Ray Donovan 1x10

Auch als Serienkritiker ist es nicht immer ganz einfach, eine Episode in ihrer Gesamtheit zu bewerten. So dachte ich während des Verlaufs von Fite Nite, dies sei eine eher schwächere Episode mit einer viel zu lange vorbereiteten, zu breit ausgetretenen und sehr offensichtlichen Wendung. Und dann kam zum Ende der Episode diese Montage, in der dieser tolle Song - „Banshee“ von Kendra Morris - mit einer wunderbaren Abfolge von Zeitlupenbildern kombiniert wird. Schon bei den ersten Klängen und Bildern erwischte ich mich bei dem Gedanken, der Episode jetzt unbedingt doch gleich fünf Bewertungssterne geben zu wollen.
I was always Mickey's boy. Heir to the throne.
Wenn die Episode nun mit der Montage geendet hätte, ich glaube, ich hätte mich irgendwie selbst davon überzeugen können, die volle Punktzahl zu verteilen. Es gab aber noch einmal eine kurze Atempause, in der Ray Donovan (Liev Schreiber) in gewisser Weise bekommt, was er sich zuvor von seiner Frau Abby (Paula Malcomson) so eindringlich gewünscht hatte: ein neues Baby. Nur leider ist es kein von ihm gezeugtes, sondern ein ihm überlassenes, Kollateralschaden quasi aus einem recht fragwürdigen turn of events. Dabei war geschehen, was ein Großteil der Zuschauer sich sowieso gedacht hatte: Silberzunge Mickey war es gelungen, sich der eigenen Ermordung durch Patrick „Sully“ Sullivan zu entziehen.

Klar, einen Jon Voight schreibt man nicht so einfach nach zehn Episoden aus einer Serie. Vor allem nicht, wenn der diese Serie zeitweise alleine auf seinen mittlerweile 74-jährigen Schultern getragen hatte. Nun hat Ray Donovan seit vier Episoden zu sich selbst gefunden, haben die Figuren eine gewisse Tiefe erreicht, hat selbst der titelgebende Hauptcharakter schon Emotionen gezeigt. Daher ist es doch sehr verwunderlich, warum die Autoren sich dazu entschieden haben, die Szene zwischen Sully und Mickey so ausgiebig darzustellen. Schon die ersten Versuche Mickeys - noch im Auto sitzend -, Sully auf der emotionalen Schiene zu erreichen, deuten an, dass hier außer eventuellen unschuldigen Unbeteiligten kein major player ins Gras beißen wird.
Eigentlich war es schon zu dem Zeitpunkt eindeutig, als feststand, dass es nicht erst am Ende der ersten Staffel zur Konfrontation zwischen den beiden alten Haudegen aus „Southie“ (South Boston) kommen würde. Was mit Mickeys Überleben nun zwingend einhergeht, ist die weitere Eskalation der gegenseitigen Abneigung. Mickey weiß nun, dass Ray ihn umbringen lassen wollte, Abby weiß - dank ihrer weiblichen Intuition - dass Ray ihren Schwiegervater umbringen lassen wollte. Für den Fortlauf des Showtime-Dramas bedeutet dies jedoch erst einmal nur, dass von nun an mit härteren Bandagen geboxt wird.
Boxen - eine wunderbare Analogie auf die Donovan'schen Familienverhältnisse. Die Dauerpräsenz der Boxthematik ist ein wahrer Glücksfall für die Serie. Hier können Männer noch Männer sein, ohne ihre Gefühle zurückhalten zu müssen. Anhand der Boxmetaphorik werden dem Nachwuchs die innerfamiliären Verwicklungen nähergebracht. Beim Boxen darf man sich danebenbenehmen, darf man trinken, fluchen, die Sau rauslassen. Der problembeladene Bunchy (Dash Mihok) kehrt immer wieder ins Boxgym zurück, obwohl ihm dort nur hohle Phrasen um die Ohren fliegen: „How many years are you going to feel sorry for yourself? Be a man! Deal with it.“
You were there for me. I'm there for you.
Der arme Kerl kommt einfach nicht mit seiner eigenen Vergangenheit zurecht. Vor einer Kirche lauert er dem Priester auf, weil er meint, in ihm seinen früheren Peiniger zu erkennen. Der Zuschauer wird dabei im Ungewissen gelassen. Der Priester selbst bringt sein Unverständnis für Bunchys Aufgebrachtheit sehr glaubwürdig rüber und von seinem eigenen Vater bekommt er sowieso nur das immergleiche Lamento vorgesungen. Trotzdem hält er große Stücke auf den alten Herrn: „He wouldn't leave us.“ Ray wird bei solch naiver Gefühlsduselei regelrecht schlecht: „You don't remember Terry and me cooking and cleaning for you and Bridget? 'Cause I sure fucking do.“

Doch Bunchy ist reflektiert genug, um anzuerkennen, was seine älteren Brüder für ihn geleistet haben. „Everybody's tougher than me“: Bisweilen fällt es dabei schwer, seinen Charakter einzuordnen. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich seinem bisweilen kaltherzigen Vater zustimme und ihn anschreien will: „Bunchy, lass die Schultern nicht so hängen! Brust raus, Bauch rein! Nach vorne blicken, weitermachen. Das Leben bei den Eiern packen!“ Dann antwortet er mit solch herrlich melancholischen Szenen wie am Ende auf dem Dach des Boxgyms. Er kokettiert mit Selbstmord, hängt aber viel zu sehr am Leben und an seiner Familie, um sich tatsächlich für immer von ihnen zu verabschieden.
Selbst wenn Mickey in dieser Episode verschont wird, so kommt Fite Nite doch nicht ganz ohne frische Leichen aus. In sehr kurzer Zeit tut sich Sully dabei als größter badass von allen hervor. Er schreckt weder davor zurück, seine eigene Freundin umzubringen, noch davor, eine völlig Unschuldige hinterrücks umzunieten, und ebenso wenig davor, Rache an jemandem zu nehmen, von dem er sich gar nicht sicher sein kann, dass er wirklich der Schuldige ist. Jedenfalls erwischt es Starschauspieler Sean Walker (Jonathan Schaech). Er ist der wahre Mörder von Colleen Dawson, der früheren Freundin von Ray Donovan - und Patrick Sullivan. „One tiny push sent that man into hell“, würde Kendra Morris dazu wohl trällern.
Fazit
In Fite Nite wird zum ersten Mal die Vergangenheit des Donovan-Clans in Boston eingehender thematisiert. Zwar musste Familienoberhaupt Mickey Donovan für den Mord eines anderen 20 Jahre hinter Gittern schmoren. Unschuldig saß er dort jedoch nicht. Fast beiläufig erwähnen er und Sully mehrere Morde, an denen sie beteiligt waren. Und setzen ebenso beiläufig zwei weitere Morde auf ihre Liste...
Schade um Rosanna Arquette. Ihr Charakter Linda sorgte für eine wahrlich merkwürdige Chemie zwischen ihr und Mickey: „I'm surprised I could fuck you. You're really not my type.“ Jede Frau mit etwas Selbstachtung hätte hier wohl sofort den Raum verlassen - oder diesen gar nicht erst betreten. Linda jedoch weiß, sich auf ihre Art zu wehren: „My tits are real by the way. And my bony white ass didn't seem to bother you, Mick.“
Solche Dialoge sind es, die den Charakteren in Ray Donovan eine fast schon mystische Tiefe verleihen. Hinzu kommen wunderbare Details wie die Bettwäsche, mit der Mickeys Bett bezogen ist. Kein Achtjähriger würde sich heutzutage in solchem Bettzeug sehen lassen. Es zeigt das Planetensystem und ist unfassbar hässlich. Mickey ist das schlicht egal. Einfach großartig!
Wohin die Geschichte nach dieser neuen Eskalationsstufe führt, bleibt ungewiss. Es ist gar nicht mal so schwer vorstellbar, dass Ray irgendwann seinen Frieden mit dem alten Haudegen macht. Rachepläne seitens Mickey hat er wohl nicht zu befürchten. Schließlich hatte es auch Tony Soprano irgendwann geschafft, seiner eigenen Mutter und seinem Onkel zu verzeihen, obwohl beide doch einen Mordanschlag auf ihn abgesegnet hatten. Ich jedenfalls könnte den familiären Streitigkeiten der Donovans ewig zuschauen.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 12. September 2013(Ray Donovan 1x10)
Schauspieler in der Episode Ray Donovan 1x10
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