Shameless 7x12

Shameless 7x12

Nach der durchwachsenen sechsten Staffel ist die Dramedy Shameless in diesem Jahr - früher als gewohnt - mit einer sehr überzeugenden siebten zurückgekehrt. Deren Finalepisode Requiem for a Slut konzentriert sich auf eine Figur, die erst kürzlich wiederauftauchte.

Frank (William H. Macy) verharrt nur kurz in der Apathie. / (c) Showtime
Frank (William H. Macy) verharrt nur kurz in der Apathie. / (c) Showtime
© rank (William H. Macy) verharrt nur kurz in der Apathie. / (c) Showtime

Die Rückkehr von Monica (Chloe Webb) vor einigen Episoden stellt sich am Ende der siebten Staffel in dramaturgischer Hinsicht als zweischneidiges Schwert heraus. Einerseits liefert sie uns eine ganze Episode voller emotionaler Höhepunkte, andererseits werden dadurch all jene Handlungsbögen torpediert, die über die gesamte Staffel aufgebaut wurden. Deshalb fühlt sich Requiem for a Slut auch ein bisschen merkwürdig, irgendwie unvollendet, an. Es bleibt nur noch Zeit, die Charakterentwicklungen in einer Abschlussmontage zu beleuchten.

Come Back Next Year

Der Grund dafür ist vermutlich in der Unsicherheit zu finden, die das Kreativteam empfunden haben dürfte, schließlich hat Showtime bisher noch nicht offiziell verlautbart, dass es eine weitere Staffel geben wird. Nach der erfolgreichen Gehaltsverhandlung von Hauptdarstellerin und Serienanker Emmy Rossum und der Abspannszene in dieser Episode dürfte das zwar nur noch eine Formsache sein. Allerdings merkt man dem Finale an, dass es auch als Serienfinale hätte dienen können. Andernfalls wären wohl kaum Monica und Mickey (Noel Fisher) so plötzlich wiederaufgetaucht.

Auch die Tatsache, dass Serienschöpfer John Wells sowohl das Drehbuch als auch die Regie dieser Episode übernahm, unterstützt diese Vermutung. Die daraus resultierenden narrativen Entscheidungen sind nachvollziehbar, geraten bisweilen aber leider zum Nachteil der übrigen Erzählstränge, die das Format über den Verlauf der Staffel zu alter Stärke zurückgeführt hatten. Dabei wäre zuerst der Handlungsbogen um Fiona (Rossum) zu nennen, die zu Beginn der Staffel die Entscheidung traf, nicht mehr alleine für das Wohlergehen der Familienmitglieder verantwortlich sein zu wollen.

Dies hat wie ein dramaturgischer Kickstart gewirkt. Auf Fionas Weg von der Restaurantmanagerin zur Immobilienbesitzerin wurde endlich die Gentrifzierungsgeschichte in bedeutsamer Art aufgegriffen, was uns ja bereits zum Start der fünften Staffel versprochen worden war. Außerdem schlummerte darin echtes Potenzial für dramatische Konflikte, die sich dann zwischen Fiona und Debbie (Emma Kenney), Lip (Jeremy Allen White) oder Vee (Shanola Hampton) auch abspielten - und das auf äußerst überzeugende Art und Weise.

Fiona (Emmy Rossum) kann nicht glauben, dass sie auf verlassenem Posten steht.
Fiona (Emmy Rossum) kann nicht glauben, dass sie auf verlassenem Posten steht. - © Showtime

Am Ende sind diese Streiteren vorübergehend ausgeräumt, aber noch lange nicht vergessen. Sie treten wieder zutage, als die zweifelhafte Erbschaft Monicas auftaucht. Fiona ist die einzige in der Familie, die sich weigert, das hinterlassene Meth zu Geld zu machen - ganz einfach deshalb, weil sie auf das Geld nicht mehr angewiesen ist. Sie hat mittlerweile die Seiten gewechselt, ist von den Gentrifzierungsverlieren zu den -gewinnern gewandert. Diesem Prozess wohnt eine wunderbare Ambivalenz inne, was einer halben Comedyserie auf der Suche nach großem Drama nur guttun kann.

Give Me Liberty, Or Give Me Meth

Natürlich ist es nicht nur das Meth, das Fiona erzürnt, sondern alles, was es in ihrem Leben repräsentiert. Zur Explosion kommt dieser Frust, der sie trotz ihres materiellen Erfolgs wohl für immer verfolgen wird, in dieser Episode mehrfach - manchmal laut und polternd, manchmal still und traurig. Frank (William H. Macy) verharrt nur kurz in der Apathie, nach dem Meth-Fund arbeitet sein kriminelles Hirn gleich wieder auf Hochtouren. Von seiner ältesten Tochter wird er dafür mit einer erbarmungslos ehrlichen Wutrede bedacht: „She didn't love me. She didn't love you.

Selbst in ihrem Tod schafft Monica es noch, ihre Familie zu entzweien, wobei es dank der von ihrem Vater Bill finanzierten Trauerfeier - Fiona hätte dafür niemals bezahlt - doch noch zu halbwegs versöhnlichen Momenten kommt. Zu hören bekommen wir davon nur Franks Abschiedsrede, der seine Bühne nutzt, um seiner anwesenden Familie vom ersten Treffen mit Monica zu erzählen, das uns - ganz Shameless - natürlich einige Schmunzler entlockt. So schwer es auch fällt, irgendein Sympathiegefühl für Frank aufzubringen, so überzeugend spielt Macy die Trauer seiner Figur.

Fiona ist in diesem Augenblick auch ein bisschen traurig, was vielleicht an den letzten Worten liegt, die sie ihrer Mutter mit auf den Weg gegeben hat: „Fuck you, mom.“ Ebenso emotional wie gegenüber Frank verabschiedet sie sich von Monica mit verbaler und handgreiflicher Gewalt. An ihrer Verachtung für diese rücksichtlose Frau, die sie in viel zu jungem Alter mit einem schwer alkoholkranken Vater alleingelassen hat, können auch ein paar alte, nie verschickte Grußkarten oder sentimentale Worte etwas ändern. Bei ihren Geschwistern mag das zeitweilig funktionieren, bei Fiona jedoch ist die Bereitschaft zur Vergebung vollständig aufgebraucht.

Familie Gallagher feiert das Staffelende.
Familie Gallagher feiert das Staffelende. - © Showtime

Monicas Tod dient neben der Kreation eines emotionalen Höhepunkts einer weiteren dramaturgischen Funktion. Er versammelt sämtliche Gallaghers und ihre Nachbarn an einem Ort. Das liefert uns viele kleine, aber trotzdem äußerst effektive Szenen. Einige davon haben mit Carl (Ethan Cutkosky) zu tun, der die zweite Hälfte einer Staffel meist aussitzt, weil sich Cutkosky auf die Schule konzentrieren will. Hier begeistert nicht nur die echte Freude, die alle seine Geschwister verspüren, als er nach Hause kommt, sondern auch die kurze Szene mit Ian (Cameron Monaghan), in der sie zusammen joggen gehen.

The Motherfucker Really Did Love The Crazy Bitch

Seine Geschichte, die Geschichte einer radikalen Kehrtwende, hätte einen runden Abschluss gefunden, würde die Serie nicht verlängert werden. Anderswo bleiben Handlungsbögen offen. Lip ist beispielsweise erst am Anfang seines Ausnüchterungsprozesses, wobei es äußerst interessant wäre, seinen Weg zurück ins Leben zu beobachten. Ian hat nun wohl endültig mit Mickey abgeschlossen, wenngleich eine weitere Rückkehr nicht ausgeschlossen ist. Nach der jetzigen ist bei mir nie wirklich das alte Gallavitch-Feeling aufgekommen, was aber auch für Ians übrige Handlungsbögen gilt. Schon die Trennung von Caleb (Jeff Pierre) kam viel zu plötzlich, und die Beziehung zu Trevor (Elliot Fletcher) wurde leider durch Mickeys Rückkehr torpediert.

Am Ende der letzten Episode hätte man mutmaßen können, dass Fiona durch den Tod ihrer Mutter aus der Bahn geworfen oder von ihrem Lover/Geschäftspartner betrogen wird. Stattdessen insinuiert die Schlussmontage, dass dieser Deal reibungslos vonstatten gegangen ist und Fiona keinerlei Schwierigkeiten hatte, einen hohen Kredit aufzunehmen. Auch diese narrative Abkürzung ist der Unsicherheit der Serienmacher ob des droheneden Serienendes zu verdanken. Ein Vorwurf ist das nicht - ich würde nicht die Entscheidung treffen wollen, ob solch wichtigen Figuren wie Monica und Mickey ein letzter Auftritt verwehrt bleibt.

Zur Mitte der siebten Staffel wähnte ich Shameless auf dem Weg zu alten Glanzzeiten, die in den vergangenen beiden Jahren nur noch äußerst selten erreicht werden konnten. Bis zur Rückkehr besagter Figuren hat das auch wunderbar funktioniert, allerdings wurden die meisten Handlungsbögen dann von ihnen vereinnahmt. Das wirkte sich auch auf die innerfamiliären Konflikte zwischen den Geschwistern aus, die dadurch in den Hintergrund gerückt wurden - was übrigens auch für den Handlungsbogen um Svetlana (Isidora Goreshter) und das verlorene Alibi gilt, der im Finale nur noch am Rande erwähnt wird.

Wie gesagt, die Entscheidung des Kreativteams, Monica und Mickey zurückkehren zu lassen, ist äußerst nachvollziehbar. Vielleicht ist die Schuld ja bei Showtime zu suchen, wo offensichtlich zu lange mit einer Entscheidung gewartet wurde, um den Autoren genügend Zeit für die Ausarbeitung eines befriedigenden Serien- beziehungsweise Staffelendes zu geben. So bekommt diese Staffel eben eine gute, aber keine sehr gute Note.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 19. Dezember 2016

Shameless 7x12 Trailer

Episode
Staffel 7, Episode 12
(Shameless 7x12)
Deutscher Titel der Episode
Requiem für eine Schlampe
Titel der Episode im Original
Requiem for a Slut
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 18. Dezember 2016 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 8. Mai 2017
Regisseur
John Wells

Schauspieler in der Episode Shameless 7x12

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