Shameless 7x01

Statt die Herbstseason mit dem Flaggschiff Homeland zu begehen, hat sich der Pay-TV-Sender Showtime in diesem Jahr dazu entschlossen, Familie Gallagher verfrüht auf Sendung zu schicken - und mit dem Agententhriller bis nach dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten Anfang des nächsten Jahres zu warten. Für das eingespielte Produktionsteam von Shameless war der verkürzte Zeitrahmen kein Problem, wie man an der Auftaktepisode Hiraeth unschwer erkennen kann.
Indestructable
Der Episodentitel ist ein walisisches Wort, für das es laut Wikipedia keine direkte Übersetzung gibt. Die University of Wales umschreibt seine Bedeutung demnach als eine Mischung aus Verlangen, Sehnsucht, Nostalgie, Wehmut und den ernst gemeinten Wunsch nach dem Verlorenen. Genau dieses Gefühl ist in den meisten Handlungsbögen der neuen „Shameless“-Staffel vorhanden. Es ist nur ein knapper Monat vergangen, seit das längst in Ungnade gefallene Familienoberhaupt Frank (William H. Macy) von den eigenen Sprösslingen in die eiskalten Fluten des Chicago River gestürzt worden war.
Nach einem ebenso langen Koma wacht er im Krankenhaus auf, was ihn zunächst verärgert, hat er doch einen bizarren Traum genossen, in dem nicht nur alle seine Abkömmlinge vorkommen, sondern auch ein Fisch, der ihm zwischen die Beine geht. In Wirklichkeit ist es aber nur die gewissenhafte Krankenschwester, die ihn dort reinigt. Nachdem ihm die saftige Rechnung präsentiert wurde und er mit Entsetzen feststellen musste, dass niemand nach ihm gesucht hat, verweigert er den Rat des behandelnden Arztes, schwingt sich in einen Rollstuhl und stellt all diejenigen zur Rede, deren Besuch er erwartet hatte.
Dabei schwingt ihm von allen Seiten entgegen, was er sich redlich verdient hat. Zu Hause wird er nicht nur nicht beachtet - selbst sein Jüngster Liam (Brenden Sims) lässt ihn links liegen -, sondern von Fiona (Emmy Rossum) auch gleich wieder hochkant rausgeschmissen. Die übrigen Geschwister haben ebenfalls nichts als Verachtung für ihn übrig - und sind außerdem mit eigenen Problemen beschäftigt. Da macht es keinen großen Unterschied mehr, als er von Kevin (Steve Howey) erfährt, warum nie jemand nach ihm geschaut hat.

Einmal mehr ist Frank ganz unten angelangt, bei den Klebstoffschnüfflern. In meiner Gunst sitzt er ebendort schon lange fest, weshalb es mich auch nicht wirklich interessiert, was sein nächster Erzählstrang sein wird. Am Ende gelingt es ihm dank MacGyver-esker Methoden, sich in Fionas Zimmer einzubunkern, woraus aber schwerlich ein ganzer Handlungsbogen gestrickt werden kann. Es war klar, dass er am Ende der sechsten Staffel nicht sterben würde, jedoch könnte sich das Kreativteam meinetwegen gerne eine neue Ausrichtung für ihn einfallen lassen.
You can't kill the truth
Viel innovativer geht es in den übrigen Handlungsbögen auch nicht wirklich zu, allerdings ist das eine willkommene Abwechslung zur in der Vergangenheit ständig schriller werdenden Konstruktion der Serie. Fiona ist nach wie vor das inoffizielle Familienoberhaupt, das ihren Geschwistern nun aber den Freiraum zugesteht, aus eigenen Fehlern zu lernen. Hinter Neumutter Debbie (Emma Kenney) räumt sie beispielsweise nicht mehr her, sondern lässt die schmutzigen Windeln einfach dort liegen, wo sie sie gefunden hat. Als Motivationshilfe hat sie sich das Wort „Warrior“ („Kriegerin“) auf den Unterarm tätowieren lassen.
Ihren Unterhalt verdient sie sich weiterhin im Diner, wo von ihrem Beinaheehemann Sean weit und breit nichts zu sehen ist - weil Dermot Mulroney mit seiner neuen Serie Pure Genius beschäftigt ist. Ohne seine Managementerfahrung geht sie im dortigen Chaos unter, was ihr wenigstens durch den corporate overlord, der in ihr Beuteschema passt, mit einer Gehaltserhöhung versüßt wird. Zudem springt Lip (Jeremy Allen White) als Tellerwäscher ein - eine Win-win-Situation für beide, sucht er doch einen neuen Arbeitsplatz.
Er hat seinen Teil der Abmachung mit Professor Youens (Alan Rosenberg) eingehalten und erfolgreich eine Entziehungskur abgeschlossen. Nun geht „Lipton Ice Tea“ mit striktem Plan an den Alkoholkonsum heran, erfreut sich seiner Nüchternheit und beschließt, nicht mehr an die Uni zurückzukehren, sondern direkt ins Berufsleben einzusteigen. Hier zeichnet sich noch kein aufregender Spannungsbogen ab, aber das muss es zu diesem frühen Zeitpunkt der Staffel auch gar nicht. Manchmal ist man als Zuschauer ja auch einfach froh, seinen Lieblingscharakteren bei der banalen Alltagsbewältigung zuzusehen.

Diese sieht bei Debbie ähnlich aus wie bei ihrer großen Schwester, wenngleich die Überforderung nicht von einer Arbeitsstelle, sondern vom eigenen Kind herrührt. Eine äußerst kurzsichtige Lösung ist es für die Jungmutter, ihre Geldsorgen mit dem Abdriften in die Raubkriminalität zu beseitigen. Die von ihr auf dem Spielplatz entwendeten Kinderwägen erzielen auf dem Schwarzmarkt der frisch gentrifizierten Chicagoer Southside traumhafte Erträge, was bei Debbie eine solche Euphorie auslöst, dass sie ihren Gewinn höchst unvorsichtig unter die Leute bringt.
The truth will set you free
Carl (Ethan Cutkosky) stellt unterdessen entgeistert fest, dass er der einzige Gallagher-Mann ohne beschnittene Vorhaut ist. Darauf kommt er nur, weil seine Freundin Dominique (Jaylen Barron) deswegen keine bestimmten Sexpraktiken bei ihm ausführen will. Also bedient er sich fix an seinem rainy day fund und lässt sich entgegen der Empfehlungen seines Arztes und des eigenen Vaters die überschüssige Haut abnehmen - auch das ein Erzählbogen, dessen weiterer Verlauf sich kaum prognostizieren lässt.
Am besten habe ich mich bei der Geschichte des Liebestrios Kevin, Vee (Shanola Hampton) und dem „Michael Jordan of erotic stimuli“, Svetlana (Isidora Goreshter), amüsiert. Die beiden Ursprungspartner stellen verblüfft fest, dass in ihrer russischen Bardame ein Mathegenie schlummert. Das hat jedoch nicht nur positive Konsequenzen - statt vergnüglichem Sex gibt es fortan nämlich staubtrockene Buchhaltung. Unabhängig davon, wie dieser Handlungsbogen verlaufen sollte, hat er schon jetzt eines der Bilder der Staffel geliefert: Kevin mit selbst gebasteltem Minielefantenkostüm werde ich so schnell nicht mehr vergessen können...
Fazit
Die Episode Hiraeth ist ein solider Auftakt der siebten Staffel von Shameless. Über das Wiedersehen mit den meisten Figuren habe ich mich gefreut, wobei ich zukünftig nicht traurig darüber wäre, würde Frank nur einen Bruchteil seiner Spielzeit erhalten. Ansonsten hat sich das Autorenteam bei der Skizzierung der Erzälstränge in Sachen Absurdität und Abgedrehtheit bisher angenehm zurückgenommen. Das kann freilich auch ins dramaturgische Nichts führen, jedoch sind die Charaktere ihrem Publikum mittlerweile so bekannt, dass das gar kein großer Nachteil sein muss. Es ist schön, sie zurückzuhaben.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 3. Oktober 2016Shameless 7x01 Trailer
(Shameless 7x01)
Schauspieler in der Episode Shameless 7x01
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