Sons of Anarchy 7x12

Hier lebt mehr als ein Gespenst, sagt Wendy (Drea De Matteo) zu Beginn der Episode Red Rose über das Haus, in dem Tara (Maggie Siff) gestorben ist und sie selbst eine Überdosis hatte. Mit dieser Einschätzung könnte sie richtiger liegen, als sie denkt, denn Jax (Charlie Hunnam) erweckt den Eindruck, auf einem Selbstmordtrip unterwegs zu sein. Und auch andere Figuren haben sich mit ihrem Schicksal eines nahenden Todes bereits abgefunden. In der letzten Episode vor dem Finale lässt Kurt Sutter gleich drei bedeutende Charaktere ihr Ende finden. In zwei Fällen fühlt es sich mehr wie eine Erlösung an, richtig weh tut jedoch der dritte.
Der einsame Wolf
Juice (Theo Rossi) ist alleine, und das bereits für eine ganz schön lange Zeit. Er ist einst als der begrenzt intelligente, aber überaus amüsante Nachwuchs-Son mit einem Händchen für Technik in die Serie gestartet. Diese Tage sind lange vorbei. Juice ist schon seit einigen Staffeln derjenige, mit den meisten Einzelabenteuern. Viele haben am Niedergang dieses Mannes mitgearbeitet. Roosevelt (Rockmond Dunbar) hat ihn mit der Erpressung von der Gruppe entfernt. Im Nachhinein kann man mutmaßen, dass das die Wurzel allen Übels war. Denn niemand ist emotional so sehr auf den Zusammenhalt der Gang angewiesen wie Juice. Chibs (Tommy Flanagan) hat ihn zurückgeholt und ihm die Angst genommen, für seinen Vater von den Sons verstoßen zu werden. Es war ein herzzerreißender Moment, als Juice nach der Vorhölle inklusive Selbstmordversuch wieder in die Arme seiner Brüder zurückkehren konnte.
Doch es hat nicht gehalten. Juice war bereits zu ausgegrenzt. Und wie sich immer wieder zeigte, war er den Machtspielchen der anderen mit seiner fast kindlichen Sehnsucht nach Zuneigung oft nicht gewachsen. Er hat sich von Clay (Ron Perlman) umgarnen lassen, denn nachdem die Gang auseinandergebrochen ist, wusste er selbst nicht mehr, wo er eigentlich hingehörte. Schließlich hat er sich für Jax entschieden, der auf der Gewinnerseite stand. Doch der hat ihm die vielleicht größte Wunde zugefügt, indem er ihn auf eine wehrlose Frau angesetzt hat. Manchmal konnte man es richtig sehen, wie Juice' Seele immer tiefere Risse bekam. Der Club war alles für ihn und er hat dem Club alles gegeben. Am Ende hat er ihm in der Episode Red Rose nun auch sein Leben geopfert.
Er hätte Tully (Marilyn Manson) umbringen und abwarten können, wie die Situation sich für ihn weiterentwickelt. Er war schon in der Freiheit und mit seinem Club hinter sich nicht gut in den Machtspielchen. Er hatte erst recht keine Kraft, das auf eigene Faust im Knast zu machen. Dazu hätte er seine einzige Hoffnung, zurück in den Club zu finden, gehen lassen müssen. Nun hat er sich für einen fast schon liebeskranken Weg entschieden. Jax und die Jungs haben ihn verlassen. Die Chance, die Jax ihm eingeräumt hat, hat er genutzt, nur um am Ende festzustellen, dass der Präsident mit seinem Tod gerechnet hatte.
Seine große Liebe wollte ihn also nicht zurücknehmen, doch Juice wollte trotzdem nur das Beste für sie. Er kannte keinen anderen Weg, er hat gegeben, was er konnte, und als seine Karten ausgespielt waren, hatte er nur noch sein Leben, das er geben konnte. Die letzte Zeit im Gefängnis war grausam für ihn, doch körperlich und psychisch hat er schon seit einigen Staffeln keine Atempause mehr bekommen. Die Entscheidung, zu sterben, schien ihn fast erleichtert zu haben. Es war der letzte Ausweg aus seiner persönlichen Hölle.
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Die Szene, in der er darum bittet, seinen Kuchen aufessen zu können, ist schmerzhaft, ihm dabei zuzusehen, kann einem das Herz brechen. Doch es ist das Resultat des Codes, nach dem er, die Jungs und auch Tully leben. Es ist kein Mord aus Hass oder Rache, es ist die logische Konsequenz der Ereignisse nach den Regeln dieser Welt. Und Tully erweist Juice eine letzte Ehre damit, dass er ihm seine Henkersmahlzeit lässt.
Mutter und Sohn
Ähnliches lässt sich über die Ereignisse zwischen Gemma (Katey Sagal) und Jax sagen. Gemma selbst nutzt ihre letzten Momente, um ihren Sohn darauf hinzuweisen, dass es die Regeln sind, nach denen sie beide leben.
Gemma auf ihrem letzten Weg zu begleiten, ist berührender als man erwarten konnte. Niemand versucht, ihre Taten zu beschönigen oder ein Gegengewicht zu schaffen. Gemma bleibt sich treu, im Gespräch mit dem Trucker Milo (Michael Chiklis, The Shield, American Horror Story), mit der Krankenschwester (Charisma Carpenter, Buffy the Vampire Slayer, Angel, The Lying Game) in der Klinik, mit ihrem Vater (Hal Holbrook, The Event).
Sie hatte keine furchtbare Kindheit, auf die sie den Mord an Tara schieben kann. Es ist immer wieder erschreckend zu sehen, wie normal Gemma eigentlich aufgewachsen ist. Die letzte Erinnerung, die sie mit ihrem dementen Vater teilt, ist die an ihre Liebe zu den Blumen als sie klein war. Gemma hat viel Liebe in sich getragen, doch sie hat sie immer auf eine Art ausgelebt, die für die Ziele ihrer Liebe oft nicht einfach zu ertragen war. Sie hat alles aus Liebe zu ihrem Sohn getan, doch das führt schließlich lediglich zu ihrem Tod. Gemma hatte es immer einfacher, die Dinge zu lieben, mit denen es leichter ist. Sie hat ihre Vögel geliebt, und nun erfahren wir, dass sie in ihrer Kindheit ein ähnliches Verhältnis zu den Blumen hatte. Tiere und Blumen kann man nicht mit Liebe erdrücken wie Kinder, sie haben klare Bedürfnisse und wenden sich nicht von einem ab.
Vielleicht gerade weil Lieben für Gemma nicht einfach war, haben so viele sie dennoch innig geliebt. In der Episode Red Rose zeigt sich das deutlich wie schon lange nicht mehr. Nero (Jimmy Smits) leidet sichtlich unter den jüngsten Offenbarungen. Sein Gesicht, das seine Nervosität widerspiegelt, als er erfährt, dass Jax Gemmas Versteck kennt, ist wieder einmal grandios. Auch wenn er behauptet, dass er Jax' Seele retten will, Unser (Dayton Callie) kann er nichts vormachen. Das liegt auch daran, dass Unser Gemma vielleicht noch mehr liebt als Nero. Zu guter Letzt reiht sich Chuckie (Michael Ornstein) in die Liste ihrer Verehrer ein. Sie sind Männer, die selbst ein Stück weit auf die eine oder andere Art gebrochen sind, die hinter Gemmas harter Schale die unermesslich große, oft fehlgeleitete Liebe erkennen und sich daran festhalten wollen.
Vergebung ist jedoch kein Teil dieser Liebe und war es auch nie. Wer sich gegen Gemmas Pläne oder ihre Liebsten stellte, der musste schon immer blutig dafür büßen. Diesen Teil ihres Charakters hat sie ihrem Sohn mitgegeben. Vergebung ist nicht Teil des Planes - und so drückt Jax ab. Die Szene ist schwierig. Auf der einen Seite ist sie gewohnt emotional und metapherngeschwängert, auf der anderen Seite hat Kurt Sutter durch die langsame Entwicklung der Story so hohe Erwartungen an die Konfrontation geschürt, dass diese kaum mehr zu erfüllen waren.
Letztendlich wird die Episode Red Rose dadurch gerettet, dass das Aufeinandertreffen von Mutter und Sohn nicht das einzige Herzstück der Geschichte ist. Stärker als der Mord an sich ist das Drumherum. Zum Beispiel die Tatsache, dass Wendy Gemma aus Versehen ans Messer liefert, was ein passendes Ende für eine Story ist, die so voller Fehlkommunikation war, dass man manchmal vor der Mattscheibe ausrasten wollte. Jax hätte mit einem Anruf bei seiner Mutter den Mord an seiner Frau verhindern können. Viele Probleme in der Geschichte der Sons sind nur entstanden, weil die Figuren sich untereinander nichts erzählen.
Der furchtbare Mord
Juice und Gemma haben furchtbare Dinge getan, sie haben sie vertuscht und dabei viel Leid verursacht. Letztendlich haben sie dafür so viel gelitten, dass der Tod für die beiden eine Art Erlösung ist. Sie büßen für ihre Verbrechen und blicken ihrem Schicksal endlich ins Auge. Beiden ist ein letzter Wunsch gewährt: Juice bekommt seinen Nachtisch, und Gemma darf zwischen ihren geliebten Blumen den letzten Atemzug tun. Sie sind ruhig im Moment des Todes, sie wissen, dass es keinen anderen Ausweg gibt. Und wir wissen, was dazu geführt hat, dass sie jetzt sterben müssen.
Bei Gemma liegt der Fall recht klar auf der Hand. Zusätzlich zu allem anderen Übel, das sie über die Staffeln verursacht hat, hat sie ihre eigene Schwiegertochter umgebracht. Sie hat alles zum eigenen Vorteil getan. Bei Juice ist das schon schwieriger. Er ist ein Mörder, ganz klar. Doch er ist auch eine verwirrte Seele, er hat es alles getan, weil er den Club geliebt hat. Doch schlussendlich hat auch er zum eigenen Vorteil gemordet, den Vorteil, bei seinen Brüdern sein zu können. Sie tragen nun also die Konsequenzen ihres Handelns.
Anders liegt der Fall bei Unser. Er ist sicher kein Saubermann, aber er hat vergleichsweise wenig Schuld auf sich geladen. Über lange Strecken der Serie schien er neben Tara der letzte Mensch zu sein, der noch ein Gewissen hat. Ist es die Moral, die ihn schließlich umbringt, oder seine Liebe zu Gemma? Jax warnt ihn, und Unser erkennt selbst, dass es eigentlich nichts mehr zu beschützen gibt. Die Sache ist klar, als Jax den Fuß in die Tür setzt. Unser kann trotzdem nicht gehen, weil er Gemma einfach zu sehr liebt. Trotz allem kann er nicht damit leben, sie aufzugeben.
Unser ist in jeder Hinsicht eine tragische Figur. Er hat nie das bekommen, was er verdient hatte. Nero hat sich von Gemma abgewendet, als er die Wahrheit erfahren hat. Nero hat Gemma auf eine intensive, aber gesunde Art geliebt. Unser war es, der Gemmas kranke, überwältigende, fehlgeleitete Liebe geteilt hat. Er opfert sein Leben für sie, auch wenn er sich einfach ausrechnen kann, dass er ihren Tod nicht verhindern kann. Nicht Nero, sondern er hätte sie haben sollen, doch er hat sie nie bekommen. Unser hätte Besseres verdient gehabt. Doch die Welt, besonders die von SAMCRO, ist nicht fair. Immerhin eines hat er bekommen: die Wahrheit über Taras Tod.
Das andere Opfer
Auch jemand anders scheint auf dem Märtyrerweg unterwegs zu sein. Das kryptische Gespräch zwischen Jax und den anderen Präsidenten lässt für Jax' Zukunft nichts Gutes vermuten. Nicht nur sein Spruch, wie leid es ihm tut, seiner Aufgabe nicht gerecht geworden zu sein, klingt herzzerreißend. Er ist in der gesamten Episode Red Rose seltsam unbeteiligt und gleichzeitig schwer verwundet unterwegs. Es wird alles gut, das verspricht er Chibs, wohl zum letzten Mal. Oft wenn Jax seinen Lieben in einer aussichtslosen Situation gesagt hat, dass alles gut wird, war sein geheimer Plan, sich selbst zu opfern für das Glück der anderen.
Im Moment wirkt es so, als ob Jax sogar ein bisschen erleichtert ist über die furchtbare Offenbarung. Er tut, was noch getan werden muss, er rächt den Mord an Tara. Er bringt einen seiner ältesten Weggefährten um und zuckt dabei nicht mit der Wimper. Da liegt ein Schluss nahe: Er kann das, weil er selbst nicht mehr lange genug leben wird, um von Schuld erdrückt zu werden. Auch seine Nacht mit Wendy wirkt weniger wie das Revival einer großen Liebe, sondern mehr wie ein Abschiedsgeschenk.
Fazit
Die Episode Red Rose bringt den Tod gleich dreier wichtiger Figuren. In zwei Fällen ist es die Konsequenz für ihre Beteiligung an dem Mord an Tara und Roosevelt. Unser gibt sein Leben für die Liebe, vielleicht zu Gemma, vielleicht zur Moral und Aufrichtigkeit, vielleicht ist es sogar seine Liebe zu Jax, die ihn nicht aus dem Weg gehen lässt. In jedem Fall geht Unser als tragischer und stiller Held.
Auch wenn die Episode „Red Rose“ wieder einmal nicht wenig Überlänge hat, sind es doch ganz schön viele große Ereignisse auf engem Raum. Interessant daran ist, dass die Sons of Anarchy-Macher uns nicht mit melancholischen Liedern und langen Montagen die Tränen in die Augen treiben, sondern die Morde für sich sprechen lassen. Unsers Tod ist furchtbar und emotional, doch dieses Gefühl entsteht aus der guten Vorarbeit - in dieser Episode und seit Beginn der Serie - und nicht aus simplen Manipulationen. Was bei Bobby nur bedingt funktioniert hat - der unkommentierte und nicht musikalisch hinterlegte Tod -, trifft dieses Mal genau ins Schwarze.
Promo zum Serienfinale von „Sons of Anarchy“ (7x13):
Verfasser: Serienjunkies.de am Mittwoch, 3. Dezember 2014Sons of Anarchy 7x12 Trailer
(Sons of Anarchy 7x12)
Schauspieler in der Episode Sons of Anarchy 7x12
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