Ray Donovan 2x05

Nach einem soliden Start scheint sich die zweite Staffel von Ray Donovan offensichtlich auf dem sehenswerten Niveau seiner ersten Staffel eingefunden zu haben und dieses auch kontinuierlich zu halten. Die neue Episode Irish Spring fühlt sich von Anfang bis Ende rund und stimmig an und, auch wenn hochdramatische Höhepunkte ausbleiben, stimmt hier erneut die Mischung zwischen gelungenen Charakterinteraktionen und dem richtigen Gespür für etwas Witz und Leichtigkeit.
Den Beginn dieser Episode markiert der eher weniger reumütige Conor (Devon Bagby), der sich endlich bei dem Schulkameraden entschuldigen soll, den er vor einigen Episoden eine Treppe runtergeschubst hatte. Der bockige Conor ist jedoch ein waschechter Donovan und schafft es nicht, eine aufrichtige Entschuldigung über die Lippen zu bringen. Dem Vater seines verletzten Schulfreundes gefällt das überhaupt nicht und, bevor die Situation endgültig eskaliert, verlassen Ray (Liev Schreiber) und sein Sohn das Grundstück. Am Ende von „Irish Spring“ wird Ray sich genau an diesem Ort wiederfinden und komplett anders handeln, als wir es von ihm wohl erwarten würden. Ein wohl überlegt gewählter Rahmen der Serienmacher, der die restiche Handlung in dieser Folge geschickt umschließt.
Things are dangerous now
Noch bevor wir Conor und Ray zu sehen bekommen, können wir einen kurzen Blick auf die Überreste der im Finale der ersten Staffel von Sully (James Woods) ermorderten Linda (Rosanna Arquette) erhaschen, deren Leiche von ein paar umherstreunenden Hunden ausgebuddelt und dann von ein paar Kindern entdeckt wird. Auch diese neuerliche Entwicklung spielt in „Irish Spring“ keine unwesentliche Rolle, vor allem für Mickey (Jon Voight), der sich nach seiner Entführung aus der letzten Woche in einer prekären Situation wiederfindet.
Ray ist sich durchaus des Risikos bewusst, falls Mickey von den falschen Leute entführt wurde und nun all die Geheimnisse ausplaudert, die ihn und Ezra (Elliott Gould) umgeben. Also setzt er alle Hebel in Bewegung, um seinen Vater ausfindig zu machen. Zuvor stellt er jedoch Avi (Steven Bauer) als persönlichen Wachhund für Kate (Vinessa Shaw) ab, scheint sich die gefährliche Lage doch immer mehr zuzuspitzen. Kate hat sich mit ihren Nachforschungen in FBI-Agent Ed Cochran (Hank Azaria) einen mächtigen und skrupellosen Feind gemacht. Nun setzt Ray alles daran, die Kollateralschäden so gering wie möglich zu halten.

You like it?
FBI-Agent Frank Barnes (Michael McGrady) kann sich derartigen „Schäden“ jedoch eher weniger entziehen, wird er doch von Ray auf seinem Boot überrascht. Nach ein paar kräftigen Schlägen auf die Nase kann Barnes zwar nicht mit Informationen über Mickeys aktuellen Aufenthaltsort dienen, jedoch mit dem ersten Hinweis dahingehend, dass Cochran aufgrund einer Affäre mit der Frau einer seiner Angestellten (ASAC Volchek aus der Vorwoche) doch eine schwache Stelle haben könnte.
Während Ray diese Information sorgfältig abspeichert, bekommen wir erstmalig Mickey zu sehen. Dieser sitzt in einem kalten Verhörzimmer ein und wird, wie hätte es anders sein können, von Cochran und seinem Untergebenen Volchek (Kip Pardue) beobachtet. Voight macht sich infolgedessen wortwörtlich ein wenig zum Affen, was für das erste kräftige Schmunzeln in „Irish Spring“ sorgt.
'Cause you're mine
Abseits von dieser Haupthandlung um Ray, seinen Vater Mickey und den durchtriebenen Cochran bekommt in Irish Spring neben Abby (Paula Malcomson) eine weitere Dame der Donovan-Familie etwas mehr Screentime als sonst: Bridgets (Kerris Dorsey) kleiner Handlungsstrang mit Rapwunderkind Marvin (Octavius J. Johnson) mag vielleicht nicht gerade ein Paradebeispiel für subtiles storytelling sein, dennoch kann man diesem Element der Episode durchaus einiges abgewinnen.
Zweifellos kann man von einer jungen Liebe zwischen Bridget und Marvin sprechen, doch ob diese ein Happy End haben wird, steht auf einem anderen Blatt Papier. Vielmehr bauen die Serienmacher eine eher skeptische Erwartungshaltung gegenüber dieser Beziehung auf, in der Ray früher oder später noch ein deutliches Wörtchen mitreden wird. Marvin verfällt immer mehr den Lastern seines aufregenden, neuen Lebens und begibt sich in Kreise, die keinen guten Einfluss auf ihn haben werden. Das wird ihm ebenso auf einer Poolpary eines gerade aus dem Gefängnis entlassenen Gangsters auch sehr direkt von seinem Vormund Re-Kon (Kwame Patterson) gesagt.
Doch Marvin gibt nicht viel auf irgendeinen Tutor, der ihm sinnlose Dinge beibringt. Unglücklicherweise zieht er auch Bridget mit in diesen undurchsichtigen Sumpf des Musikgeschäfts, wo kleine Verbrechen und Drogenkonsum auf der Tagesordnung stehen. Bridget, ihre Intelligenz in allen Ehren, verhält sich hier ein wenig naiv. Jedoch kann man das auch nachvollziehen, will sie sich doch offensichtlich ein Stück weit von ihrer Familie lösen, die dieser Bezeichnung alles andere als gerecht wird.

Basically a street thug
In dieser „Familie“ ist ihr Vater so gut wie nie zu Hause und auch ihre Mutter befindet sich in einer unaufhaltsamen Spirale gen Abgrund, auch wenn in „Irish Spring“ oftmals der Eindruck entsteht, Abby würde sich auf dem Weg der Besserung befinden. Ihre kleine Szene mit Bridget, in der sie mal nicht die alles umsorgende Mutter mimt, gefällt gut. In diesem Moment verabschiedet sich Abby doch ein wenig von ihrer Muttertolle in der Familie Donovan, in der alle etwas von ihr erwarten, sie aber nur selten etwas zurückbekommt.
Auf der Schießanlage macht sich ihre innere Angespanntheit jedoch deutlicher bemerkbar. Der Polizist Jim Halloran (Brian Geraghty), den sich Abby als eine Art Ablenkung in ihren Kopf gesetzt hat, tritt hier erst einmal nicht in Erscheinung. Um sich dann wiederum von dieser Ablenkung und möglichen Affäre erneut abzulenken und einen klaren Kopf zu bekommen, begibt sich Abby zu dem neuen Haus der Donovans. Dort warten auch schon zwei neue Nachbarinnen auf sie, um mit Prosecco auf den Einzug in der Nachbarschaft anzustoßen.
Spätestens hier offenbaren sich Abbys Labilität und ihr aktueller Gemütszustand. Das Gespräch mit den Nachbarinnen beginnt recht nett und locker, doch schnell kommt das Thema Ehemann auf, woraufhin Abbys Gäste ihren Mann Ray als einfachen Straßengangster bezeichnen. Trotz aller Probleme, die die beiden haben, fühlt sich Abby bei der Ehre gepackt und geht der entsetzten Nachbarin an die Gurgel. In der darauffolgenden Szene mit Jim zeigt sich abermals, wie innerlich zerrissen Abby derzeit ist. Abbys Handlungsbogen, der von mir zuvor oft kritisiert wurde, gefällt mir in „Irish Spring“ ein wenig besser, wird doch ein recht verheerendes Bild von Rays Ehefrau gezeichnet, das mich wiederum auch aufgrund Malcomsons Darbietung überzeugen kann. Nach den neuesten Entwicklungen in dieser Episode könnte der Konflikt zwischen ihr und Ray wieder etwas in den Fokus rücken, was sich durchaus interessant gestalten könnte.
Which one goes to prison?
Diese neuen Entwicklungen in Ray Donovan betreffen vor allem die Figur der Kate McPherson. Doch bevor wir uns dieser widmen, kommt es noch zum packenden Aufeinandertreffen zwischen Ed Cochran und Mickey. Letzterem wird im Gespräch mit dem schwer einzuschätzenden Cochran das süße Leben in Aussicht gestellt, das Mick vor nicht allzu langer Zeit noch genossen hatte. Dafür muss er jedoch seinen eigenen Sohn verraten und Ray den Mord an FBI-Agent Van Miller (Frank Whaley) in die Schuhe schieben. Mick schließt dies kategorisch aus. Als Cochran ihm dann aber das Bild der Leiche von Linda zeigt und weiter ausführt, dass ihr Tod über mehrere Ecken auf die Kappe von Ray geht, kommt Mick augenscheinlich etwas ins Grübeln. Immerhin plagen ihn nach wie vor Schuldgefühle ob Lindas unschönen Schicksals.
Erneut stellt man sich als Zuschauer die Frage, wie weit Mickey gehen und ob er selbst Ray an Cochran ausliefern würde. Obwohl man auch zugeben muss, dass man ihm hier seine Verbundenheit gegenüber Ray abkauft. Dennoch bleibt man skeptisch, vor allem, weil man zuvor schon zu oft gesehen hat, was für ein verdorbener und egozentrischer Charakter Mickey ist.
I feel dirty
Bevor Mick jedoch nachgeben kann, hat Ray auch schon eine Befreiungsaktion angeleiert. Dafür lässt er Ezras gute Verbindungen zu einem Bundesrichter spielen, der Cochrans Machtbefugnisse spielend leicht aushebeln kann. Für den ersten herzhaften Lacher in diesem Nebenplot sorgt Ezra selbst, der erst deutlich macht, dass er den Richter aufgrund des illegalen Charakters dieses Plans nicht kontaktieren kann. Dann spuckt er aber sofort dessen Namen aus, als Ray Ezra aufzählt, was für Leichen aus dem Keller geholt werden könnten, sollte Mickey Cochran gegenüber mit der Wahrheit rausrücken.
An Humor fehlt es dann auch nicht in der nächsten Szene, als der Rechner des strenggläubigen Richters plötzlich mit kinderpornografischen Inhalten überschwemmt wird und Fixer Ray schon auf der Matte steht, um das Problem zu lösen. Letztendlich fällt auch beim Richter der Groschen, dass ihm auf der ganzen Linie von seinem guten Freund Ezra und von Ray mitgespielt wurde. Eine amüsante kleine Sequenz, in der Liev Schreiber - wie so oft - keine Miene verzieht und diesen Teilerfolg im Stillen genießt.

The hero behind the hero
Mit dem von Richter Irvin Saltzman (Richard Fancy) unterzeichneten Haftbefehl für Mick kann selbst Cochran nicht viel ausrichten - Ray hat seinen Vater erfolgreich rausgeboxt. Dieser möchte dann gerne etwas Lob dafür einheimsen, hat er seinen Sohn doch nicht verraten, jedoch hält Ray treffend fest, dass Mick früher oder später wohl so oder so nachgegeben hätte. Ray will nun mit einem finalen Plan dem gefährliche Treiben von Cochran ein Ende setzen und bittet Kate darum, sich mit ihm zu treffen. Diese staunt dann nicht schlecht, als sie einen Raum betritt, in dem neben Ray und Mickey auch Ed Cochran selbst sitzt.
Diese drei tischen der emsigen Journalistin nun eine Geschichte über Sully auf: dass die Donovans von Anfang an mit dem FBI zusammengearbeitet haben, Mickey der Köder für Sully war und dass der berüchtigte Gangster so zu Fall gebracht wurde. Kate macht sich fleißig Notizen, doch ähnlich wie beim Zuschauer zeichnet sich ein skeptischer Blick auf ihrem Gesicht ab. Letztendlich kauft sie ihnen die Geschichte ab, doch es würde mich schwer wundern, wenn wir uns jetzt schon wieder von dieser Figur verabschieden müssten, auch wenn sie in den Flieger zurück nach Boston steigt. Dafür wurde sie zuvor als viel zu gewieft eingeführt und außerdem hatte sie zuvor von Shorty noch ein geheimnisvolles Päckchen zugesteckt bekommen, das hier gar nicht weiter thematisiert wurde. Eventuell gönnt man Ray nun erst einmal eine kleine Pause, etwas Friedenszeit mit Cochran, in der sich unsere Hauptfigur seinen familiären Problemen zuwenden kann.
Trust issues
Genau diese familiären Probleme werden in der letzten Szene von „Irish Spring“ hervorragend von Regisseur Dan Attias eingefangen. Wir sehen Ray, wie er anscheinend kurz davor ist, sich den Vater des Jungen vorzuknöpfen, den Conor verletzt hatte. Im letzten Moment dreht Ray jedoch ab, weiß er doch, dass man Probleme auch anders lösen kann. Eine interessante Spiegelung zu Cochrans Credo und den vorangegangenen Ereignissen um Tiny oder auch Kate, aber auch eine interessante Spiegelung zu Rays eigenem Charakter. In der Vergangenheit war jedenfalls er oft zu schnell aus der Haut gefahren.
Ray begibt sich also zurück nach Hause, wo er gemeinsam mit seiner Familie zu Abend isst. Dank einer ganz wunderbaren Einstellung wird deutlich, wie zerrüttet und problembehaftet der familiäre Alltag der Donovans ist. Von Rays ständiger Abwesenheit und seines grenzwertigen Treibens abgesehen, geht es Abby so schlecht wie nie. Sie steht kurz vor einer Affäre und hat gerade noch Jim ein Nacktfoto von sich geschickt. Bridget war vor wenigen Stunden noch high von ihrem Marihuanakonsum und verbringt wieder viel Zeit mit Marvin, was ihrem Vater sicherlich gar nicht gefallen würde, wüsste er davon. Und Conor hat sich all die schlechten Eigenschaften seines Vaters angeeignet: Er ist ein unverbesserlicher Dickkopf, der erste Anzeichen ähnlicher Aggressionsprobleme wie Ray zeigt. Ein fantastisches abschließendes Bild, das keine Worte benötigt, um sie zeigen, wie viel hier im Argen liegt.
Fazit
Die fünfte Episode der zweiten Staffel von Ray Donovan gefällt gut und kann erneut aufgrund ihrer abwechslungsreichen Mischung zwischen recht ernsten, aber auch leichten Tönen überzeugen. Der sehr trockene und oft schwarze Humor des Formats ist längst zu einem Markenzeichen geworden und kann immer wieder für erinnerungswürdige Momente sorgen.
Doch auch die Charaktermomente in Irish Spring tragen dazu bei, dass die Episode in ihrer Gesamtheit sehr stimmig rüberkommt und den Fokus auf neue beziehungsweise alte Konflikte lenkt. Gut möglich, dass nun die familiären Probleme der Donovans für kurze Zeit etwas mehr in den Mittelpunkt rücken. Ray hat nun längere Zeit seine Familie vernachlässigt, letztendlich wird er dafür irgendwann die Quittung erhalten. „Irish Spring“ macht dahingehend gleich mehrere Andeutungen, die in den nächsten Folgen durchaus thematisiert werden könnten.
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 11. August 2014(Ray Donovan 2x05)
Schauspieler in der Episode Ray Donovan 2x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?