwas enttäuscht zurück. Generell werden nach ein paar Jahren Superheldengeschichten, ob jetzt mit Pfeil und Bogen oder im scharlachroten Spandexanzug, diverse Abnutzungserscheinungen erkennbar. Den Herren der Schöpfung, die sich mehr und mehr finsteren Motiven verschrieben haben, fehlt derzeit schlichtweg die Frische sowie eine Portion Leichtigkeit, die derartig comiceske Heldenabenteuer gerne mit sich bringen dürfen.
Während die „Legends of Tomorrow“ in ihrer zweiten Staffel gefühlt komplette Narrenfreiheit hatten und dabei einen Weg gefunden haben, durchaus unterhaltsam, wenn auch extrem absurd sein, ist „Supergirl“ sich weitestgehend treu geblieben. Die Qualität der sehr ordentlichen ersten Staffel wurde gehalten und teilweise erhöht. Gleichzeitig darf man aber auch nicht unter den Tisch fallen lassen, dass sich zwischenzeitlich ein paar Probleme ergeben haben, denen man bis zum Ende der Staffel nur bedingt Herr werden konnte. Trotzdem gab es in der Gänze dieser zweiten Staffel weniger Ausreißer nach unten als noch zuvor und immer wieder starke Höhepunkte zu bewundern.

A hero's journey
Eine unbestrittene Stärke von Supergirl ist nach wie vor der grundsympathische Cast, der mit dem Abgang von Calista Flockhart (sie kehrt für die finale Phase noch einmal in ihrer Rolle als selbstbewusste Medienmogulin Cat Grant zurück) zwar einen herben Verlust hinnehmen musste, jedoch mitunter sehr gut erweitert wurde, so zum Beispiel um Floriana Lima, die die taffe Polizistin Maggie Sawyer spielt. Aber einen grundsympathischen Cast hat eigentlich jede The CW-Superheldenserie, was also erst einmal nicht wirklich besonders ist. Es hilft zweifelsohne, mit den Charakteren besser mitfühlen zu können, wenn die Chemie zwischen und Harmonie unter den Darstellern und Darstellerinnen so greif- und spürbar wie in „Supergirl“ ist. Doch dies ist mit Sicherheit kein Alleinstellungsmerkmal der Serie und speziell ihrer zweiten Staffel.
Was sich für mich im Laufe der zweiten Staffel von „Supergirl“ immer wieder herauskristallisiert hat, ist die Beständigkeit, mit der die Macher ihre Geschichten erzählen. Von der Auftaktepisode bis hin zum Finale gibt es einen Plan. Die verschiedenen Einzelgeschichten (klassisches Villain-of-the-Week-Material) sowie diversen Handlungsbögen der Staffel befinden sich meinem Gefühl als Zuschauer nach in einem sehr guten Einklang. Der Plot um die dubiose Organisation Project Cadmus und Alex' Vater (Ex-Superman Dean Cain) wurde zwischenzeitlich zwar etwas ruckartig vorerst wieder auf Eis gelegt, insgesamt sagte mir die Strukturierung der Staffel, in der man sich auch genug Zeit für politisch relevante Themen nahm und immer wieder spannenden Parallelen zur Realität zog, aber zu.
Allen voran die mehr als offensichtlichen Anspielungen auf aktuelle geopolitische Herausforderungen (so zum Beispiel die internationale Flüchtlingspolitik) hat „Supergirl“ mehr Tiefe gegeben und die Serie zum politisch relevantesten Format des „Arrowverse" gemacht. Die Abenteuer der Maid aus Stahl haben mitunter einen sehr globalen Charakter und sind weitaus größer als persönliche Einzelschicksale, in denen sich Helden mit ihren eigenen Dämonen und fiesen Bösewichten messen müssen. Von dieser Art der Erzählung gibt es genügend Beispiele, „Supergirl“ bietet mir jedoch etwas anderes an, eine direktere Verbindung und Wechselwirkung zwischen der Superheldin und der Welt, die sie beschützt und positiv beeinflussen will.
Dies bedeutet natürlich nicht, dass sich Supergirl (Melissa Benoist) nicht weiterhin ihrem fairen Anteil an persönlichen Fehden stellen muss. Oder aber auch zwischenmenschlichen Dramen, von denen es in der zweiten Staffel mehr als genug gibt. Eine große Veränderung für unsere Hauptfigur stellt die Beziehung zu Neuling Mon-El (Chris Wood) dar, die im Finale zu einem tragischen Ende kommt und in Kara erneut die Frage hervorruft, ob sie jemals ihr privates Glück abseits ihrer Superheldentätigkeit finden wird. Letzten Endes wächst sie durch die ihre besondere Verbindung zu Mon-El, so groß der Schmerz für den Moment auch ist, als er der Erde den Rücken kehren muss.
Aber - und passender und mehrdeutiger könnte der Episodentitel Nevertheless nicht sein - Kara wird auch diesen Rückschlag verkraften. Weil sie es kann, weil dies ihre und die besondere Stärke vieler Frauen ist. Die Fähigkeit, zu leiden und verletztbar zu sein, jedoch nicht aufzugeben und dranzubleiben. Egal, welche Hindernisse man ihr in den Weg stellt und wie viele Nackenschläge sie auch hinnehmen muss. Kara wird immer standhaft bleiben, das zeichnet sie aus, als Charakter und Vorbild. Eine Botschaft, die über die Serie hinausgeht und voll und ganz dem feministischen Geiste der TV-Produktion entspricht, die kräftig dazu beiträgt, die Männerdomäne Comicserien ordentlich durchzuschütteln.

Stronger together
Vielleicht ist dies auch ein wesentlicher Aspekt, warum mir Supergirl so gut gefällt. Die Zuschauer bekommen hier eine Perspektive aufgezeigt, die im TV-Genre Superheldenserie nach wie vor eher selten zu sehen ist: eine weibliche. Die Geschichten gestalten sich mindestens genau so spannend, wenn nicht sogar interessanter, als die faden Abenteuer des nächsten weißen, männlichen Helden auf der Suche nach Gerechtigkeit. „Supergirl“ lockert das Genre auf, aber nicht nur als einfaches Gimmick á la „Oh schau mal, eine Frau als Superheld, wie anders!", sondern als vollwertiger, selbstbestimmter Charakter und eine Heldenfigur, deren Entwicklung und Werdegang abwechslungsreich und spannend zu beobachten ist.
Bei all dem Lob muss ich aber auch eingestehen, dass die zweite Staffel von „Supergirl“ nicht vor einigen sehr klassischen Problemen gefeit ist. So kommen im Laufe der Staffel zahlreiche Charaktere der etatmäßigen Besetzung furchtbar kurz (Mehcad Brooks erwischt es als James Olson wohl am heftigsten, aber auch David Harewood bekommt gefühlt weniger zu tun, wobei seine Martian-Nebengeschichte durchaus gefällt), während wir doch sehr viel Zeit mit Figuren verbringen, die vielleicht gar nicht so viel Zeit benötigen, um etabliert zu werden. Chris Wood macht sich anfangs zum Beispiel als „fish out of water" Mon-El ziemlich gut, irgendwann kann einem die scheinbar nicht enden wollende Honeymoon-Phase zwischen ihm und Kara aber auch ganz schön auf den Geist gehen. Da könnte man für die Zukunft eventuell versuchen, etwas effektiver zu sein und den Cast in seiner Gänze wieder etwas besser zu nutzen.
Die große Gewinnerin der Staffel stellt für mich derweil Chyler Leigh dar, die als Alex nicht nur einen starken Handlungsbogen um ihre wachsende Verantwortung bei der DEO, ihrem Outing sowie ihre Beziehung zu Maggie zugeschustert bekommen hat. Sie profitiert gleichzeitig von der Abwesenheit Calista Flockharts, übernimmt Alex doch jetzt immer wieder eine beratende Funktion für Kara. Das Verhältnis der beiden Schwestern wird ohnehin vertieft und ist einer der zentralen Motoren für die Erzählung. Alex' Nebenplot um Maggie zeigt derweil, dass die Serienmacher ein sehr gutes Gespür für die Darstellung einer gleichgeschlechtlichen Beziehung haben und sehr sensibel und nachvollziehbar mit diesem Aspekt umgehen.
Dass Floriana Lima in der dritten Staffel weniger Auftritte haben soll, verwundert mich jedoch sehr, vor allem mit Blick auf das Finale, in dem Alex Maggie einen Heiratsantrag macht. Wer weiß, was es mit dieser Meldung auf sich hat, um die überzeugende Lima wäre es so oder so sehr schade. Während einige wahrscheinlich schon jetzt wild Theorien aufstellen, was das nächste Jahr von „Supergirl“ bringen wird (eventuell die relativ neue Comic-Schurkin Reign, wie das Ende von „Nevertheless, She Persisted“ suggeriert), muss ich noch ein paar anerkennende Worte für die technische Umsetzung und visuellen Effekte der Serie loswerden. Diese machen nämlich für Network-Verhältnisse einiges her, so zum Beispiel auch im Staffelfinale.
In diesem kommt es im Übrigen auch zu einem fantastischen Faustkampf zwischen Supergirl und ihrem Cousin Superman. Dieser ist stellvertretend für die zahlreichen coolen Actionsequenzen dieser Staffel (wenn Chyler Leigh aufdreht, geht man besser in Deckung), die nebenbei eine wunderbare Gastdarstellerriege versammeln konnte, darunter Brenda Strong, Teri Hatcher (Ex-Lois Lane), Lynda Carter (Ex-Wonder Woman) oder auch die starke Katie McGrath, deren Rolle als Lena Luthor in Zukunft noch sehr spannend werden könnte. Insgesamt hat es Supergirl geschafft, der „Konkurrenz" aus dem eigenen Haus mit sehr einfachen Mitteln den Schneid abzukaufen. Dabei baut man auf eine auf dem Papier doch recht simple Prämisse, holt jedoch aus dieser bisweilen das Maximum heraus. Die Mischung aus bekannter Superhelden-Formel und originellen, vergleichsweise mutigen Einfällen macht hier den Unterschied. So kann es gerne weitergehen.
„Wonder Woman"-Promo mit „Supergirl":
Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 30. Mai 2017Supergirl 2x22 Trailer
(Supergirl 2x22)
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