Ray Donovan 1x04

Ray Donovan 1x04

Die mit hohen Erwartungen gestartete Showtime-Dramaserie Ray Donovan schafft es in der neuen Episode erstmals, sich auf eine dramaturgische Stoßrichtung festzulegen. Die Familiengeschichte der Donovans bekommt neue Tiefe, während humoristische Elemente in den Vordergrund rücken.

Zwischen Frances (Brooke Smith) und Terry (Eddie Marsan) entspinnt sich eine wunderbar schrullige Romanze. / Foto (c) Showtime
Zwischen Frances (Brooke Smith) und Terry (Eddie Marsan) entspinnt sich eine wunderbar schrullige Romanze. / Foto (c) Showtime

Eine der frühen, seine Karriere definierenden Rollen von Jon Voight war die des „Midnight Cowboy“. In dem oscargekrönten Spielfilm verkörperte Voight einen jungen Texaner, der sein Glück als Callboy in New York sucht und dort erst einmal die harte Realität dieses Geschäfts kennenlernt. Er trifft auf einen kranken Kleinganoven, gespielt von Dustin Hoffman. Vordergründig handelt der Film von der ungewöhnlichen Freundschaft der beiden, er thematisiert jedoch auch die für die späten Sechzigerjahre recht kontroversen Sujets Homosexualität und männliche Prostitution.

The secret to happiness is freedom

In Voights neuer Serie Ray Donovan wurde in den bisher ausgestrahlten Episoden ebenfalls mehrmals die Thematik angeschnitten, meist in abfälliger und herabwürdigender Art und Weise. Der von Voight verkörperte Mickey Donovan gab sich oftmals als Schwulenhasser, wobei er feine Distinktionen machte. So erklärte er seinem Teenagerenkel Conor (Devon Bagby), schwuler Geschlechtsverkehr sei schändlich, schwuler Oralverkehr jedoch durchaus annehmbar - zumindest im Gefängnis. Die neue Episode Black Cadillac schlägt jedoch ganz andere Töne an und rehabilitiert den alten Haudegen in seiner letzten Szene fast gänzlich.

Return of the Midnight Cowboy: Mickey Donovan (Jon Voight) lässt die alten Hüften kreisen. Foto © Showtime
Return of the Midnight Cowboy: Mickey Donovan (Jon Voight) lässt die alten Hüften kreisen. Foto © Showtime

Nach einem langen und alkoholgeschwängerten Ausflugstag mit seinen Söhnen Bunchy (Dash Mihok) und Daryll (Pooch Hall) hat der vergnügungssüchtige Mickey noch Lust, das Tanzbein zu schwingen. Er entdeckt einen Laden, der ihm dafür geeignet erscheint. Die beiden Söhne wissen genau, um welch ein Etablissement es sich handelt, lassen ihren ahnungslosen Vater jedoch alleine hineinspazieren und verabschieden sich nach Hause. Und siehe da: Zwischen all den jungen, alten, großen und kleinen Schwulen fühlt sich Mickey mehr als wohl.

In dieser Szene kulminiert, was sich im Laufe der Folge deutlich angekündigt hatte. Die neue Dramaserie Ray Donovan hat in der vierten Episode ihren groove gefunden, sie hat sich emanzipiert von jeglichen Vergleichen mit möglichen (Serien-)Vorbildern und entwickelt eigenen Charme, eine eigene Faszination. Den Drehbuchautoren ist dies durch eine eindeutige Hinwendung zur Familiengeschichte der Donovans gelungen. Darin erkannten sie wohl größeres Potenzial für sehenswerte Dramatik als in der Fixer-Geschichte um den erfolgreichsten Sohn Mickeys, Ray (Liev Schreiber). Folgerichtig nimmt der bisher kaum thematisierte Auftrag um eine fremdgehende Ehefrau auch nur wenige Minuten der Episode ein.

Der Zweck dieser Szene führt wieder zum Donovan-Clan zurück. Ray, seine Ehefrau Abby (Paula Malcomson) und die Kinder Bridget (Kerris Dorsey) und Conor besuchen den Tag der offenen Tür einer jener sündhaft teuren und gesichtslosen kalifornischen Eliteschulen. Dort wird Abby mehrmals mit den Ausfallerscheinungen des Berufs ihres Ehemannes konfrontiert. Diverse geprellte Kunden oder verärgerte „Opfer“ der Donovan'schen Dienstleistungen tummeln sich auf dem Campus und zögern nicht lange, um - zumindest im Schutz der Öffentlichkeit - ihre Meinung über Ray Donovan kundzutun.

Every relationship is different. Your mother was a good cook

Dazu kommt, dass Ray es einfach nicht lassen kann, über Handy mit seinen Zuarbeitern Avi (Steven Bauer) und Lena (Katherine Moennig) in Kontakt zu bleiben. Erstgenannter soll Mickey beschatten, da aus Boston die Nachricht kam, dass der von Ray gekaufte Zeuge Eddie (Robert G. Brewer) bei der Polizei eine offizielle Aussage gemacht habe. Lena darf sich den ganzen Tag die sexuellen Eskapaden von Liza Hendricks (Kristin Minter) anhören, welche schließlich zur Entdeckung der Wanze und einem Kurzeinsatz Rays führen.

Ein weiterer großartiger Charakter im davon wimmelnden %26bdquo;Ray Donovan%26ldquo;-Ensemble: Potato Pie (William Stanford Davis) Foto © Showtime
Ein weiterer großartiger Charakter im davon wimmelnden %26bdquo;Ray Donovan%26ldquo;-Ensemble: Potato Pie (William Stanford Davis) Foto © Showtime

Abby regt sich natürlich furchtbar auf über all die Ablenkungen, die Ray ständig von seiner Familie wegreißen. Und so etabliert sich das Sujet der Serie: Sie erzählt die Geschichte vom Donovan-Clan und wie dieser hasst, liebt, streitet, sich verträgt. In der neuen Episode fällt dabei besonders auf, dass Ray Donovan gar nicht mehr der unangefochtene Star der Serie sein soll. Seine Brüder und Halbbrüder entwickeln sich nämlich recht schnell zu Geheimfavoriten - zumindest dieses kritischen Betrachters. Außerdem bekommen seine Kinder Bridget und Conor prominentere Auftritte, was angesichts der darstellerischen Leistungen ihrer Schauspieler durchaus zu begrüßen ist.

Ein weiteres Element, das sich zwar schon angekündigt hatte, in der neuen Folge aber endgültig in den Vordergrund rückte, ist der Humor. Der (Geschäfts-)Ausflug von Mickey, Bunchy und Daryll zu Darylls Mutter ist gespickt mit derben Zoten und augenzwinkernden Momenten. Zum ersten Mal äußert Mickey, wie stolz er auf seine Söhne ist - und dies gilt sicherlich auch für den abwesenden Terry (Eddie Marsan): „To my seeds. They're forever.“ Wie sich währenddessen die beiden Streithähne Bunchy und Daryll verhalten - wie zwei kleine balgende Jungs - sorgt für viele weitere amüsante Szenen.

Auch Terry bekommt einen denkwürdigen Auftritt: Nachdem er es in der letzten Episode auf eigentümliche Weise geschafft hatte, die Krankenschwester Frances (Brooke Smith) nach einem Date zu fragen, steht dieser Abend nun bevor. Beim fremdgekochten Abendessen im romantischen Ambiente des eigenen Boxgyms bekommt der schüchterne Terry kein Wort heraus und beschränkt sich auf einsilbige Antworten gegenüber seiner durchaus zugeneigten Gesprächspartnerin. Schließlich entscheidet er sich dazu, seinen Gym-Gehilfen Potato Pie (William Stanford Davis), der gerade im Hintergrund den Schweiß des Tages aufwischt, an ihren Tisch zu bitten. Frances findet diese Idee charmant und witzig, Terry punktet mit seiner ehrlichen Art - und mit Potato Pie, einem weiteren gelungenen Charakter dieser langsam zu sich selbst findenden Dramaserie.

Fazit

Im Writer's Room von Ray Donovan dürfte sich bei der Konzeption der Staffelausrichtung in etwa folgende Überlegung abgespielt haben: „Wir haben solch starke Charaktere, wieso richten wir die Dramaturgie nicht einfach nach ihnen aus?“ Sicher, die vierte Episode könnte eine Ausnahme dargestellt haben, und die Geschichte kehrt danach wieder stärker zur Fixer-Thematik zurück. Wünschenswert wäre dies jedoch nicht.

Mit der Orientierung an den starken Familiencharakteren der Donovans haben die Autoren der Serie ihre bisher stärkste Episode vorgelegt. Darin finden sie die richtige Mischung aus Drama und Humor, was wieder einmal - manche mögen es nicht hören wollen - an die Stärke der „Sopranos“ oder von Breaking Bad erinnert. Natürlich kann eine einzelne Episode nicht als Maßstab herangezogen werden, um eine neue Serie mit alten Dramaschwergewichten zu vergleichen. Ray Donovan befindet sich jedoch auf gutem Wege.

Die Storylines von Mickey, Bunchy und Daryll sowie Terry und Frances schaffen es, die Geschichte in nicht allzu hohem Tempo voranzutreiben, während die Beziehungen der Protagonisten näher ausgeleuchtet werden. Nebenbei erfährt der Zuschauer mehr über die Familiengeschichte der Donovans. Und wie die zukünftige Familiengeschichte aussehen könnte, demonstriert Rays Zweitgeborener eindrucksvoll: Er ist zweifellos ein Donovan. Not taking shit from anybody.

Eine weitere gelungene Besetzung ist mit Frank Whaley als FBI-Agent Van Miller geglückt. Whaleys scheinbar unkontrolliertes Mienenspiel ist absolut sehenswert. Außerdem bringt sein Charakter eine weitere dramatische Erzählebene in die Serie. Die Verwicklungen zwischen Mickey, Ray und den Strafverfolgungsbehörden werden immer komplizierter. Und doch: It's all in the family. So sollte es auch bleiben.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 23. Juli 2013
Episode
Staffel 1, Episode 4
(Ray Donovan 1x04)
Deutscher Titel der Episode
Der schwarze Cadillac
Titel der Episode im Original
Black Cadillac
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 21. Juli 2013 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 3. März 2014
Autor
David Hollander
Regisseur
John Dahl

Schauspieler in der Episode Ray Donovan 1x04

Darsteller
Rolle
Paula Malcomson
Eddie Marsan
Dash Mihok
Steven Bauer
Avi
Pooch Hall
Kerris Dorsey
Devon Bagby
Jon Voight

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