Shameless 6x01

Shameless 6x01

Mit I Only Miss Her when I'm Breathing startet die Showtime-Dramedy Shameless gewohnt rasant in ihre sechste Staffel. Eine Vielzahl neuer und alter Handlungsbögen verspricht dabei eine Rückkehr zu der Qualität, die in der letzten Staffel kurzzeitig verloren gegangen war.

Familie Gallagher - „glücklich“ vereint / (c) Showtime
Familie Gallagher - „glücklich“ vereint / (c) Showtime

Nach der herausragenden vierten Staffel von Shameless war der Verlauf der fünften bisweilen ernüchternd. Manche Handlungsbögen wussten nicht so genau, wo sie hinwollten, wobei sich offenbarte, dass einige Figuren länger beibehalten wurden, als sie für die Geschichte hätten nützlich sein können. Im Kern handelt die Serie von den Mitgliedern der Familie Gallagher, was bisweilen - im besten Sinne - Züge einer herkömmlichen Familiensitcom annimmt - wären da nicht die regelmäßigen Ausbrüche höchst dramatischer Handlungsabschnitte.

The love of my life

Deswegen ist es auch kaum zu glauben, dass die Serie von Showtime bei den letztjährigen Emmyauszeichnungen als Comedy verkauft wurde. Außer einem zynischen Schielen auf eine Nominierung für William H. Macy ist dahinter nicht viel mehr auszumachen. Ja, die Serie ist oftmals wahnsinnig komisch, aber genauso oft ist sie eben unglaublich, bisweilen sogar herzzerreißend dramatisch. Das hat die vierte Staffel eindrucksvoller bewiesen als die letzte, wobei auch dort ein bewegendes Ende gefunden wurde, als sich Ian (Cameron Monaghan) von Mickey (Noel Fisher) trennte und Frank (Macy) die selbsterklärte Liebe seines Lebens, Bianca (Bojana Novakovic), an den Krebs verlor.

Zwei dramatisch nachhaltige Handlungsbögen sind in einer Serie wie Shameless, die über ein großes Ensemble verfügt, aber nicht gerade viel. Den meisten anderen drohte indes das Schicksal, das so viele Showtime-Formate ereilt - es begann danach auszusehen, als würden sich die Geschichten wiederholen. Fiona (Emmy Rossum) verlor sich in einem Liebesdreieck, das ab dem Zeitpunkt keinen guten Ausgang nehmen konnte, ab dem sie es für eine gute Idee hielt, Gus (Steve Kazee) nach wenigen Wochen wilder Affäre zu heiraten.

Und so lobenswert es auch ist, den Übertritt ins Erwachsenenalter von Carl (Ethan Cutkosky) und Debbie (Emma Kenney) mit eigenen Geschichten auszustattetn, so unglaubwürdig fühlte sich der radikale Lebenswandel an, den beide plötzlich vollzogen - bei Debbie noch mehr als bei Carl. Für diese Staffel hat sich das Autorenteam um John Wells nun entschlossen, dort anzuknüpfen, alte Handlungsbögen aber schnell in neue umzuwandeln. Die Auftaktepisode I Only Miss Her When I'm Breathing schafft das schon sehr gut, auch wenn noch nicht in allen Erzählsträngen vorherzusehen ist, welche Konflikte sich herauskristallisieren werden.

Der Handlungsbogen um Debbies (Emma Kenney; r.) Schwangerschaft gehört zu den vielversprechendsten. © Showtime
Der Handlungsbogen um Debbies (Emma Kenney; r.) Schwangerschaft gehört zu den vielversprechendsten. © Showtime

Besonders auffällig ist zu Beginn, dass die meisten Protagonisten ihr Leben besser im Griff haben als in früheren Staffelauftakten. Fiona arbeitet weiterhin als Kellnerin im Diner von Sean (Dermot Mulroney), hat sich von Gus getrennt (wenn auch die Scheidung noch aussteht) und unterhält eine sehr vernünftig wirkende Beziehung zu ihrem Chef. Zwar ist sie immer noch diejenige, die morgens Befehle an ihre jüngeren Geschwister ausgibt, jedoch tut sie das nun mit größerer Gelassenheit. Sie ist nicht mehr die Getriebene der letzten Staffeln, weil ihre Geschwister eigenständiger geworden sind.

It's the ghetto

Der größte Konflikt, der sich derzeit in ihrer ganz persönlichen Welt andeutet, ist der Streit mit ihrer Kollegin um die Besetzung der frei gewordenen Managerstelle im Restaurant. Sean bevorzugt aus nachvollziehbaren Gründen Fiona gegenüber der erfahreneren Melinda (Rebecca Metz), was die sogleich richtig einzuordnen weiß. Fiona schiebt daraufhin vor, dass sie nicht aufs Trinkgeld verzichten könne, ist aber eigentlich überrumpelt von dem Angebot, weil es in ihrem Leben noch nicht allzu viele Menschen gab, die ihr eine solche Chance geben wollten.

Erweitert man den Kreis möglicher Konfliktherde für das inoffizielle Familienoberhaupt, so tauchen in Form ihrer beiden pubertierenden Geschwister schnell zwei auf, die beinahe schon unrettbar in Flammen stehen. Die Wandlung von Carl zum kompromisslosen Straßengangster mag in der letzten Staffel etwas zu schnell vonstattengegangen sein, nun kann Wells jedoch mit beiden Händen das damit erschaffene dramaturgische Potential ausschöpfen. Statt Carl eine Staffel lang im Gefängnis zu beobachten, entschließt sich der Showrunner in weiser Voraussicht dazu, ihn gleich in der Auftaktepisode von dort zu entlassen.

Die Freude in Fionas Gesicht weicht schon nach wenigen Augenblicken des ersten Wiedersehens einer besorgten Miene, bemerkt sie doch sogleich, dass ihr kleiner Bruder im Gefängnis eine harte Schule durchlaufen hat, die seine kriminellen Tendenzen wohl nur verstärkt haben dürfte. Er braucht sie eigentlich nur noch, um ein Dach über dem Kopf zu haben, alles andere erledigt er schon selbst. Die kommenden Episoden werden zeigen, ob es für Carl noch einen Weg zurück gibt, diese ersten Eindrücke lassen jedoch fast schon sämtliche Hoffnung darauf schwinden. Dies ist nicht nur eine furchteinflößende Erinnerung daran, dass Shameless eine Dramaserie ist, sondern auch eine sehr dichte und realistische Aufarbeitung dessen, was der amerikanische Gefängniskomplex aus seinen Insassen macht.

Was witzig angefangen hat; ist nun verstörend: Carl (Ethan Cutkosky) wird aus dem Gefängnis entlassen. © Showtime
Was witzig angefangen hat; ist nun verstörend: Carl (Ethan Cutkosky) wird aus dem Gefängnis entlassen. © Showtime

So bitter es auch ist - Carl ist wohl an die Straße verloren. Selbiges gilt noch nicht für Debbie, obwohl es vielleicht die größere Bombe ist, die ihre Schwiegereltern in spe am Ende der Episode platzen lassen. In der letzten Staffel hatte die Entfremdung zwischen Debbie und Fiona ihren Anfang genommen, wobei es mir zu schnell ging, wie resolut sich Debbie plötzlich der Ratschläge ihrer älteren Schwester widersetzte. Uns bleibt natürlich nichts anderes übrig, als diese dramaturgische Entscheidung zu akzeptieren, weshalb es äußerst wohltuend ist, wie Wells mit dem Geheimnis um ihre Schwangerschaft umgeht.

My brother from another mother

Viele andere Autoren hätten daraus einen staffelübergreifenden Handlungsbogen gemacht, woraus sich aber viel weniger dramatisches Potenzial entwickelt hätte. Nun erfährt Fiona schon am Ende der Auftaktepisode, dass sie von Debbie knallhart angelogen wurde. Es dürfte die erste echte Kluft sein, die sich in der einstmals so förderlichen Beziehung der beiden auftut. Auch hieran lässt sich exemplarisch ablesen, wie nervenzerreißend dramatisch dieses Format sein kann. Aller Spaß, alle Witzelei basiert auf diesem unverrückbar dramatischen Fundament, das nicht nur echte Familienbeziehungen ausleuchtet, sondern auch echte sozioökonomische Fehlentwicklungen.

Dazu gehört die abermalige Thematisierung der Gentrifizierung der South Side, die aber das schwächste Element der Episode ist. Gastdarsteller Will Sasso spielt den alteingesessenen Nachbar der Gallaghers, der sich mit drastischen Worten und abscheulichen Drohungen einer Aufwertung der Nachbarschaft widersetzt. Seine Ankündigung, die lesbischen Nachbarinnen vergewaltigen zu wollen, ist nicht nur völlig geschmacklos und unwitzig, sondern rückt ihn auch sofort in die Ecke des comichaft überzeichneten, kaum ernstzunehmenden Bösewichts.

Ähnlich verhält es sich mit den Hipstern, die das Alibi von Kevin (Steve Howey) und Vee (Shanola Hampton) eingenommen haben. Die Figuren verharren in einer klischeebehafteten Charakterzeichnung, wodurch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem sehr realen Thema der Gentrifizierung in Großstädten verhindert wird. In der Bar trifft irgendwann auch Frank ein, wo er sich das halbe Bier gönnt, das er nun täglich zu sich nehmen darf. Sein Handlungsbogen ist mit den üblichen Problemen belastet - er ist und bleibt das monochromatische Ekelpaket, das niemand leiden kann.

Frank (William H. Macy) trauert immer noch um Bianca. © Showtime
Frank (William H. Macy) trauert immer noch um Bianca. © Showtime

In augenscheinlich ehrlicher Trauer über den Verlust von Bianca versunken, hat er den guten Willen sämtlicher Bekannter und seiner Familie mit seinem andauernden Trauergeheul längst verbraucht, weshalb er sein Seelenheil nun bei sämtlichen Weltreligionen sucht. Die entsprechende Montage ist witzig inszeniert, kommt aber über den Status des comic relief nicht hinaus. Gleiches gilt für Franks obszönes Verhalten am Grab von Bianca und seine Vorliebe für ihre Unterwäsche. Seine Figur ist nach den mitreißenden Entwicklungen der vierten Staffel vielleicht schon am Ende ihrer dramaturgischen Nützlichkeit angekommen.

Will you wait?

Anders verhält es sich da schon mit dem dramatischen Höhepunkt der letzten Staffel - der Trennung von Ian und Mickey. Svetlana (Isidora Goreshter) hat ein neues Geschäftsmodell aufgetan, bei dem sie dem in Haft sitzenden Mickey Aufträge für Gewaltverbrechen an Mitinsassen übermittelt, die der gegen eine vierstellige Summe anstandslos erledigt. Seine einzige Bedingung ist es, dass Ian regelmäßig bei ihm vorbeischaut, auch wenn der das offensichtlich gar nicht will. Mickey ist es jedoch lieber, von der Liebe seines Lebens angelogen zu werden, als der bitteren Wahrheit ins Gesicht zu blicken.

Wohin dieser Handlungsbogen führt, ist schwer abzuschätzen, schließlich bewegt er sich wegen der langjährigen Haftstrafe Mickeys in engen Grenzen. Das Zusammenspiel von Fisher und Monaghan gehört aber weiterhin zum Besten, was diese an begnadeten Schauspieler_innen reiche Serie zu bieten hat. Zu ihnen gehört ohne Zweifel auch Jeremy Allen White, der als Lip weiterhin seinem Plan zu größtmöglicher Unabhängigkeit nachgeht. In universitären Fragen offenbart er bereits große persönliche Reife, während in seinem Privatleben das Gegenteil der Fall ist, wie der Sohn von Helene Runyon (Sasha Alexander) schmerzhaft zu spüren bekommt.

Bis auf wenige Ausnahmen bildet I Only Miss Her When I'm Breathing einen vielversprechenden Auftakt in die sechste Staffel, der nahelegt, dass das Autorenteam um John Wells verstanden hat, was die beste Mischung für ihre Serie ist. Der Handlungsbogen um die Gentrifizierung der South Side sowie Franks Irrungen und Wirrungen benötigen indes eine dringende Kurskorrektur. Hier muss kein ganzer Handlungsbogen ausgetauscht, sondern lediglich der Tonfall angepasst werden - die Androhung eines „rape fucks“ geht absolut nicht in Ordnung und ist das Gegenteil von witzig.

Die kleinen visuellen Hinweise darauf, dass Kevin und Vee ihre Töchter zu den neuen Williams-Schwestern erziehen wollen, sind hingegen wahrlich komisch. Von solchen Momenten gibt es in dieser Episode viele - so darf es gerne weitergehen.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 11. Januar 2016

Shameless 6x01 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 1
(Shameless 6x01)
Deutscher Titel der Episode
Zug um Zug
Titel der Episode im Original
I Only Miss Her When I'm Breathing
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 10. Januar 2016 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 31. Mai 2016
Autor
John Wells
Regisseur
Christopher Chulack

Schauspieler in der Episode Shameless 6x01

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