Ray Donovan 1x07

Ray Donovan 1x07

Die Dramaserie Ray Donovan musste wohl erst auf Reisen gehen, um zu sich selbst zu finden. In der neuen Episode wird neben der Fixer- und der Familiengeschichte eine neue Erzählebene eingeführt, die es in sich hat. Die Vergangenheit der Donovans ist von so mancher Leiche bevölkert.

Große Gesten kann er: Ray Donovan (Liev Schreiber) sagt gerne an, wo es langgeht. / Foto (c) Showtime
Große Gesten kann er: Ray Donovan (Liev Schreiber) sagt gerne an, wo es langgeht. / Foto (c) Showtime

Der Schleier lüftet sich weiter. In New Birthday reist Ray Donovan (Liev Schreiber) nicht nur in seine Heimatstadt Boston, sondern auch in die eigene Vergangenheit. Dort wird der Zuschauer über einige offene Fragen aufgeklärt. Gleichzeitig ergeben sich weitere neue Rätsel. Endlich kann auch zweifelsfrei bestimmt werden, warum Ray seinen Vater Mickey (Jon Voight) mit solcher Inbrunst hasst. Der hat nämlich - angeblich - seine ehemalige Freundin Colleen erschossen, wofür er denn auch 20 Jahre ins Gefängnis wandern musste.

He's a harmless old man. He likes movies, what can I tell ya?

Mickey hat jedoch eine eigene Version der Geschichte. Er habe den Mord niemals selbst ausgeführt, ihm sei die Bluttat vielmehr angehängt worden, vom damals völlig unbekannten und heute zum internationalen Filmstar aufgestiegenen Schauspieler Sean Walker (Jonathan Schaech). Der ist gleichzeitig einer von Rays Klienten und hat diesen eigentlich nur mit einer Aufgabe betreut: Mickey von ihm fernzuhalten. Weil dies nicht gelingt und Mickey scheinbar überall auftaucht, wo Sean einen öffentlichen Auftritt absolviert, hat der genug und will Ray von seinen Aufgaben entbinden. Doch dann hört er sich ein Angebot an, das Mickey ihm vorschlägt: Sean soll Mickeys Filmidee kaufen.

Hätte von den Autoren ruhig mit etwas mehr Selbstvertrauen ausgestattet werden können: Abby Donovan (Paula Malcolmson) Foto © Showtime
Hätte von den Autoren ruhig mit etwas mehr Selbstvertrauen ausgestattet werden können: Abby Donovan (Paula Malcolmson) Foto © Showtime

Es ist Seans eigene Geschichte, die dieser nun zu einem Drehbuch verarbeiten lassen soll. Dabei wird nicht ganz klar, ob die beiden während ihrer Verhandlungen ernsthaft über eine Filmadaption ihrer gemeinsamen Geschichte sprechen oder ob dies nur ein Code dafür ist, dass Mickey von Sean ausbezahlt wird, für seine abgesessene Haftstrafe quasi Schweigegeld erhält. Später kommt Mickey zumindest überschwänglich ins Boxgym seines Sohnes Terry (Eddie Marsan) und verkündet die guten Neuigkeiten: „I'm back in the movie business!“ Eventuell könnte sich eine Kooperation der beiden schicksalhaft Verbundenen auch stärker auszahlen, als wenn Mickey einfach nur Schweigegeld kassieren würde. Als Produzent eines erfolgreichen Hollywood-Blockbusters kann man sich bekanntlich recht schnell eine goldene Nase verdienen.

Aus dieser Ecke dürfte Ray Donovan also erstmal kein neuer Ärger ins Haus stehen. Auch seine Brüder richten in der neuen Episode kein weiteres Unheil an, sondern kommen nur am Rande vor. Der tragikomische Bunchy (Dash Mihok) hat beschlossen, lieber im Gym zu übernachten als in seinem neuen Haus, das er wohl mit der ausschweifenden Einweihungsparty in Verbindung bringt. Terry wirkt müde und resigniert ob seiner kürzlichen Entdeckung, dass Frances (Brooke Smith) eine eigene Familie hat, und Daryll (Pooch Hall) wird von Potato Pie (William Stanford Davis) in die Geheimnisse der Boxkunst eingewiesen.

Mickey gibt den fröhlichen Anführer dieser unheiligen Allianz aus Eigenbrötlern und Außenseitern. Zusammen ergibt die Gruppe jedoch ein rührendes Bild, wenn sie sich auf eine viel zu kleine Couch zwängt und auf einem Fernseher aus dem letzten Jahrtausend Boxkämpfe ansieht. Das Familienoberhaupt hat aber eigentlich gar keinen richtigen Grund, ausschweifend zu feiern. Der von Zwangsstörungen heimgesuchte FBI-Ermittler Van Miller („I've got allergies“: Frank Whaley) sitzt ihm im Nacken, er soll endlich handfeste Beweise gegen Ezra Goldman (Elliot Gould), Lee Drexler (Peter Jacobson) und seinen eigenen Sohn Ray liefern. Von seinem größten Problem hat er jedoch noch gar keine Ahnung. Hier driftet die Serie in seine bislang düsterste - und beste - Sequenz ab.

People who live like that die like that

Ray Donovan macht sich auf den Weg nach Boston, um dort, wie sein Handlanger Avi (Steven Bauer) es ausdrückt, einem Geist hinterherzujagen. Er ist auf der Suche nach Patrick „Sully“ Sullivan, der einzigen Person, die einen noch größeren Hass auf Mickey Donovan hegt als er selbst. Erst spät in der Episode wird klar, dass der gesuchte Sully von James Woods verkörpert wird, der zum Ende der letzten Episode mysteriös in die Serienhandlung eingeführt wurde.

Mickey (Jon Voight; li.) fädelt mit Sean Walker (Jonathan Schaech) seinen nächsten Deal ein. Foto © Showtime
Mickey (Jon Voight; li.) fädelt mit Sean Walker (Jonathan Schaech) seinen nächsten Deal ein. Foto © Showtime

Sullivan steht auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher des FBI an erster Stelle. Weshalb die Bundesbehörde so fieberhaft nach ihm fahndet, wird vorerst nicht aufgeklärt. Folglich muss Ray auch - im wörtlichen Sinne - einiges einstecken, bis ihm endlich Zugang zu Sully gewährt wird. In der Kapelle des Friedhofs, auf dem seine Schwester Bridget begraben liegt, bekommt Ray schließlich die erwünschte Audienz. Die beiden kriminellen Schwergewichte tauschen sich kurz über vergangene Zeiten aus, währenddessen wird klar, warum Sully Mickey so fürchterlich verabscheut: Dieser habe ihn um beinahe seine gesamte Familie beraubt, indem er sie verraten habe, um selbst der Strafverfolgung zu entgehen.

Für das Anliegen, das Ray im Folgenden vorträgt, hat er sich den richtigen Mann gesucht: „I want you to kill my father.“ Sully hat dafür erst einmal nur Schadenfreude übrig: „I thought my family was screwed up.“ Schnell jedoch kommen sie zu einer Übereinkunft. Im Gegenzug für den Mord an Mickey stattet Ray Sully mit einer neuen Identität und großzügigen finanziellen Mitteln aus, damit dieser den Rest seiner Tage in relativer Sicherheit verbringen kann, ohne sich ständig um eine mögliche Ergreifung sorgen zu müssen.

Während sich Ray also perspektivisch seines größten Problems entledigt, warten an der Familienfront einige neue auf ihn. Seine Ehefrau Abby (Paula Malcomson) schafft es kaum noch, seine kriminellen Machenschaften schweigend hinzunehmen, sorglos plaudert sie bei einer nachmittäglichen Weinverkostung mit Deb Goldman (Denise Crosby) über die familiären Verwicklungen. Als sie dann jedoch von ihrem zurückgekehrten Ehemann in der Polizeiwache abgeholt wird, ist sie wieder ganz zahmes Reh, mehr noch: devote Gespielin. Ihr Charakter wurde von den Autoren etwas zu konformistisch modelliert, eine etwas ausgeprägtere Renitenz gegenüber ihrem Göttergatten hätte der Figur durchaus gutgetan.

Der Versöhnungssex muss denn auch ausfallen, da sich Tochter Bridget (Kerris Dorsey) und Nachbarskind Marvin (Octavius J. Johnson) zu schnell zu nahe gekommen sind. Und was noch viel schlimmer wiegt: gegen Bridgets Willen. Also schnappt sich Ray den problembeladenen Teenager ausgerechnet an dessen „1. Geburtstag“ und fährt mit ihm los. Wohin, bleibt sein Geheimnis. Die großartige Episode endet also mit einer Premiere: dem ersten Cliffhanger.

Fazit

Ray Donovan schaltet in den nächsten Gang. Sowohl stilistisch als auch dramaturgisch könnte die Episode New Birthday der Durchbruch für die neue Showtime-Dramaserie gewesen sein.

Rays Boston-Aufenthalt hatte alles, was eine Serie mit solch düsterem Grundton benötigt: Gewalt, Risiko, Wortwitz, Humor und interessante Figuren. Der Gastauftritt von James Woods als gesuchter Schwerverbrecher geht voll auf. Der verhängnisvolle Pakt mit Ray lässt die Serie erwachsen werden, sie wird ernst, dunkel, gefährlich, erhält zusätzliche Brisanz, verliert ihre Unschuld.

Auch die bisher recht stark vernachlässigten Beziehungen Rays zu seinen Kindern werden in kurzen Sequenzen näher beleuchtet. Es entstehen intime, schöne Momente zwischen Vater und Tochter beziehungsweise Vater und Sohn. Die Zuschauer werden behutsam näher an die Serienfiguren herangeführt. Waren sie vorher nur bloße Charakterschablonen, werden sie nun zu echten Menschen mit realen Geschichten.

In solchen Augenblicken wie der kurze Moment, als sich Ray neben seinen Sohn auf die Couch setzt und ein kurzes „How's it goin' kiddo?“ herauslässt, unterscheiden sich gewöhnliche Serien von den vielbesungenen Qualitätsserien. Diese Intimität, dieses Vertrauensverhältnis, aber auch die gegenseitige Entfremdung, die Unsicherheit erinnern wieder einmal an den Umgang Tony Sopranos mit Sprösslingen Meadow und A.J. Scheinbar gibt es im Seriengeschäft die Faustregel, dass die Antihelden stets leicht verweichlichte Söhne haben müssen, verspricht dies doch interessante zukünftige Konflikte.

Eine letzte Frage bleibt offen: Warum schließt in Los Angeles niemand seine Haustüren ab?

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 15. August 2013
Episode
Staffel 1, Episode 7
(Ray Donovan 1x07)
Deutscher Titel der Episode
Zurück in Boston
Titel der Episode im Original
New Birthday
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 11. August 2013 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 24. März 2014
Autor
David Hollander
Regisseur
Lesli Linka Glatter

Schauspieler in der Episode Ray Donovan 1x07

Darsteller
Rolle
Paula Malcomson
Eddie Marsan
Dash Mihok
Steven Bauer
Avi
Pooch Hall
Devon Bagby
Kerris Dorsey
Jon Voight

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