Sons of Anarchy 6x01

Sons of Anarchy 6x01

Mit der Episode Straw kehrt die Serie Sons of Anarchy für eine sechste - und wahrscheinlich vorletzte - Staffel auf den Bildschirm zurück und bringt alles mit, was die Fans so lange vermisst haben.

Die große Gewinnerin des Staffelauftakts: Gemma (Katey Sagal) in der Serie „Sons of Anarchy“ / (c) FX
Die große Gewinnerin des Staffelauftakts: Gemma (Katey Sagal) in der Serie „Sons of Anarchy“ / (c) FX

Die Sons of Anarchy sind endlich zurück. Und als wäre das allein nicht schon genug Anlass zu Freude, darf vermeldet werden, dass sie ihren Einstand mit einer gelungenen Mischung aus drohenden Gefahren, Emotionen, Brutalität, Augenzwinkern und einer echten Überraschung geben. Business as usual in Charming halt.

Willkommen zurück

Die fünfte Staffel hat sich mit einem großen Knall verabschiedet und viele Fragen hinterlassen. Als wir die Figuren zum Staffelauftakt Straw wiedertreffen ist ungefähr eine Woche vergangen.

Begrüßt werden wir von einem altbekannten Bild: Jax (Charlie Hunnam) schreibt sein Tagebuch, richtet seine Worte an seine Söhne, für die er sich ein besseres Leben erhofft. Tara (Maggie Siff) und Clay (Ron Perlman) sind in Haft, Gemma (Katey Sagal) kümmert sich um ihre Enkel und ihre Beziehung mit Nero (Jimmy Smits). Jax führt mit Chibs (Tommy Flanagan) als seinem Stellvertreter die Sons an und arbeitet eng mit Nero und dessen Gang zusammen, Bobby (Mark Boone Junior) hat sich zurückgezogen, Juice (Theo Rossi) trägt sich mit Gewissensbissen und Tig (Kim Coates) ist zurück zu seinem alten, wahnsinnigen Selbst.

Ein bisschen Tellersches Familienleben mit Mama im Knast, eine Gefängnisvergewaltigung und ein psychopathischer Gegenspieler - nach fünf Minuten sind wir wieder direkt im Wahnsinn von Charming angekommen.

Und da geschieht in einer Stunde wieder einmal so viel, dass man kaum weiß, wo man beginnen soll. Werfen wir zuerst einen Blick auf die große Gewinnerin. So traumatisch die letzte Staffel für sie war, so viel hat sie im Endeffekt dadurch gewonnen. Mit Tara im Knast hat Gemma die Gelegenheit, sich in Jax' Haushalt breitzumachen, kann so viel Zeit mit ihren Enkelkindern verbringen, wie sie will, und jede freie Minute mit Nero verbringen, der sich aus Gemmas Sicht als wahrer Traumtyp entpuppt hat und bisher nicht entzaubert wurde. Der Verflossene sitzt hinter Gittern und ihre Stellung als First Lady im Club ist so gut wie unanfechtbar. Besser hätte es kaum laufen können für Gemma. Nicht einmal ein kleines schlechtes Gewissen muss sie unterdrücken. Denn mittlerweile wissen wir, dass sie Tara nicht verraten hat. Und dann bekommt sie auch die Szene, die die Eingewöhnung mit einem Schlag beendet: Ima (Kristen Renton) bringt zwar die verletzte Lyla (Winter Ave Zoli) zu den Sons, doch mehr als die Karikatur einer männergeilen, hinterhältigen Tussi ist Ima nie gewesen. Daher darf es als Running Gag gelten, dass sie nur wenige Minuten nach dem Vorspann eine blutige Nase von Gemma verpasst bekommt. Auf dieselbe Art, auf die Jax ihr einst seine Meinung zu ihrer Affäre mit Opie (Ryan Hurst) gesagt hat. Natürlich ist es nie spaßig, wenn jemand seinen Kopf auf die Tischkante geknallt bekommt, aber wir sind hier in Charming, einer Welt, in der es mehrere Arten von Gewalt gibt. Die häufigste davon hat einen übertrieben unrealistischen, schon fast cartoonhaften Beigeschmack und bekommt dadurch eine amüsante Note. In diese Kategorie fällt auch Gemmas kurze Rache an Ima, mit der die Orientierungsphase beendet wird. Gemma läutet damit das erste Problem der neuen Staffel ein: einen Folterpornoproduzenten.

Neues Geschäftsmodell

Mit fast jeder Staffel Sons of Anarchy haben wir neue Gegner und neue Partner des Clubs kennengelernt. Besonders diese Staffel fühlt sich nach einem Neuanfang an.

Auf Seiten der Zusammenarbeit stehen der korrupte Cop Charles Barosky (Peter Weller, Dexter, 24, hat bereits bei mehreren Sons of Anarchy-Episoden Regie geführt) und Colette Jane (Kim Dickens, Deadwood, Treme), die eine Escortagentur aufbauen will.

Lee Toric (Donal Logue) bleibt seinem Rachefeldzug treu, doch anders als in der letzten Staffel gibt er sich nicht mehr damit zufrieden, wie eine latente Bedrohung über den Köpfen der Sons zu hängen. In der Episode Straw entfesselt er die Gewalt und zeigt uns seinen Wahnsinn.

Der Folterpornoring ist für die Auftaktepisode eine gute Wahl. Er gibt dem Club und besonders Jax die Gelegenheit, zu beweisen, dass er das Herz nach wie vor auf dem rechten Fleck hat, dass er die Ehre immer noch hoch hält. Wozu auch gehört, dass man sich nicht an Hilflosen und Unschuldigen vergreift, besonders wenn es sich dabei um Frauen handelt. Wir sehen zwar, dass er viele Skrupel verloren hat. Aber bei einer Vergewaltigung sieht er nach wie vor rot. Und das nicht nur, weil es sich bei dem ersten Opfer um Lyla handelt. Doch dieser Umstand gibt eine emotionale Szene, in der die Witwe noch einmal um Opie weinen und der Zuschauer mitleiden darf.

Dass der erste Konflikt die Sons direkt mit einem Folterpornoring konfrontiert, legt die Latte für diese Staffel hoch an.

Über den neuen Mitspieler Charles wissen wir nach der ersten Episode noch nicht viel. Ein deutlicheres Bild gibt da schon die zukünftige Geschäftspartnerin Colette ab, die keinen Tag braucht, um Jax ins Bett zu bekommen. Dass Tara ihn im Knast nicht sehen will, also seit einigen Tagen, ist eine sehr lahme Begründung dafür, dass Jax sich mit einer anderen einlässt. Doch Colette ist eine andere Hausnummer als Ima damals. Nicht nur potentielle Eifersuchtsdramen ziehen am Horizont auf, auch die Tatsache, dass Jax Berufliches und Privates vermischt, könnte zu großen Problemen führen.

Lee Toric (Donal Logue): Drogenabhängiger; Rächer und ein würdiger Feind für den Club © FX
Lee Toric (Donal Logue): Drogenabhängiger; Rächer und ein würdiger Feind für den Club © FX

Neue Generation von Gegner

Wesentlich interessanter ist bereits der große Gegenspieler Lee Toric, den wir ja auch schon länger kennen. In der letzten Staffel hat er sich als Rächer seiner Schwester in Stellung gebracht. Nun zeigt er seinen Wahnsinn und seine Drogensucht. Er ist kein Agent, der die Sons festsetzen will, kein Rivale, der die Macht über irgendwelche Geschäfte oder Gebiete erringen will. Er hat Freunde an den richtigen Stellen und sein einziges Ziel ist Rache.

Damit hat er den ehemaligen Gegenspielern bereits etwas voraus. Auch wenn bisher Otto und Tara die einzigen sind, die bisher unter ihm leiden, ist er als Gegner bereits vielversprechend.

Die großen Konflikte der Vergangenheit sind bisher Randnotizen. Die amüsanteste darunter ist der neue Umgang mit dem ewigen Streit zwischen Mutter und Sohn. Jax konfrontiert Gemma damit, dass er wieder einmal glaubt, sie habe in seine Beziehung mit Tara herumgepfuscht. Doch dann wird das Gespräch schnell durch Lylas Ankunft unterbrochen, als wenn die Serienautoren selbst langsam genervt von dem endlosen, immer gleichen Streit sind, bei dem stets dieselben Argumente und Anschuldigungen aufs Tablett gebracht werden.

Auch Clay hält sich noch zurück. Wird er zum Verräter? Lässt er sich auf eine gemeinsame Sache mit Lee Toric ein? Clay werde alles tun, um am Leben zu bleiben, sagt Jax. Und in der Episode Straw wird suggeriert, dass Clay den Club durchaus verraten würde, um seine eigene Haut im Knast zu retten.

Anders Tara, die sich von Lee Toric nicht ins Bockshorn jagen lässt. Tara, die Ärztin, ist durch eine harte Schule gegangen. Schon die letzte Staffel hat klargemacht, dass sie ihrer Schwiegermutter erschreckend ähnlich geworden ist. Sie hat gelernt, sich durchzubeißen. Und während Gemma sich zurücklehnen und die Krallen einfahren kann, muss Tara sich im Knast durchsetzen. Das macht sie mit Gemma-Methoden. Dass sie lange im Gefängnis bleiben wird, ist unwahrscheinlich. Aber als welche Art von Person sie es verlassen wird, ist eine andere Frage.

Gewalt

Immerhin einer bekommt in der Episode Straw seine Absolution. Vize Chibs fasst die letzten Staffeln aus Juice Sicht noch einmal zusammen: Er hat einiges durchgemacht, vom Club gestohlen, sich von der Polizei erpressen lassen, einen Mitbruder getötet und einen Selbstmordversuch unternommen. Chibs ist es, der ihm endlich einen Neuanfang ermöglicht, indem er ihm seine Strafe erteilt. Er prügelt die Schuld geradezu aus Juice heraus. Das führt zu einer seltsamen Szene, in der die Gewalt, die er Juice zufügt, sich wie Liebe anfühlt. Er gibt ihm, was Juice braucht, eine Strafe, die ihm einen Neuanfang ermöglicht.

Charming ist ein brutaler Ort, an dem Gewalt in unterschiedlichen Nuancen angewendet wird. Juice und Chibs sind ein gutes Beispiel dafür. Eine andere Facette der Gewalt ist die oben bereits beschriebene cartoonhafte, übertriebene Brutalität. Darunter fällt zum Beispiel vieles, was mit Tig zu tun hat. Auch in dieser Episode tötet er einen Mann auf eine absurde Art, durch Ertränken in einer Wanne Urin. Diese Art von Gewalt fällt aus jedem realistischen Raster und gehört zu dieser Fantasiewelt, in der Charming liegt. Sie schockiert und amüsiert gleichzeitig. Diese Art der Brutalität festigt den Ruf der Biker als saucoole Bad Asses.

Schockierender ist es jedoch, wenn die Sons of Anarchy-Macher Gewalt nutzen, die näher an der Realität ist. Die Vergewaltigung von Gemma war so eine Gelegenheit, auch der Tod von Opie gehörte sicher dazu. Doch in der Episode Straw gehen die Autoren um Kurt Sutter einen ganz neuen Weg. Mit dem Schulmassaker greifen sie ein aktuelles Thema auf. Bisher hat sich das meiste innerhalb oder zumindest in Zusammenhang mit der kriminellen Bikerszene abgespielt, die dem größten Teil der Zuschauer wohl fremd sein wird. Doch das Schulattentat ist Teil einer Realität, die sich nicht nur in gewalttätigen Subkulturen ereignet.

Ist es ein cleverer Schachzug, ein echtes Problem von heikler Natur in eine Serie zu bringen, die davon lebt, dass wilde Schießereien und Verfolgungsjagden an der Tagesordnung sind? Den Machern ist das Problem bewusst. Das Massaker wird nicht gezeigt, obwohl die Kamera sonst immer draufgehalten wird, egal wie grausam das Geschehen ist.

Ob die Themenwahl gelungen ist, kommt darauf an, wie sie weiterhin damit umgehen. Denn eines ist klar: Es hat einen tieferen Sinn. Der ernste Junge, der mit Schuluniform und Waffe auf seine Mitschüler losgeht, hat eine Verbindung zu Arcadio (Dave Navarro, ehemaliger Gitarrist der Red Hot Chili Peppers), einem Mitglied von Neros Gang. Er lebt in einer giftigen Umgebung, in der Gewalt eine akzeptable Lösungsstrategie ist. Und in der Waffenhandel eine legitime Einkunftsmöglichkeit ist. Jax hat lange dafür gekämpft, die Sons aus dem Waffenhandel zu holen, er wollte sie zurück auf den rechten Weg führen. Doch die Erlebnisse mit Pope und anderen Gegenspielern haben schwierige Entscheidungen von ihm gefordert. In der letzten Staffel ist die moralische Frage dann aus seinem Blickfeld geraten. Opies Tod hat ihn zu einem härteren Anführer werden lassen, der auch ohne Not zu brutalen Methoden greift.

Zwischen den Tragödien innerhalb der kriminellen Szene ist eine Facette der Serie untergegangen: die Verantwortung, die der Club einst für Charming übernommen hat. Zu Beginn der Serie war das Personal in der Stadt überschaubar. Zum Polizeichef, auch ins Bürgermeisterbüro hatten die Sons Verbindungen. Der Kampf gegen Pope war ein Kampf innerhalb der Szene, an den lokalen Autoritäten vorbei haben sich Biker, Drogenmogule und FBI sich eine Schlacht geliefert.

Nun hat eine Waffe aus dem Kreis der Sons of Anarchy ihren Weg in Kinderhände gefunden und eine Tragödie angerichtet. Das wird wohl nicht nur Jax zu denken geben. Auch die Bewohner und ihr Verhältnis zu dem hiesigen Motorradclub sollte unter die Lupe genommen werden. Der Waffenhandel vor der eigenen Haustür. Man kann nur hoffen, dass die Macher sich auf diese Seite der Geschichte einlassen.

Wie der Werkstattklatsch und Tratsch bei Teller Morrow sich wohl anhört? Ratboy (Niko Nicotera) und Juice (Theo Rossi) © FX
Wie der Werkstattklatsch und Tratsch bei Teller Morrow sich wohl anhört? Ratboy (Niko Nicotera) und Juice (Theo Rossi) © FX

Fazit

Die Episode Straw beginnt als Business as usual. Einige sind im Knast, andere ziehen gegen einen brutalen Pornoring in den Kampf, neue Geschäftspartner werden gefunden, Bande zu korrupten Polizisten geknüpft. Mit alten Konflikten und neuen Problemen dürfen wir uns wieder in Charming einleben. Zumindest bis etwas passiert, was sich so leise anschleicht. In Gestalt eines engelhaften, ernsten Kindes, das im Laufe der Episode verschiedenen Figuren begegnet, hält das Böse Einzug in Charming. Und zwar eine andere Art des Bösen, als wir es bisher aus der Serie Sons of Anarchy gewöhnt waren. Das vergiftete Umfeld der kriminellen Szene greift auf die Stadt über und das fühlt sich an wie der Anfang vom Ende, der Weg zum endgültigen Show Down. Ein Einstand, der ordentlich vorlegt. Hoffentlich können die nächsten Episoden mithalten.

Verfasser: Serienjunkies.de am Donnerstag, 12. September 2013
Episode
Staffel 6, Episode 1
(Sons of Anarchy 6x01)
Deutscher Titel der Episode
Amok
Titel der Episode im Original
Straw
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 10. September 2013 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 13. Februar 2015
Autor
Kurt Sutter
Regisseur
Paris Barclay

Schauspieler in der Episode Sons of Anarchy 6x01

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