Ray Donovan 1x12

Same Exactly: Der Titel der Finalepisode der ersten Staffel von Ray Donovan ist einem Dialog entnommen, den Ray Donovan (Liev Schreiber) gegen Ende der Episode mit seinem Vater Mickey (Jon Voight) führt. Die Szene ist der Höhepunkt einer ansonsten recht ereignisarmen Finalepisode. In ihr kulminiert der gesamte Hass, den Ray seit seiner Kindheit für seinen Vater schürt. Zum ersten Mal spricht er aus, was er seinem Vater alles vorwirft, warum er ihn umbringen lassen wollte, wieso er ihm niemals verzeihen wird.
You're the wolf, Mickey
Ray Donovan ist und bleibt ein Familiendrama. Der große Mittelbau der ersten Staffel widmete sich diesem Thema, die zu Beginn noch prominent vertretene Fixergeschichte rückte immer mehr in den Hintergrund. Nun jedoch erhält sie wieder mehr Platz, obwohl es dabei im Kern darum geht, ein Familienproblem zu lösen. Der von Ray auf seinen Vater angesetzte Serienmörder Patrick „Sully“ Sullivan (James Woods) aus ihrer gemeinsamen Heimatstadt Boston hatte sich zuvor entschieden, Mickey eben nicht wie vereinbart umzubringen, sondern sich lieber mit der Mordprämie aus dem Staub zu machen.

Ray jedoch weiß, dass Sully ohne Reisepass nicht weit kommen dürfte und setzt seine Handlanger Avi (Steven Bauer) und Lena (Katherine Moennig) auf den Flüchtigen und seine Konsorten Eddie (Robert G. Brewer) und den schwer übergewichtigen „Tiny“ (Craig Ricci Shaynak) an. Eddie überwältigen sie am Zentralbahnhof, Tiny machen sie in einem asiatischen Restaurant ausfindig, welches dieser in schöner Regelmäßigkeit pünktlich zur Eröffnung des Mittagsbüffets besucht. Es ist nicht das einzige Mal in dieser Episode, dass der adipöse Tiny dem comic relief dient, der nicht wirklich vonnöten ist, werden doch sämtliche lose Enden zusammengeführt.
Tiny und Eddie gelingt es nämlich nicht, Ray und Konsorten lange Widerstand zu leisten und so liefern sie ihnen Sully bereitwillig aus. Am Hafen, wo Sully damit rechnet, sein Fluchtboot nach Mexiko zu betreten, kommt es schließlich zum Showdown. Darin sind nicht nur Ray und Sully involviert, sondern auch der korrupte FBI-Agent und Ray-Informant Frank Barnes (Michael McGrady) und - überraschenderweise - Mickey.
Hier muss zum ersten Mal Kritik geübt werden. Wie konnte Mickey so schnell mit Sully in Kontakt treten? Zuerst dachte ich, Ray und Mickey hätten sich einen Plan zurechtgelegt, um sich Sully gemeinsam zu entledigen, schließlich war er die größte Gefahr für sie. Als Ray am Ende Mickey jedoch weiterhin die kalte Schulter zeigt und ihm zum wiederholten Male die endgültige Abreise aus Los Angeles nahelegt, wird klar, dass es sich nicht um ein gemeinsames Komplott gegen Sully gehandelt haben kann. Haben Sully und Mickey Telefonnummern ausgetauscht? Und wie konnte Mickey Sully dazu überreden, ihn auf seine Exilreise mitzunehmen?
I didn't have words for it
Hier bleibt uns Ann Biderman, Serienschöpferin und Autorin der Finalepisode, eine Erklärung schuldig. Beinahe hat es den Anschein, als sei Mickey nur in die Szene geschrieben worden, um ihm die Möglichkeit zu geben, seinem Sohn das Leben zu retten, was dann ja auch genau so passiert. Hier agieren die Macher von Ray Donovan nicht mit letzter Konsequenz und geben der Zuneigung nach, die sie offensichtlich für ihre Figuren entwickelt haben. Sicher, Ray verzeiht seinem Vater auch nach dessen Mord an Sully nicht. Seine übrigen Söhne heißen ihn jedoch wieder in ihrem Kreis willkommen.

Dabei hatte der Verlauf der Episode zunächst ein anderes Ende für Mickey angedeutet. Die Menschen in seinem Leben, die ihm am meisten bedeuten, wenden sich von ihm ab. Bunchy (Dash Mihok) beschließt nach dem Mord an Priester O'Connor (Michael Christofer), sein Leben neu zu ordnen und wirft Mickey aus seiner Wohnung. Daraufhin sucht er bei Abby (Paula Malcomson), die vorübergehend mit den Kindern im Luxushotel residiert, Unterschlupf. Doch auch sie verweigert dem alten Mann Obdach. Plötzlich realisieren sämtliche Protagonisten, dass sich ihr Leben seit der Ankunft Mickeys verschlechtert hat.
Darum ist es umso erstaunlicher, dass es am Ende zu einem solch versöhnlichen Abschluss für alle Beteiligten kommt - mit Ausnahme des ermordeten Sully natürlich. Zwischen Ray und Mickey wird es jedoch nie Frieden geben. Abby offeriert Ray derweil ihre bedingungslose Liebe und Mickey darf sich im Kreise seiner verbliebenen Söhne heimisch fühlen. Er findet in Terrys (Eddie Marsan) Boxgym sogar ein neues Zuhause. Zuvor gibt er Ray noch einen Rat, den er selbst wohl allzu großzügig beherzigt: „You know what your problem is, Ray? You cling to the past. You've got to move on.“
Fazit
Der Abschluss der Dramaserie Ray Donovan ist etwas unbefriedigend, weil Autorin Biderman es sich zu einfach macht mit der Auflösung der Geschichte. Dabei hätte es gar keiner Auflösung bedurft, ist die Serie doch längst um eine zweite Staffel verlängert worden. Vielleicht wollte Biderman aber auch nur ausdrücken, wie schwierig es ist, den am Ende des letzten Absatzes zitierten Ausspruch Mickeys wirklich zu beherzigen.
Denn auch Mickey, König der Wortverdreher, kommt seinem eigenen Ratschlag nicht nach und kehrt wieder in den Kreis derer zurück, die ihn vor nicht allzu langer Zeit noch verstoßen wollten. Dabei hatte die dramatische und sehr authentisch inszenierte Auseinandersetzung zwischen Ray und seinem Vater doch einen so überzeugenden Grundstein für die endgültige Verstoßung des Vaters gelegt.
Die Konfrontation zwischen den beiden Heißspornen ist einer der Höhepunkte der gesamten ersten Staffel. Sie fasst das große Drama der Familie Donovan in wenigen Aussagen, in wenigen Augenblicken und Momenten zusammen. Am Ende platzt es aus Ray heraus: „You been dead to me since I was ten years old.“ Danach der finale Dolchstoß in Mickeys schwarzes Herz: „There's no forgiveness for you.“
Eine komplizierte Vater-Sohn-Beziehung zerbricht also endgültig. Dabei hatte Mickey noch einmal alles versucht, um Rays stahlharte Fassade zu durchbrechen: „You're my favorite, Ray. You always were. We're alike, the two of us. Same exactly.“ Das ist grandioses Drama, das ist großartiges Fernsehen. Dies hätte das kraftvolle, dramatische, mutige Ende der Staffel sein können. Schade, dass sich Autoren und Produzenten anders entschieden haben.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 26. September 2013(Ray Donovan 1x12)
Schauspieler in der Episode Ray Donovan 1x12
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