Preacher 2x06

Preacher 2x06

Die flott erzählte Episode Sokosha gibt einen Einblick in die Motive des mörderischen Saint of Killers, aber auch in den Charakter unserer Hauptfigur Jesse Custer, der sich immer mehr verändert. Der Plot wird angenehm geradlinig vorangetrieben, was zur Kurzweiligkeit der Folge beiträgt.

Jesse (Dominic Cooper) in „Sokosha“ / (c) AMC
Jesse (Dominic Cooper) in „Sokosha“ / (c) AMC
© esse (Dominic Cooper) in „Sokosha“ / (c) AMC

Es ist wieder etwas mehr Bewegung in Preacher drin! Ich hatte ja letzte Woche ein wenig moniert, dass die AMC-Comicadaption gerade etwas auf der Stelle tritt. Die Episode Sokosha drückt nun glücklicherweise wieder auf die Plottube und präsentiert uns dabei den zwischenzeitlichen Höhepunkt des Konfliktes zwischen „Preacher“ Jesse (Dominic Cooper) und seinem Jäger, dem Saint of Killers (Graham McTavish). Die Handlung ist derweil so konzipiert, dass aufgrund von Zeitdruck automatisch eine Dringlichkeit entsteht, die der Serie nach kurzer Ruhephase wieder Feuer einhaucht.

Interessant ist, dass man sich erneut mit der Historie des Saint of Killers befasst, deren „Werdegang“ bereits in der ersten Staffel von „Preacher“ über einen mehr oder minder kryptischen Nebenplot gezeigt wurde. Die Verantwortlichen schaffen es dennoch, dass der Rückblick auf die Biografie des vermeintlichen Antagonisten nie langweilig wird, dank einiger cleverer Kniffe wohlgemerkt, und das Aufeinandertreffen zwischen ihm und Jesse durchaus spannend ist. Ein paar Aufnahmen könnten indes bedeuten, dass Jesse immer mehr (wenn das überhaupt möglich ist) vom rechten Pfad abkommt, trifft er am Ende der Episode doch eine schwerwiegende Entscheidung.

This won't hurt a bit

Zunächst sehen wir jedoch eine anfangs recht verwirrende Szene, in der ein asiatisch aussehender Anzugträger ein Ehepaar von einer Spende überzeugt, mit der diese all ihre Geldsorgen beseitigen könnten. Was genau gespendet werden soll, ist nicht wirklich klar. Dem Probanden wird auf jeden Fall eine glitzernde Substanz entnommen, aus der wenig später wiederum eine Pille gemacht wird, die eine scheinbar geistig verwirrte Frau eines reichen Mannes zu sich nimmt. Von jetzt auf gleich ist die Dame wieder bei Sinnen, der Anzugträger hat ordentlich abkassiert und geht seines Weges. Was war das denn?

Soul Happy Go Go!

Die Antwort auf diese einfache Frage: eine Seele. Oder besser gesagt ein Stück einer Seele in Tablettenform. Ja, in der Welt von „Preacher“ existiert eine japanische Firma namens „Soul Happy Go Go“, die mit Seelen handelt. Ein Vertreter dieses Unternehmens ist derzeit in New Orleans unterwegs, wo er in einem Panzerwagen durch die Stadt gurkt („Sokosha“ ist übrigens die Bezeichnung einer japanischen Tankette, ein leichtes Panzerfahrzeug, zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges).

All dies ist herrlich bizarr, doch die Serie behandelt dieses abgedrehte, außergewöhnliche Konzept, dass man einfach einen prozentualen Anteil seiner Seele abzwacken kann, erfrischend unspektakulär, als wäre dies das Normalste der Welt. So wird zum Beispiel wenig später Jesse in einem Voodoogeschäft vorstellig, wo man angeblich Seelen erwerben kann. Aber dieser verdammte Kapitalismus und die alles verschlingenden, globalen Großunternehmen haben den kleinen Seelenläden von New Orleans den Rang abgelaufen und sie vom Markt gedrängt! Die Welt ist einfach nicht mehr das, was sie mal war...

AMC
AMC - © AMC

Love conquers all

Warum Jesse auf der Suche nach einer Seele ist? Um ein für alle Mal den Saint of Killers zu beschwichtigen, der, wie die Freunde herausfinden, seine Seele verloren hat, deshalb nicht in den Himmel zu seiner geliebten Frau und Tochter kommt und sich auf einen Deal mit den Engeln eingelassen hat, um doch noch irgendwie Zutritt zu erlangen. Der Saint soll Jesse samt seiner mächtigen Stimme auslöschen. Im Gegenzug muss die seelenlose Tötungsmaschine nicht mehr umherwandeln, nein, er findet seinen Frieden im Himmelsreich. Jetzt bietet Jesse seine Hilfe an, um sich, Tulip (Ruth Negga) und Cassidy (Joseph Gilgun) zu schützen und der Jagd ein Ende zu bereiten.

Das Trio entgeht zu Beginn der Episode Sokosha gerade noch so dem Saint of Killers, der sich durch den Wohnkomplex metzelt, in dem unsere Helden Unterschlupf gefunden haben. Die Ereignisse der Vorwoche scheinen komplett hinter ihnen zu liegen, was ein klein wenig seltsam ist. Aber gut, abgehakt, die Bande ist wieder bei bester Laune und hat sich vertragen. Zurück zur eigentlichen Aufgabe: Wo ist Gott? Die Wiederkehr zum zentralen Plot der Serie gibt der Erzählung wieder mehr Fokus, auch wenn sich die Handlung letztlich mehr um den Saint of Killers dreht. Aber generell sind wir wieder in der Spur, was die Geschichte gebraucht hat.

The Butcher of Gettysburg

Im Endeffekt liegt es einzig und allein an Jesse, den Saint aufzuhalten oder eine Lösung für dieses Problem zu finden. Besonders schön ist, wie er, Tulip und Cassidy zunächst ein wenig Recherche betreiben und dabei neben einem informativen Hörbuch über die größten Psychopathen Amerikas (in der nächsten Ausgabe: Dick Cheney!) auch ein paar Comichefte sowie kitschige Bücher durchforsten, um mehr über den Saint of Killers zu erfahren. Wie bereits erwähnt, die Zuschauer sind seit der ersten Staffel schon längst im Bilde. Die offensichtlichen Verweise auf die Comicvorlage und die dynamische Zusammenfassung, was diesen Charakter eigentlich ausmacht und antreibt, passen aber einfach wunderbar in die kurzweilige Episode.

Intruder

Nicht wirklich unpassend, aber etwas überraschend ist derweil die Enthüllung, dass der französisch sprechende Denis (Ronald Guttman) in Wahrheit der Sohn von Cassidy ist. Während dieser, Denis und Tulip als Geiseln vom gnadenlosen Saint gehalten werden, kommt es zu einer herzlichen Szene zwischen Vater und Sohn, die noch einmal verdeutlicht, was für ein gutes Herz doch in Cassidy schlummert - ganz zu schweigen von seiner Bereitschaft, für seine Freunde alles zu geben, zum Beispiel seine Finger, als er Tulip vor dem Säbel des Saint bewahrt. Schmerzhaft.

Jesse kann gerade noch rechtzeitig mit einer „Portion“ Seele antanzen, nachdem er den Transporter der japanischen Firma anhalten konnte und einen Fetzen seiner Seele in eine Tablette hat pressen lassen. Es sollte ihm aber vielleicht zu denken geben, dass gerade seine Seele kompatibel mit dem Saint of Killers ist, für den es anscheinend nicht ganz so einfach ist, einen passenden „Spender“ zu finden. Vielleicht ist Jesses Seele aber auch so besonders, dass sie das geballte Böse ausmerzen und aufwiegen kann. Wie dem auch sei, mit einer Seele im Saint of Killers kann dieser nun über die Stimme Gottes kontrolliert werden - und Jesse muss wieder einmal entscheiden, wie weit er bereit ist zu gehen.

AMC
AMC - © AMC

Can't run forever

Jesse sagt es selbst, er könnte den Saint of Killers nun für immer in der Hölle schmoren lassen und ähnlich wie er keine Gnade zeigen. Eigentlich hatten die beiden einen Deal, doch Jesse verspürt extrem viel Abscheu für seinen Peiniger. Verständlich, wenn man sich noch einmal vor Augen führt, wie viele Leichen den Weg des Saint bisher gepflastert haben. Aber kann Jesse ebenfalls abgrundtief böse sein? Die letzten Wochen haben gezeigt, dass sich der Charakter verändert hat, dass Jesse immer wieder vor schwierigen moralischen Entscheidungen stand, deren Ausgang ihn letztlich schwer geprägt haben. So brachte er zum Beispiel nicht Victor um, womit er sich ein Stück seiner Seele bewahrte.

Und so steht er auch jetzt vor der Frage, was er mit dem Saint of Killers tun soll. Dieser ist zu böse für den Himmel (wer ist eigentlich Jesse, dass er sich anmutet, so über andere zu richten?), aber ihn willkürlich auf alle Ewigkeiten in die Hölle zu verbannen, wo er seine größten Qualen immer wieder von neuem erleben muss, ist ebenfalls nicht der richtige Weg. Jesse muss besser sein als diejenigen, die ihm zusetzen, er muss vergeben und Gnade zeigen können, so, wie es sein Berufsstand von ihm verlangt. Aber ist seine letztendliche Entscheidung wirklich gnädig?

American Psychopaths

Vielmehr schiebt er das „Problem“ Saint of Killers auf, sperrt er diesen doch in den gepanzerten Transporter, um ihn dann in den Sümpfen nahe New Orleans zu versenken. Jesse verfrachtet den unsterblichen Fiesling letztlich in ein Unterwassergefängnis, wo dieser nun vor sich hinschmoren muss. Wirklich menschlich ist dies nicht, für Jesse aber anscheinend der beste Mittelweg, den er finden kann. Für uns Zuschauer bedeutet dies, dass der Saint of Killers erst einmal aus dem Spiel genommen, seine Rückkehr aber definitiv möglich ist. Die Serie schreit es fast schon ein wenig heraus, dass die von Jesse versteckten Waffen des Saints früher oder später wieder freigelegt und benutzt werden.

Second thoughts

Unsere Hauptfigur hinterlässt am Ende den Eindruck, dass er nicht wirklich im Reinen mit sich ist - das Schlussbild wird wortwörtlich gespiegelt, denn, als Jesse zu Beginn von Sokosha vor den Badspiegel tritt, wirkt er recht zufrieden mit seinen letzten Entscheidungen. Am Ende der Folge hat sich seine Stimmung deutlich verändert und es scheint so, als hätte er ein Stück seiner Seele verloren - sowohl sinnbildlich als auch buchstäblich. Die Suche nach Gott fordert ihre Opfer, was anhand der Entwicklung von Jesse in dieser Episode sehr deutlich wird. Wo soll dies nur hinführen?

Wir werden es kommende Woche in der nächsten Folge sehen, in der die drei Freunde nun etwas beruhigter die Spur des Allmächtigen aufnehmen können. Wobei, in „Sokosha“ wird auch erneut die dubiose Organisation um „Jazzsängerin“ Lara (Julie Ann Emery) erwähnt, die nun sehr wahrscheinlich die Rolle des Saints of Killers einnimmt, um Jesse, Tulip und Cassidy ein paar Hürden in den Weg zu stellen. Und dann erwartet uns ja auch noch der Auftritt einer bekannten Figur aus der Comicvorlage, die sicherlich einen ganz besonderen Eindruck hinterlassen wird...

Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 25. Juli 2017
Episode
Staffel 2, Episode 6
(Preacher 2x06)
Titel der Episode im Original
Sokosha
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 24. Juli 2017 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 25. Juli 2017
Regisseur
David Evans

Schauspieler in der Episode Preacher 2x06

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