Rectify 4x08

Rectify 4x08

Das Serienfinale von Rectify überrollt uns treue Fans und wenige Zuschauer mit einer wahren Emotionslawine. Schöpfer Ray McKinnon erntet darin mit beiden Händen, was er über vier Jahre hinweg gesät hat. Heraus kommt Fernsehen von allerhöchster Güte.

Ein grandioses Ende in grandiosen Bildern / (c) Sundance
Ein grandioses Ende in grandiosen Bildern / (c) Sundance
© in grandioses Ende in grandiosen Bildern / (c) Sundance

Am Ende der kaum beachteten Sundance Channel-Serie Rectify steht eine einfache Erkenntnis: „Life is good today.“ Für Daniel Holden (Aden Young) ist das eine Besonderheit. Nach 20 Jahren Folter und Gefängnis - und einigen Monaten zurück in der Freiheit - verspürt er zum ersten Mal wieder ein Gefühl der Hoffnung, einen zart aufkeimenden Optimismus, der ihm aber erst erklärt werden muss, weil er ihn so lange nicht mehr erfahren hat. Es ist der nahezu perfekte Abschluss einer der besten Serien der letzten Jahre.

A remarkable turn

Die Abschlussepisode All I'm Sayin' liefert bedeutungsvolle Momente im Überfluss. Man merkt Serienschöpfer Ray McKinnon, der hier Drehbuch und Regie übernahm, deutlich an, wie nachhaltig er seinen Abschied gestalten will. Dabei ist es nur ein Abschied von uns Zuschauern, das Leben der Protagonisten geht nämlich weiter - und das hoffnungsvoller, als sie es sich zu Beginn der Geschichte hätten vorstellen können. Trotzdem kippt die Stimmung nie ins Sentimentale, ins Kitschige. Es gibt zwar viele gute Nachrichten und wohlige Augenblicke, aber kein astreines Happy End.

In gewisser Weise schafft es Daniel, sein Leben außerhalb mit einer ähnlichen Überlebensstrategie wie im Gefängnis zu bewältigen. Um das zu verdeutlichen, bekommen wir eine Rückblende zu seiner damaligen Leidenszeit, wie wir sie schon lange nicht mehr gesehen haben. Diese beschert uns ein Wiedersehen mit Kerwin (Johnny Ray Gill), der schon lange tot ist, in Daniels Erinnerungen aber ein unendliches Leben führen wird - genau wie sein angebliches Mordopfer Hanna Dean. In der Szene bekämpfen „D“ und Kerwin mit einer Fantasie über einen Städteausflug die peinigende Isolation im Todestrakt.

Eine ähnliche Methode wendet er - von seinen neuen Freunden aus dem New Canaan Project dazu ermutigt - ganz am Ende an. In seinem Tagtraum taucht - für mich ziemlich überraschend - Chloe (Caitlin FitzGerald) auf, die er noch gar nicht so lange kennt und die sich gar nicht mehr richtig von ihm verabschiedete, bevor sie nach Ohio zu ihrer Familie aufbrach, um dort ihr Kind großzuziehen. So sieht seine Hoffnung aber aus, die Hoffnung vom einfachen Glück, das wenig überraschend mit der Gründung einer eigenen Familie einhergeht.

Daniel (Aden Young) hat den richtigen Weg für sich gefunden.
Daniel (Aden Young) hat den richtigen Weg für sich gefunden. - © Sundance

Schließlich war es Daniels Familie, die nie an seiner Unschuld gezweifelt hat - und nie aufgehört hat, dafür zu kämpfen. Das Finale belohnt sie alle dafür mit äußerst positiven Nachrichten, die sogar Daniels endgültige Entlastung für den Mord an Hanna möglich erscheinen lassen. Dank des nimmermüden Anwalts Jon (Luke Kirby) und des endlich einsichtigen Sheriffs Daggett (J.D. Evermore) wird der Fall noch einmal aufgerollt. Wir Zuschauer werden allerdings nicht mehr erfahren, wer der echte Täter ist (wenngleich Trey Willis (Sean Bridgers) schwere Anschuldigungen gegenüber Chris (Paul Fitzgerald) erhebt).

In good company

An der Auflösung des zentralen Mysteriums hatte Rectify nie ein gesondertes Interesse. Die Serie existiert vielmehr in den Zwischenräumen des Nichtwissens und der quälenden Unsicherheit. Das bedeutet allerdings nicht, dass es am Ende keine klaren Antagonisten gibt. Der damalige Staatsanwalt Roland Foulkes (Michael O'Neill) kann im Finale nur noch vom Bett aus zusehen, wie sich sein sinistres Lebenswerk in Luft auflöst. In dieser Geschichte gibt es keine Gewinner - nur diejenigen, die auf der richtigen Seite stehen, was angesichts der horrenden psychischen Qualen, die so viele Beteiligten auszustehen hatten und haben, kein allzu großer Trost ist.

Wir Zuschauer hingegen werden mit einem packenden Moment nach dem nächsten über das Ende dieses Serienjuwels hinweggetröstet. Den Beginn machen Janet (J. Smith-Cameron) und Amantha (Abigail Spencer) mit einem entwaffnend ehrlichen Gespräch, das seinerseits durch Janets Erinnerung an den Tag von Daniels Freilassung - aus der allerersten Episode - ausgelöst wird. Damals empörte sich die zu diesem Zeitpunkt noch viel giftigere Amantha gegenüber ihrer Mutter: „Why can't you be happy for one moment?

Dieses Glück scheint Janet nun gefunden zu haben, weil sie weiß, dass ihr ältester Sohn nach viel zu langer Zeit zumindest ein paar Gründe dafür hat, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Selbiges gilt für ihre übrigen Wegbegleiter. Amantha hat sich in einem Leben eingerichtet, das sie in früheren Jahren für unvorstellbar gehalten hätte - in ihrer kleinen, engen Heimatstadt Paulie als Managerin eines Billigsupermarkts, liiert mit ihrem ehemaligen Mitschüler Billy (Nathan Darrow). Selbst der bemitleidenswerte Ted Sr. (Bruce McKinnon) kann aufatmen, scheint seine Ehe zu Janet doch wieder auf festem Fundament zu stehen.

Die Familie lauscht gebannt den Nachrichten.
Die Familie lauscht gebannt den Nachrichten. - © Sundance

Ted Jr. (Clayne Crawford) - die Figur mit der bemerkenswertesten Charakterentwicklung der gesamten Serie - hat hingegen seinen Frieden gemacht mit der endgültigen Trennung von Tawney (Adelaide Clemens). Wirklich traurig müssen wir - und er - darüber aber nicht mehr sein, schließlich war das ganz offensichtlich die beste Entscheidung, die die beiden hätten treffen können. Darüber dürfte sich Teddy bewusst sein, bemüht er sich doch darum, Tawney weiterhin als Teil der Familie in deren Aktivitäten einzubeziehen.

Here I am, still, for some reason

Um zu all diesen Einsichten zu gelangen, mussten sämtliche Charaktere einen steinigen Weg beschreiten, der bisweilen körperliche Blessuren, viel öfter aber emotionale Wunden hinterließ. Und so richtig der beschrittene Pfad momentan auch sein mag - gemeinsam betreten sie ihn nicht. Derzeit bleibt Janet, Amantha, Teddy und Tawney nur das Telefon, um mit Daniel zu kommunizieren. Zwecks der eigenen Selbstfindung will er das so, was dem emotionalen Tiefgang der diversen Telefonate aber keinen Abbruch tut. Die Gespräche sind allesamt mitreißend, berührend, witzig und traurig zugleich - wie die Serie selbst.

Sie erzählt eine echte, eine realistische Geschichte, garniert diese aber mit allerlei spirituellen, esoterischen und transzendentalen Ideen, ohne sich jemals auf kitschige Allgemeinplätze zu verlassen. Daniel ist hochintelligent, aber psychisch schwer geschädigt. Er braucht viel Hilfe, um einem furchtbaren Trauma zu entkommen, in das er nahezu völlig schuldlos - zumindest sieht es derzeit danach aus - geraten ist. Dank seiner Familie und seiner Freunde fühlt er sich nun aber, zum ersten Mal seit mehreren Jahrzehnten, dazu bereit, optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Wer die Serie - und meine Reviews - bis zu ihrem Ende verfolgt hat, dem muss man kaum ein weiteres Mal erzählen, wie fantastisch die Darstellungen der gesamten Schauspielriege sind. Weil diese im Finale aber erneut hervorragend waren, soll das hiermit noch einmal geschehen. Selbiges gilt für die exquisite musikalische Untermalung von Gabriel Mann sowie die herausragende Kinematografie, dank derer wir in All I'm Sayin' so oft an vergangene große Momente erinnert werden.

Schon, als ich den Vorspann - mein all-time favorite - zum letzten Mal sah, wusste ich, dass ich diese Episode nicht tränenlos überstehen werden würde. Die Gedanken an sie und an Rectify werden mich sicherlich für lange Zeit begleiten. Mehr kann man sich von einer Serie nicht wünschen.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 15. Dezember 2016

Rectify 4x08 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 8
(Rectify 4x08)
Deutscher Titel der Episode
Das laute Schweigen
Titel der Episode im Original
All I'm Sayin'
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 14. Dezember 2016 (Sundance TV)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 26. Januar 2017

Schauspieler in der Episode Rectify 4x08

Darsteller
Rolle
Aden Young
Luke Kirby
Bruce McKinnon
Jake Austin Walker
Michael O'Neill

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