Ray Donovan 1x02

Um es gleich vorwegzunehmen: Die neue Dramaserie Ray Donovan nimmt schon in der zweiten Episode A Mouth is a Mouth gehörig Schwung auf. Die vom Rezensenten in der Pilotreview gewünschte stärkere Konzentration auf die Familiengeschichte ist darin realisiert worden. Familie Donovan durchläuft ein tiefer Spalt in Form des 20 Jahre inhaftierten Familienoberhaupts Mickey Donovan (Jon Voight). Eigentlich verläuft der Graben nur zwischen Mickey und seinem Sohn Ray (Liev Schreiber), der scheinbar nicht über ein altes Familientrauma hinwegkommen will und kann.
You make me want to tell you things, Ray
Doch was ist dieses Trauma? Woher kommen diese starken Gefühle der Abneigung und des Hasses? Darauf liefert auch die zweite Episode des Dramaformats keine Aufklärung. In einem kurzen Moment der Besinnung versucht Mickey seiner Schwiegertochter Abby (Paula Malcolmson) die Situation zu erhellen: „I was a terrible father, selfish. I love those kids, but I fucked up. My wife was dying. Money problems, a lot of mouths to feed. I was a criminal.“ Bei dieser Erklärung bleibt es dann aber schon. Kein Wort von Ray, kein Wort von seinen Brüdern, überall nur schweigender Hass.

Ray will also mit aller Macht verhindern, dass Mickey Zugang zu seiner Ehefrau und seinen Kindern bekommt. Gehindert wird er daran von seinem Beruf. Als „Fixer“ muss er zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Abruf bereit sein, um sich um die kleineren und größeren Problemchen seiner Klienten aus der Hollywood-Oberliga zu kümmern. Potenzielle Skandale lassen sich schließlich nicht während eines 9-to-5-Jobs verhindern. Er steckt also in der Falle, die schon für das Konfliktpotenzial so vieler Film- und TV-Stoffe verantwortlich war. Einerseits will er seinen Nächsten ein komfortables und luxuriöses Leben ermöglichen, andererseits will er so viel Zeit wie möglich mit seiner Familie verbringen.
Wobei über den letztgenannten Wunsch noch nicht das letzte Urteil gesprochen werden kann. Schließlich wurde in der Auftaktepisode mehrmals angedeutet, dass es um die Ehe der Donovans wegen anhaltender Untreue Rays nicht sonderlich gut bestellt ist. Dies scheint auch Mickey zu ahnen, denn bei seinem Ausflug mit Abby und den Kindern nach Malibu (ins „Paradies“ nach seiner Diktion - naja) wird der nach seinem langjährigen Gefängnisaufenthalt recht vulgär auftretende Familienälteste sehr direkt und indiskret, indem er Abby nach dem Stand ihrer Ehe fragt. Mit seiner jovialen und spendablen Art kommt er bei den Kindern gut an, auch Abby kann nicht verstehen, was Ray nur gegen ihn hat.
Vielleicht weiß der genau, wie eine Kindeserziehung unter Großvater Mickey aussehen würde. Der Zuschauer bekommt jedenfalls einen kurzen Einblick. Beim Schuhshopping fragt er seinen Enkel Conor (Devon Bagby) unverblümt: „Conor, you a fag? (...) Don't let anyone fuck you in the ass.“ Der etwas verwirrte, aber erstaunlich abgeklärte Enkelsohn weiß auch in solchen Situationen um sein gutes Benehmen: „Thanks, grandpa.“
No school today
Ein großer Fokus scheint bei Ray Donovan auf eventuellen homosexuellen Neigungen diverser Charaktere gerichtet zu sein. Wie schon in der letzten Review angedeutet, will sich dem Rezensenten nicht unbedingt erschließen, woher die Faszination für dieses Thema kommt. Gerade in Zeiten, in denen sogar im konservativen und prüden Amerika die Schwulenehe von höchstrichterlicher Instanz abgesegnet wurde. Welche Agenda Drehbuchautorin und Serienschöpferin Ann Biderman mit dieser dauerhaften Thematisierung verfolgt, bleibt unklar.

Jedenfalls ist Mickey Donovan nicht der einzige, der sich abfällig über Homosexuelle äußert. Der Hollywood-Superstar Tommy Wheeler (Austin Nichols), zur Zeit in Therapie befindlich, hat einen veritablen Skandal an der Backe - wenngleich dies lediglich in der Serie so dargestellt ist und nicht der Meinung des Autors entspricht. Nach seinem One-Night-Stand mit einer transsexuellen Dame der Nacht droht diese ihm, ein heimlich aufgenommenes Sexvideo der beiden publik zu machen. Dies würde die Veröffentlichung seines neuen, „sehr heterosexuellen“ - was immer dies auch heißen mag - 200-Millionen-Dollar-Films gefährden.
Darum muss sich Ray ebenso kümmern wie um seinen paranoiden und neurotischen Klienten Sean Stevens (Jonathan Schaech), der furchtbare Angst vor der Rückkehr Mickeys hat. Er ist nämlich mitverantwortlich dafür, dass Mickey zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Es stellt sich heraus, dass seine Sorgen mehr als berechtigt sind: Auf seinem Wohnzimmertisch hat er ein Bild von sich und Mickey gefunden, überschrieben mit den Worten „Good Times“. Was zu diesem Zeitpunkt nur eine Vermutung ist, bestätigt sich am Ende der Episode: Mickey hat seinen Sohn Darryl (Pooch Hall) mit dem Einbruch und dem Platzieren der Warnbotschaft beauftragt.
Eine Seite der Familie hat Mickey Donovan also schon korrumpiert, auch Rays leibliche Brüder Terry (Eddie Marsan) und Bunchy (Dash Mihok) scheinen am Wiederauftauchen des Vaters großen Gefallen gefunden zu haben. Also will Ray mit aller Macht verhindern, dass der großväterliche Charme auch bei seinen Kindern und seiner Ehefrau anschlägt. Noch belässt er es bei drohenden Worten, sobald er herausfindet, wie weit der Verbrüderungsprozess schon fortgeschritten ist, wird er wohl zu drastischeren Maßnahmen greifen.
Zum Schluss jedoch schafft es selbst Mickey, ein Lächeln - oder ist es mehr ein Grinsen? - auf Rays Gesicht zu zaubern. Seine Assistentin Lena (Katherine Moennig) hat die Identität des von Mickey ermordeten Priesters aus Boston herausgefunden. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist es derjenige, der Ray und seine Brüder in Kindesjahren sexuell missbrauchte. Die Hauptcharaktere bekommen also auch positive Eigenschaften zugeschrieben, vor allem auch Ray. In wahrer Robin-Hood-Manier nimmt er den Reichen und gibt den Armen. Schöne Sache.
Fazit
Entweder liegt es an der geistigen Konstitution dieses Kritikers oder die Produzenten haben sich nach Sichtung der Pilotepisode von Ray Donovan dafür entschieden, eine leicht veränderte dramaturgische Richtung einzuschlagen. Jedenfalls nimmt die Dramaserie mit der Konzentration auf die Familie deutlich mehr Fahrt auf als bei ihrer Premiere.
Die Schauspieler wirken lebendiger, die Ausstattung authentischer, die Dialoge ausgefeilter und Ray Donovan selbst cooler. Diverse Nebencharaktere sorgen für mehrere laute Lacher, plötzlich hat der Wortwitz Einzug in die Serie gehalten, eine der großen Qualitätsmerkmale solcher Drama-Platzhirsche wie The Wire, The Sopranos oder Mad Men.
Der Vergleich zu den „Sopranos“ fiel schon im letzten Review, auch in A Mouth is a Mouth wird er wieder augenscheinlich. Diese Feststellung soll keinesfalls eine Geringschätzung darstellen, die bisher porträtierten Familienverflechtungen in Ray Donovan bereiten einen vielversprechenden dramaturgischen Überbau der Serie.
Ähnlich wie bei den „Sopranos“ die Mafiageschichten dürften die Fixer-Geschichten bei „Ray“ lediglich als Unterfütterung für die omnipräsente Familienerzählung dienen. Diese Entwicklung ist äußerst begrüßenswert, wer wünscht sich schon eine „Case of the Week“-ähnliche Dramaturgie, während der Ray Donovan dem hundertsten Profisportler oder Hollywoodschnösel aus der Patsche hilft. Vor allem, wenn die „Problematik“ eine solch obsolete ist wie die Homosexualität.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 8. Juli 2013(Ray Donovan 1x02)
Schauspieler in der Episode Ray Donovan 1x02
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