Jetzt ist auf dem US-Kabelmarkt also auch der Sundance Channel mit eigenproduzierten Serien unterwegs. Nach der BBC-Koproduktion Top of the Lake bringt er mit Rectify ein weiteres Serienkleinod heraus.

Das passiert in Always There, der Pilotfolge von Rectify:

Daniel Holden (Aden Young, The Starter Wife) ging noch zur High School, als er wegen der Vergewaltigung und des Mordes an seiner Freundin festgenommen und zum Tode verurteilt wurde. Grundlage fĂŒr das Urteil war neben Zeugenaussagen vor allem ein GestĂ€ndnis des Beschuldigten. Eine neue DNA-Untersuchung zeigt jedoch, dass sich die Samenspuren in der Leiche nicht ihm zuordnen lassen. Und so wird Daniel, nachdem er fast zwanzig Jahre im Todestrakt auf seine Hinrichtung gewartet hat, auf einmal freigelassen - und sieht sich mit einer Welt konfrontiert, auf die er nicht vorbereitet ist.

Seine Familie hat sich verĂ€ndert: Seine Mutter Janet (J. Smith Cameron) hat neu geheiratet, wodurch Stiefvater Ted Senior (Bruce McKinnon) und die StiefbrĂŒder Ted Junior (Clayne Crawford) und Jared (Jake Austin Walker) sowie Teds Frau Tawney (Adelaide Clemens) nun mit am Familientisch sitzen. Sie alle wissen nicht so recht, wie sie mit dem frisch aus dem GefĂ€ngnis entlassenen Daniel umgehen sollen. Einzig seine Schwester, die kĂ€mpferische Amantha (Abigail Spencer, HawthoRNe), hĂ€lt vorbehaltlos zu ihm. Und diesen RĂŒckhalt hat er auch sehr nötig: Denn der ehemalige AnklĂ€ger in seinem Fall, der mittlerweile zum Senator aufgestiegene Roland Foulkes (Michael O'Neill), ist nach wie vor von Daniels Schuld ĂŒberzeugt und wĂŒrde ihn gemeinsam mit dem Sheriff (J.D. Evermore) nur all zu gerne wieder hinter Gittern und auf den elektrischen Stuhl bringen...

Existenzielle Verunsicherung

Rectify ist ein leises, aber ungemein intensives SĂŒdstaaten-Drama, welches die Frage nach Daniels Schuld oder Unschuld zwar mitbehandelt, aber gar nicht mal so sehr in den Mittelpunkt stellt. Vielmehr ist es eine Serie, in der es um einen geradezu existenziellen Zustand der Unsicherheit und Verunsicherung geht. Die zwanzig Jahre, in denen Daniel im GefĂ€ngnis gewesen ist, haben feste Routinen der Wahrnehmung und des Denkens und des Zusammenlebens geschaffen, die mit seiner ĂŒberraschenden Entlassung vollkommen aus den Fugen geraten.

Daniel ist verunsichert, weil sich seine Welt und das, was er vom Leben zu erwarten hat, von einem Tag auf den anderen so grundlegend verĂ€ndert haben. Er trifft auf eine Außenwelt, die ihm völlig fremd geworden ist. Da, wo er die letzten Jahre verbracht hat, in einer fensterlosen Zelle, gab es keine Farben, keine Jahreszeiten, keinen Regen - und nur sehr begrenzten und dann auch nicht immer unbedingt erfreulichen Kontakt zu anderen Menschen. Trotzdem - und das ist das Bemerkenswerte an den eingeflochtenen RĂŒckblenden - schien er in der Todeszelle viel souverĂ€ner und sicherer, als er es nun in der Welt außerhalb der GefĂ€ngnismauern ist. Der Todestrakt hat sein Leben und seine tagtĂ€glichen Routinen geprĂ€gt, die auf einmal fort sind.

War er es oder nicht?

Daniels Verunsicherung steigert wiederum die Unsicherheit der Menschen um ihn herum: Wie sollen sie mit ihm umgehen? Wie spricht man, wie verhĂ€lt man sich in Gegenwart einer Person, deren Leben von einer so fundamentalen Erfahrung wie einer fĂ€lschlichen Verurteilung zum Tode gekennzeichnet ist. Wenn es denn eine fĂ€lschliche Verurteilung gewesen ist. Denn gerade im angeheirateten Teil der Familie besteht darĂŒber ebenfalls Unsicherheit: War er es oder war er es nicht? Sie wissen es nicht. Sie kennen ihn ja schließlich kaum oder gar nicht.

Und dann sind da noch die ganz praktischen Dinge, wo alle Sicherheiten und VerlĂ€sslichkeiten auf einmal futsch sind: Ted Junior glaubte bislang sicher, dass er das FamiliengeschĂ€ft ĂŒbernehmen wĂŒrde. Doch was ist, wenn Daniel die ihm rechtmĂ€ĂŸig zustehende Rolle einfordern sollte? Und welche Auswirkungen hĂ€tte es auf das GeschĂ€ft, wenn Daniel dort arbeiten wĂŒrde? Schließlich halten viele im Ort ihn immer noch fĂŒr den Mörder.

Politisches Kapital

Die Einzigen, die so gar keine Unsicherheit zeigen, sind der Sheriff und der ehemalige Staatsanwalt, die beide felsenfest von der Schuld Daniels ĂŒberzeugt sind. Bezeichnenderweise sind die beiden, fĂŒr die Zweifel ein Fremdwort zu sein scheint, in Rectify am ehesten das, was man als Antagonisten nennen könnte. Vor allem natĂŒrlich der ehemalige AnklĂ€ger, der aus der fortgesetzten Kampagne gegen Daniel nicht zuletzt in seiner neuen Rolle als Senator politisches Kapital zu schlagen versucht.

Als ein Drama, welches in vielen kleinen alltÀglichen Details die schwerwiegenden Konsequenzen einer fÀlschlichen Verurteilung erfahrbar macht, ist Rectify - zumal in den USA - ganz automatisch auch ein sehr politisches Drama, wobei sich dieser Aspekt jedoch nicht ins Zentrum drÀngt, sondern eher im Hintergrund mitlÀuft, was möglicherweise auch viel effektiver ist. Rectify predigt nicht, sondern geht unter die Haut.

Eindringlich

Die schauspielerischen Leistungen sind alle durch die Bank weg vorzĂŒglich. Die einzige kritische Nachfrage geht allenfalls in die Richtung, inwieweit das Konzept als eine langlaufende Serie tragfĂ€hig ist. Das ist auch nach den beiden folgenden Episoden noch nicht ganz klar zu beurteilen. Das wird nur die Zeit lehren.

Feststeht auf jeden Fall, dass dem Sundance Channel mit Rectify ein bemerkenswertes StĂŒck Fernsehen gelungen ist. Nicht so sehr spannend im herkömmlichen Sinne, sondern eher eindringlich, faszinierend, dicht an den Figuren.

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