Rectify 1x06

Nach der von Kritikern gefeierten ersten eigenproduzierten Dramaserie Top of the Lake des Sundance Channel ließ der Sender nicht lange auf Nachschub warten. Wie das in Neuseeland spielende Drama mit Elisabeth Moss spielt auch Rectify im Milieu von Kriminalität und Verbrechen. Doch der Fokus liegt hier auf einem gänzlich anderen Themenkomplex: Es geht um Schuld und Sühne, um Gerechtigkeit, Schicksal, Glaube und Absolution.
A strange life
Alle diese Urtopoi der Menschheitsgeschichte packt der eher als Charakterdarsteller bekannte Serienschöpfer Ray McKinnon (Sons of Anarchy, Deadwood) in die sechs Episoden der ersten Staffel. Dabei lastet die schwere Verantwortung der überzeugenden Umsetzung auch auf den Schultern von Hauptdarsteller Aden Young als entlassener ehemaliger Insasse des Todestrakts, Daniel Holden. Um es gleich vorwegzunehmen: Young gelingt diese Aufgabe glänzend. Sein Spiel zeichnet sich vor allem durch Reduktion aus. Er setzt keine theatralischen Gesten ein, sondern lässt vor allem seine Mimik für sich sprechen.

Zu Beginn der Geschichte wird Daniel Holden nach 20 Jahren Haft aus dem Todestrakt in die Arme seiner Familie entlassen. Damals wurde er für die Vergewaltigung und dem anschließenden Mord an der erst 17-jährigen Hannah Dean schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Die Beweislage erschien erdrückend: Es gab einen Zeugen, der Daniel bei der Vergewaltigung beobachtet haben will. Außerdem hatte er ein Geständnis abgelegt.
Seine Schwester Amantha (Abigail Spencer) und deren Kollege Jon Stern (Luke Kirby) kämpften jedoch weiter für den Beweis seiner Unschuld. Eine DNA-Probe ergab schließlich mit beinahe absoluter Sicherheit, dass Daniel nicht der Täter gewesen sein konnte. Da steht er nun also vor den Toren des Gefängnis und muss sich nach zwanzigjähriger Isolation den Medienvertretern und allen seinen Befürwortern und Gegnern stellen. Der überraschend eloquente Daniel findet jedoch die passenden Worte, wobei er sich Anleihen aus Literatur und Philosophie bedient.
Dieses Stilmittel setzt McKinnon im Verlauf der ersten Staffel ausgiebig ein. Daniel ist als belesener Mann aus dem Gefängnis zurückgekehrt und scheut sich nicht davor, dieses Wissen nun mit seinen Gesprächspartnern zu teilen. Darin hat sich jedoch der positive Effekt seiner Inhaftierung auch schon erschöpft. Die Erlebnisse im Todestrakt haben ihn zu einem gebrochenen Mann gemacht, der vollständig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Die Reintegration in die Gesellschaft wird nun zu seiner Lebensaufgabe - er wird seine Erinnerungen nicht vergessen, sondern lediglich lernen können, mit ihnen zu leben.
All clear
Zudem sind in dem Kleinstädtchen im US-Bundesstaat Georgia, in das er zurückkehrt, Teile der Bevölkerung nicht von seiner Unschuld überzeugt. Sie klammern sich an sein früheres Geständnis und die Binsenweisheit, wonach niemand eine Tat jemals zugebe, habe er sie nicht begangen. Auch der Senator und Holdens früherer Ankläger Roland Foulkes (Michael O'Neill) wollen so schnell wie möglich einen neuen Prozess gegen ihn anstoßen. Dabei kann er mit der Unterstützung des örtlichen Sheriffbüros rechnen. Auch Sheriff Carl Daggett (J.D. Evermore) ist von Daniels Schuld überzeugt.

Darin erschöpft sich aber beinahe schon - mit Ausnahme des Staffelfinales - die Skizzierung der politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen dieses offensichtlichen Falls der Verurteilung eines Unschuldigen. Rectify konzentriert sich in langen Einstellungen eher auf die persönliche Entwicklung von Daniel Holden. Dabei ist zu keinem Zeitpunkt vollends sichergestellt, dass er nicht doch der Mörder von Hanna sein könnte. Auch innerhalb seiner erweiterten Familie glauben nicht alle an seine Unschuld. Während Amantha, seine Mutter Janet (J. Smith-Cameron), sein Stiefvater Ted (Bruce McKinnon) und sein Halbbruder Jared (Jake Austin Walker) bedingungslos an seiner Seite stehen, äußert Stiefbruder Teddy (Clayne Crawford) ganz offen seine Skepsis.
Aus dramaturgischer Sicht passend, freundet sich Daniel schnell mit Teddys Ehefrau, der gläubigen Christin Tawney (Adelaide Clemens) an. Zu ihr spürt er eine besondere Verbindung, geht jedoch in einem intimen Moment zu weit. An dieser und anderen Stellen brechen die Autoren und Regisseure bewusst mit der intendierten Zuschauersympathie für Daniel.
Ein dunkles, irrationales Element schlummert in seinem Inneren, und dies nicht erst seit seiner Inhaftierung. Das wird auch in der Finalepisode Jacob's Ladder deutlich, als Jon sich das Geständnis Holdens von vor zwei Dekaden noch einmal anhört und der damals 18-jährige bereits etwas eigentümliche Wesenszüge offenbarte. Diese etwas abwegigen Gedankengänge und auch Handlungen brechen immer wieder aus Daniel heraus, was seinem Charakter ein mehrdimensionales Persönlichkeitsbild verleiht.
Hierin liegt neben der brillanten technischen Umsetzung - auf die später noch einmal eingegangen wird - die große Stärke von Rectify. Der Zuschauer bleibt stets im Ungewissen, verliert mehrmals die Orientierung und hat für einen kurzen Augenblick am Ende der fünften Episode Drip, Drip gar das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Dabei kann er sich in die Welt des Daniel Holden einfühlen, dem jeglicher Halt fehlt und der Orientierung und Katharsis sucht.
Fazit
Das erzählerische Grundprinzip von Rectify ist denkbar einfach. Was McKinnon, sein Autorenstab und die Darsteller jedoch daraus machen, ist absolut sehenswert. In Daniel Holdens Gesicht spiegelt sich zu fast jedem Zeitpunkt die Verzweiflung an der Welt und der Menschheit. Aden Young spielt ihn als Suchenden, der sich mit seinem Schicksal bereits abgefunden hatte, als ihm plötzlich wieder ein neues auferlegt wurde.
Holden hatte es besser als seine Mitinsassen, mit denen er lediglich durch einen Lüftungsschacht kommunizieren konnte, geschafft, sich an den höchst monotonen Gefängnisalltag zu gewöhnen. Ihm gelang es durch Meditation und Lektüre, der Unausweichlichkeit seines Schicksals zu entgehen. Und das sogar so sehr, dass während des Verlaufs der ersten Staffel nicht ganz klar wird, ob sich Holden nicht manchmal, wenn schon nicht in den Todestrakt, dann doch in diesen Alltag mit fast immer gleichen Abläufen zurücksehnt: „Guilt that I was alive. I began to accept it as my destiny.“
Neben den herausragenden darstellerischen Leistungen muss auch die formidable technische Umsetzung von Rectify positiv herausgestellt werden. Die langen Einstellungen und der Einsatz von Licht und Gegenlicht verleihen der Handlung eine zusätzliche atmosphärische Intensität. Hinzu kommt die gelungene musikalische Untermalung, welche die Leiden des nicht mehr ganz so jungen Daniel mit äußerster Dringlichkeit unterlegt.
Die Handlung schreitet sehr gemächlich voran, die Erzählung orientiert sich viel weniger an vorgezeichneten plot points denn an einer eindringlichen Charakterstudie. Dennoch gelingt es den Autoren, eine äußerst spannende und mitreißende Geschichte zu erzählen. Sie kulminiert in den letzten beiden Episoden, in denen Daniel einmal der Täter, einmal das Opfer einer Gewalttat ist. Der Song im Abspann jagt dem Zuschauer wie immer einen gleichzeitig wohligen und unangenehmen Schauer über den Rücken. Die Serie bietet, was so viele aus dem gleichen Genre nicht schaffen: echtes Drama.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 23. Mai 2013(Rectify 1x06)
Schauspieler in der Episode Rectify 1x06
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