Sons of Anarchy 6x02

Auf gewohntem Sons of Anarchy-Niveau überzeugen kann die Episode One One Six überraschenderweise nicht. Doch es gibt auch Lichtblicke.
Was ist passiert?
Oft passiert in einer Sons of Anarchy-Episode so viel, dass man sich am Ende erst einmal wieder sammeln muss. Auch One One Six hat Überraschungen zu bieten. Das größte Problem ist jedoch nicht die Masse, sondern die fehlende Einsicht in das Innenleben der Figuren. Dadurch wirkt die Story streckenweise hölzern und geradezu aufgesetzt.
Hauptplot der Episode sind die Nachwehen der Schul-Schießerei. Nero (Jimmy Smits) und Jax (Charlie Hunnam) erfahren von der Herkunft der Waffe, die der Junge benutzt hat, und entscheiden sich, die Mutter des Kindes aus Reichweite der Polizei zu bringen. Doch die drogensüchtige Frau (Samaire Armstrong, The Mentalist, The OC) hat andere Pläne und das führt zu einem weiteren Drama: Als Arcadio (David M. Navarro) und seine Freundin türmen wollen erschießt Nero seinen Cousin. Kurz darauf tötet Juice (Theo Rossi) die Frau auf Jax' Befehl hin.
Nebenher versucht Jax ein weiteres Mal aus den Waffengeschäften mit Galean (Timothy V. Murphy) auszusteigen, doch dieser Versuch scheint ebenso wenig erfolgreich wie seine vorherigen.
Unterdessen wird Clay (Ron Perlman) weiter von Toric (Donal Logue) unter Druck gesetzt, den Club zu verraten. Als Bedingung will der ehemalige Clubpräsident zuerst Gemma (Katey Sagal) und Jax sehen. Doch nur Erstere erscheint im Gefängnis, zu einem kurzen Gespräch, das mit einer Liebeserklärung von Clay endet. Auf einen Besuch seines Stiefsohnes wartet er vergeblich. Toric mischt sich in die Ermittlungen um die Schul-Schießerei ein und fälscht schließlich Clays Unterschrift unter der Kooperationserklärung.
Tara (Maggie Siff) wird aus dem Gefängnis entlassen. Mit der Anwältin Ally Lowen (Robin Weigert) arbeitet sie im Geheimen an einer Scheidung von Jax, die kurz vor Beginn ihres Prozesses eingeleitet werden soll, und daran, dass Wendy (Drea De Matteo) im Fall der Fälle als Vormund für die Jungs eingesetzt wird. Doch das scheint noch nicht alles zu sein: An ihre Vorgesetzte und mittlerweile Vertraute Margaret (McNally Sagal) wendet sie sich mit der Bitte um eine Blutuntersuchung und einen Schwangerschaftstest.
Währenddessen arbeitet Bobby (Mark Boone Junior) weiter daran, Mitstreiter für das Nomadendasein zu finden.
Die große Liebe
Aus der Pause zwischen den Staffeln sind einige Figuren ziemlich verfremdet zurückgekehrt, in jeder Hinsicht. Es sind nur wenige Tage vergangen seit Tara ins Gefängnis gekommen ist. Und doch scheint viel passiert zu sein. Die große Liebe zwischen Tara und Jax, die so viel weggesteckt hat, scheint verpufft zu sein. Es sind Szenen, wie wir sie zwischen diesen beiden noch nie gesehen haben: Er holt sie schweigend vom Gefängnis ab, doch es ist nicht mehr die vertraute Stille, etwas steht wie eine Mauer zwischen ihnen. Denn beide beginnen mit der Episode One One Six wieder, große Geheimnisse voreinander zu haben.
Dabei ist Taras Geheimnis schockierender, wenn auch nachvollziehbar. Sie hat versucht, Jax aus dem Club zu bekommen, ein neues Leben mit ihm zu starten. Doch sie haben es nicht geschafft. Und nun hat Tara ihre Familie verkleinert: Sie arbeitet nur noch daran, die Jungs zu retten. Für den Fall einer Haftstrafe will sie die Jungs an Wendy geben, damit weder Gemma noch Jax sie in die Finger bekommen. Als wenn das nicht schon genug wäre, plant sie noch mehr. Welche Art Bluttest und was für einen Schwangerschaftstest erbittet sie von Margeret? Tara wirkt müde, fast lethargisch, außer wenn sie mit ihren Söhnen zusammen ist. Doch vielleicht ist sie jetzt wirklich an dem Punkt angelangt, an dem sie sich schon so oft wähnte. Sie sieht endlich klar, was sie tun muss, um sich oder zumindest ihre Söhne aus dem giftigen Umfeld des Motorradclubs zu retten. Der Trick scheint ganz einfach: Sie muss Jax zurücklassen.
Klarzusehen kann man Jax im Moment nicht gerade unterstellen. Doch im Grunde wissen wir es nicht, denn anders als sonst lassen uns die Sons of Anarchy-Autoren nicht an seinem Innenleben teilnehmen. Er ordnet den Mord an einer unschuldigen Frau an, die gerade ihr Kind verloren hat. Und scheint auch hinterher keine besonderen Gewissensbisse zu haben, bis auf ein kurzes Schlucken, als er erfährt, dass er zwei weitere Kinder zu Waisen gemacht hat.
Er ähnelt Clay mehr als jemals zuvor. Er ordert die Gewalttaten, verschweigt seinem Partner Nero, was wirklich geschehen ist und zieht sich zurück nach Hause. Einerseits ergibt sein Grund zu bleiben schon Sinn. Opie (Ryan Hurst) hat sich für ihn geopfert. Doch wäre es nicht viel mehr in Opies Sinne gewesen, dass Jax aus diesem Leben aussteigt? Er hätte schaffen können, was Opie nicht konnte.
Die Rede, dass er den Club raus aus den Waffengeschäften und rein in die Legalität führen wird, haben wir schon so oft gehört, dass man sich fragen muss, ob er selbst noch daran glaubt. Tara tut es ganz offensichtlich nicht mehr.
Charakterbruch oder clevere Entwicklung
Diesen Club, auf den er alles gesetzt hat, sieht er nun durch eine Drogensüchtige bedroht, die die Herkunft der Schulmassakerwaffe an die Polizei verraten könnte. Und was tut er? Er lässt sie eiskalt töten. Dass sein bester Freund umgebracht worden ist, zählt als Begründung hier nicht mehr. Mit dem Wohlwollen, dass sich die Sons of Anarchy-Autoren über die Staffeln wohl bei den Fans erarbeitet haben, könnte man allerdings sagen, dass dieses neue Verhalten zeigt, dass auch Jax endlich auf seine Art erkannt hat, was er tun muss: Um in der Legalität anzukommen, muss er alles andere unterordnen, auch die Moral.
Doch es bleibt etwas rätselhaft, da wir nur wenig Einsicht in seine Entscheidungsfindung bekommen. Wann hat Jax die Grenze überschritten, an der es nicht nur okay ist, mörderische Gefängniswärter zu töten, sondern auch unschuldige Frauen?
Mit dem Tod von Arcadio und seiner Freundin sind die einzigen beiden Figuren abgetreten, die die Story mit der Schul-Schießerei verbinden. Auch das fühlt sich seltsam an. War es das nun schon? Steckte wirklich kein weiterer Sinn dahinter? In beiden Fällen - der Drehung die Jax macht und der Entwicklung der Schießerei - wird man erst in einigen Episoden sagen können, ob es das wert war. Die Sons of Anarchy-Autoren haben bisher nur sehr selten einen Handlungsstrang endgültig liegen lassen oder harsch abgeschnitten. Es bleibt also Hoffnung, dass die weiteren Entwicklungen die Ereignisse der Episode One One Six in ein anderes Licht tauchen als bisher.
Der Gegenspieler des Wahnsinns
So richtig zünden kann der Funke auch nicht bei Lee Toric. Seine verrückten Eigenheiten werden immer unerklärlicher. Erst setzt er alles daran, Clay von der Kooperation zu überzeugen, dann fälscht er schlicht und einfach dessen Unterschrift. Wozu soll das dann alles gut gewesen sein? Was ihn zu Beginn interessant gemacht hat, wirkt mittlerweile nur noch flach. Wie oft hat er schon erzählt, er sei der Bruder der getöteten Krankenschwester? Viel mehr hat er bisher nicht zu sagen. Was unterscheidet ihn von Lincoln Potter (Ray McKinnon), dem wahnsinnigen Staatsanwalt aus der vierten Staffel? Bisher leider nur wenig. Beide Charaktere bestehen aus kaum mehr als ihrem Wahnsinn und ihrem Verlangen, SAMCRO zu Fall zu bringen. Glücklicherweise sind auch beide mit so guten Schauspielern besetzt, dass das nicht weiter stört. Trotzdem kann man sich schon mal dabei erwischen, wie man wehmütig an Agent June Stahl (Ally Walker) denkt. Und wo ist eigentlich Eli (Rockmond Dunbar) hin?
Innere Sprengung
Vielleicht fühlt sich die Entwicklung der neuen Staffel bisher auch deswegen ein bisschen fremd an, weil es ein anderer Club ist, dem wir begegnen. Clay sitzt im Knast und ist zum Feind geworden. Bobby ist ebenfalls nicht mehr am Tisch. Chibs (Tommy Flanagan) stellt sich nun auch immer mehr gegen die Entscheidungen, die der neue Präsident trifft. Tig (Kim Coates) hält sich im Hintergrund, was auch besser ist, schließlich ist August (Billy Brown) immer noch scharf auf seinen Kopf. Doch das ist wohl eine andere Story. Jax entlässt sich selbst aus der moralischen Verantwortung und nimmt Juice mit sich, der wie Tig durch die Ereignisse der letzten Staffel an den Clubpräsidenten gebunden ist. Jax hat ein Terrorimperium errichtet, nicht viel anders als Clay einst. Nun hat er eine unschuldige Frau töten lassen, die Lebensgefährtin eines Mitglieds aus Neros Gang. Wie weit noch, bis er die Frauen der eigenen Mitglieder tötet, wenn es in seinen Augen dem Schutz des Clubs dient, wie Clay es einst mit Donna (Sprague Grayden) getan hat? Sehr weit wohl nicht mehr. Und er wird es nicht viel anders rechtfertigen als sein ungeliebter Stiefvater, er hat es für den Club getan, für Tara und seine Söhne, damit sie in die Legalität finden können.
Wie viel können Juice, Chibs und die anderen noch hinnehmen, bis der Club selbst sein größtes Problem wird?
Fazit
Einiges wirkt seltsam an der Episode One One Six. Jax' Entwicklung wird uns nicht mit einem Blick in sein Innenleben verständlich gemacht wie gewöhnlich, das Schulmassaker scheint schon wieder weitgehend vom Tisch zu sein und Toric tritt auf der Stelle. Doch ob das wirklich alles so billig gemacht ist, wie es gerade ein bisschen scheint, werden erst die kommenden Episoden zeigen.
Verfasser: Serienjunkies.de am Freitag, 20. September 2013(Sons of Anarchy 6x02)
Schauspieler in der Episode Sons of Anarchy 6x02
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