Ray Donovan 2x03

Auch diese Woche bleibt in Ray Donovan ein großer Aufreger aus und dennoch stellt sich Gem and Loan von den bisher ausgestrahlten Episoden der zweiten Staffel als beste Folge heraus. Erneut bekommen wir eine vollgepackte Episode aufgetischt, in der zahlreiche Charaktere Raum zur Entfaltung bekommen. Glücklicherweise haben die Serienmacher schon längere Zeit den Kniff raus, ihre Episoden trotz viel Inhalt nicht zu sehr zu überladen. Eine Kunst, an der viele kreative Köpfe im TV-Geschäft immer wieder scheitern.
In „Ray Donovan“ macht sich dahingehend der konsequente und geradlinige Erzählstil bezahlt, der seit der allerersten Episode etabliert ist. Gepaart mit einer fähigen Darstellerriege und cleveren Dialogen sowie einem leicht zwinkernden Auge und schwarzhumorigem Unterton kommen Fans der Serie in „Gem and Loan“ voll auf ihre Kosten. Hier und da fühlt sich manch Situation vielleicht ein wenig repetitiv an und auch der Handlungsbogen von Abby hat weiterhin seine Probleme, doch insgesamt bekommt man hier viel von dem geboten, was Anhänger der Showtime-Serie so zu schätzen wissen.
A tired old con
„Gem and Loan“ startet mit Mickey (Jon Voight), der seit der letzten Woche seinen neuen Bewährungshelfer Roland (Wendell Pierce) im Nacken sitzen hat. Dieser hat Mickey einen Job in einem mexikanischen Restaurant besorgt, in dem er nun fleißig Geschirr abwäscht und Mohrrüben schält. Ein schöner kleiner Kontrast zu Mickeys süßer Zeit in Mexiko, als das Leben noch so einfach war. Hoffnung macht ihm nur ein Treffen mit seiner großen Liebe Claudette (Sheryl Lee Ralph), doch auch hier macht ihm Roland einen Strich durch die Rechnung. Eine elektronische Fußfessel überwacht nämlich von nun an jeden einzelnen Schritt von Mickey, ein Treffen mit Claudette außerhalb Mickeys schäbiger Bude scheint unmöglich.

Mickey lässt sich davon jedoch nicht bremsen und entledigt sich mithilfe seines Nachbars, dem krebskranken Shorty, dem Überwachunsgerät, nur um letztendlich doch feststellen zu müssen, dass Roland nicht auf den Kopf gefallen ist. Interessant ist bei deren beider Interaktion Mickeys Blick auf Rolands neue Uhr, eine kleine Aufmerksamkeit von Ray (Liev Schreiber). Viele Zweifel, dass sein eigener Sohn hinter dieser ständigen Überwachung steckt, dürfte Mickey nicht mehr haben.
Vielmehr steht die Frage im Raum, ob Mickey Rolands Käuflichkeit ausnutzen kann. Immerhin hat sich der Bewährungshelfer bestechen lassen. Eventuell tut sich hier für Mickey eine Möglichkeit auf, seinem Wachhund früher oder später zu entwischen. Er selbst scheint derweil recht mitgenommen zu sein, sein weinerliches Schluchzen Shorty gegenüber ist jedoch sehr schwierig zu bewerten. Alles nur Show? Oder ist er aufrichtig von Shortys Hilfe berührt? So, wie wir Mickeys Charakter kennengelernt haben, lässt sich das einfach nicht sagen.
Zumindest bleibt ihm am Ende nicht das Treffen mit seiner geliebten Claudette verwehrt. Das liegt aber weniger an Mickeys Überredungskünsten und Bettelversuchen, sondern vielmehr an Sohnemann Ray, der sich mit einer eifrigen Journalistin herumschlagen muss. Sullys (James Woods) Tod und die Blutspur, die er hinterlassen hat, ist nach wie vor der Grund für eine Menge Ärger, ob jetzt für Ray oder seinen Vater Mickey. Claudette hat ihn zwar erneut gedeckt, als sie von der Polizei zum Tod von Sean Walker (Johnathon Schaech) befragt wurde, und Mickey beruhigt sie, dass diese Geschichte nun endlich ein Ende hat. Doch weder Claudette noch der Zuschauer selbst mag dem alten Haudegen und Lebemann das wirklich abkaufen.
If they love you, they love you
Bevor wir uns der bereits erwähnten Journalistin Kate McPherson (Vinessa Shaw) widmen, die wiederum gehörig Wind in den Laden bringt, lohnt sich zuallererst jedoch ein erneuter Blick auf Rays Familie und sein Eheleben. Hier tritt nach einwöchiger Pause wieder Tochter Bridget (Kerris Dorsey) auf den Plan. Diese hat heimlich gepaukt und einen Eignungstest abgeschlossen, der so gut bewertet wurde, dass ihr der Besuch einer teuren Privatschule nahegelegt wird. Geld ist im Hause Donovan kein Problem, doch wir erinnern uns an den recht trotteligen, aber einflussreichen Filmproduzenten Stu Feldman (Josh Pais) aus der ersten Staffel. Dessen uneheliche Freundin hatte eine Affäre mit Ray und er hatte im Zuge dessen Rays Nachwuchs sämtliche Türen zu den renommierten Eliteschulen von Los Angeles verschlossen.
Also schlägt die Stunde des Fixers Ray Donovan, der mit Stu einen Deal eingeht, damit Bridget doch auf ihre auserkorene Privatschule gehen kann. Sie selbst wird derweil immer wieder vom aufstrebenden Rapper Marvin (Octavius J. Johnson) belästigt, dessen Avancen sie zu Beginn noch abschmettern kann. Doch schon bald finden sich die beiden liebestoll in Marvins Wagen wieder. Auch hier wird gut Spannung aufgebaut, wissen wir doch, dass Papa Ray nicht besonders gut auf Marvin zu sprechen ist. Auch wenn die Gefahr besteht, dass man sich im Vergleich zur ersten Staffel zu sehr wiederholt, die Figur Bridget birgt einiges an Potential. Gerade jetzt, wo ihr Vater so stolz auf sie ist, bietet eine erneute Liaison mit Marvin ordentlich Konfliktmaterial.
Anybody home?
Während von Conor (Devon Bagby) diese Woche nichts zu sehen ist, scheint Abby (Paula Malcomson) langsam wieder zu sich selbst zu finden. Zumindest macht sie den Anschein. Dass sie nach wie vor äußerst angespannt ist, zeigt ihre pampige Reaktion einer neugierigen Neunachbarin gegenüber. Auch wenn sie sich mit Ray versöhnt hat, ihre Tochter ein kleines Genie ist und sie alsbald ein neues, prunkvolles Haus beziehen wird, ihre Verunsicherung bleibt greifbar.

Ein Gespräch mit ihrem Therapeuten wirkt da schon fast wie der blanke Hohn, nimmt sie doch tatsächlich ihren Mann in Schutz. Derjenige, der sich in letzter Zeit so viele Verfehlungen geleistet hat. Nicht ohne Grund geht der Therapeut von Bestechung aus, die Abby dazu zwingt, nichts Schlechtes über ihren Gatten zu sagen. Und auch wir als Zuschauer müssen gar ein wenig mit dem Kopf schütteln, verwundert Abbys Naivität und Verklärtheit doch sehr.
Bezeichnend ist dann, als sie nach Hause kommt, wo niemand auf sie wartet und sie in ihrer Einsamkeit zur Flasche greift. Bei ihrer Charakterentwicklung muss man zurzeit noch am meisten ein Auge zudrücken, handelt sie doch zu oft zu fragwürdig. Vorstellbar ist jedoch, dass dies nur der Anfang einer größeren Krise ist, die sich im Laufe der zweiten Staffel von Ray Donovan noch entladen wird. Wie radikal der finale Konflikt zwischen ihr und Ray wird, bleibt abzuwarten. Letzterer trägt wiederum in Gem and Loan dazu bei, dass der nächste handfeste Ehekrach wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.
Smutking
Grund dafür ist die emsige Reporterin Kate (Vinessa Shaw), die nach wie vor unbequeme Fragen stellt. Selbst FBI-Agent Cochran (Hank Azaria) wird dies langsam zu bunt, woraufhin er Ray auf die Journalistin ansetzt. Während Kate weiter nachbohrt und unter anderem Terry (Eddie Marsan) ein paar Fragen stellt, muss sich Ray jedoch erst einmal den Bedürfnissen seiner Tochter zuwenden, was in diesem konkreten Fall die Bedürfnisse des Unsympathen Stu Feldman sind.
Dieser möchte nämlich unbedingt eine Liebesnacht (freundlich ausgedrückt) mit einem bekannten Pornosternchen („The Meryl Streep of the gang bang“) verbringen. Wenn Ray dies arrangieren kann, ermöglicht Stu Bridget den Besuch der Eliteschule. Diese Nebenhandlung dient selbstredend als comic relief-Element in Gem and Loan und macht ihrer Funktion aller Ehre. Der skurrile Stu findet sich letztendlich in einer äußerst prekären Lage wieder, obwohl ihn Ray zuvor noch gewarnt hatte, dass mit den Leuten aus der Pornobranche nicht gut Kirschen essen ist. Hier lassen die Autoren ihren lockerleichten Dialogen freien Lauf, immer wieder gibt es zahlreiche amüsante Momente, die die Episode abwechslungsreich gestalten.
Schlussendlich bekommt Stu die Quittung für seine Überheblichkeit und Selbstüberschätzung, wobei ihn Ray in gewisser Weise sogar noch aus seiner brenzligen Situation herausboxen kann. Das Pornosternchen spielt nun in einem Film an der Seite von Tommy Wheeler (Austin Nichols) mit, ihr Mann und Pornoregisseur ist nun neben Stu Produzent für diesen Film und Ray hat gut 200.000 US-Dollar von Stu, die er als Druckmittel gegen ihn benutzen kann, damit Bridgets Traum von der Privatschule in Erfüllung geht. Das verschmitzte Lächeln von Ray am Ende dieser Geschichte um Stu Feldman ist dabei einfach unbezahlbar.

A trick I picked up
Etwas anstrengender als Stu Feldman gestaltet sich da schon Rays Schlagabtausch mit Reporterin Kate. Diese kommt durch ihre Recherche dem undurchsichtigen Gebilde um und hinter Patrick „Sully“ Sullivan immer mehr auf die Schliche. Also muss Ray einschreiten und erst einmal abtasten, was die junge Frau aus Boston bereits weiß und wie groß die Gefahr, die von ihr ausgeht, wirklich ist.
Vinessa Shaw gefällt dabei gut in ihrer Rolle der nicht nachgebenden Journalistin. Ihre Charakterisierung ist zwar ein wenig einfach und stereotypisch, jedoch strahlt sie eine ansteckende Zielstrebigkeit aus, die sie ein Stück weit sympathisch macht. Spätestens im finalen Gespräch zwischen ihr und Ray macht sich die starke Chemie zwischen Shaw und Liev Schreiber bemerkbar. Dabei ist man sich anfangs nicht sicher, wer hier wen spielt: Ob Ray wirklich nur abtasten will, mit wem er es hier zu tun bekommt oder ob Kate ihr Gegenüber nur geschickt um den Finger wickelt, um an weitere Informationen zu kommen, bleibt offen.
Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass es zwischen diesen beiden Figuren noch ordentlich knistern wird. Erneut könnte sich Ray auf eine Affäre einlassen, die ihn vor große Probleme stellen wird. Schnell werden Erinnerungen an die erste Staffel wach, in der es einen ähnlichen Handlungsbogen gab. Sein Seitensprung (Ambyr Childers, auch hier in Gem and Loan noch einmal kurz zu sehen) von damals war aber bei weitem nicht so interessant wie Vinessa Shaws Kate McPherson. Aus diesem Grund bin ich doch recht gespannt, vor allem mit Blick auf Abbys zukünftige Entwicklung, was dieses Storyelement mit sich bringen wird.
Fazit
Wir befinden uns zwar noch nicht auf der Hochform einiger Episoden aus der ersten Staffel, doch Ray Donovan ist in seiner zweiten Staffel bereits nach drei Folgen auf dem besten Weg dorthin. Vor allem die Kombination aus den überzeugenden Darstellern, ihren Charakteren und den abwechslungsreichen Dialogen entpuppt sich hier als sehr gelungene Unterhaltung. Erneut macht es die Mischung zwischen kleinen, humorvollen Einlagen und finsteren Überraschungen, die auf unsere Figuren noch warten. So wird nicht nur Spannung geboten, auch für einen kurzweiligen Unterhaltungswert wird gesorgt. Zusätzlich punktet man wieder einmal mit einer guten musikalischen Untermalung, die die Episode noch ein wenig runder macht.
Es lassen sich zwar auch nach wie vor einige Makel finden und auch den Vorwurf, die Geschichte aus der ersten Staffel ein wenig zu wiederholen, müssen sich die Serienmacher gefallen lassen. Jedoch bin ich zuversichtlich, dass dieser Kritikpunkt schnell wieder egalisiert werden kann, was vor allem an den interessanten Figurenkonstellationen und neuen Charakteren liegt. Leider kommen so auch einige arrivierte Darsteller zu kurz, so zum Beispiel Dash Mihok oder Eddie Marsan. Nach gerade einmal drei Episoden deswegen schon groß Kritik zu üben, wäre jedoch falsch und nicht fair. Ray Donovan mausert sich langsam zu einem sehenswerten Ensembledrama, in dem es fast natürlich ist, dass einige Figuren aus Zeitgründen etwas kürzertreten müssen. Ich persönlich bin sehr gespannt, wohin die Entwicklung des Showtime-Dramas uns Zuschauer letztendlich führen wird.
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 28. Juli 2014(Ray Donovan 2x03)
Schauspieler in der Episode Ray Donovan 2x03
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