Ray Donovan 1x06

Ray Donovan 1x06

In Housewarming beschäftigt sich die neue Dramaserie Ray Donovan weiter intensiv mit der Familiengeschichte des Titelhelden. Dabei wird die Fixerstory fast gänzlich in den Hintergrund gedrängt, eine entscheidende Frage aber nicht hinreichend beantwortet.

Bunchy Donovan (Dash Mihok) schafft es einfach nicht, den Dämonen seiner Vergangenheit zu entfliehen. / (c) Showtime
Bunchy Donovan (Dash Mihok) schafft es einfach nicht, den Dämonen seiner Vergangenheit zu entfliehen. / (c) Showtime

Vielleicht haben die Autoren unter Führung von Serienschöpferin Ann Biderman selbst gemerkt, dass die Familiengeschichte rund um den Donovan-Clan interessanter sein könnte als das Porträt von Rays (Liev Schreiber) beruflichen Verwicklungen. Vielleicht sind ihnen aber auch einfach keine neuen interessanten Handlungsbögen eingefallen. Schon an der früheren Lösung diverser Probleme war aufgefallen, dass diese etwas phantasielos vonstattenging. Rays bevorzugte Mittel waren Gewaltanwendung oder Einschüchterung. Auf diese Weise wird auch sein Kunde Deionte Brown (Mo McRae) davor bewahrt, zum dritten Mal ungewollt Nachwuchs zu bekommen.

He works alone. He gets shit done. He's good.

Kreativer gehen Ray und seine rechte Hand Avi (Steven Bauer) da schon gegen ihren neuen Widersacher Van Miller (Frank Whaley) vor. Avi flößt ihm die halluzinogene Droge LSD in den morgendlichen Kaffee, woraufhin er den Horrortrip schlechthin erlebt. Mithilfe ihres korrupten Polizeikollegen (André Brooks) lassen sie ein Erpressungsvideo anfertigen, mit dem sie Miller zum Stillschweigen bringen wollen. Doch der erweist sich, nachdem er seinen unfreiwilligen Rausch inklusive attackierender Spielzeugsoldaten endlich ausgestanden hat, als schlechter Verhandlungspartner: „Go fuck yourself.

He still has the moves: Mickey Donovan (Jon Voight) weiß; wie man richtig feiert. © Showtime
He still has the moves: Mickey Donovan (Jon Voight) weiß; wie man richtig feiert. © Showtime

Was die Fixergeschichte etwas an Kreativität und Einfallsreichtum vermissen lässt, macht Ray Donovan mit seinen starken Charakteren wieder wett. Van Miller war der letzte äußerst gelungene Neuzugang. Für die Modellierung seiner Figur gebührt wohl gleichermaßen den Autoren wie auch Schauspieler Whaley Respekt. Miller wird als herrlich schrulliger, unnachgiebiger und knallharter Bulle porträtiert, der noch nicht allzu viele Erfahrungen mit psychedelischen Drogen gemacht haben dürfte. Ray weht also aus mehreren Richtungen starker Wind entgegen. Seine Familie scheint ihm langsam aus den Händen zu gleiten - der Donovan-Clan ist von Natur aus einer, der sich nichts gerne vorschreiben lässt, was selbstverständlich auch für Ray selbst gilt.

Seinen Vater Mickey (Jon Voight) bekommt er am wenigsten unter Kontrolle. Sohn Conor (Devon Bagby) und Tochter Bridget (Kerris Dorsey) sind fasziniert von ihrem coolen Opa, der auch im fortgeschrittenen Alter noch viel Spaß am Leben zu vermitteln weiß. Über seine rassistischen Äußerungen sehen die beiden großzügig hinweg: „Ach, lass Opa reden.“ Ray fällt dies ungleich schwerer. Als er herausfindet, dass Mickey den viel zu jungen Conor auf Bunchys (Dash Mihok) Einweihungsparty abgefüllt hat, rastet er aus und richtet vor den Augen seiner Kinder die Waffe auf seinen eigenen Vater. Er weiß jedoch ganz genau, dass er niemals fähig sein wird, den Abzug wirklich zu drücken.

Deshalb dürfen sich die Zuschauer auch mit großer Wahrscheinlichkeit auf einen weiteren interessanten Gastauftritt freuen. Am Ende von Housewarming sucht Ray nämlich den Rat seines Mentors und Freundes Ezra Goodman (Elliott Gould), der eigentlich gerade sehr große eigene Probleme hat. Wegen eines Gehirntumors kam er unters Messer. Die Operation scheint gut überstanden zu sein, deshalb kann er sich gleich wieder dem business as usual widmen. Und so bekommt der Zuschauer nur angedeutet, dass ein weiterer Problemlöser in die Geschichte eingeführt wird. Gespielt wird der von keinem Geringeren als James Woods.

Maybe you are a bad influence

Gute Nachrichten für die Zukunft also. Schließlich ist aus der Vergangenheit der Donovans nichts wirklich Erbauliches zu berichten. Rays Bruder Bunchy schafft es einfach nicht, seine Dämonen abzuschütteln. Die Gedanken an den sexuellen Missbrauch in seiner Kindheit lassen ihn nicht los, sie beschäftigen ihn, umkreisen ihn, nehmen ihm die Luft zum Atmen. Er sucht die Schuld bei sich, er stürzt sich in Alkohol und Drogen, er zerstört, was er kürzlich erst aufgebaut hat. Von seinem familiären Umfeld kommt dabei kaum Unterstützung. Sowohl Mickey als auch Ray haben nur Pauschalratschläge und schmutzige Witzchen anzubieten, Bruder Terry (Eddie Marsan) scheint - nicht nur in diesem Konflikt - der einzige zu sein, der dazu fähig ist, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Dabei schießt er öfter mal über das Ziel hinaus; wie in dieser Szene mit Enkelsohn Conor (Devon Bagby). © Showtime
Dabei schießt er öfter mal über das Ziel hinaus; wie in dieser Szene mit Enkelsohn Conor (Devon Bagby). © Showtime

Doch Terry hat eigene Probleme. Er hat sich in seine verheiratete Krankenschwester Frances (Brooke Smith) verliebt, er haust in indiskutablen Zuständen und leidet unter Parkinson. Ein großer Unterschied zu Bunchy besteht trotzdem: Er hat sich gegen den pädophilen Priester gewehrt. „Terry broke his fucking hand“, weiß Bunchy zu berichten, nur um sich danach weitere Selbstvorwürfe zu machen: „I was a fighter. Why didn't I try and stop him? I thought I wanted it to happen.“ Wir haben einen gebrochenen Mann vor uns, die tragischste Figur der Serie. Mihok spielt ihn großartig.

Anhand seines Charakters erhält der Zuschauer auch erstmals einen Hinweis darauf, wieso Ray seinen Vater so abgrundtief hasst: „He thinks it's Mickey's fault that I got molested.“ Mehr gibt Bunchy nicht preis. Es dürfte jedoch noch einige andere Gründe geben, die Ray dazu veranlassen, über einen Auftragsmord an seinem eigenen Vater nachzudenken. Ezra jedenfalls hat seine Entscheidung getroffen und macht sich gedanklich schon auf die Suche nach einem geeigneten Täter: „So, who hates him more than we do?

Das fragile Gefüge namens Donovan ist also jeden Moment vom Einsturz bedroht, womit die Probleme des Fixers Ray Donovan aber längst nicht ausgeschöpft sind. Er muss sich gleichzeitig der Verfolgung durch einen hoch motivierten FBI-Agenten erwehren, seinen Vater im Zaum halten und aufpassen, dass er sich von seiner eigenen Familie nicht zu sehr entfremdet. „A full plate“ hat er da wohl vor sich. Schön aufessen, kleiner Ray!

Fazit

Family: Can't live with 'em, can't live without 'em.“ Oder, wie es die TV-Ikone Al Bundy (Ed O'Neill) zu sagen pflegte: „Family: Can't live with 'em. The end.“ Dieses kurze Bonmot drückt so deutlich die herrliche Schizophrenie aus, die so viele reale und fiktionale Familienmitglieder angesichts ihrer Sippe empfinden dürften.

Mit der aktuellen Episode wird Ray Donovan nun endgültig zur Familienserie. An dieser Stelle wird dies uneingeschränkt begrüßt, manch einer hätte sich jedoch wohl gerne mehr Fixerstorys gewünscht. Doch dafür ist das Berufsfeld einfach zu eingeschränkt. Im Endeffekt würde es meistens darauf hinauslaufen, dass Ray und Konsorten im Schatten der Halblegalität ihre Geschäfte machen.

Spannung verspricht weiterhin die Konfrontation mit Van Miller, einem großartigen Charakter. Auch bleibt zu hoffen, dass James Woods einige gelungene Auftritte hinlegen wird. Um seinen Auftritt haben die Produzenten ein kleines Geheimnis gemacht. Sein Name taucht nämlich nicht im Abspann der Serie auf. Er ist wohl die einzige Person, die einen noch größeren Hass auf Mickey Donovan pflegt als Ray.

Woods könnte weiterhin den Spaßfaktor von Ray Donovan erhöhen, ist er doch für diverse verquere Auftritte bekannt, unter anderem in Entourage, wo er sich selbst spielte und sich dabei gehörig auf die Schippe nahm. Sowieso kommen die humoristischen Elemente nicht zu kurz. Sowohl Van Miller auf seinem Drogentrip als auch Bunchy Donovan beim Hauskauf oder Mickey mit seiner jugendlichen Begeisterungsfähigkeit regen doch öfter zum Schmunzeln und Lachen an. Die Serie ist auf dem besten Wege, eine ausgewogene Mischung zwischen Drama und Humor zu finden. Aus weiter Ferne grüßen The Sopranos.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 6. August 2013
Episode
Staffel 1, Episode 6
(Ray Donovan 1x06)
Deutscher Titel der Episode
Samenraub
Titel der Episode im Original
Housewarming
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 4. August 2013 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 17. März 2014
Autor
Brett Johnson
Regisseur
Michael Uppendahl

Schauspieler in der Episode Ray Donovan 1x06

Darsteller
Rolle
Paula Malcomson
Eddie Marsan
Dash Mihok
Steven Bauer
Avi
Pooch Hall
Kerris Dorsey
Devon Bagby
Jon Voight

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