Shameless 6x12

Shameless 6x12

Das Finale der sechsten Staffel von Shameless hält die erwartbaren Tiefpunkte bereit, schafft es aber nicht, so emotional nachzuwirken wie frühere Staffelenden. Das liegt vor allem daran, dass manche Entwicklungen und Charakterkonstellationen nicht ausreichend vorbereitet wurden.

Debbie (Emma Kenney) und Lip (Jeremy Allen White) haben einen seltenen stillen Moment. / (c) Showtime
Debbie (Emma Kenney) und Lip (Jeremy Allen White) haben einen seltenen stillen Moment. / (c) Showtime

Das Ende der Episode Sleep No More, die Kollege Henning freundlicherweise für mich besprochen hatte, kann beispielhaft dafür herangezogen werden, die dramaturgischen Missgeschicke der sechsten Staffel von Shameless herauszustellen. Diese machte zwar oft Spaß, stand sich aber allzu oft selbst im Weg, wenn es darum ging, echte emotionale Fallhöhe zu generieren. Auch im Finale Familia Supra Gallegorious Omnia! ist das evident.

Nobody wants you here

Die vorherige Episode erreichte einen ihrer zahlreichen emotionalen Höhepunkte, als sich Frank (William H. Macy) und Sean (Dermot Mulroney) im Haus der Gallaghers beinahe totschlugen. Konterkariert wurde dieser wahrhaft eindrückliche Moment durch die nachfolgende Suche von Frank nach einem Auftragsmörder. Selbst für den schlechtesten Familienvater der Seriengeschichte ist das nicht nachvollziehbar. So geschah es in dieser Staffel mehrmals - höchstdramatische Vorgänge wurden dadurch abgeschwächt, dass ihre Konsequenzen nie wirklich zum Tragen kamen.

Ein Beispiel dafür ist der Verlust des Gallagher-Heims, der kurze Zeit später wieder rückgängig gemacht wurde. Daraus hätten sich viele interessante neue Handlungsbögen ergeben können. Stattdessen kehrten die Autoren allzu schnell zum Status quo zurück. Diese Schwäche konnte nur manchmal aufgefangen werden. Vor allem aber wurde sie dadurch noch deutlicher, dass viele Erzählstränge nicht ausreichend Vorbereitung bekamen - oder diese Vorbereitung so plötzlich geschah, dass sie unglaubwürdig erschien. Der finale Höhepunkt der Staffel, die Trennung von Fiona (Emmy Rossum) und Sean, legt das offen.

Kurz bevor die beiden vor den Traualtar treten können, zieht Frank seinen letzten Trumpf, um die Hochzeit seiner ältesten Tochter zu verhindern. In der Nacht zuvor ist er in Seans Büro eingestiegen und hat dort jenes Beweismaterial gegen seinen neuen Intimfeind gefunden, das er nun genüsslich vor der eigenen Familie ausbreitet. Sean war nie wirklich clean, sondern hatte nur gelernt, seine Abhängigkeit zu verstecken. Für Fiona bricht in diesem Moment eine Welt zusammen - für mich aber irgendwie nur so halb.

Am Ende landet Frank (William H. Macy; liegend) im Chicago River. © Showtime
Am Ende landet Frank (William H. Macy; liegend) im Chicago River. © Showtime

Es lag vor allem an den hervorragenden schauspielerischen Leistungen von Rossum und Mulroney, dass ich in ihnen ein sehenswertes Ehepaar gesehen habe. Seans plötzlicher Abschied macht jedoch deutlich, dass es seine Figur nie wirklich geschafft hat, in den Rang eines vollwertigen Familienmitglieds aufzusteigen. Genau wie Fiona erfuhren wir Zuschauer kaum etwas über seine Vergangenheit, und auch sein fortwährender Kampf gegen die Sucht wurde nie so präsentiert, dass wir uns ernsthafte Sorgen über einen Rückfall hätten machen müssen.

An honest asshole

Nun verlässt der Charakter die Serie genauso schnell, wie er sie betreten hatte. Da ist es auch kein Wunder, dass Mulroney stets als Gastdarsteller ausgewiesen wurde. Trotzdem fällt sein Abschied nicht völlig flach, was neben seiner überzeugenden Performance auch an der Mühe liegt, die sich das Finale mit ihm und Fiona macht. Spätestens, als die beiden aber in die Rollen von Lilian und Clyde schlüpften, konnte erahnt werden, dass sie nicht bis zum Ende der Episode zusammenbleiben würden. Traurig bin ich darüber nicht wirklich - über den (sehr wahrscheinlichen) Abschied Mulroneys aber schon.

Franks abermalige Grenzüberschreitung reicht schließlich nur noch für einen Gag im Abspann aus. Er wird von all jenen Familienmitgliedern, die nicht anderweitig beschäftigt sind, von einer Brücke in den eiskalten Chicago River geworfen. Dadurch verliert der bereits angesprochene Höhepunkt aus der letzten Episode weiter an Zugkraft: Alles, wofür Frank scheinbar noch gut ist, ist ein schnelles Witzchen, ein harmloser Spaß. In der vierten Staffel, der bislang besten der Serie, war er noch das dramatische Zentrum. Von solchen Höhenflügen ist seine Figur derzeit aber meilenweit entfernt.

Sein ältester Sohn Lip (Jeremy Allen White) durchlebt hingegen eine nachhaltigere Krise, die zwar einen zweifelhaften Auslöser (Helene), sich in der letzten Episode aber zu einem eindrücklichen Kollaps zusammengebraut hatte. So mitreißend diese Szenen auch waren, so schwierig ist es, sie gänzlich nachzuvollziehen. Ja, Lip ist der Sohn seines Alkoholikervaters. Aber er ist auch der Intelligenteste in seiner Familie. Kevin (Steve Howey) spricht ihm gegenüber aus, was wir Zuschauer denken, wodurch noch einmal offensichtlicher wird, wie inkonsistent seine Verhaltensweise ist.

Die Entwicklungen rund um Ian (Cameron Monaghan) passieren bisweilen zu schnell. © Showtime
Die Entwicklungen rund um Ian (Cameron Monaghan) passieren bisweilen zu schnell. © Showtime

Wäre seine Alkoholabhängigkeit früher eingeführt worden, hätten die Ereignisse im Finale mehr Eindruck hinterlassen. Ebenso hektisch kommt der Handlungsbogen von Ian (Cameron Monaghan) daher. In Rekordzeit machte er in dieser Staffel die Wandlung zum halbwegs integrierten Gesellschaftsmitglied durch, nur um festzustellen, dass ihm seine Krankheit weiterhin im Weg stehen würde. Ebenjene wird vom Autorenteam mittlerweile nur noch thematisiert, wenn es dem Drehbuch dient. Eine echte Rolle scheint Ians Bipolarität aber nicht mehr zu spielen.

A brave new world

Von ähnlichen Problemen wie die Sean-Storyline ist die um Caleb (Jeff Pierre) durchdrungen. In einer Ensembledramedy wie Shameless ist es stets schwer, neue Figuren einzuführen, weil sie im Gegensatz zum seit Jahren bekannten Hauptcast nur verblassen können. Weil der Wechsel von einem kaum zu gebrauchenden zu einem voll funktionsfähigen Ian aber so plötzlich geschah (wann hat er zum Beispiel seinen Schulabschluss nachgeholt?), wurde Caleb keine echte Chance gegeben, zum wirklichen Charakter zu reifen. Wie Sean ist er lediglich die Folie für eine Hauptfigur - und keine ernstzunehmende eigene.

Unterschiedlich interessant gehen derweil die Handlungsstränge zweier der jüngsten Gallaghers zu Ende. Nachdem sich Carl (Ethan Cutkosky) eine halbe Staffel lang als Gangster versucht hat, schlägt er nun den entgegengesetzten Weg ein und setzt alles daran, den Vater seiner Freundin Dominique (Jaylen Barron), einen Polizisten, für sich zu gewinnen. Dieser Sinneswandel ist vor dem Hintergrund seines jungen Alters - und vor allem seiner Erfahrungen als Drogendealer - durchaus nachvollziehbar. Hier hat die Serie eine positive Kurskorrektur vorgenommen, auch wenn der Handlungsbogen immer noch nicht zu den interessantesten gehört.

Interessanter sind da schon die andauernden Probleme, die Debbie (Emma Kenney) mit ihrer neugeborenen Tochter hat. Hier dürfen wir gespannt sein, ob es in Zukunft - die siebte Staffel ist ja schon bestellt - zu einer Intervention des Sozialamts kommen wird. Die Sorgenfalten der Kinderärztin lassen diesen Rückschluss jedenfalls zu. Andererseits hat sich Debbie mit ihrer älteren Schwester versöhnt - eine der ergreifendsten Szenen dieser Finalepisode. Nun, da die eigene Familie für Fiona wieder in den Hintergrund gerückt ist, ist leicht vorstellbar, dass sie sich zukünftig stärker um Debbies Kind kümmert.

Es ist für keine Serie leicht, in ihrer sechsten Staffel Geschichten zu finden, die sich unverbraucht und vor allem nachvollziehbar präsentieren. Shameless hat das nur manchmal geschafft, bleibt aber vor allem dank eines großartigen Ensembles und hervorragender Dialogarbeit eine der besten Dramedies im amerikanischen Fernsehen.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 5. April 2016
Episode
Staffel 6, Episode 12
(Shameless 6x12)
Deutscher Titel der Episode
Absturz
Titel der Episode im Original
Familia Supra Gallegorious Omnia!
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 3. April 2016 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 5. Juli 2016
Autor
John Wells
Regisseur
Christopher Chulack

Schauspieler in der Episode Shameless 6x12

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