Ray Donovan 2x04

Mit S U C K machen es die Produzenten des Showtime-Dramas Ray Donovan dem Rezensenten dieser Episode nicht gerade einfach. Zum einen finde ich zahlreiche Augenblicke in dieser vierten Folge der zweiten Staffel von „Ray Donovan“, die mich als Fan des Formats frohlocken lassen. Sie sorgen für Spannung, deuten verheißungsvolle Konflikte an und unterhalten mich insgesamt prächtig.
Auf der anderen Seite kann man erneut einige dramaturgische Probleme ausmachen, worunter abermals der Plot um Rays Ehefrau Abby (Paula Malcomson) fällt. Das muss erwähnt werden, auch wenn es die regelmäßigen Leser unserer Reviews zu „Ray Donovan“ womöglich nicht mehr lesen können. Dennoch überwiegt bei mir am Ende von „S U C K“ ein positives Gefühl, was vor allem an dem ausgezeichneten letzten Viertel der Episode, aber auch an einzelnen Figuren liegt, die eine etwas komplexere Charakterisierung erhalten.
Big Tiny
Nachdem ein großer Teil der letztwöchigen Episode Gem and Loan von klassischem comic relief geprägt war (die Odyssee des Stu Feldman), bieten uns die Serienmacher auch diese Woche einen recht amüsanten Einstieg an. Sullys (James Woods) ehemaliger und stark übergewichtiger Handlanger Tiny (Craig Ricci Shaynak) streift, nachdem er am Ende der ersten Staffel Zeuge der Ermordung seines alten Bosses geworden war, nach wie vor durch Los Angeles. So gut scheint es ihm jedoch nicht zu gehen, finanziell wie auch gesundheitlich. Er versucht nämlich zunächst, ein paar Packungen Scheibenwurst und ein Brathähnchen aus einem Supermarkt zu stibitzen, und möchte dann auch noch vor dem lustlosen Wachmann fliehen, was dem guten Tiny jedoch nicht so ganz gelingen mag.
Diese kleine Anfangssequenz ist aber nicht nur zu unserer Belustigung da, sie hat auch weitreichende Konsequenzen für den gesamten weiteren Handlungsverlauf. Tiny wird nämlich, wie es sich gehört, nach seinem Diebstahlversuch auf ein Polizeirevier gebracht, wo er wiederum etwas zu viel über die wahren Umstände bezüglich Sullys Tod plappert. Sofort klingeln beim örtlichen FBI-Leiter Cochran (Hank Azaria) die Alarmglocken, der daraufhin Ray (Liev Schreiber) auftreiben lässt, damit dieser sich um den gesprächigen Tiny kümmert.

You do this a lot?
Diesen kann Cochran in einem Hotel ausfindig machen, wo Ray (wie bereits nach der letzten Episode vermutet) eine heiße Liebesnacht mit der Journalistin Kate (Vinessa Shaw) hinter sich hat. Der notorische Schwerenöter hat erneut zugeschlagen und es fällt dem Zuschauer sehr schwer, in dieser Situation noch Sympathien für Ray aufzubringen - auch wenn der Eindruck entsteht, er würde in einer ruhigen Minute auf dem Balkon sein Verhalten reflektieren und Reue gegenüber seiner Frau zeigen. Die deutlich spürbare emotionale Verbindung zwischen Ray und Kate mag kein schlechter Treibstoff für den weiteren Verlauf deren beider Handlungsstränge sein. Allzu originell ist dieses dramaturgische Element aber nicht, was jedoch erneut durch einen starken Liev Schreiber und eine überzeugende Vanissa Shaw ausgeglichen werden kann.
Nachdem FBI-Agent Frank Barnes (Michael McGrady) Ray in der Hotellobby abgefangen hat, wartet auch schon Cochran mit dem Auftrag auf ihn, sich um das Tiny-Problem zu kümmern - und, falls es nicht anders geht, sogar endgültig. So weit möchte Ray nicht gehen, woraufhin Cochran die wahren Worte spricht, dass Ray doch noch nie wirklich irgendwelche moralischen Werte vertreten hatte. Damit trifft der aalglatte FBI-Mann ins Schwarze, auch mit Blick auf Rays neuerliche Affäre mit Kate.
And where were you last night?
Während Ray sich also dem beleibten Tiny annehmen muss und gleichzeitig Roland (Wendell Pierce) auf seinen Vater Mickey (Jon Voight) ansetzt, damit dieser nicht von Kate ausgefragt wird, fristet Abby weiterhin ein recht enttäuschendes Ehe- und Familienleben. Richtige Wertschätzung erfährt sie weder von ihrem Mann noch von ihren Kindern, die Nachricht über den erfolgreichen Kauf der neuen Bleibe der Donovans stimmt sie kurz fröhlich, doch schnell registriert sie, dass sie ihre Fixierung auf derartige materielle Oberflächlichkeiten nicht glücklich macht.
Vielleicht braucht sie ein wenig Veränderung in ihrem Leben, also versucht sie, sich ihres Bostoner Akzents zu entledigen, was eventuell auch auf ihr vorheriges Zusammentreffen mit ihrer potentiellen neuen Nachbarin zurückgeht. Die Vermutung liegt nahe, dass die Macher diesen Sprachunterricht als Metapher nutzen, um zu zeigen, wie sehr Abby versucht, ihr altes Leben in ein neues, besseres umzuwandeln. Doch es mag ihr einfach nicht gelingen. So findet sie sich kurze Zeit später wutentbrannt auf einer Schießanlage wieder, mit einem stärkeren Akzent als jemals zuvor. Zuvor hatte sie beim Sortieren der Wäsche herausgefunden, dass Ray sie erneut betrügt, woraufhin sie ihrem Psychiater einen spontanen Besuch abstattete. Jetzt ballert sie wild entschlossen ihren Frust weg und trifft dabei auf den Polizisten Jim (Brian Geraghty), dem sie direkt quasi rapportiert.

Abbys Handlungsbogen stellt, wie bereits mehrfach erwähnt, eine der großen Schwächen der zweiten Staffel von Ray Donovan für mich dar. Die neuen Entwicklungen stimmen mich ein wenig positiver, doch der Weg dahin war weitaus holpriger, als es sein musste. Die wütende Ehefrau, die beim Wäschewaschen der Untreue ihres Mannes auf die Schliche kommt und sich nun womöglich eine eigene Affäre sucht, ist etwas arg klischeehaft. Dennoch könnte die mögliche Abnabelung Abbys von ihrem Gatten der Figur guttun und ihr Handeln endlich ein wenig sinnvoller gestalten. Zu lange hat sie sich zu naiv und passiv verhalten. Vielleicht kommt nun endlich ein wenig Bewegung in ihre Charakterentwicklung. Außerdem dürfen wir auf Polizist Jim Halloran gespannt sein, der sicherlich keine unwesentliche Rolle in den nächsten Episoden spielen und von dem talentierten Darsteller Brian Geragthy (Boardwalk Empire) verkörpert wird.
Tell me about your lifestyle
Eine weitere Figur, die diese Woche endlich wieder etwas deutlicher in Erscheinung tritt, ist Bunchy (Dash Mihok). Dieser hat sich auf seiner neuen Arbeitsstelle im Fahrradladen langsam eingelebt, auch wenn er sich noch recht zurückhaltend präsentiert. Bei der Beratung einer jungen Mutter und ihres Sohnes taut Bunchy aber auf und zeigt uns doch wieder einmal, was für ein herzensguter Mensch er ist.
Da zimmert er doch gerne und vor allem problemlos ein Fahrrad für den kleinen Clifford (Aaron Fernando) zusammen, das für seine Mutter Patty (Heather McComb) auch erschwinglich ist. Bunchys Strahlen in seinen Augen, als er den Jungen mit dem Drahtesel eine Probefahrt machen sieht, ist ein geschickter Verweis auf die kindliche Unschuld, die Bunchy so leidvoll genommen wurde. Nun ist er schlichtweg glücklich, einem kleinen Kind den Traum von einem eigenen Fahrrad zu erfüllen. Generell gefallen die kleinen Szenen zwischen diesem Dreiergespann gut, strahlen sie doch eine Art Wärme aus, die man von „Ray Donovan“ eher selten geboten bekommt. Auch an dieser Stelle liegt die Vermutung nahe, dass Bunchy wieder mehr Screentime bekommen könnte, bahnt sich für den Geläuterten doch eine kleine, sympathische Liebesgeschichte mit Patty an.
Not a captain, only a sailor
Für Bunchy geht es also weiterhin bergauf, während der Plot um seinen Vater Mickey allmählich wieder etwas Fahrt aufnimmt. Bewährungshelfer Roland kann gerade noch so verhindern, dass er sich auf ein Gespräch mit Reporterin Kate einlässt. Ray will diese um jeden Preis von seinem Vater fernhalten, also handelt Mickey einen kleinen Deal aus, um sich zumindest wieder im Boxclub der Donovans blicken lassen zu dürfen. Aber auch dort ist er nicht willkommen, sowohl Terry (Eddie Marsan) als auch Daryll (Pooch Hall) weisen Mickey ab und wollen nichts mehr mit ihm zu tun.
Interessant ist dabei, dass Terry mit dem Gedanken spielt, nach Irland zu ziehen, was die Autoren als geschicktes Mittel nutzen könnten, um den generell wenig präsenten Eddie Marsan aus der Serie zu schreiben. Ich persönliche würde dies aufgrund Marsans Talents bedauern, doch hier bleibt uns nur eins: abwarten, was die nächsten Episoden bringen werden. Daryll hat sich mittlerweile komplett von seinem verräterischen Vater abgekapselt. Dieser baggert wiederum schon am nächsten Boxtalent, das er in Mexiko für seine Zwecke bluten lassen könnte, doch Terry geht bestimmt dazwischen und schmeißt den egoistischen Mickey aus dem Club.
Mickey ist langsam, aber sicher ganz unten angekommen und wird sich dessen erst richtig bewusst, als er sich mit seinem neuen Kumpel und Nachbar Shorty (Steph DuVall) dem Drogenrausch hingibt. Was ist aus dem einstigen Lebemann und Spielertypen Mickey Donovan nur geworden? Ganz im Gegensatz zum tiefenentspannten Shorty will Mick alles daran setzen, endlich wieder Kontrolle über sein eigenes Leben zu erlangen. Also kontaktiert er Kate, um mit ihr über Sullys Tod zu reden. Bevor es dazu kommt, statten Mickey jedoch zwei Anzugstypen, vermutlich vom FBI, einen Besuch ab und nehmen den etwas perplexen Mickey mit. Zuvor können wir einen Blick auf ein paar geheimnisvolle Audiokassetten erhaschen, die sich Mickey als eine Art Sicherheit zurechtgelegt hatte. Was auf diesen genau drauf ist, werden wir wohl im weiteren Verlauf der Handlung erfahren.
A cold place
Die neuesten Entwicklungen können Cochran gar nicht schmecken und auch Rays Inkonsequenz Tiny gegenüber strapaziert den Geduldsfaden des FBI-Agenten. Ray sträubt sich nach wie vor, Tiny den Garaus zu machen und will ihn lieber auf die Malediven schicken, um sich seiner zu entledigen. Doch Cochran hat genug von den Mätzchen, was auch Ray recht schnell registriert. So bereitet er dem gutgläubigen Tiny ein allerletztes Abendmahl, der Tatsache bewusst, dass Tiny noch diese Nacht den Löffel abgeben wird.

Gerade diese Szenen in den letzten 15 Minuten von S U C K haben es mir besonders angetan. Die Atmosphäre ist dicht und überaus spannend, Liev Schreiber überzeugt sowohl in seiner herrischen und aggressiven Rolle, als er Tiny die Leviten liest, als auch am Ende, wo er geradezu machtlos ist und gar ein wenig Reue und einen Anflug von moralischen Idealen zu zeigen scheint. Die Ergründungen derartiger Charakterzüge unserer Hauptfigur wird ebenfalls in einem kleinen Nebenplot vorangetrieben, in dem Ray für Ezra (Elliott Gould) das versprochene Geld der einstigen Hollywood-Ikone June Wilson (Ann-Margret) beschaffen soll. Auch hier erfährt Ray eine Art neuerliche Charakterzeichnung, die seiner Figur mehr Tiefe gibt und das Format bereichert.
Tinys Ende selbst steht derweil mal wieder exemplarisch für den eigenwilligen, aber auch ansprechend andersartigen Stil des Showtime-Dramas. Frank Barnes kümmert sich im Auftrag Cochrans höchstpersönlich um die Angelegenheit, stellt sich dabei jedoch etwas dümmlich an. Letztendlich gelingt es ihm, Tiny zur Strecke zu bringen, der wiederum eine Treppe hinunterstürzt und einen Passanten unter sich begräbt sowie dessen Bein unschön in Mitleidenschaft zieht. Frank ist sich Cochrans Devise „No loose ends!“ bewusst und erschießt auch diesen potentiellen Zeugen, was Cochran anfangs weniger zu gefallen scheint. Auch diese Entwicklungen komprimieren einzelne Figuren und könnten schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen.
Ray bringt unterdessen Kate in Sicherheit, weiß er doch, dass sie sich selbst durch ihre Arbeit in Gefahr bringt. Ihr unnachgiebiges Herumschnüffeln im Fall Sully wird früher oder später auch Cochran ein Dorn im Auge sein. Wundervoll ist dann Kates abschließende Bemerkung zu Rays Apartment in der Innenstadt von Los Angeles. Ein kalter, einsamer Ort, der nicht besser zu Rays speziellem Charakter passen könnte.
Fazit
Auch wenn es sicherlich abermals ein paar Dinge an Ray Donovan auszusetzen gibt, die vierte Episode der zweiten Staffel konnte mich im Gesamtbild überzeugen. Neben zahlreichen interessanten Charakterentwicklungen, die unter anderem auch unsere Hauptfigur betreffen, fiel diese Woche auch die technische Umsetzung der Folge etwas mehr ins Auge als noch in den vorangegangenen Folgen. Vor allem das Spiel von Licht und Schatten gefällt in S U C K überaus gut, auch die oftmals sehr unaufgeregten und fokussierten Einstellungen auf die Charaktere tragen zur atmosphärischen Dichte bei.
Letztendlich entsteht der Eindruck, dass „Ray Donovan“ immer mehr auf Touren kommt. Fasziniert und auch ein wenig verstört zugleich bin ich von Hank Azarias Figur des Ed Cochran. Anfangs war er noch recht einfach einzuschätzen, weist nun jedoch immer seltsamere Verhaltenszüge auf. Die Frau seines hochdekorierten Besuchs zum gemeinsamen Scrabble-Abend kann davon wohl ein Lied singen. Es bleibt spannend, wer hier die Kontrolle über wen behalten wird, wann welche unschönen Wahrheiten ans Tageslicht kommen und was für Wege die unterschiedlichen Charaktere einschlagen werden.
Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 5. August 2014(Ray Donovan 2x04)
Schauspieler in der Episode Ray Donovan 2x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?