Ray Donovan 4x06

Ray Donovan war bereits in den letzten Wochen manchmal merkwürdig unklar im Ton und diese Entwicklung wird in dieser Woche auf einen Höhepunkt gebracht. Dennoch liefert Fish and Bird eine teilweise sehr berührende Episode ab, die sich allerdings durch eine gewisse Übersexualisierung etwas verrennt.
Just get the fuckin operation
Und mit diesem merkwürdig sexuellen Unterton beginnt diese Episode auch, denn wir sehen einen Wachmann in einem Lagerhaus der Russen, der vor den Augen einer jungen Zwangsprostituierten masturbiert. Klar könnte man sagen, Sexualität ist in dieser Woche auf viele Weisen das Thema, das die Handlungen irgendwie zusammenbringt. Doch während das auf thematischer Ebene teilweise wirklich gut funktioniert, wirken die vielen Brüste und Genitalien, die uns präsentiert werden, untypisch und fremd.
Am einen Ende der Sexualisierungsskala liegen hier Abby (Paula Malcomson) und die Galeristin und gleichzeitig big bad der Staffel, Sonia Kovitzky (Embeth Davidtz). Denn beide haben Brustkrebs, jeweils in verschiedenen Stadien. Während Abby Angst hat, durch eine Mastektomie eventuell unattraktiv für Ray (Liev Schreiber) zu werden, hat Sonia diese bereits durchführen lassen. Beide Frauen wollen aber unbedingt trotz Krankheit noch begehrenswert wirken und mit beiden schläft Ray deswegen in dieser Episode, mit Sonia allerdings vermutlich nur unter Zwang.

Dabei sehen wir unverblümt die Auswirkungen, die eine Mastektomie haben kann und können so tatsächlich ein Stück weit verstehen, warum Abby so an ihren Brüsten hängt und trotz der drohenden Lebensgefahr durch den Krebs vor deren Entfernung zurückschreckt.
Auf der anderen Seite des Spektrums stehen die von den russischen Gangstern importierten jungen Zwangsprostituierten, die vermutlich liebend gerne nicht sexualisiert werden würden und darunter leiden müssen, dass Männer sie begehrenswert finden. Eine von ihnen, mit der sich Ray etwas anfreundet, muss das am Ende mit ihrem Leben bezahlen, doch hierzu später mehr.
In der Mitte steht irgendwo verloren die Schauspielerin Ashley (Ambyr Childers), die sich durch ein Sextape einen neuen Karrieresprung erhofft und deswegen, unterstützt von Ehemann Stu (Josh Pais) und einem sehr gut ausgestatteten Pornostar, ein kurzes Filmchen produziert, um es „aus Versehen“ ins Internet stellen zu lassen.
Letztendlich kann auch noch eine kleine Szene am Ende der Episode zu diesem übergreifenden Thema gezählt werden, nämlich als der betrunkene Ray der kleinen Maria einen alten Rosenkranz schenken möchte, den er einst von seinem Priester, Pfarrer O'Connor (Michael Christofer), erhalten hatte. Welche Geste auch immer dahinter stehen möge, Vater Bunchy (Dash Mihok) versteht sie nicht und lehnt es entschieden ab, den Rosenkranz seines Vergewaltigers im Haus zu haben.
I'm gonna be a fuckin' gangster, like my father
Nicht mehr so gut funktioniert das übergreifende Thema der Episode, wenn wirklich an jeder Ecke irgendwo Brüste oder ein Penis zu lauern scheinen. Sicher, man könnte noch irgendwo argumentieren, dass genau das ein gewollter Effekt ist und lange Essays über künstlerische Freiheit und Sexualität schreiben - doch letztendlich stört es einfach den Fluss der Folge, wenn ein solches Element, das vorher nie zur Serie gehörte, plötzlich ständig zur Schau gestellt wird. Und außerdem muss man ja nun wirklich nicht Conor (Devon Bagby) beim Herumpubertieren zusehen.
My uncle in Moscow
Im Rahmen der Enthüllungen um Sonias Krebserkrankung erfahren wir auch mehr über ihre Rolle in der russischen Mafia und ihre Verbindungen nach Moskau. So ist sie wohl die Nichte eines Bosses der Russen und wurde in der Schweiz und den USA erzogen, um letztendlich den Kunstschwarzmarkt für die Mafia zu übernehmen. Das gibt ihrer Rolle zwar etwas des von mir verlangten Kontext im Netz der Kriminellen, doch wirklich bedrohlich wirkt Kovitzky dadurch immer noch nicht.
Dennoch stürzt Ray immer tiefer in eine Spirale aus Verzweiflung und Alkoholismus und auf der Party nach der Taufe der kleinen Maria wirkt er dann fast wieder wie „old Ray“, der solche Familienfeiern gerne durch Selbstsucht und Alkohol zerstörte. Besonders schwer wiegt für ihn das Opfer seines Vaters Mickey (Jon Voight), der sich zum Wohl seiner Familie ins Gefängnis sperren ließ und am Ende der Episode ein berührendes Telefonat mit Ray hat.
Diese Schuld treibt Ray dann letztendlich auch zu einer Handlung, die zu seinem Untergang führen könnte. Als seine Schuld gegenüber Kovitzky beglichen ist, müsste er nur noch eine Tasche voll Geld an Belikov (Pasha D. Lychnikoff) liefern, danach wäre er die Russen los. Doch der hat eines seiner Mädchen umgebracht und bringt den völlig neben sich stehenden Ray dazu, bei der Entsorgung der Leiche zu helfen.
Doch die junge Prostituierte hat in Ray wohl Vatergefühle ausgelöst und so lässt er all seine Wut, all seine Verzweiflung und all seinen Hass an Belikov aus, den er tötet und in einen Container nach Russland stopft. Die Leiche des jungen Mädchens legt er unter den Sternenhimmel vor die „All Saints“ Leichenhalle - ein netter Verweis auf eine Kunstinstallation, die ihm Kovitzky zuvor gezeigt hatte.

Fazit
Wäre diese Folge nicht so merkwürdig übersexualisiert und hätte es stattdessen geschafft, das übergreifende Episodenthema etwas subtiler zu präsentieren, wäre dies eine wirklich gute Episode „Ray Donovan“ gewesen. So bleibt aber ein leichtes Stirnrunzeln bei einer soliden Folge, die die Handlung rasant vorantreibt und die Bühne freimacht für große Konfrontationen in den nächsten Episoden.
Trailer zur Episode „Norman Saves the World“ (4x07) der US-Serie „Ray Donovan“:
Verfasser: Benedikt Pichl am Mittwoch, 3. August 2016Ray Donovan 4x06 Trailer
(Ray Donovan 4x06)
Schauspieler in der Episode Ray Donovan 4x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?