Rectify 2x10

Rectify 2x10

Mit dem Finale der zweiten Staffel beantwortet Rectify endgültig die Frage, ob die Geschichte in einer längeren Staffel ebenso fesselnd erzählt werden könnte. Wenige Tage nach der Verlängerungsnachricht können wir aufatmen, hinterlässt uns die Serie doch mit einigen losen Enden.

Daniel (Aden Young) und Tawney (Adelaide Clemens) finden nur kurz zueinander. / (c) Sundance
Daniel (Aden Young) und Tawney (Adelaide Clemens) finden nur kurz zueinander. / (c) Sundance

Die Finalepisode Unhinged krönt eine herausragende zweite Staffel der Sundance-Dramaserie Rectify. Obschon die Episode ungleich plotorientierter ist als ihre Vorgänger, kulminieren in ihr doch all jene Elemente, die diese ruhige, langsame Serie zu etwas ganz Besonderem machen. Rectify wird niemals Chancen bei einem Massenpublikum haben, entspricht jedoch ziemlich genau dem, was man sich von einer Sundance-Eigenproduktion vorstellt: lange, beinahe elegische Einstellungen, wenige Schnitte, spärliche Dialoge.

Felt like a dream

Viele Fans der Serie - mich eingeschlossen - schauen sie nicht wegen ihrer Geschichte, sondern wegen der Atmosphäre, die sie erzeugt. Es ist eine besondere, eine somnambule Atmosphäre. Sie dient als Leinwand für die Erforschung eines Charakters, der paradoxer und widersprüchlicher kaum sein könnte. Es fällt schwer, die Handlungen und Entscheidungen des zentralen Charakters Daniel Holden (Aden Young) nachzuvollziehen - ja, es fällt sogar schwer, ihn sympathisch zu finden. Der Mann ist ein wandelndes Rätsel.

Am Ende der ersten Staffel stellte sich die Frage, wie seine Geschichte weitererzählt werden würde. Die damalige Finalepisode hätte durchaus als Serienende dienen können, wenn auch als sehr düsteres. Umso erfreulicher war die Nachricht über eine Verlängerung und der gleichzeitigen Ankündigung, in der neuen Staffel zehn Episoden produzieren zu lassen. Mit Spannung wurde nun vor der zweiten Staffel erwartet, wie Serienschöpfer Ray McKinnon diese Herausforderung annehmen würde. Bei einer Serie, die mitunter minutenlange Szenen hat, in der ihre Hauptfigur einfach irgendwo steht und schaut, kann es durchaus zum Problem werden, plötzlich die beinahe doppelte Anzahl an Episoden zu schreiben.

Das Ende der ersten Staffel spielte McKinnon aber in die Karten, denn es hinterließ Daniel schwerverletzt im Krankenhaus. Nun eröffnete sich dem Showrunner die Möglichkeit, seinen übrigen Charakteren Raum zur Entfaltung zu geben. Und wie sich das ausgezahlt hat! Die komplexe Charakterzeichnung, die in der ersten Staffel nur Daniel beschieden war, konnte nun auch auf die restlichen Figuren übertragen werden. Der größte Profiteur dieser neuen Entwicklung war wohl Ted Jr. (Clayne Crawford), dem besonders viel Zeit zur Entfaltung gegeben wurde. Und auch, wenn er dadurch nicht ganz aus seiner Rolle als Fiesling ausbrechen konnte, erschien die Figur doch in einem ganz neuen, ungleich menschlicheren Licht.

Charaktere wie Janet (J. Smith-Cameron) und Teddy (Clayne Crawford) bekamen in der neuen Staffel mehr Raum zur Entfaltung. © Sundance
Charaktere wie Janet (J. Smith-Cameron) und Teddy (Clayne Crawford) bekamen in der neuen Staffel mehr Raum zur Entfaltung. © Sundance

Die schleichende Entzweiung zwischen ihm und seiner Ehefrau Tawney (Adelaide Clemens) war der emotional mitreißendste Handlungsbogen dieser Staffel. Die endgültige Trennungsszene der beiden in der vorletzten Episode, Until You're Blue, war von solch roher Direktheit, dass ich es kaum aushalten konnte, überhaupt hinzusehen. Und während diese Staffel die interessanteste Beziehung aus der ersten Staffel - die zwischen Daniel und Tawney - nicht mehr in ihren Mittelpunkt stellte, umhüllte Daniels ständige nicht-physische Präsenz wie ein böser Geist die Beziehung dieses ehemals glücklichen Ehepaares.

He's taken everything, taken it all from me

Später finden Daniel und Tawney wirklich zusammen, aber nicht um - wie Teddy natürlich sogleich glaubt - miteinander zu schlafen, sondern nur, um sich gegenseitig zu halten. Ihr Dialog am Beginn von Unhinged ist so einfach wie wunderschön: „You cried, and I held you, and you fell asleep.“ („Du hast geweint, ich habe dich gehalten, dann bist du eingeschlafen.“) Zu dem Zeitpunkt hat Daniel längst beschlossen, dass er die plea bargain (strafrechtliche Vereinbarung) der Staatsanwältin annehmen wird. Diese sieht vor, dass Daniel keine weitere Haftzeit verbüßen muss, sollte er den Mord an Hanna erneut gestehen. Er wäre ein freier Mann - unter einem Vorbehalt: Er muss einer banishment-Klausel zustimmen, was bedeutet, dass er den Bundesstaat Georgia nie mehr betreten dürfte.

Tawney ist von dieser Nachricht überraschend wenig schockiert. Sie weiß, dass sie niemals mit Daniel zusammen sein kann - würde dies doch ihre gesamte Familie auseinanderreißen. Sie hat eigene Vorstellungen von einem neuen Leben, wenngleich diese zunächst nur beinhalten, nicht mehr bei Teddy sein zu wollen. Bevor sie sich verabschieden, gesteht Daniel ihr noch, was er mit Teddy am Ende der ersten Staffel angestellt hatte. Überhaupt hat mich überrascht, dass der gewalttätige Übergriff mit anschließender sexueller Demütigung eine so große Rolle in dieser Staffel spielen würde. In einem Moment größter Eifersucht gegenüber Daniel wendet sich Teddy an Polizeichef Carl Daggett (J.D. Evermore) und erzählt ihm die ganze Geschichte. Daggett wiederum sucht mit seinem neuen Wissen Rat bei Senator Foulkes (Michael O'Neill), dem diese Geschichte wie ein gefundenes Fressen vorkommen muss. Er versucht damit, Druck auf Teddy und später auch auf dessen Vater Ted (Bruce McKinnon) auszuüben - ohne Erfolg.

Ganz am Ende, als Daniel sich gegen alle Umstimmungsversuche und Ratschläge seines Anwalts Jon (Luke Kirby), seiner Schwester Amantha (Abigail Spencer), seiner Mutter Janet (J. Smith-Cameron) und seines kleinen Halbbruders Jared (Jake Austin Walker) dafür entschieden hat, den Deal der Staatsanwaltschaft anzunehmen und den Mord zu gestehen, bekommt sein Angriff auf Teddy noch einmal größeres Gewicht. Nach der Trennung von Tawney entschließt sich der Verlassene, doch noch Anzeige zu erstatten. Wie sich dies nun aber auf die bevorstehende Entscheidung des zuständigen Richters, dem Deal zuzustimmen, auswirken wird, erfahren wir nicht mehr.

Der Höhepunkt einer grandiosen Staffel: Daniel (Aden Young) bei seinem Geständnis. © Sundance
Der Höhepunkt einer grandiosen Staffel: Daniel (Aden Young) bei seinem Geständnis. © Sundance

Das Finale der zweiten Staffel funktioniert viel weniger gut als Serienabschluss als das Finale der ersten, bleiben doch zu viele Fragen offen. Wird der Richter dem plea agreement zustimmen? Wird Daggett weiter die Rolle von Trey Willis (Sean Bridgers) in Hannas Tod untersuchen? Wird Teddy an seinem Ansinnen festhalten, Daniel anzuzeigen? Kann man den Worten Glauben schenken, die Daniel in der erneuten Befragung spricht? Wie wird sich der Fund von Georges Leiche auf seinen Fall auswirken? Umso erstaunlicher ist, dass McKinnon keine Ahnung gehabt haben dürfte, ob die Serie noch einmal verlängert wird, als er gemeinsam mit Kate Powers das Drehbuch zur Finalepisode schrieb.

I should be filled with joy

Eine andere Frage kann indes absolut eindeutig beantwortet werden: McKinnon und Konsorten wussten die neugefundene Freiheit von nunmehr zehn Episoden (statt sechs in der ersten Staffel) bestmöglich zu nutzen. Neben Teddy Jr. bekamen auch andere Charaktere wie Janet, Ted Sr. und Jared mehr Raum zur Entfaltung. Vor allem Amantha durfte sich weiterentwickeln - von der rastlosen Schwester, die nicht ruht, bevor sie Gerechtigkeit erfahren hat, bis zur Person mit eigenem Leben, mit eigenen Wünschen und Träumen, die sich nicht mehr nur in Relation zum Schicksal des Bruders definieren.

All diese herausragend ausgearbeiteten Figuren und ihre Beziehungen zueinander würden jedoch kaum so gut funktionieren, wenn sich das schauspielerische Niveau nicht in solch hohen Sphären bewegen würde. Das gesamte Ensemble liefert bis in die kleinsten Nebenrollen fantastische Darbietungen ab. Eigentlich sollte man hier keine qualitativen Unterschiede machen, für mich stechen aber Young und Clemens noch etwas heraus. Young liefert über die gesamte Staffel schon eine grandiose Performance, sein Auftritt während der Befragung im Staffelfinale katapultiert sein Spiel aber noch einmal auf ein höheres Level.

Besagte Szene ist eigenwillig inszeniert. Der Einsatz von grellem Licht, das Daniel beinahe wie ein Heiligenschein umhüllt, suggeriert eine Traumsequenz - vielleicht eine Anspielung darauf, dass Daniel hier einmal mehr nicht die Wahrheit spricht, sondern dem ewigen Justizgerangel endlich ein Ende setzen will. Die technische Umsetzung, bei der Regisseur Stephen Gyllenhaal - der Vater von Maggie und Jake - entscheidend mitwirkte, wurde zwischen erster und zweiter Staffel noch einmal eindrucksvoller. Das fantastische Sounddesign und der bedrückende Score liefern die passende musikalische Untermalung zu mal ruhigen, mal aufwühlenden, mal mitreißenden Bildern. Rectify ist in jeglicher Hinsicht ein besonderes Serienereignis von der Sorte, die uns nur sehr selten begegnen wird, und der wir deshalb unbedingt einen Platz in unserem Herzen einräumen sollten.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 22. August 2014
Episode
Staffel 2, Episode 10
(Rectify 2x10)
Deutscher Titel der Episode
Verstört
Titel der Episode im Original
Unhinged
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 21. August 2014 (Sundance TV)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 6. Januar 2015
Autoren
Ray McKinnon, Kate Powers
Regisseur
Stephen Gyllenhaal

Schauspieler in der Episode Rectify 2x10

Darsteller
Rolle
Aden Young
Luke Kirby
Bruce McKinnon
Jake Austin Walker
Michael O'Neill

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