Ray Donovan 1x11

Bucky Fuckin' Dent: Dieser Spitzname dĂŒrfte den meisten sportinteressierten Amerikanern ein Begriff sein, in Deutschland weiĂ sicherlich kaum jemand etwas damit anzufangen. In einem Ausscheidungsspiel der amerikanischen Baseballliga MLB zwischen den Dauerrivalen Boston Red Sox und New York Yankees im Jahre 1978 schlug Bucky Dent, ein bis dahin eher unauffĂ€lliger Spieler der Yankees, den spielentscheidenden Home Run. Die Yankees zogen als topgesetztes Team in die Play-offs ein und gewannen spĂ€ter sogar den Titel. Fortan avancierte âBucky Fucking Dentâ in ganz Massachussetts zum gebrĂ€uchlichen Spitznamen fĂŒr unliebsame Personen.
I got nothing. My life is fucked.
In der nach jenem Baseballspieler benannten Episode von Ray Donovan dient ebendieser Spitzname als Anekdote fĂŒr eine Geschichte, die Ray Donovan (Liev Schreiber) seinen BrĂŒdern erzĂ€hlt. Ihr Vater Mickey (Jon Voight) habe ihm damals einen gemeinsamen Besuch genau dieses Spiels versprochen. Stundenlang sei Ray damals um das Stadion gelaufen, weil er dachte, sein Vater wĂŒrde an einer anderen Stelle als der vereinbarten auf ihn warten. Das Spiel habe schon lĂ€ngst begonnen, als dem jungen Ray die Gewissheit kam, dass sein Vater ihn schlicht und einfach vergessen habe. Dies war eine der ersten EnttĂ€uschungen in einer schier endlosen Reihe, an die sich Ray bis heute erinnern kann.

Der Grund fĂŒr die damalige Absenz des Vaters war ein ĂŒberaus banaler. Er war gerade mit seiner Geliebten Claudette (Sheryl Lee Ralph) zugange. AuĂerdem habe er ĂŒberhaupt keine Eintrittskarten fĂŒr das Spiel besessen - eine der vielen LĂŒgen, die Mickey seinen Söhnen auftischte, um sich die BĂ€lger vom Leib zu halten. Geschlossen wird dieser Kreis aus vergangenen vĂ€terlichen EnttĂ€uschungen in dieser Episode dadurch, dass ebenjene Claudette darin wieder auftaucht. Mickey steckt nĂ€mlich in der Klemme. Zwei Ermittler des LAPD befragen ihn zum Mord an Filmstar Sean Walker (Jonathan Schaech). FĂŒr die Tatzeit kann er kein Alibi vorweisen. Deshalb bittet er Claudette darum, ihm eines zu verschaffen. Sie hat ĂŒberraschend wenige Probleme damit, denn: „I owe you.“
WĂ€hrend also Mickey den Kopf aus der Schlinge ziehen kann, dĂŒrfte es fĂŒr Ray Donovan in Zukunft immer enger werden. Ihm droht gleich an mehreren Fronten Ungemach. Der gröĂte Teil der Episode wird dabei mit der eigenwilligen VergangenheitsbewĂ€ltigung der Donovan-BrĂŒder gefĂŒllt. In einer reichlich abstrusen Szene platzt Bunchy Donovan (Dash Mihok) mitten in die Sexspielchen von Terry (Eddie Marsan) und seiner neuen Freundin Frances (Brooke Smith). Blutverschmiert und offensichtlich unter Schock stehend stammelt er: „I fucked up. I fucked up real bad.“
Terry folgt Bunchy und den Blutspuren in ein Hinterzimmer seines Boxclubs. Dort hat der jĂŒngste der Donovan-Geschwister den angeschossenen Priester (Michael Christofer), den er in den letzten Episoden observiert und auch konfrontiert hatte, verstaut. Terry veranlasst die Erstversorgung durch Krankenschwester Frances. Dann fĂ€llt ihm auch nichts Besseres ein, als âFixerâ Ray zu kontaktieren. Der hat zwar mehrere eigene Probleme - namentlich einen befĂŒrchteten Racheakt Sullys (James Woods) und die damit einhergehende GefĂ€hrdung seiner Familie sowie die Gefahr, die sein mit dem FBI kooperierender eigener Vater fĂŒr ihn darstellt. Allerdings merkt er der bebenden Stimme Terrys an, dass er nun wirklich gebraucht wird.
I'll wait for you at home
Im Gym entspinnt sich daraufhin ein bedrĂŒckendes Kammerspiel gegen die Zeit. Der Priester windet sich in Schmerzen, bettelt die BrĂŒder darum an, ihm endlich Ă€rztliche Versorgung zukommen zu lassen. Bunchy und Ray sind jedoch davon ĂŒberzeugt, dass hier jener Priester O'Connor vor ihnen liegt, der Bunchy und - wie sich spĂ€ter herausstellen wird - auch Ray wĂ€hrend ihrer Kindheit in Boston sexuell missbrauchte: „You told me it was God in my mouth.“ Sie stehen also vor der Entscheidung, den Urheber all ihrer Traumata sterben zu lassen oder ihn zu retten - und damit Bunchy einer sicheren GefĂ€ngnisstrafe zuzufĂŒhren.

ZunĂ€chst gelingt es Ray, die Kontrolle ĂŒber die Situation zu behalten. Er merkt aber, dass diese ihm mit jeder weiteren untĂ€tigen Minute entgleitet. Die Nachforschungen seiner Gehilfin Lena (Katherine Moennig) bringen sie nicht weiter. Immerhin wird sie die Tatwaffe entsorgen. AuĂerdem gibt sie ihnen die vage Gewissheit, dass es keine Zeugen fĂŒr Bunchys Bluttat gibt. Als Ray jedoch von Ehefrau Abby (Paula Malcomson) die Absolution erhĂ€lt, mit O'Connor anstellen zu können, was er fĂŒr richtig hĂ€lt, trifft er die Entscheidung, den Priester, seinen HĂ€scher, zu töten. Zwischendurch hatte der lange widerspenstige O'Connor gar seine Schuld zugegeben. Bunchy hat da schon eine wilde emotionale Achterbahnfahrt hinter sich. Eigentlich entscheidet er sich dazu, den Priester ins Krankenhaus zu bringen und fĂŒr seine SĂŒnde geradezustehen.
Ray hat jedoch andere PlĂ€ne. Er wolle sich alleine um O'Connor kĂŒmmern. Der weiĂ, dass dies seinem Todesurteil gleichkommt. Also deutet er an, was auĂer Ray und ihm bisher niemand wusste. Auch Ray habe zu seinen Opfern gehört. Da kann Ray seinen tiefschĂŒrfenden und ĂŒber Jahre hinter einer emotionslosen Maske versteckten Hass nicht weiter verbergen. Er erschieĂt O'Connor kurzerhand mit einem gezielten Kopfschuss. Bunchy sitzt beinahe ungerĂŒhrt in unmittelbarer NĂ€he. Endlich hat er Gewissheit darĂŒber, wie er sich fĂŒhlen wĂŒrde, bekĂ€me er eine Chance auf Vergeltung: „I'm glad you did it. I didn't think I would be. But I am.“
Fazit
Wie zuvor schon angedeutet wurde, sind die beschriebenen Probleme nicht die einzigen, denen Ray entgegentreten muss. Der von ihm geschmierte FBI-Agent Frank Barnes (Michael McGrady) entdeckt am Ende von Bucky Fuckin' Dent die verwesende Leiche von Van Miller (Frank Whaley). Er glaubt, Ray stecke hinter dem Mord, vergisst darĂŒber seine LoyalitĂ€t und will fortan Jagd auf ihn machen: „I'm gonna take you down for it.“
Dieser kleine und doch brisante NebenerzĂ€hlstrang war jedoch bei weitem nicht der aufregendste dieser neuen Episode. Mit diesem Titel darf sich zweifellos die EnthĂŒllung schmĂŒcken, wonach auch Ray dem pĂ€dophilen Priester O'Connor zum Opfer gefallen war. Hier werden in einem einfachen Handstreich jede Menge zusĂ€tzlicher Charakterinformationen geliefert. Wieso kann Ray zum Beispiel so ungerĂŒhrt seinen brutalen Beruf ausĂŒben? Einer ErklĂ€rung sind wir nun ein groĂes StĂŒck nĂ€hergekommen.
Aus dem sonst sehr guten Ensemble ragt in dieser Episode besonders Dash Mihok heraus. Er portrĂ€tiert Bunchy so eindrucksvoll und glaubwĂŒrdig als wahrlich Zerrissenen, dass es einem als Zuschauer nicht schwerfĂ€llt, seine LeidensfĂ€higkeit und LebensunfĂ€higkeit nachzuvollziehen. O'Connor hat ihn daran gehindert, jemals erwachsen zu werden, jemals ein eigenes, eigenstĂ€ndiges, unabhĂ€ngiges Leben aufzubauen. Er steckt in seiner Kindheit fest, weil er das darin Erlebte einfach nicht loslassen kann. Gleichzeitig kann er dies nicht zugeben: „It's not a fucking kids bike.“
An Mihoks Spiel, seiner angenehmen Theatralik und seiner verzweifelten Mimik wird einmal mehr deutlich, wie essentiell talentierte Schauspieler fĂŒr das Gelingen einer Dramaserie sind. Die Dialoge in Ray Donovan sind nicht besonders ausgereift. Sie sind einfach, rudimentĂ€r. FĂŒr die Herstellung von EmotionalitĂ€t, Brisanz und Konflikt sind die Darsteller verantwortlich. Und ihnen gelingt es ausgezeichnet.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 19. September 2013(Ray Donovan 1x11)
Schauspieler in der Episode Ray Donovan 1x11
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