Ray Donovan 1x03

Die Titelfigur Ray Donovan (Liev Schreiber) ist umgeben von originell modellierten Charakteren. Jedoch werden diese Figuren in den ersten drei Episoden noch nicht zu einem stimmigen Ensemble zusammengeführt. Auch in Twerk kommt dies wieder zum Vorschein. Die Grundnahrungsmittel eines jeden guten Drehbuchs, die Konflikte, bekommen kaum genügend Zeit, um sich zu entwickeln. Ihnen wird quasi die Luft zum Atmen genommen, was im wahren Leben natürlich etwas Positives darstellt, für eine fiktionale Serie und deren Geschichtsentwicklung jedoch eher hinderlich ist.
The golem's arrived
Am deutlichsten wird dieser Malus in der Beziehung von Ray und seiner Ehefrau Abby (Paula Malcolmson). Ihr Charakter bleibt zwiegespalten. Sie wird eigentlich als jemand porträtiert, der es spielend mit allem und jedem aufnehmen kann. Gegenüber Ray jedoch wirkt sie zahm wie ein junges Reh. In atemberaubendem Tempo galoppiert die Serie durch die Höhen und Tiefen der Beziehung der beiden Hauptcharaktere. Als Ray zu Beginn der Episode nach fünftägiger Abwesenheit nach Hause kommt und herausfindet, dass Abby und die Kinder einen gemeinsamen Tag mit seinem verhassten Vater Mickey (Jon Voight) verbracht haben, packt er kurzerhand seine Sachen und verlässt die Familie.

An dieser Stelle offenbart sich schon das erste kleinere Drehbuchproblem. Rays Verhalten ist höchst irrational und passt so gar nicht zu seiner stets auf äußerste Coolness bedachten Fassade. Erklärt werden kann es nur mit seinem grenzenlosen Hass auf den eigenen Vater, worüber der Zuschauer aber auch nicht weiter aufgeklärt wird. Immer noch bleibt dessen eigene Erklärung („I was a terrible father“) das Einzige, was zu diesem Thema bisher ausgesprochen wurde. Natürlich schafft es Voight, seinen Charakter wie das allergrößte Ekelpaket darzustellen. Eine wirkliche Erklärung für Rays irrationales Verhalten wird jedoch auch dadurch nicht geliefert.
Und was ist überhaupt aus Rays Versprechen aus der ersten Episode geworden, seinen Vater umzubringen, sollte der sich zu nahe an seine Familie wagen? Selbstverständlich muss hier nicht jedes einzelne Wort auf die Goldwaage gelegt werden. Das Drehbuch könnte es sich jedoch deutlich einfacher machen, indem es nicht zwischen diversen Extremreaktionen pendeln, sondern den Charakteren und dem Stoff etwas mehr Raum zur Entfaltung lassen würde. Denn am Ende der dritten Episode wird der Konflikt zwischen Ray und seiner Ehefrau schon wieder aufgelöst. Durch diese Erzählweise bekommen die Folgen einen stark episodischen Anstrich, der übergreifende Handlungsbogen rückt in den Hintergrund.
Dafür ist nicht nur die schnelle Konfliktlösung verantwortlich, sondern auch Rays neuester Fixer-Auftrag. Sein Nachbar, der millionenschwere Rapper Re-Kon (Kwame Patterson) hat in Marvin Gaye Washington (Octavius J. Johnson) einen überaus talentierten Teenager gefunden, den er gerne adoptieren möchte. Ray soll also dafür sorgen, dass die drogenabhängige Mutter aus dem berüchtigten Stadtteil Compton mit einer Unterschrift all ihre elterlichen Verantwortlichkeiten an Re-Kon überträgt. Dies gelingt schnell und ohne Probleme - wie bisher jeder Fixer-Auftrag von Ray.
Can't punch. Can't move. Can't think
Welchen dramaturgischen Mehrwert liefern also diese Nebenhandlungsstränge, wenn sie stets innerhalb von einer Episode abgearbeitet werden? Die Familiengeschichte wird jedenfalls viel eingehender beleuchtet, bisher gab es auch noch keine nennenswerten Verwebungen der beiden großen Erzählachsen. Innerhalb der Familie verlaufen auch die wirklich interessanten Konfliktlinien. Ray schickt seinen Handlanger Avi (Steven Bauer) nach Boston, um dort nach einem Zeugen für den Mord seines Vaters an einem - wie sich später herausstellt - unschuldigen Priester zu suchen. Er wird fündig, der Zeuge verlangt eine annehmbare Summe für seine Aussage gegen Mickey und so kann Avi zufrieden sein Tagwerk beschließen: „You're father is going back to prison.“

Der lässt sich von diesen neuen Entwicklungen jedoch nicht davon abhalten, sich in das Leben seiner Söhne einzumischen, zumal er noch gar nichts von Rays Plänen weiß. Das joviale Ekelpaket spornt seinen außerehelichen Sohn Daryll (Pooch Hall) zu Höchstleistungen im Boxring an und kümmert sich um die Belange seines in der Kindheit von einem Priester missbrauchten Sohnes Bunchy (Dash Mihok). Außerdem setzt er in recht kurioser Art und Weise seine Bedrohung von Ezra Goldman (Elliott Gould) fort. Unterdessen wird er jedoch vom FBI-Agenten Van Miller (Frank Whaley) observiert und schließlich auch konfrontiert.
Dabei kommt heraus, dass sich Mickey seine frühzeitige Haftentlassung mit einem Verrat erkauft hat. Jetzt soll er dem FBI jedoch gegen Bezahlung weitere hilfreiche Dienste erweisen. Miller bekommt am Ende der Episode dann eine eigene kurze Charakterisierung. Er scheint von der Jagd auf die Donovans besessen zu sein und unter akuten Zwangsstörungen zu leiden. Außer Mickey befindet sich auch Ray in seinem Fadenkreuz. Mit der von Frank Whaley nahezu perfekt besetzten Figur haben die Autoren einen interessanten Charakter erschaffen, der neue Brisanz in die Geschichte bringen könnte.
Fazit
An interessanten Charakteren mangelt es bei Ray Donovan wahrlich nicht. Mit Ezra Goodman, Lee Drexler (Peter Jacobson) oder auch Terry Donovan (Eddie Marsan) sind in Twerk gleich mehrere Protagonisten für den comic relief zuständig. Das Ensemble besteht also aus mehreren überzeugenden Figuren, denen jedoch eines gemein ist: Sie können (noch) nicht zu einem ansprechenden Ganzen zusammengefügt werden.
Die meisten Geschichten laufen eher nebeneinander her, als ineinander zu diffundieren. Bisher hat jede neue Episode einen neuen Fixer-Fall eingeführt. Beim jüngsten dürfte erstmals Ray Donovans Privatleben beeinflusst werden. Tochter Bridget (Kerris Dorsey) scheint größeres Interesse an dem mit ordentlichem Selbstbewusstsein ausgestatteten Marvin zu entwickeln. Der benimmt sich auch noch überaus hilfsbereit gegenüber ihrer Mutter, was diese mit einem gemeinsamen Abendessen honoriert.
Der Cast kann bisher also überzeugen, die Geschichte hingegen steht noch auf wackligen Füßen. Die dritte Episode zeigte jedoch Entwicklungspotenzial. Der Ausflug nach Boston kann als gelungen eingestuft werden, auch wegen der stimmungsvollen Bilder und den guten Schauspielleistungen. Auch die Vorstellung der Strafverfolgungsbehörden in Form von Van Miller konnte überzeugen.
Wenn sich die Autoren nun also etwas Zeit lassen und nicht die einzelnen Konflikte schon im Keim ersticken, könnten auch die dramaturgischen Aspekte mit der starken Besetzung und den interessanten Figuren mithalten. Der Motor stottert noch etwas, sollte er jedoch einmal richtig ausgefahren werden, dürfte es danach laufen wie geschmiert.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 22. Juli 2013(Ray Donovan 1x03)
Schauspieler in der Episode Ray Donovan 1x03
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