Ray Donovan 2x01

Das Showtime-Drama Ray Donovan war im letzten Jahr ein durchaus passabler Serienneustart des Kabelsenders, der schnell eine kleine Fanschar um sich versammeln konnte. Diese war umso erfreuter, als die Bestellung einer zweiten Staffel des stilsicheren Antihelden-Dramas in Auftrag gegeben wurde.
Nun darf Ray Donovan (Liev Schreiber) also erneut die Probleme der Reichen und Schönen Hollywoods angehen, doch wie bereits in der ersten Staffel deutlich wurde, hat er selbst genügend Leichen im Keller, die ihn und seine Familie in Teufels Küche bringen könnten. So rückt in der Auftaktepisoden zur zwölfteiligen zweiten Staffel von „Ray Donovan“ seine Tätigkeit als Problemfixer für andere erst einmal in den Hintergrund, tun sich unserer Hauptfigur doch zahlreiche persönliche Hürden auf, die diese zu überwinden hat.
Six Feet Under
Zwischen der Handlung der ersten und zweiten Staffel von „Ray Donovan“ ist nicht sehr viel Zeit vergangen, gerade einmal zwei Wochen liegen zwischen dem blutigen Ende der ersten Staffel um den grantigen Sully (James Woods) und der Handlung in der Auftaktepisode der zweiten Staffel, Yo Soy Capitan. Dementsprechend greifen die Serienmacher auch das abschließende Bild am Ende der ersten Staffel auf, als Ray mit blutverschmiertem Hemd und völlig kraftlos auf einer Strandliege vor sich hinschlummerte. Doch aus dem bequemen Stoffbezug wird schnell ein kaltes Grab, Ray wird anscheinend lebendig begraben und blickt panisch seinem vermeintlichen Ende entgegen.
Schweißgebadet reißt Ray dann seine Auge auf, war dies doch nur ein furchtbarer, aber auch recht vielsagender Traum. Erneut wird dem Zuschauer bewusst gemacht, dass sich die Schlinge um Rays Hals schneller zuziehen könnte, als es ihm lieb ist. Es liegen wohl noch einige Sünden und Verbrechen im Verborgenen, die unsere Hauptfigur früher oder später einholen und somit dessen unschönes Ableben bedeuten könnten.

Therapy
Zumindest scheint Ray hinsichtlich seiner ehelichen Verfehlungen etwas Genugtuung leisten zu wollen, besucht er doch mit seiner Frau Abby (Paula Malcomson) einen Therapeuten. Dieser (Brent Spiner aus Star Trek: The Next Generation) macht schnell ein akutes Aggressionsproblem bei Ray aus, dessen sich dieser einfach nicht entziehen kann. Wer einen Beweis dafür braucht, muss sich nur das unangenehme Liebesspiel zwischen Ray und Abby zu Beginn der Episode anschauen. Der Therapeut erkennt hier schon eine Frühform handfesten Missbrauchs in der Ehe, und auch wenn sich Abby schützend vor ihren Mann stellt und alles dafür tut, diese Ehe am Laufen zu halten, ihre Zweifel ob ihrer Beziehung mit Ray bleiben für den Rest der Episode absolut spür- und greifbar.
Dies liegt vor allem daran, dass Ray ihr einfach nicht entgegenzukommen scheint. Er beweist zwar, dass er ein fähiger Familienvater sein kann, doch immer wieder wird er von seinen persönlichen Problemen eingeholt, immer wieder hält er mit der Wahrheit hinter dem Berg. Schön früh betreiben die Macher ein unheilvolles Foreshadowing, was ihren Hauptcharakteren betrifft, dass uns als Zuschauer unmittelbare Parallelen zu Rays gehasstem Vater Mickey (Jon Voight) ziehen lässt.
El capitán
Dieser ist erst einmal aus Los Angeles geflüchtet und lässt es sich an der tropischen Küste Mexikos gut gehen. Erneut sehen wir Mickey am Rumhuren, mit hartem Alkohol und Haschischzigarette in der Hand. Doch auch er wird von seiner Vergangenheit verfolgt und seinem Gewissen heimgesucht. Auch wenn die Szene mit einem eher durchschnittlich gut animierten Delphin etwas befremdlich wirkt, der kurze Auftritt von Mickeys Affäre aus der letzten Staffel (Rosanna Arquette), die wiederum das Zeitliche segnete, lässt den egozentrischen Schwerenöter doch recht entsetzt aufblicken.
Doch wenn uns die Charakterisierung Mickeys in der letzten Staffel eins gelehrt hat, dann, dass er in der Lage ist, sein Gewissen voll und ganz ausblenden zu können. Seine früheren Versuche, wieder eine Beziehung mit seinen Söhnen aufzubauen, mögen auf der ersten Blick gut gemeint gewesen sein. Schlussendlich war Mickey jedoch immer nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht, was in Yo Soy Capitan Daryll (Pooch Hall) leidvoll erfahren muss.
La Fuerza
Daryll muss sich nämlich in einem abgekarteten Boxkampf mit einem mexikanischen Fleischberg messen und geht folgerichtig nach einer ordentlichen Tracht Prügel zu Boden. Schnell wird ihm bewusst, dass sein Vater ihn nur benutzt hat, um selbst Profit zu machen. So wie Daryll denken auch wir zurück an Terry (Eddie Marsan), der von seinem Vater regelrecht zum Kämpfen gezwungen wurde und nun einen permanenten Nervenschaden mit sich trägt. Auch wenn Daryll als jüngster Sohn Mickeys wohl noch das unproblematischste Verhältnis zu ihm hat, insbesondere im Vergleich zu Ray, Terry und den geläuterten Bunchy (Dash Mihok), diesen Vertrauensmissbrauch und Umgang wird er so schnell nicht vergessen.

You look good Bunch
Wo wir die vier Brüder gerade schon namentlich erwähnt und uns bereits Ray und Daryll gewidmet haben, bietet sich ein Blick auf die beiden Verbleibenden an. Bunchy, dessen Figur auch dank einer tollen schauspielerischen Leistung von Dash Mihok in der ersten Staffel einer der interessantesten und stärksten Charaktere war, scheint sich nun endlich berappelt zu haben. In einer Hilfsgruppe redet er nun frei über seine vergangenen Süchte und Mihok gelingt es durch sein authentisches Schauspiel erneut, dass man sich als Zuschauer nur das Beste für Bunchy wünscht.
Doch gleichzeitig erkennt man auch nach wie vor eine große Spur von Unsicherheit in Bunchy, der geradezu irritiert wirkt, als er von einem anderen Mitglied der Hilfsgruppe angesprochen wird. Daran trägt sicherlich auch Bunchys psychische Labilität große Mitschuld, die wiederum Folge seines Daseins als Missbrauchsopfer ist. Diese dezente Darstellung macht deutlich, dass Bunchys Kampf noch lange nicht vorbei ist, und auch wenn er sich auf dem Weg der Besserung befindet, ein Rückfall könnte schneller kommen als erwartet.
Jedoch macht Bunchy im Großen und Ganzen einen eher positiven Eindruck, wohingegen sein Bruder Terry weit betroffener wirkt. Leider bekommt Eddie Marsan in Yo Soy Capitan nicht all zuviel Spielraum, doch in seinen wenigen Szenen wird deutlich, wie sehr Terry unter der Trennung von Frances (Brooke Smith) leidet. Zusätzlich ist er verärgert, dass Ray einfach nicht in der Lage dazu ist, Mickey vergessen zu können. So macht Terry Ray eindringlich deutlich, dass dessen Fixierung auf deren Vater ungesund ist und unangenehme Konsequenzen hervorrufen könnte.
Tikun Olam
Ray bleibt jedoch resistent ob solcher Ratschläge, auch weil ihm das FBI in Person von Neuzugang Hank Azaria im Nacken sitzt. Dieser spielt den undurchsichtigen Bundesbeamten James Cochran, der seine eigenen Mittel hat, um Ray unter Druck zu setzen. Auch wenn Azarias Figur hier etwas verhalten eingeführt wird, das Potential eines spannenden Konflikts zwischen ihm und Liev Schreibers Ray ist durchaus erkennbar.
Auch Elliot Gould feiert dann noch einmal einen kleinen Auftritt in seiner Rolle als Ezra Goodman, jedoch nur, um erneut mahnende Worte an Ray zu richten. Einiges liegt im Argen, was nun einer Reparatur benötigt. Für Ray bedeutet das ein Kampf an mehreren Fronten, bei dem er glücklicherweise auch auf Lena (Katherine Moennig) und Avi (Steven Bauer) zurückgreifen kann. Letzterer hat seine Schusswunde aus dem Finale der ersten Staffel gut überstanden, Erstere unterstützt Ray weiterhin beim Fixen verschiedenster Probleme. All zu groß ist der Auftritt der beiden hier nicht, vielmehr lässt sich dieser als klassische, jedoch nette Erinnerungen für uns Zuschauer verbuchen, dass Ray zwei fähige Angestellte an seiner Seite hat.
Denn Ray kann jede Form von Hilfe gebrauchen, insbesondere mit Hinblick auf seine Arbeit, verlangt ihm doch der familiäre Stress sehr viel ab. Es zeigen sich langsam erste Anzeichen, dass Conor (Devon Bagby) die schlechten Eigenschaften seines Vaters übernimmt, was Abby zurecht vor größere Sorgen stellt. Abby ist zwar bereit, alles zu investieren, um ihre Ehe zu retten, doch ein abschließendes Bild von ihr auf der Couch samt musikalischer Untermalung durch eine Cover-Version von Céline Dions „My Heart Will Go On“ sät Zweifel. Sicherlich ist diese Szene ein wenig zu einfach, aber dennoch ist die Botschaft klar: Auch Abbys bedingungslose Unterstützung für ihren Ehemann wird irgendwann ein Ende haben, sollte sich dieser nicht grundlegend ändern.

Come a little bit closer
Ob wir das von Ray erwarten können? Schwer vorzustellen, vor allem, wenn man sich den sehr gelungenen Abschluss von Yo Soy Capitan anschaut. Um selbst eine reine Weste zu bewahren, willigt Ray ein, Cochran Mickey auszuliefern. In der mexikanischen Spelunke angekommen, wo Mickey groß feiert, inbrünstig La Bamba tanzt und viele neue Freunde gefunden hat, macht er seinem Vater deutlich, dass das süße Leben nun vorbei ist. Dieser zeigt sich unbeeindruckt und so ist Ray gezwungen, andere Geschütze aufzufahren.
Bevor er jedoch die Bar verlässt, nur um wenige Sekunden später mit einem Baseballschläger („The bag or the bat, Mickey?“) wieder in die schmierige Absteige hineinzutreten, schreitet Ray noch zur Jukebox, um dort ein passendes Lied auszuwählen und den nachfolgenden Moment gebührend zu zelebrieren. Der Song „Come A Little Bit Closer“, in dem ein von sich überzeugter Hengst sich an die Frau eines anderen heranschmeißt und sich von seiner Lust und Leichtsinnigkeit verführen lässt, nur um am Ende die gnadenlose Quittung für sein Verhalten zu bekommen, bedarf im Kontext dieser Episode und finalen Szene wohl kaum einer näheren Erläuterung. Wer von den beiden Kapitän oder Seemann, sprich in Kontrolle über den jeweils anderen sein wird, bleibt abzuwarten.
Fazit
Den Auftakt der zweiten Staffel von Ray Donovan kann man durchaus als sehr solide und gelungen bezeichnen. Die überzeugenden Darsteller machen da weiter, wo sie aufgehört haben und es ensteht schnell der Eindruck, dass die Serienmacher ihre in der ersten Staffel begonnene Geschichte konsequent weitererzählen wollen. Diese Geradlinigkeit weiß man zu schätzen, auch wenn der bedächtige Aufbau von Yo Soy Capitan gerne noch etwas temporeicher hätte sein können.
Fraglich bleibt dabei jedoch, inwiefern „more of the same“ viele Zuschauer bei Laune halten kann. Jedoch war es auch logisch, dass die Geschichte um Ray, Mickey und ihr problematisches Verhältnis weitergeführt werden musste, ist doch nach der ersten Staffel einiges unklar geblieben. Nun muss man nur aufpassen, dass die vielen Probleme Rays den Plot nicht zu sehr aufblasen und darunter interessante Nebenfiguren wie Rays Frau Abby, seine Kinder oder auch Rays Brüder Terry und Bunchy leiden. Der gute Einstieg in die neue Staffel verspricht zumindest schon einmal einige spannende Entwicklungen und Konflikte, was die Serienmacher daraus machen, werden die nächsten elf Episoden zeigen.
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 14. Juli 2014Ray Donovan 2x01 Trailer
(Ray Donovan 2x01)
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