Sex Education Staffel 2
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Diese Kritik bezieht sich auf die komplette achtteilige zweite Staffel von Sex Education.
Die Netflix-Produktion Sex Education war eine der großen Serienüberraschungen im vergangenen Jahr. Laurie Nunns Coming-of-Age-Dramedy, die sich den Liebes- und Sexsorgen experimentierfreudiger Teenager, aber auch vergleichbaren Problemen ihrer erwachsenen Pendants annimmt, entpuppte sich innerhalb kürzester Zeit als Erfolgshit. Die intimen Einblicke in die Leben der Bewohner einer beschaulichen Kleinstadt irgendwo in Südwales, in der die Zeit ein kleines bisschen stillzustehen scheint, waren charmant, witzig, verständnisvoll, inklusiv, divers und auch dramatisch. „Sex Education“ legte eine mehr als passable Premierenstaffel aufs Parkett und konnte mit dieser nicht nur großartig unterhalten, sondern auch viele herzliche und gefühlvolle Geschichten über die erste Liebe, das erste Mal, komplizierte Beziehungen, das aufregende Leben als Jugendlicher, den steinigen Weg zur Selbstfindung und die enorme, wunderbare sexuelle Vielfalt dieser Welt erzählen.
Ein gutes Jahr später will man nun ähnlich hochwertig an die starke erste Staffel des Formats anschließen und präsentiert den Netflix-Abonnenten weltweit am heutigen Freitag, den 17. Januar acht neue Episoden von „Sex Education“. Gelingt es, qualitativ da weiterzumachen, wo man aufgehört hat? Oder ist der Lack bereits nach einer Staffel ab und zeigen sich vielleicht sogar verfrühte Ermüdungserscheinungen? Nicht wenige Serien, die in ihrem ersten Jahr groß auftrumpfen und völlig zu Recht hochgejubelt werden, haben in ihrem „verflixten zweiten Jahr“ zu kämpfen - mit der Höhe der Messlatte, die man sich selbst gelegt hat oder auch mit den gesteigerten Erwartungen der Zuschauer. Man möchte den Nachweis antreten, dass man nachhaltig sehenswerte Folgen auf die Beine stellen kann und dafür schrauben Serienmacherinnen und -macher gerne mal an der bewährten Formel ihrer Erzählung, um eine gewisse Frische und Unverbrauchtheit zu wahren.
Im Vorfeld der zweiten Staffel von „Sex Education“ hatte ich unter anderem exakt diese Befürchtung. Ebenso machte ich mir viele Gedanken darüber, ob die Prämisse des Formats - ein stocksteifer Außenseiter, dessen Mutter als Sexual- und Beziehungstherapeutin arbeitet, schließt sich mit einer cleveren, aber auch sehr verschlossenen Rebellin zusammen, die gemeinsam gegen gutes Geld hilfreiche Sexratschläge an ihre Mitschülerinnen und Mitschüler verteilen - ihren Zauber nicht bereits verloren hatte. Ich wollte mehr von den etlichen vielschichtigen Charakteren und ihren Beziehungen untereinander sehen, doch der Aufhänger der Geschichte erschien mir nach Staffel eins etwas erschöpft. Umso sorgenvoller war ich nach der ersten Episode der neuen Staffel, in der viel dafür getan wird, den alten Status quo wiederherzustellen, wodurch es für die sex clinic unserer beiden Hauptfiguren Maeve (Emma Mackey) und Otis (Asa Butterfield) wie gehabt weitergehen könnte. Mein Interesse an diesem Teil der Erzählung ist aber einfach abgeflacht. Wird nun erneut viel Zeit in diesen Aspekt investiert, der von Anfang mehr Mittel zum Zweck als alles andere war?
Die kurze Antwort auf diese Frage: Nein. Nach ein klein wenig Stühlerücken zu Beginn der zweiten Staffel, in der Otis' Mutter Jean (Gillian Anderson) sich recht fix an dessen Schule in der Position als „Beziehungs- und Sexseelsorgerin“ - sowohl für die Schülerschaft als auch für den gesamten Lehrkörper und darüber hinaus... - wiederfindet, bricht „Sex Education“ auf zu zahlreichen neuen Ufern, die man zum Ende von Staffel eins bereits in der Ferne sehen konnte und die jetzt erfolgreich angesteuert werden. Aufgrund Jeans Anwesenheit an der Moordale High School sind die Talente ihres Sohnes als „Sex Kid“ schnell nicht mehr wirklich gefragt. Und so werden uns Zuschauern fortan nicht die Ängste, Sorgen und Probleme der Charaktere via vertrauensvollen Vier-Augen-Gesprächen auf einem verlassenen Toilettenhäuschen offenbart, sondern vielmehr über einen direkten Blick in die Leben junger (und auch älterer) Menschen, die vom Leben und der Liebe in schöner Regelmäßigkeit schrecklich verwirrt, überfordert und überwältigt sind sowie mehr als einmal komplett auf dem falschen Fuß erwischt werden.
Aus „Sex Education“ wird so schlagartig nicht etwas ganz anderes, sondern schlichtweg mehr: „Love Education“. „Relationship Education“. „Life Education“.

Love is the drug
Sex Education hat sich bereits in der ersten Staffel ein starkes Gerüst an mannigfaltigen Charakteren aufgebaut, von denen viele aber zunächst glorifizierte Randerscheinungen darstellten. Selbst Gillian Anderson fand sich zeitweise für den Geschmack vieler Zuschauer zu oft auf der Ersatzbank wieder, der Fokus lag unmissverständlich auf Maeve, Otis und seinem besten Freund Eric (Ncuti Gatwa), dessen herzerwärmender Handlungsstrang um seine offene Homosexualität eine der großen Stärken der ersten Staffel war. Andere Figuren, so zum Beispiel die eigenwillige Lily, Vorzeigeathlet Jackson oder auch der missverstandene Bully Adam, bewegten sich stets im Orbit der drei Hauptfiguren und bekamen dabei ihre Anteile, aber eben in Maßen. In der zweiten Staffel lösen sich die vielen Nebencharaktere nun deutlich von den vermeintlichen Fixpunkten der Erzählung. Diese dienen nach wie vor als Säulen und verlässliche Rückzugsorte, doch eine Abhängigkeit von ihnen ist weniger spürbar, als es noch in Staffel eins der Fall war.
Und das ist großartig. Das gesamte Ensemble von „Sex Education“ wird somit gefordert und so ist es fast schon bedauerlich, dass uns erneut nur acht Episoden zur Verfügung stehen, um Zeit mit dieser Vielzahl an komplexen Figuren zu verbringen. Laurie Nunn macht jedoch das Beste aus dem, was sie sich selbst gegeben hat, und einen gemäßigten Ansatz ziehe ich ohnehin viel lieber den unschönen Begleiterscheinungen einer Übersättigung an Inhalten (zu lange, ausufernde Staffeln sind im Hause Netflix kein unbekanntes Problem) vor. So konstruiert sie mit ihrem Team um die Regisseure und Regisseurinnen Ben Taylor, Alice Seabright und Sophie Goodhart eine sehr dichte Staffel, in der sich die Ereignisse gerne mal ein Stück weit überschlagen, sich etwaige Charakterentwicklungen aber selten gehetzt anfühlen und das Verhalten der Protagonisten zumeist nicht nur Sinn ergibt, sondern auch absolut nachvollziehbar ist und bisweilen zutiefst zu Herzen geht. Man kann durchaus von einem mittelgroßen Kunststück sprechen, denn all diese verschiedenen Persönlichkeiten so erfolgreich zu jonglieren, ihnen gebührend Raum zur Entfaltung zu geben und gleichzeitig das eigene „Spektrum“ zu erweitern, ist kein Selbstläufer.
Wenn man den neuen Episoden einen Vorwurf machen kann, dann, dass die Verantwortlichen fast schon etwas zu sehr in all ihre Beziehungen verliebt sind, die sie zwischen den Charakteren spinnen. Es wimmelt geradezu vor verzwickten Dreiecksbeziehungen, aus denen manchmal sogar äußerst seltene Fünfecksbeziehungen werden. Im Rahmen dieser Beziehungen gibt man sich dann gelegentlich dem altbekannten „Will-they-won't-they“-Hickhack hin, ein beliebtes Element des Genres, das sich jedoch schnell abnutzen und für den außenstehenden Beobachter belastend sein kann. Es ist verständlich, dass man auf ebenjenes geläufige Stilmittel zurückgreift, denn Liebe ist nicht einfach, es kann hin- und hergehen, Ausgang ungewiss. Dieser Eiertanz, in „Sex Education“ speziell von Otis und Maeve exerziert, strapaziert jedoch auch die Nerven. Glücklicherweise fängt sich das Format zwischenzeitlich, auch wenn das komplizierte Verhältnis zwischen Maeve und Otis bis zum Ende ein wichtiger Bestandteil der Geschichte ist. Laurie Nunn weiß jedoch um die Vorzüge ihrer Besetzung und dem Pool an Personen, auf den sie zurückgreifen kann. Und so verlagert sich das Rampenlicht, wie bereits erwähnt, auf andere, die mit Bravour ihren Teil der erzählerischen Last tragen.
Da wäre zum Beispiel Aimee Lou Wood, die Aimee spielt, die treuherzige beste Freundin von Maeve. In Staffel eins oft noch als auflockernder comic relief-Charakter genutzt, findet sie sich nun in einem sehr ernsten, tragischen und persönlichen Handlungsstrang wieder, in dem es um Themen wie sexuelle Nötigung und Belästigung geht. Mit einfachen Mitteln konzipiert man hier eine unglaublich tiefgreifende, emotionale Nebengeschichte, die die furchtbaren Folgen sexuellen Missbrauchs gekonnt herausstellt, ohne sich gängiger Tropen und Opferklischees zu bedienen. Den Schlusspunkt von Aimees Leidensweg setzt man dann mit einem tollen, solidarischen Bild, das mehr als tausend Worte sagt. Auch Jackson Marchetti (Kedar Williams-Stirling), Starschwimmer der Schule, bricht aus seiner vorgefertigten Rolle heraus und setzt sich mit dem auseinander, wie sein Leben eigentlich aussieht: dass er alles andere als glücklich ist und was er in Wirklichkeit machen will. Eine neue Leidenschaft entbrennt in ihm, gleichzeitig geht von seinem Elternhaus gewaltiger Druck aus, seine angehende Karriere als Spitzensportler nicht zu vernachlässigen. Jackson öffnet sich uns als fast schon brandneue Figur - verletzlich, unsicher und dringend nach Hilfe suchend, die er letztlich auch in Form einer neuen, platonischen Stütze erhält.

This is how it works
Das sind nur zwei von vielen anderen Charakteren in der zweiten Staffel von Sex Education, die nun mehr Beachtung als noch zuvor finden. Eric ist weiterhin eine sichere Bank (auch dank der unverändert energetischen Darbietung von Ncuti Gatwa) und erhält verdientermaßen noch mehr Screentime, findet er sich doch in einer aufregenden Beziehung zu einem neuen Mitschüler wieder, während es ihn gleichzeitig zu seinem ehemaligen Peiniger Adam (Connor Swindells) hinzieht. Auch dieser wird näher beleuchtet, wenngleich erst im zweiten Teil der Staffel, isoliert ihn die Erzählung doch lange Zeit von den anderen Figuren. Otis' Freundin Ola (Patricia Allison) durchläuft eine unerwartete Entwicklung und am Ende geht abermals der Stern von Lily (Tanya Reynolds) auf, während mit Neuzugängen wie der hochintelligenten Viv (Chinenye Ezeudu) sowie dem im Rollstuhl sitzenden Isaac (George Robinson), welcher mit seiner Nachbarin Maeve anbandelt, das Ensemble durchdacht erweitert wird. Aber nicht nur das: Die Bandbreite an Themen, ob Sexualität, sexuelle Orientierung oder ganz beiläufige Alltagsprobleme betreffend, wird mit der breitgefächerten Aufstellung an unterschiedlich tickenden Figuren noch viel größer, interessanter und vor allem repräsentativer.
Gelegentlich entsteht der Eindruck, dass man sich etwas übernimmt und am Ende eventuell doch nicht genug Zeit übrigbleibt, um jeder Facette der Serie gerecht zu werden. Doch dank pointierter Aussagen, einem exzellenten Gespür für die Befindlichkeiten und Ängste von jungen Menschen und dem bewährten Charme der Serie kann man derartige Defizite leicht auffangen. Zusätzlich setzt man sich mehr als noch in Staffel eins mit den Erwachsenen auseinander, die im Leben der liebestollen Teenager keine unbedeutende Rolle spielen. Dabei geht es aber nicht nur darum, dass das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern immer wieder voller Hochs und Tiefs ist. Nein, Charaktere wie Jean, die eine neue, manchmal beängstigende Lebensphase durchläuft, ihr Freund Jacob (Mikael Persbrandt), Otis' Vater Remi (James Purefoy, von dem man nie genug haben kann), verschiedene Lehrer an der Schule und sogar der bornierte Rektor Mr. Groff (Alistair Petrie) erhalten neue Aufmerksamkeit. Dadurch entsteht ein spannendes Gegengewicht zur zentralen Idee der Serie und es wird gut aufgezeigt, dass Fragen bezüglich Beziehungen, ob freundschaftlich oder sexuell, natürlich generationenübergreifend sind und bestimmte Probleme nicht einfach aufhören, wenn man eine magische Altersgrenze überschritten hat.
Es scheint fast so, als hätte sich Laurie Nunn nach dem Ende der ersten Staffel von „Sex Education“ hingesetzt und trocken runtergeschrieben, was in den ersten acht Folgen der Netflix-Serie noch alles fehlte. Diese Lücken werden jetzt gefüllt, wobei nach wie vor genug Platz ist, weitere neue Geschichten und Figuren zu entwerfen, die die Welt von „Sex Education“ bereichern und kompletter machen könnten. Interessant ist übrigens, dass der Faktor Sex im Vergleich zur ersten Staffel gefühlt ein wenig zurückgeschraubt wird. Es geht phasenweise immer noch ordentlich zur Sache, genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, sind jedoch die emotionalen Konsequenzen, die sich aus einer körperlichen Beziehung zu einer anderen Person ergeben. „Sex Education“ geht so schlussendlich mehr in die Tiefe (pun intended), präsentiert sich noch offenherziger, nachdenklicher und multidimensionaler, was eine bemerkenswerte Entwicklung des Formats ist, das es sich auch viel einfacher hätte machen können.
Tut Sex Education aber nicht. Ein Glück. In nicht vielen anderen Serien sonst wird so direkt, authentisch und auch spielerisch-positiv mit Sexualität umgegangen. Das zeigt eine der absoluten Highlightfolgen (wenn ihr zuvor die wilde sechste Episode überlebt hat, die an Fremdscham nur schwer zu überbieten ist) dieser zweiten Staffel, die finale achte Episode, in der wir Zeugen einer äußerst ausgefallenen Interpretation von Williams Shakespeares „Romeo und Julia“ in Form eines postmodernen Erotik-Musicals werden. Für solche lauten, aufregenden Dinge ist „Sex Education“ immer wieder gut, ebenso wie für die leisen, berührenden Momente, die mit wunderbaren Songs unterlegt werden, welche die Bedeutung mancher Szene hier und da eventuell etwas zu offensichtlich unterstreichen, aber hinsichtlich der Gemütslage der Charaktere - und auch von uns Zuschauern - von Mal zu Mal den perfekten Ton treffen. Besser als der abschließende Song der Staffel (kein Spoiler an dieser Stelle!) kann man keine Schleife um eine zweite Staffel machen, die der ersten Staffel in nicht viel nachsteht und diese bisweilen vielleicht sogar überflügeln kann.
Hier abschließend noch der Trailer zur zweiten Staffel der Serie „Sex Education“:
«Sex Education» Trailer
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