Ray Donovan 1x01

Ray Donovan 1x01

Die neue Showtime-Dramaserie Ray Donovan erzĂ€hlt vom Leben der irischstĂ€mmigen Familie Donovan in Kalifornien. Ihre Fixpunkte sind das kĂŒrzlich aus der Haft entlassene Familienoberhaupt Mickey, gespielt von Jon Voight, und der titelgebende Hauptcharakter Ray.

Im Clinch: Ray Donovan (Liev Schreiber, re.) ist gar nicht gut auf seinen Vater Mickey (Jon Voight) zu sprechen. / Foto (c) Showtime
Im Clinch: Ray Donovan (Liev Schreiber, re.) ist gar nicht gut auf seinen Vater Mickey (Jon Voight) zu sprechen. / Foto (c) Showtime
© m Clinch: Ray Donovan (Liev Schreiber, re.) ist gar nicht gut auf seinen Vater Mickey (Jon Voight) zu sprechen. / Foto (c) Showtime

Nach Sichtung der Pilotepisode des neuen Showtime-Dramavehikels Ray Donovan wird klar: Serienschöpferin Ann Biderman hat sich starke Anleihen bei der ultimativen Familienserie The Sopranos geholt. Bis hin zur Bildkomposition lassen sich einige Parallelen ausmachen. Ray Donovan (Liev Schreiber) ist das Oberhaupt einer zerrĂŒtteten Familie, er rotiert stĂ€ndig zwischen fĂŒrsorglichem Familienvater und knallhartem, am Rande der LegalitĂ€t operierendem GeschĂ€ftsmann.

You're sick Ray, you got a hole in your heart

Von der amerikanischen OstkĂŒste stammend - der Akzent der Mitglieder des Donovan-Clans ist besonders charmant - hat es Ray in Los Angeles zum besten „Fixer“ der Stadt gebracht: Er kĂŒmmert sich um die diskrete Lösung von Problemen jeglicher Art. So wacht einer seiner Klienten, der Basketballprofi Deonte Brown (Mo McRae), morgens im Hotelzimmer neben der Leiche einer allzu konsumierfreudigen jungen Dame auf - Ray und seine Mitarbeiter kĂŒmmern sich alsbald um dieses „Problem“.

Ein neuer und zwei alte BrĂŒder: Zwischen ihnen und Ray Donovan scheint ein gutes VerhĂ€ltnis zu bestehen.
Ein neuer und zwei alte BrĂŒder: Zwischen ihnen und Ray Donovan scheint ein gutes VerhĂ€ltnis zu bestehen. - © Showtime

Ihnen gelingt es, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Dem Filmschauspieler Tommy Wheeler (Austin Nichols) hat sich auf eine Dame der Nacht eingelassen, nur dass diese "Dame" gar keine war, sondern ein Herr. Nun droht daran seine Karriere als heterosexueller Filmstar zu zerbrechen. Also schickt Ray kurzerhand Tommy und die Kameras der Klatschpresse zum Hotel, damit der behaupten kann, er habe die letzte Nacht, gĂ€nzlich "heterosexuell", mit einer Frau verbracht. Brown soll derweil diskret durch die HintertĂŒr aus dem Hotel gefĂŒhrt werden.

Schon zu diesem frĂŒhen Zeitpunkt der Episode fragt sich der kritische Zuschauer, ob dieser ErzĂ€hlstrang als ernstgemeinte Handlung prĂ€sentiert oder eher als Satire auf die Perversionen der Hollywood-Schickeria und ihrer vielen On- und Offline-Apologeten verstanden werden soll. Findet Autorin Biderman, dass es ein „Skandal“ ist, wenn ein aufstrebender Schauspieler sich auf eine Nacht mit einem Transvestiten einlĂ€sst? Dass eine solche Episode wirklich eine ganze Karriere zerstören könnte? Oder will sie diesen Handlungsstrang als Persiflage verstanden wissen?

Diese Fragen wabern fortan in den Köpfen der Zuschauer, genau wie die Frage nach der DurchfĂŒhrbarkeit einer solchen Aktion. Gibt es denn keine polizeiliche Ermittlung nach dem Drogen-Tod einer jungen Frau? WĂŒrde diese Ermittlung nicht innerhalb weniger Stunden aufdecken, wer sich wirklich in dem Hotelzimmer aufgehalten hat? Und könnte nicht anhand von Überwachungskameras festgestellt werden, dass Ray und sein Team sich ĂŒber mehrere Stunden in dem Zimmer aufhielten?

You go near my family, I'll fucking kill you

Den Autoren nutzen diesen ErzĂ€hlstrang offensichtlich dazu, einen dramaturgischen Unterbau fĂŒr die zu erzĂ€hlende Familiengeschichte zu schaffen. Ein Schuss mehr Realismus hĂ€tte der Auftaktepisode jedoch gut getan, hĂ€tte man sich doch als Zuschauer nicht ĂŒber den Rest der Folge diese Fragen stellen mĂŒssen. Darin geht es denn auch gar nicht mehr um das zu Beginn portrĂ€tierte Problem. Tommy Wheeler treibt sich schon wieder auf diversen Hollywood-Bussi-Veranstaltungen herum. Er habe Freigang. Ach so.

Dieses Popsternchen bringt Ray Donovan reichlich Ärger ins Haus.
Dieses Popsternchen bringt Ray Donovan reichlich Ärger ins Haus. - © Showtime

Ein weiterer Klient von Ray Donovan ist Stu Feldman (Josh Pais). Der hochneurotische Studioboss beauftragt ihn damit, seiner Geliebten hinterherzuspionieren. Es handelt sich um Ashley Rucker (Ambyr Childers), eine aufstrebende SĂ€ngerin, die Ray von frĂŒher kennt. Als er ihr Haus observiert, fĂ€llt ihm ein Stalker auf, der Ashley beobachtet und sich dabei selbst befriedigt. Sofort macht er die IdentitĂ€t des Stalkers ausfindig und warnt sie vor ihm. Dies verrĂ€t natĂŒrlich seine eigentliche Aufgabe. Fortan wird Stu Feldman ihn also nicht mehr beauftragen. Ray kĂŒmmert das wenig.

Sein Charakter ist als ein sehr ambivalenter angelegt. Zuhause der liebende Familienvater, unterwegs der Bad Boy mit dem BaseballschlĂ€ger, der weder vor Untreue, noch vor Körperverletzung und schließlich - nach eingĂ€ngiger Warnung - auch nicht vor Mord zurĂŒckscheut. Erinnert doch alles sehr stark an Tony Soprano. Die Familiengeschichte hat es mit Ray Donovan jedoch noch ein bisschen grausamer gemeint. Kam Tony Soprano kaum ĂŒber die Erlebnisse von Gewalt und hĂ€uslichem Streit hinweg, wird in der Pilotepisode von Ray Donovan angedeutet, dass nicht nur sein Bruder Bunchy (Dash Mihok), sondern auch der Titelcharakter selbst Opfer sexuellen Missbrauchs durch Angehörige der katholischen Kirche wurde.

Auch Rays Bruder Terry (Eddie Marsan) kann nicht gerade auf ein gelungenes Leben zurĂŒckblicken. Er verdingt sich als Boxtrainer und haust in einem winzigen Verschlag. Zudem leidet er schwer unter der Parkinson-Krankheit, worĂŒber zu sprechen Ray keinerlei Probleme hat: „He's shaking like a leaf.“ Die Familie ist also recht zerrĂŒttet, wenngleich die BrĂŒder ein gutes VerhĂ€ltnis zueinander zu pflegen scheinen. „Gut“ heißt in diesem Falle: Ray haut die beiden anderen raus, wenn sie mal wieder irgendetwas verbockt haben.

Den folgenden Verrat dĂŒrfte er ihnen jedoch nicht allzuschnell verzeihen. Sie haben ihm ĂŒber eine Dekade lang verschwiegen, dass ihr gemeinsamer Vater Mickey (Jon Voight) vor seiner Inhaftierung in Massachusetts einen Sohn mit seiner damaligen Geliebten Claudette gezeugt hat. Ray hat also einen dunkelhĂ€utigen Halbbruder. Warum die Hautfarbe im GesprĂ€ch mit seiner Ehefrau Abby (Paula Malcolmson) eine so große Rolle spielt, entzieht sich der Kenntnis des Rezensenten.

Jedenfalls wird Familienpatriarch Mickey zu Beginn vorzeitig wegen guter FĂŒhrung aus der Haft entlassen und macht sich sogleich auf den Weg nach Los Angeles. Zuvor verĂŒbt er noch schnell einen Mord an einem Priester. Dann stĂŒrzt er sich voller Enthusiasmus dem Hass seines Sohnes Ray entgegen. Schließlich besucht er trotz eindringlicher Warnung Rays Abby in ihrem Zuhause. Er schließt seine Enkeltochter Bridget (Kerris Dorsey) - sie ist benannt nach der Schwester der Donovan-BrĂŒder, die sich umgebracht hat - in die Arme. The wolf is in the gate.

Fazit

Showtime liefert mit Ray Donovan ein solides Dramaprodukt ab, das sich jedoch in der Auftaktepisode einige Fragen nach Logik, LinearitÀt und Realismus gefallen lassen muss. Teilweise erinnern auf dramaturgischer Seite Charakterzeichnung und Figurenkonstellation sowie auf technischer Seite zudem die Bildkomposition an das Vorbild aller modernen Dramaserien: The Sopranos.

Liev Schreiber und Jon Voight liefern ĂŒberzeugende Darstellungen ab, wenngleich Voight als solch zentraler Charakter etwas wenig Screentime zugestanden bekommen hat. Hier verhĂ€lt es sich Ă€hnlich zum Auftritt von James Caan in der aktuellen Episode von Magic City: Liebe Regisseure, lasst die alten Hunde von der Kette! Sowohl Caan als auch Voight sind eine Bereicherung fĂŒr die Serienlandschaft. Zumindest bei Voight stehen die Chancen jedoch nicht schlecht, dass er sich in kommenden Episoden in den Mittelpunkt spielen kann.

Ray Donovan hat in seiner Auftaktepisode eine interessante GrundprĂ€misse aufgestellt, wobei die „Fixer“-Geschichte ruhig etwas weniger Zeit in Anspruch nehmen dĂŒrfte. Die Familiengeschichte sollte um einiges interessanter sein. Die Fronten zwischen Ray und Mickey Donovan scheinen undurchdringlich, spannend wird vor allem, wie die BrĂŒder und der Rest der Familie mit dieser Dynamik umgehen.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 1. Juli 2013
Episode
Staffel 1, Episode 1
(Ray Donovan 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Vater unser
Titel der Episode im Original
The Bag or the Bat
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 30. Juni 2013 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 10. Februar 2014
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Montag, 3. November 2014
Autor
Ann Biderman
Regisseur
Allen Coulter

Schauspieler in der Episode Ray Donovan 1x01

Darsteller
Rolle
Paula Malcomson
Eddie Marsan
Dash Mihok
Steven Bauer
Avi
Pooch Hall
Kerris Dorsey
Devon Bagby
Jon Voight
Ambyr Childers

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