Star Trek: Picard 3x10

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The Last Generation
Der letzte Cliffhanger sitzt uns noch in den Knochen, zeigte uns Part Nine "Vox" doch, wie die gesamte Flotte assimiliert (oder getötet) wurde und zum Angriff auf die Erde überging. Lediglich die Stammbesetzung aus Star Trek: The Next Generation konnte fliehen und an Bord der Enterprise-D Zuflucht finden, die immun gegen das universelle Netzwerk ist, welches die anderen Schiffe zu einer Einheit verbindet. An Bord der Titan haben die Borg unter dem Kommando von Esmar (Jin Maley) die Kontrolle, während Seven of Nine (Jeri Ryan) und Raffi (Michelle Hurd) ums nackte Überleben kämpfen. Jack (Ed Speleers) befindet sich in den Fängen der Borg-Königin (Alice Krige spricht weiterhin, während Jane Edwina Seymour spielt), die er letzte Woche gewaltig unterschätzt hat. Soweit die Lage vor Beginn des Serienfinales.
In den ersten Szenen empfangen Jean-Luc Picard (Patrick Stewart), Will Riker (Jonathan Frakes), Data (Brent Spiner), Geordi La Forge (LeVar Burton), Worf (Michael Dorn), Beverly Crusher (Gates McFadden) und Deanna Troi (Marina Sirtis) eine Nachricht vom Präsidenten Anton Chekov (Walter Koenig spricht, während der Vorname den verstorbenen Chekov-Darsteller Anton Yelchin ehrt), der vor der Situation in Sektor 001 warnt, deren Ursache aber direkt auf ein Signal zurückgeführt wird, welches gestoppt werden muss, um die Assimilierung rückgängig zu machen. Somit lautet die Prämisse für unsere alten Recken, die Quelle des Signals zu finden und auszuschalten, die sich natürlich auf dem gigantischen Borgwürfel befindet und von wo Jack die Befehle im Auftrag der Königin an das neue Borg-Kollektiv gibt. Praktischerweise befindet sich der Würfel in der gasigen Atmosphäre Jupiters und lässt sogar die Schilde fallen als die Enterprise-D eintrifft. Picard, Riker und Worf beamen sich in die Gefahrenzone, während Data, Geordi, Beverly und Deanna zurückbleiben, um das Außenteam von Bord der Enterprise aus zu unterstützen.
Auf der Titan wendet sich das Blatt zu Raffis und Sevens Gunsten, die andere, nicht-borgifizierte Besatzungsmitglieder finden konnten und die assimilierten Crewmitglieder mit Hilfe von modifizierten Phasern in den Transporterraum beamen, um sie dort einzusperren. Ziel ist es hier, der Enterprise genug Zeit zu verschaffen und die Erde beziehungsweise das schützende Spacedock möglichst lange zu verteidigen, ohne dass die Titan dem Netzwerk zum Opfer fällt. Die Tarnvorrichtung soll dabei helfen, muss aber außer Betrieb genommen werden, wenn die Waffensysteme zum Einsatz kommen sollen.
Spannend, aber doch zu einfach?
Vorweg sei direkt angemerkt, dass mir das Serienfinale unterm Strich sehr gut gefallen hat und beinahe perfekt ist. Denn für mich war nicht absehbar, ob die „glorreichen Sieben“ allesamt überleben würden. Dafür gab es zu viele Abschiedsszenen und natürlich auch Situationen, die (fast) aussichtslos daherkamen, womit es Autor und Regisseur Terry Matalas einfach gehabt hätte, unsere alte Garde um eine oder mehrere Figuren zu dezimieren (was er glücklicherweise nicht macht). Entsprechend konnte ich gut mitfiebern, während Worf, Riker und Picard an Bord des Würfels unterwegs waren.
Aber schon bei Chekovs Worten schwante mir, dass Matalas die eigentliche Krise mit einer in meinen Augen viel zu einfachen Lösung wieder beheben würde. Und das ist auch genau der Knackpunkt, der an diesem ansonsten gelungenen Finale ein wenig kratzt. Klar, die jüngeren Mitglieder der Sternenflotte wurden durch die manipulierten Transporter zu organischen Empfängern des Borg-Signals, welches die Assimilierung auslöst. Aber dass das Signal dauerhaft aktiv sein muss, damit dieser Zustand beibehalten wird, klingt nun weniger nach einem gewitzten Angriff als vielmehr nach einer zum Scheitern verurteilten Praxis, sobald diverse „Funklöcher“ auftauchen. Da hätte ich mir doch eine kompliziertere Lösung gewünscht, die eine Rückkehr von Borg zu Mensch weniger, nun ja, einfach gestaltet - und sei es nur, dass Jack am Ende ein umgekehrtes Signal sendet, welches die Verwandlung rückgängig macht.

Davon ab, aber weit weniger schlimm, stört ebenfalls die Aussage, dass die gesamte Galaxie bedroht sein soll, während tatsächlich erstmal nur ein Planet im Fokus der Angreifer steht und die Föderation doch wesentlich weiter ausgebreitet ist und nicht nur deren Mitglieder die Galaxie bewohnen. Es hätte halt vollkommen gereicht, wenn „nur“ die Erde bedroht ist. Als weitere kleine Faktoren der Kritik würde ich das Fehlen von Laris (Orla Brady) sowie die ausbleibende Erklärung zu „The Face“, den Auftraggeber von Vadic (Amanda Plummer) und recht eindeutig die Borg-Königin, nennen.
Nach einmal drüber schlafen habe ich mich aber gefragt, wie stark mich die gerade genannten Faktoren wirklich stören und wie relevant sie für die (Staffel-)Handlung sind. Vernachlässigbar ist meine Antwort, denn selbst die vermeintlich „einfache Lösung“ lässt sich nur schwer erreichen, die Bedrohung der Erde könnte sich von dort schnell in der Galaxie ausbreiten, dass die Borg mit den Wechselbälgern zusammenarbeiten, wurde bereits etabliert und Laris ist mit Blick auf das wundervolle Ende verzichtbar. Schließlich hat sich die dritte und letzte Staffel von Star Trek: Picard als das finale große Abenteuer der Helden aus Star Trek: The Next Generation entpuppt, deren letztes gemeinsames Abenteuer vor mehr als zwanzig Jahren in „Star Trek: Nemesis“ (2002) erfolgte.
Enterprise-D
Aber zurück zur Handlung. Nachdem das Spacedock unter Beschuss geraten ist und die Botschaft von Chekov empfangen wurde, findet die Crew der Enterprise die Quelle des Signals. Picard, Riker und Worf verabschieden sich, um im Borgwürfel das Signal zu zerstören und natürlich, um Jack zu retten. Der „Dreier“ (Worf sorgt mitunter für die besten Lacher) muss sich aber erneut trennen, um beide Ziele zu erfüllen, während Geordi auf dem Captain's Chair platznimmt und zusammen mit Beverly, Data und Deanna die Stellung hält.
Was für die vier Zurückgebliebenen zunächst langweilig klingt, soll im Folgenverlauf ordentlich an Fahrt aufnehmen, wobei jede der vier Figuren berücksichtigt wird. Sei es Beverly am Waffenpult, die die überraschten Blicke der anderen nach der Feuersalve auf sich zieht, Data, der das Schiff schließlich in den Kubus steuert, damit der Sender vernichtet werden kann oder Deanna, die von Will erfährt, wo die vermeintlich Verlorenen zu finden sind. Jede Entscheidung wird gemeinsam getroffen, die Fähigkeiten der einzelnen Figuren werden genutzt und das Augenmerk liegt stets darauf, die Krise zu beenden. Das strapaziert natürlich jede Figur, vor allem dann, wenn (scheinbar) Opfer erbracht werden müssen. Der Austausch zwischen Geordi und Beverly ist da ein Highlight, aber auch Deanna kann sich nicht sicher sein, ob sie ihren Imzadi wiedersieht. Die ganzen Sorgen dieser Figuren schwappen hier auf den Zuschauer über und lassen das Drama sowie die Ungewissheit über einen positiven Ausgang wirken.

Bei den Borg
Während Picard nach Jack sucht, machen Riker und Worf den Sender ausfindig. Das Innere des Borgwürfels gleicht dabei einem Horrorszenario. Kannibalisierte Drohnen, die düstere Atmosphäre und eine Königin, deren Design von H.R. Giger stammen könnte, sorgen für Gänsehaut. Da wirkt ein borgifizierter Jack schon fast hübsch gegen und sieht wie ein Fremdkörper an Bord aus. Die Spätfolgen aus dem Serienfinale von Star Trek: Voyager sind hier sichtbar und lassen uns verstehen, wie es um die „realen“ Borg Jahre später bestellt ist. Da könnte man schon fast Mitleid bekommen.
Aber nur fast, denn unsere Protagonisten sind diejenigen, mit denen wir mitfiebern. Riker und Worf erwartet da eine Actionsequenz, wenn die letzten Drohnen plötzlich erwachen und sich gegen die Eindringlinge wenden. Schön ausgeführt und ein wenig aufgelockert, wenn Will feststellt, wie schwer Worfs Waffe ist oder dieser mit den Worten „swords are fun“ erklärt, weshalb er den versteckten Phaser nicht genutzt hat. Von den beiden kann ich einfach nicht genug bekommen, wobei es egal ist, ob ein humoristischer Austausch erfolgt oder Drama und Action dominieren oder alles zusammen. Natürlich lassen sie am Ende Picard und Jack nicht zurück, auch wenn das bedeuten mag, dass sie das Abenteuer nicht überleben.
Was Vater und Sohn betrifft, kann ich diese Szenen ebenfalls nur loben. Patrick Stewart lässt uns mit Jean-Luc mitfühlen, der verzweifelt versucht, zu Jack durchzudringen und sich schließlich ins Kollektiv einklinkt - wohl wissend, wie niedrig seine Aussicht auf Erfolg ist. Erneut schwappen die Emotionen auf den Zuschauer über, wenn er Jack nicht zurücklassen will und schließlich eine Umarmung doch noch bewirkt, dass er zu ihm durchdringen kann. Das Thema Familie findet hier für Jean-Luc einen stimmigen und wundervollen Abschluss, auch wenn wir längst noch nicht am Ende der Episode angekommen sind und über das Schicksal der Figuren bangen müssen.
An Bord der Titan
An Bord der Titan ließe sich eingangs ebenfalls monieren, dass es Seven und Raffi etwas einfach haben, um mit unerwarteter Verstärkung und einem findigen Trick die Kontrolle über das Schiff zurückzuerlangen. Aber „einfach“ ist das falsche Wort, wenn wir auf die anschließende Aufgabe blicken. Ein Schiff gegen die gesamte Sternenflotte? Das kann so oder so nicht auf Dauer gutgehen.
Terry Matalas weiß aber auch hier die Figuren und das Umfeld zu nutzen, wenn Seven die jetzt wild zusammengewürfelte Brückencrew motivieren muss oder die Tarnvorrichtung erneut zum Einsatz kommt. Mit hit and run wird die Aufmerksamkeit der angreifenden Schiffe auf die Titan gelenkt, um den anderen genug Zeit zu verschaffen. Aber diese Taktik soll nicht lange funktionieren, wenn das Spacedock schließlich doch zerstört wird und es den Gefangenen gelingt, den Transporterraum zu verlassen und die Tarnvorrichtung zu vernichten. Die Erde ist hier am Ende ebenso wehrlos wie die Titan, womit noch einmal ordentlich an der Spannungsschraube gedreht wird, ehe wir endlich aufatmen können.

Trotz aller Skepsis über die weiter oben angesprochene „einfache Lösung“ macht sich da Erleichterung breit, wenn Sidney (Ashlei Sharpe Chestnut) von Seven in die Arme geschlossen wird und die letzten zwanzig Minuten der Episode anlaufen, in denen uns zahlreiche Happy Endings, Abschiedsszenen und sogar Ausblicke erwarten.
Das Ende
Wie schließt man das Finale ab, wenn der Feind besiegt ist, die Erde gerettet wurde und die Figuren wider allen Umständen überlebt haben? Diese Frage findet gleich mehrere Antworten, von denen sich jede sehenlassen kann. Und dabei bin ich eigentlich kein Freund von ausgedehnten Enden, sondern tendiere eher zu Worfs Reaktion, nachdem das Abenteuer bestanden ist. Aber nicht hier, denn nachdem die Umarmungen stattgefunden haben, Geordi seine Töchter wiedergesehen und Wills Monolog das glückliche Ende zu einem neuen Anfang deklariert hat, erwarten uns viele Ausblicke auf die Zukunft unserer Figuren.
Admiral Crusher, womit die Wechselbälger noch einmal kurz adressiert werden, Seven und Tuvok (Tim Russ) mit einem letzten Gastauftritt von Shaw (Todd Stashwick), Worf und Raffi, die dank ihm endlich wieder Kontakt zu ihrer Familie erhält und die Sitzung mit Data und Deanna sind da bloß der Auftakt, ehe wir ein Jahr später sehen, wie Jean-Luc, Geordi und Will Abschied von der Enterprise-D nehmen, die ihren Platz im Flottenmuseum erhält. Aber der Höhepunkt ist natürlich der gemeinsame Besuch in „Zehn Vorne“, der mit einem Pokerspiel und passender musikalischer Unterlegung endet. Perfekt.
Aber halt, das ist noch nicht alles. Denn nachdem wir einen Ausblick auf Captain Seven of Nine und ihre Crew an Bord der Titan, äh, Enterprise-G erhalten haben, wird uns noch ein neues Abenteuer angeteasert. Ein breites Grinsen hatte ich da im Gesicht, als Q (John de Lancie) Jack einen Besuch abstattet. Ob uns bald eine neue Serie erwartet? Abwarten. Ich hätte jedenfalls durchaus Lust darauf und würde mir die Abenteuer von Captain Seven, „Number One“ Raffi, Fähnrich Jack, Lt. Sidney und den anderen anschauen.
Fazit
Das Serienfinale von Star Trek: Picard lässt kaum Wünsche offen, liefert einen spannenden, emotionalen und vor allem gelungenen Abschluss zu den alten Figuren, der Staffel und der Serie selbst und deutet sogar den weiteren Weg für die jüngeren Figuren an, der hoffentlich verfolgt wird. Kritik und Verbesserungsvorschläge gibt es sicher, und wer sich daran festklammern möchte, kann das gerne machen - allerdings ohne mich. Von mir gibt es fünf von fünf Sternen. Und von Euch?
Hier noch einmal der Trailer zur Staffel
Verfasser: Christian Schäfer am Samstag, 22. April 2023(Star Trek: Picard 3x10)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Picard 3x10
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