Ray Donovan 1x05

Dass Ezra Goodman (Elliott Gould) jüdischer Abstammung ist, musste in Ray Donovan bisher nicht wirklich ausgesprochen werden. Allzu häufig nutzte er die besonders bei älteren amerikanischen Juden beliebten jiddischen Ausdrücke. So ist es auch kein Wunder, dass ihm nun, da er auf seine alten Tage etwas senil wird, ein leibhaftiger Golem erscheint - und zwar nicht nur einmal. Zu Beginn der Episode The Golem glaubt Ezra, einen Menschen überfahren und umgebracht zu haben. Beim Besuch von Mickey Donovan (Jon Voight) ist er schließlich davon überzeugt, in diesem den Golem zu erkennen.
You know who I am, you know what I do
Die Szene markiert einen ungewöhnlichen Vorgang für eine realitätsnahe Dramaserie, weil darin Spezialeffekte eingesetzt werden. Dies sollte wohl glaubwürdiger darstellen, dass Ezra in Mickey wirklich den Golem sieht und dieses derangierte Verhalten nicht nur spielt. Bis zu dieser Szene konnte man nämlich leicht den Eindruck haben, dass Goodman eine Scharade vorführt, um sich Mickeys Rachegelüsten zu entziehen oder eben den vermeintlichen Totschlag zu überspielen. Aber nein, Ezra wird alt und gebrechlich, kann sich schlecht erinnern, hat Visionen, kommt nicht mehr mit: „I'm dying, Raymond.“

Die neue Episode widmet sich also wieder einem einzelnen Charakter und begleitet dessen Leidensweg. Nachdem in Black Cadillac das Leben der Brüder Terry (Eddie Marsan) und Bunchy (Dash Mihok) beleuchtet wurde, kommen nun die Figuren älteren Semesters zum Zug. Terry und Bunchy tauchen nur als kurze Randnotizen auf, letztgenannter ist dabei jedoch für den Großteil der witzigen Szenen verantwortlich. Das ewige Kind ist nun ein reicher Mann, was macht er also zuerst? Sich natürlich ein Fahrrad kaufen, um damit vor den Nachbarschaftsteenies posieren zu können. „What, are you ten years old?“ Vater Mickey findet wieder einmal die richtigen Worte.
Genau wie in der Bank, in die er Bunchy zum Einlösen seines Schecks von der katholischen Kirche begleitet („Last time I was in a bank, I had a stocking on my face.“). Als sich die Kassiererin über den ungewöhnlich hohen Betrag auf dem Scheck wundert, versucht er sie zu beruhigen: „That's right. My boy's a millionaire. He earned it. The hard way.“ Dieser Mickey ist so was von abstoßend und gleichzeitig brüllend komisch, dass es eine wahre Freude ist, dem peinlich-vulgären Duo aus ihm und Bunchy bei ihrer Suche nach immer neuen Verfehlungen zuzusehen. Immerhin erfährt der Zuschauer danach den Grund für Mickeys Einschüchterungsaktionen gegenüber Ezra.
Ray Donovan (Liev Schreiber) und Ezra Goodman waren maßgeblich dafür verantwortlich, dass Mickey als Unschuldiger für den Mord an einem Mädchen ins Gefängnis wanderte. Dabei macht Mickey seinem Sohn gar keine Vorwürfe für den Verrat, Ezra jedoch kann er nicht verzeihen. Außerdem verrät er Goodman, wie es möglich war, fünf Jahre vor dem offiziellen Ende der Haft aus dem Gefängnis entlassen zu werden: Er gab den Behörden sämtliche Informationen, die er über das organisierte Verbrechen in Boston hatte. Da er sich nach seiner Entlassung jedoch dem Schicksal eines unschuldigen Priesters widmete, befindet er sich erneut in den Fängen der Justiz. Nun soll er helfen, die kriminellen Machenschaften seines Sohnes und dessen Partner aufzudecken.
You accept their offer, I go away. You don't, it gets worse
Erzählt wird diese Geschichte anhand der weiterhin famosen Figur von Van Miller (Frank Whaley). Mit stets ungeschönten Worten verdeutlicht er Mickey dessen missliche Lage: „Two sad old farts talking about lost love? No, Mickey, we're not done.“ Außerdem bekommt er eine tiefergehende Charakterisierung, als Ray und Avi (Steven Bauer) in seine Wohnung einbrechen. Der penible Charismatiker Miller scheint neben seiner Obsession mit der Donovan-Familie und deren Geschäftspartnern keine weitere Beschäftigung zu haben außer dem Sammeln von Spielzeugfiguren.

In der Figur des FBI-Agenten kulminiert jedoch auch eine Frage, die sich seit der letzten Episode schon aufdrängt: Würden die staatlichen Behörden wirklich einen kaltblütigen Mord an einem Unschuldigen ungesühnt lassen, nur um Informationen über eine in legalen Grauzonen operierende Organisation zu erhalten? Schließlich wurde bisher nicht bekannt, wofür Ray Donovan und Konsorten überhaupt dingfest gemacht werden sollen. Auch der von Avi geschmierte Augenzeuge für Mickeys Bluttat dürfte von der Polizei in Boston eigentlich nicht ignoriert werden.
In diesen dramaturgischen Unstimmigkeiten offenbart sich dann auch die größte Schwäche der neuen Showtime-Serie. So glaubwürdig und interessant die Charaktere auch modelliert sind, so wenig glaubwürdig sind einzelne Storylines. Die Fixergeschichten sind zwar in den letzten Episoden schon etwas in den Hintergrund gerückt, trotzdem laufen sie noch zu glatt ab. Ray sieht ein Problem und löst es ohne Umschweife. Dazu kommen leicht irritierende Handlungsbögen wie der des Popsternchens Ashley Rucker (Ambyr Childers). Nach längerer Abwesenheit taucht sie unvermittelt wieder auf und verlangt von Ray nur eines: „I'm not leaving here until you fuck me.“ Wieso, weshalb, warum? Weiß nur sie selbst. Zum Abschluss der Episode erfüllt er schließlich ihren Wunsch. Und wieder: Wieso, weshalb, warum?
Auch über die Gründe für Rays Verzweiflung nach seinem erneuten Ehebruch kann nur spekuliert werden. Ehefrau Abby (Paula Malcomson) überrascht ihn in seiner Zweitwohnung und stellt eine Frage, die sich die Zuschauer schon seit der Auftaktepisode stellen: „Who the fuck are you, Ray?“ Ja, Ray, wer zur Hölle bist Du? Warum hasst Du Dich selbst so sehr? Und warum hasst Du Deinen Vater so sehr, dass Du ihn verraten hast? Erzähl uns mehr über Dein Leben, denn darüber wissen wir fast nichts.
Fazit
Ray Donovan macht vieles richtig. Die Charakterzeichnung ist großartig, schon jetzt schaffen es einige Figuren, dem Zuschauer ans Herz zu wachsen, allen voran Mickey, Bunchy und Terry Donovan als schrullig-komisches Vater-Brüder-Gespann. Deshalb sorgt umso mehr für Verwirrung, dass ebendies bei der Hauptfigur Ray Donovan nicht gelingt.
Motive und Handlungsweise bleiben mysteriös, er scheint sich weder besonders für Geld noch für seine Familie oder für seine Mitmenschen zu interessieren. Oftmals wirkt Schreiber wie eine Maschine, die zur Pflichterfüllung eingeschaltet wird. Die einzig menschlichen Regungen sind seine Affären, die aber irgendwie doch gegen seinen eigentlichen Willen abzulaufen scheinen. Nach Spaß sieht es jedenfalls nicht aus, was er am Ende mit der ebenso rätselhaft bleibenden Ashley anstellt.
Mysteriös stellt sich auch die Motivation seiner Ehefrau Abby dar, überhaupt noch bei ihm zu bleiben. So gab es in den bisher abgelaufenen Episoden keinen einzigen Moment, in dem die beiden halbwegs zufrieden miteinander wirkten. Es bleibt zu hoffen, dass dem Antihelden Ray Donovan nicht das gleiche Schicksal blüht wie dem Antihelden Frank Underwood (Kevin Spacey) in House of Cards. Der war so böse und undurchschaubar, dass irgendwann die ganze Geschichte ins Unglaubwürdige abgerutscht ist.
In Ray Donovan gibt es jedoch genügend andere starke Charaktere, die diese Schwäche auffangen können. Dabei ist vor allem zu konstatieren, dass die interessantesten Geschichten weiterhin aus dem Familien- und nicht aus dem Fixermilieu stammen, wenngleich mit Lee Drexler (Peter Jacobson) auch hier eine wunderbar neurotische Figur beheimatet ist.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 30. Juli 2013(Ray Donovan 1x05)
Schauspieler in der Episode Ray Donovan 1x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?