Ray Donovan 1x09

In den letzten Episoden der neuen Showtime-Dramaserie Ray Donovan waren die Fixergeschichten zugunsten eines Familienporträts der Donovans in den Hintergrund geraten. In Road Trip kehren sie nun mit voller Wucht zurück. Im Gegensatz zu früheren Episoden gibt die Fixerstory dieses Mal jedoch ein stimmigeres Bild ab, weil sie mit Ray Donovans (Liev Schreiber) familiären Umständen verwoben wird.
I'll do whatever the fuck I want
Im Zentrum steht dabei Ray selbst. Er koordiniert diverse Aktionen über sein leicht überdimensioniertes Smartphone oder legt gleich selbst Hand an. Scherge Avi (Steven Bauer) darf sich bei der Überfahrt Sullys (James Woods) von Boston nach Los Angeles einen Streit zwischen ihm und seiner Freundin Catherine (Mary Mara) nach dem anderen anhören. Ray sitzt ihm gleichzeitig im Nacken, er solle den Transport so schnell wie möglich hinter sich bringen, was Avis Lebensrealität zu diesem Zeitpunkt stark konterkariert.

Schließlich kommt es zum Eklat. Nachdem Catherine so lange rumgenörgelt hat, bis Avi ihr endlich eine mehrstündige Rast in einem Motel mitten in der Wüste New Mexicos gewährt, erwischt Sully sie beim Telefonieren. Er steht an der Spitze der berüchtigten „America's-Most-Wanted“-Liste des FBI, kann sich also keinerlei Fehltritt erlauben. Sie versteht die Tragweite ihres Anrufs bei ihren Eltern nicht, er jedoch weiß ganz genau: Deren Telefone werden abgehört. Da sie auch noch verraten hat, in welche Richtung sie unterwegs sind, bleibt ihm - innerhalb seines psychopathischen Weltbilds - keine andere Wahl, als seine langjährige Freundin mit der Hundeleine zu erdrosseln.
So tragisch und aufregend diese Szenen auch sind, Schauspieler Woods schafft es mit seiner unnachahmlichen Mischung aus ungezügeltem Temperament und Gleichgültigkeit, ihnen eine witzige Note zu verleihen. Als Catherine noch lebt, das unheilvolle Trio durch die Wüstennacht fährt und die beiden Streithähne sich mal wieder wegen irgendeiner Nichtigkeit anzicken, will Sully vor Avi nicht als seiner Männlichkeit beraubter Bückling dastehen. Also herrscht er Catherine grob an, woraufhin diese beleidigt den Mund hält - zumindest für die nächsten fünf Minuten. Der Blick, den Sully unmittelbar danach Avi zuwirft, ist absolut grandios und einhundert Prozent purer „Woods“.
Ähnlich die Szene kurz nach dem Mord an Catherine. Sully schlendert nonchalant und sorgenfrei zum Wagen, wirft die Tasche in den Kofferraum und steigt ein. Auf den fragenden Blick Avis erklärt er mit zuckenden Schultern, dass sich Catherine entschieden habe, nicht weiter mitzureisen. Avi merkt sofort, dass etwas nicht stimmt und macht kurze Zeit später die grausige Entdeckung. Natürlich ist er es, der sich um die Beseitigung des „Unfalls“ kümmern darf. Anhand dieser beiden Szenen wird mit wenigen Gesten und noch weniger Worten ein Psychogramm der Figur Patrick Sullivan entworfen. Ein weiteres untrügliches Merkmal, dass sich Ray Donovan bei den Stilmitteln sogenannter Qualitätsserien bedient.
Kill yourself tomorrow
Ray ist ohnehin ein Mann weniger Worte. In der neuen Episode muss er gleich mehrere Brände löschen. Dabei wird seine allgemeine Strategie offenbar: Zunächst versucht er es mit beschwichtigenden Worten. Führt dies bei seinem Gegenüber nicht zu einem Umdenken, setzt er andere, zumeist schmerzhaftere Methoden ein. So gelingt es ihm auch, seinen Klienten, den Filmstar Tommy Wheeler (Austin Nichols), aus den Fängen eines Paparazzo zu befreien. In diesem Fall geht es jedoch nur um seinen Sohn Conor (Devon Bagby), den er nicht schon wieder mit leeren Versprechungen abspeisen will.

In einem anderen Fall geht es da schon um handfestere Interessen. Über seinen Bruder Terry (Eddie Marsan) - der übrigens, genau wie Bunchy (Dash Mihok), leider sehr wenig Spielzeit bekommt - erfährt Ray, dass sein Vater Mickey (Jon Voight) wieder einmal mit FBI-Agent Van Miller (Frank Whaley) kooperiert. Also setzt er seine Erpressungsversuche gegenüber Millers Kollegen Frank Barnes (Michael McGrady) fort, stößt jedoch erst einmal auf taube Ohren. Ray bleibt demnach nichts anderes übrig, als die Erpressung auf ein neues Eskalationsniveau zu heben.
Unter einem Vorwand soll Lena (Katherine Moennig) Barnes‘ Zweitfamilie in ihre Büroräume locken, damit er dem korrupten Cop damit drohen kann, seiner ursprünglichen Familie von der Existenz einer weiteren Frau und Tochter zu erzählen. Der Plan scheint vorerst aufzugehen, zumindest macht sich Barnes mit dem für Miller belastenden Material auf den Weg zum Büro seines Vorgesetzten. Dort könnte er in einer kommenden Episode jedoch eine Nachricht erhalten, die seine Anschwärzungspläne nichtig machen würde.
In der Zwischenzeit hat sich Mickey Donovan nämlich selbst um das Schicksal von Van Miller gekümmert. Nachdem er dem Kinostar Sean Walker (Jonathan Schaech) erfolgreich ein Geständnis über den Mord an Colleen, der Exfreundin Rays, entlockt hat, lässt er sich von Miller feiern. Dieser will den Ermittlungserfolg gemeinsam mit Mickey kräftig begießen, worauf sich bei Miller eine Art umgekehrtes Stockholm-Syndrom entwickelt. Plötzlich öffnet er sich gegenüber Mickey und verrät ihm, dass er völlig allein handelt, ohne Wissen seiner FBI-Kollegen. Diese Erkenntnis nutzt Mickey sogleich aus, um sich des Problems auf seine Art zu entledigen. Hinterrücks und kaltblütig erschießt er den kauzigen Ermittler.
Fazit
Der Mord an Van Miller hinterlässt uns Zuschauer zwiegespalten. Einerseits waren wir Zeuge einer grandiosen dramaturgischen Wendung und eines unerwarteten Überraschungseffekts. Andererseits war die schräge Figur eine absolute Bereicherung für das Ensemble von Ray Donovan. Der große Rest der Episode kann hingegen als uneingeschränkt überzeugend eingestuft werden.
Weil jede Fixergeschichte eine persönliche Konnotation hat - Sully wird für den Mord an Mickey nach Los Angeles überführt, Tommy Wheeler muss für Sohn Conor gewonnen und Van Miller für das persönliche Wohl aus dem Weg geräumt werden - wirken sie nicht mehr künstlich in die Geschichte verpflanzt. Es fühlt sich organisch an, man nimmt Ray Donovan die Motivation für seine Taten nun eher ab.
Der einzig streitbare Punkt ist jene Storyline um Conor. Würde Ray wirklich so weit gehen, nur um seinem Sohn einen großen Wunsch zu erfüllen? Vielleicht wünscht er sich ja einfach das, was sich die Zuschauer wohl seit der ersten Episode wünschen: Ruhe an der Heimatfront. Kein hysterisches Gekreische, keine Eifersüchteleien, einfach nur Frieden. Und wenn es nur für einige wenige Stunden ist. So kommt es denn auch: Familie Donovan ist glücklich vereint, wenngleich Tochter Bridget (Kerris Dorsey) in der Episode gar nicht auftaucht.
Während sich also das eine Problem von selbst löst und das andere durch Rays tatkräftiges Mitwirken, bleibt nur noch eines - wenn es auch das größte ist - übrig. Ray scheint keine Zweifel an der Richtigkeit des Mordes an seinem Vater zu hegen. Spannend wird es, zu sehen, wie es zur Konfrontation zwischen Sully und Mickey kommt. Und ob Ray nicht doch noch einen Rückzieher macht. Schließlich hängen seine Brüder doch sehr an ihrem Vater. Genau wie Abby (Paula Malcomson) und seine Kinder.
Die mitreißende Geschichte wird in Road Trip zum ersten Mal auch von einer fantastischen Bildsprache untermalt. Die Landschaftsaufnahmen aus der Wüste - auch die nächtlichen Autofahrtszenen - oder die Einstellungen im und vor dem Motel nach dem Mord an Catherine sorgen für weitere atmosphärische Dichte. Wenn sich die Macher nun noch dazu bewegen lassen könnten, auf allzu offensichtliches Product-Placement und den übermäßigen Einsatz diverser Gadgets zu verzichten, würde die Serie auch stilistisch in der Oberklasse mitspielen.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 28. August 2013(Ray Donovan 1x09)
Schauspieler in der Episode Ray Donovan 1x09
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