Scandal 4x19

Die Neulinge in der Episode I'm Just a Bill werfen die gestandenen Profis aus der Bahn. Sowohl im Weißen Haus als auch in der Kanzlei findet ein Austausch statt. Der große Schock kommt ganz am Ende. Kann das der Ernst der Scandal-Autoren sein? Wir müssen abwarten und uns fürs Erste auf die Ereignisse davor konzentrieren.
Do not feed the pigeon!
Rowan (Joe Morton) feiert seine Rückkehr mit einer typisch grenzwertig-verrückten Darbietung. Sowohl seine Rede am Anfang als auch die am Ende der Episode I'm Just a Bill kann einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Selbst wenn er sich von seiner weniger psychopathischen Seite zeigt, klingt der Mann, als wenn er seine Tochter konstant mit einem furchtbaren Tod bedroht.
So widerlich sein Ton auch ist, er hat Grund zur Schadenfreude. Olivia (Kerry Washington) ist in einer Zwickmühle, sie muss sich entscheiden zwischen der Wahrheit und der Bequemlichkeit. Die Wahrheit über B-613 wird auch die Wahrheit über den Flugzeugabschuss durch Fitz an die Öffentlichkeit bringen und seine Karriere zerstören. Olivia und viele andere haben alles für die Karriere des Präsidenten gegeben, über die Staffeln haben gar Menschen ihr Leben verloren, alles nur, damit der Status quo gehalten werden kann. Davids Ermittlungen machen jedes Opfer, das sie gebracht hat, überflüssig, jedes Leid, jede Verletzung, jeden Toten - alles verliert seinen ohnehin fragwürdigen Sinn.
Olivia ist nicht die einzige, die in der Episode I'm Just a Bill in dieser Zwickmühle steckt. Marcus (Cornelius Smith Jr.), der Mann, den wir in der Episode The Lawn Chair als Vertreter der Entrechteten und Kämpfer für die Gerechtigkeit kennengelernt haben, muss dieselbe Entscheidung unter nur marginal anderen Umständen treffen.
Wahrheit oder Karriere, das ist die Wahl, vor die Marcus von Olivia gestellt wird. Wir sehen die Entscheidung nicht, aber das Gespräch im Wagen zeigt, in welche Richtung er sich spontan gelehnt hat: die der Karriere. Es ist auch der Weg, auf dem Olivia seit einiger Zeit unterwegs ist. Die beiden sind keine besonders herausstechenden Machtmenschen mit Geltungsanspruch, sie treffen diese Entscheidung nicht einmal in erster Linie, weil sie damit die Zahl auf ihrem Bankkonto erhöhen können oder sich glanzvolle Titel auf die Visitenkarten drucken dürfen.
Sie tun es, weil es der Weg des geringeren Widerstandes ist. Olivia könnte den US-Präsidenten aus seinem Sitz schleudern, Marcus den Bürgermeister von Washington, D.C. Beide potentielle Skandale würden hohe Wellen schlagen und das Weltbild aller Beteiligten aus den Angeln heben. Dazu kommt, dass die Auflehnung und die Offenbarung der Wahrheit kein Garant für eine bessere Welt sind. Die Umwälzungen würden ein Vakuum hinterlassen, das sich neu füllen würde. Wer sagt, dass der nächste US-Präsident nicht seine eigenen Leichen im Keller des Weißen Hauses ablegt?
Olivia verfolgt schon lange die Strategie, den Status quo zu verteidigen, Marcus trifft die Entscheidung unter Druck. Er ist der frische Wind in Olivias Leben, das hat sich schon in der Episode The Lawn Chair gezeigt. Dort hat sein Engagement zu einem Umdenken bei Olivia geführt. Nach reiflicher Überlegung hat sie auf die Seite der Protestierenden gewechselt - das alles war Marcus zu verdanken. Es ist der typische Fall: Er erinnert Olivia an sich selbst, bevor sie vom politischen Betrieb gefressen wurde. Als sie noch Ideale hatte, als sie an etwas geglaubt hatte, kurz: Als sie den weißen Hut wirklich noch auf dem Kopf hatte.
Die Rede, die sie Marcus über die Folgen der Kompromisse hält, ist fast ein bisschen überflüssig. Auch so kann man deutlich erkennen, dass sie sich durch Marcus inspiriert fühlt, in einer furchterregenden Entwicklung die Bremse zu ziehen. B-613, der geheime Staat im Staat, hat nur Geheimnisse, Tote und Leid gebracht und jetzt endlich sieht Olivia ein, dass er zu Fall gebracht werden muss, koste es, was es wolle. Das ist nicht die Zeit, alte Ereignisse zu verschleiern. Einen Neuanfang kann es nur geben, wenn die Geheimnisse an die Öffentlichkeit kommen. Vielleicht werden wir Marcus nun auch mal häufiger sehen, was schön wäre. Denn auch für uns ist er Frischfleisch in einer Masse von Menschen, die alle mit dem System unter einer Decke stecken. Auch David, der sich im Moment als Rächer der Wahrheit zeigt, hat eine so verdrehte Vergangenheit, dass der weiße Hut mehr als nur ein bisschen wackelt.
Für Olivia wird es auch Zeit, die Notbremse zu ziehen. Soll das Gespräch in der Limousine wirklich andeuten, dass sie den Bürgermeister mit dem Mord an seiner Frau davonkommen lassen würde, wenn er von der Wahl zurücktritt - nur, damit das politische Gebäude nicht zusammenbricht?
I have one more question
Ein weiterer Neuling ist die Vizepräsidentin Susan (Artemis Pebdani), die uns schon so manchen überraschenden Lacher verschafft hat. Auch in der Episode I'm Just a Bill) bleibt sie weiterhin unterhaltsam. Doch sie wird auch eine ernst zu nehmende Bedrohung für das politische Trio aus Fitz (Tony Goldwyn), Mellie (Bellamy Young) und Cyrus (Jeff Perry). Ihr Plan hätte so schön aufgehen können. Sie holen sich einfach einen zahnlosen Tiger auf den vakanten Posten und planen unter der Hand weiterhin fröhlich die Zukunft des Landes - alles wie üblich.
Doch der Überwachungsapparat hat versagt. Statt lediglich einer fröhlichen Hausfrau steckt in Susan auch eine versierte Juristin und eine selbstbewusste Politikerin, die selbst dem US-Präsidenten die Stirn bietet.
Fitz' Rede ihr gegenüber reicht schon fast an Rowans Ansprachen heran. Er sagt das, was alle Mächtigen sagen, wenn sie die Neulinge kleinhalten und ihre eigene Macht sichern wollen. Fitz hat als Figur schon einiges eingesteckt. Immer wieder flackern sympathische Züge in ihm auf, aber wenn es darum geht, jemanden die alltäglichen Grausamkeiten der alten Machtelite unterzuschieben, dann wenden die Scandal-Autoren sich stets an ihn. Zumindest, falls Cyrus nicht zufällig auch gerade dabeisteht. Doch der Chief of Staff ist in der Regel mehr die graue Eminenz, die andere umbringen lässt, falls nötig. Er repräsentiert die Menschen, von denen wir nicht wissen, ob es sie in Wirklichkeit gibt oder ob sie ins Reich der fantastischen Verschwörungstheorien gehören.
Waaaaaaas?
Zu guter Letzt müssen wir uns dem großen Schocker der Episode I'm Just a Bill zuwenden: Olivias Lover ersticht Jake (Scott Foley)! Ein Überleben scheint höchst unwahrscheinlich.
An der Figur Franklin Russell (Brian White) haben die Scandal-Autoren sich mal wieder ausgelebt. Am Ende der letzten Episode sah es so aus, als wenn er auf Rowans Gehaltsliste stünde. Der Anfang dieser Episode zeigt, dass es anders ist. Letztendlich kehren sie in einer doppelten Drehung dann doch wieder dahin zurück, dass Olivias Vater die Fäden in der Hand hält. Wobei wir auch daran denken müssen, dass Jake in dieser Episode vor allem Fitz schadet. Stehen ihr Vater und ihre große Liebe vielleicht doch auf einer tief vergrabenen Ebene auf einer Seite?
In jedem Fall ist es mehr als unfair, dass es jetzt ausgerechnet Jake erwischt. Ja, er ist ein Mörder und er hat sicher nicht alles richtig gemacht. Doch im größeren Zusammenhang war er der Beste für Olivia, ihr gegenüber der Aufrichtigste, die Wahl, die sie glücklich gemacht hätte. Und auch für uns war Fitz einer der Guten. Er hat sich trotz Verspätung schnell zum Sympathieträger hochgearbeitet und das Ärgerlichste an seiner Figur war, dass er so oft von den „Scandal“-Autoren vergessen wurde. So auch in den letzten Episoden. Auch das macht das Ende noch unglaublicher. Kann das ein würdiger Abschied sein für den Mann, mit dem Olivia in der Sonne gestanden hat?
Fazit
Die Episode I'm Just a Bill erinnert Olivia daran, was sie eigentlich will: den weißen Hut. In den Ereignissen um den jungen Bürgermeisterkandidaten Marcus lässt sie sich inspirieren, die Notbremse zu ziehen und endlich die Geheimniskrämerei zu beenden. Doch sie hat ihren Gegner unterschätzt, denn der - welcher von allen auch immer es ist - nimmt ihr die momentan einzige Möglichkeit auf eine aufrichtige Beziehung: Jake. Zurück bleiben ein verheirateter Mann, der zwischen Patriarchalismus und kompletter Unfähigkeit pendelt und ein Mörder, der auf der Gehaltsliste ihres Vaters steht, der Archetyp des Feindes in ihrem Bett.
Promo zur Episode „First Lady Sings the Blues“ (4x20) der US-Serie „Scandal“:
Verfasser: Serienjunkies.de am Freitag, 17. April 2015(Scandal 4x19)
Schauspieler in der Episode Scandal 4x19
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?