Rectify 3x06

Genau wie ihre Hauptfigur Daniel Holden (Aden Young) ist die Dramaserie Rectify eine wundersame Anomalie. Das Finale der dritten Staffel, The Source, kam auf Einschaltquoten, die selbst für einen kleinen Nischensender wie Sundance miserabel sind. Gerade einmal knapp über einhunderttausend Zuschauer wollten sehen, wie sich Daniel in sein selbst gewähltes Exil aufmacht. Und trotzdem entschied sich der Sender schon vor der Abschlussepisode, seinem Format eine weitere Staffel zu spendieren. Chapeau für so viel Chuzpe!
The perfectly strange goodbye of Daniel Holden
Von der Zuschauerschaft verschmäht, bei der Kritik gefeiert - das ist nun wahrlich keine neue Dichotomie in der Bewertung von Kunst. Dass eine Serie mit einem solch niedrigen Zuspruch mindestens vier Staffeln bekommt, ist sicherlich eine der positiven Auswirkungen der jüngsten Entwicklungen auf dem amerikanischen Fernsehmarkt. Manche warnen da schon vor einer Blase, die bald platzen müsste, und dass viele großartige Serien kein Publikum fänden, weil es zu viele gute Serien gäbe, die die Kanäle verstopften.
Rectify kann nun als Argument für beide Sichtweisen herhalten: ohne Blase wahrscheinlich kein „Rectify“, wegen der Blase aber auch keine Zuschauer für „Rectify“. Wie auch immer die genauen Zusammenhänge sein mögen - wir müssen dankbar sein, dass solche wunderbaren Kleinode immer noch produziert werden und dieses goldene Zeitalter des Fernsehens in die Länge ziehen. Die dritte Staffel bestätigt indes die hervorragende Qualität dieses herrlich unkonventionellen Formats. Serienschöpfer Ray McKinnon entschied sich darin, zur reduzierten Episodenanzahl der ersten Staffel zurückzukehren (die zweite verfügte über zehn Episoden).
Die Reduktion bedeutete, dass manche Handlungsbögen weniger Aufmerksamkeit bekommen würden als zuvor. Die Beziehung zwischen Daniel und Tawney (Adelaide Clemens) - ein Fokus der zweiten Staffel - wurde hier auf eine Traumsequenz beschränkt. Stattdessen beschäftigte sich die Staffel mit der bitteren Trennung von Tawney und Teddy (Clayne Crawford), die einen großen emotionalen Eindruck hinterlässt, weil Teddy in der zweiten Staffel von McKinnon und seinem Autorenteam so hervorragend zu einer voll ausgeformten menschlichen Figur gemacht worden war.

Die Szene in The Source, in der Teddy aus dem gemeinsamen Haus auszieht und sogar anbietet, Tawneys Wunsch nachzukommen und die Schlösser auszuwechseln, ist von großer emotionaler Intensität, die nicht nur dem exzellenten Drehbuch, sondern vor allem den herausragenden schauspielerischen Leistungen der Darsteller zu verdanken ist. Dies ist die große Stärke der Serie - und überhaupt ihr Modus Operandi. Die Auswirkungen der Verurteilung und Freilassung von Daniel Holden auf sämtliche Familienmitglieder werden in aller schmerzlichen Genauigkeit ausgeleuchtet.
I was happy
Es ist wohl auch der reduzierten Folgenzahl geschuldet, dass vor allem im Staffelfinale das Erzähltempo im Vergleich zu den ersten beiden äußerst geduldig erzählten Staffeln angezogen wird. Es wäre ja durchaus vorstellbar gewesen, dass McKinnon die 30 Tage, die Daniel bleiben, bevor er seine Heimatstadt für mehrere Jahrzehnte verlassen muss, über mehr als eine Staffel ausweitet. So aber macht sich seine Hauptfigur gemeinsam mit Mutter Janet (J. Smith-Cameron) auf den angekündigten Roadtrip, der sie nach einem kurzen Umweg zum Gefängnis, das einen so großen Teil in Daniels Leben eingenommen hat, dass er es niemals wird vergessen können, an die Atlantikküste Georgias führt.
Zuvor gab es mehrere tränenreiche Abschiede - vor allem von den Menschen in Daniels Familie, deren Leben von seiner Inhaftierung am nachhaltigsten beeinflusst wurden. Seine Schwester Amantha (Abigail Spencer) verbrachte die Staffel damit, einen neuen Lebenssinn zu suchen, den sie in ihrem Job als Supermarktmanagerin wohl nur schwerlich finden wird. Ihre Beziehung zu Jon (Luke Kirby) ist über die Auseinandersetzung um die Exilierung ihres Bruders in die Brüche gegangen, wenngleich er im Finale noch einmal einen halbherzigen Versuch macht, sie zurückzugewinnen.
Obwohl er sich nach Boston verabschiedet, ist Daniels Fall für Jon noch lange nicht abgeschlossen, was unmittelbar mit den Ermittlungserfolgen von Sheriff Doggett (J. D. Evermore) zusammenhängt. Die Ermittlungen waren in dieser Staffel ein zentrales Element der Erzählung, was zu einem spannenden Katz-und-Maus-Spiel zwischen Doggett und Trey Willis (Sean Bridgers) führte, das im Finale in der Verhaftung Treys mündete. Aber auch er wird wegen eines falschen Mordes verhaftet, schließlich wissen wir, dass er über den Selbstmord von George Melton die Wahrheit sagt. Dennoch besteht weiterhin die Möglichkeit, dass Trey der Mörder von Hanna Dean sein könnte - genauso wie Daniel.

Die Suche nach dem wahren Mörder bleibt also ebenso spannend wie die Aufarbeitung all der emotionalen Wirbelstürme, die durch das Leben der Holdens und Talbots gefegt sind. Jon lässt sich von diesen Emotionen gar beinahe übermannen, als er den nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselten Senator Foulkes (Michael O'Neill) zu Hause aufsucht und ihm ankündigt, nicht ruhen zu wollen, bevor dessen Schuld in der Verurteilung Daniels nicht gänzlich aufgeklärt und öffentlich gemacht wurde.
Try to forgive yourself
Es sind diese Gefühle von Unsicherheit und Unrecht, die den gravierendsten Eindruck bei den Charakteren hinterlassen. Amantha hat sich gänzlich dem Ziel verschrieben, Daniel aus dem Gefängnis zu holen, und muss dann tatenlos zusehen, wie er sich in eine weitere - wenn auch weitaus angenehmere - Art Gefägnis verabschiedet. Auch die Beziehung ihrer Mutter zu Ted Sr. (Bruce McKinnon), die zu Beginn der Serie noch unzerstörbar wirkte, bekommt in dieser dritten Staffel starke Risse. Am Ende sitzen sie alle alleine da - Ted ohne Janet, Teddy ohne Tawney, Amantha ohne Jon.
Und trotzdem gibt es niemanden, der dafür verantwortlich gemacht werden könnte - außer natürlich der wahre Mörder von Hanna Dean. Aber, selbst wenn der im Laufe der Serie irgendwann einmal zweifelsfrei festgestellt würde, wäre der emotionale Flurschaden längst angerichtet. Doch auch hier gibt es einen Silberstreifen: Familienmitglieder, die zuvor keine oder nur eine schlechte Beziehung zueinander hatten, finden auf einmal zueinander. Amantha und Teddy nähern sich an, auch Vater und Sohn Talbot teilen einen Moment der Ehrlichkeit und gegenseitigen Zuneigung.
All diese zutiefst menschlichen Verwicklungen sind auch in der dritten Staffel wieder wunderbar anzusehen. Neben dem Drehbuch und den durchweg exzellenten darstellerischen Leistungen sind die erneut exquisite visuelle Umsetzung (die nur manchmal - hier in Tawneys Traumsequenz - zu außergewöhnlichen Mitteln greift) und der wunderbar melancholische Score hervorzuheben. Rectify ist wahrlich etwas Besonderes, obwohl - oder gerade weil - sie sich kaum um Konventionen schert. Sie ist wie Daniel - „still outside the norm“.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 17. August 2015(Rectify 3x06)
Schauspieler in der Episode Rectify 3x06
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