Preacher 2x05

Preacher 2x05

Nach einem teilweise sehr aufregenden Start in die neue Staffel steckt Preacher derzeit ein wenig fest. Auf die etwas ereignisarmen letzten Episoden folgt mit Dallas ein weiteres Kapitel, in dem es eher behäbig vorangeht. Nun gilt es, das Momentum zurückzugewinnen.

Jesse (Dominic Cooper) und Cassidy (Jospeh Gilgun) in der Episode „Dallas“ aus der US-Serie „Preacher“ / (c) AMC
Jesse (Dominic Cooper) und Cassidy (Jospeh Gilgun) in der Episode „Dallas“ aus der US-Serie „Preacher“ / (c) AMC
© esse (Dominic Cooper) und Cassidy (Jospeh Gilgun) in der Episode „Dallas“ aus der US-Serie „Preacher“ / (c) AMC

Da Kollege Adam auf dem besten Weg nach San Diego zur diesjährigen Comic-Con ist, wird mir diese Woche die große Ehre zuteil, ihn zu vertreten und eine Kritik zur aktuellen Episode von Preacher zu verfassen. Vorab: Ich verfüge bei weitem nicht über das Comicvorwissen meines geschätzten Kollegen. Und nachdem mich die erste Staffel der AMC-Serie doch ein wenig enttäuscht zurückgelassen hatte (das Finale der ersten Staffel gefiel mir wiederum sehr gut), war ich voller Vorfreude, dass sich die Comicadaption in ihrer zweiten Staffel endlich auf die Straße begeben hat, auf der das Format als launiger, oftmals sehr blutiger Roadtrip einfach hingehört.

Der Auftakt gelang, doch seit letzter Woche hege ich die Befürchtung, dass „Preacher“ gerade ein wenig dabei ist, den Schwung der ersten Episoden dieser zweiten Staffel zu verlieren. Anders formuliert: Die Serie tritt mir persönlich zu sehr auf der Stelle. Die fünfte Folge, Dallas, nimmt sich zwar Zeit, um uns ein paar Hintergrundinformationen zu der komplexen Beziehung zwischen Jesse (Dominic Cooper) und Tulip (Ruth Negga) zu liefern, wodurch wir die beiden Charaktere ein bisschen besser kennenlernen. Dennoch fehlt mir der Zug zur Sache, was womöglich auch mit der nicht ganz so interessanten Vorgeschichte des Pärchens zusammenhängt.

Till the end of the world

Warum die Vergangenheit von Jesse und Tulip, die nach dem schiefgegangenen Banküberfall in Dallas fortan ein sehr tristes Dasein fristeten, nicht so interessant und spannend ist? Vielleicht, weil sich die Erzählung nicht besonders frisch oder originell, ja mitunter sogar recht absehbar gestaltet. Nachdem Carlos das Verbrecherduo auf offener Straße hatte stehen lassen, probierten sich „Bonnie und Clyde“ an einem normalen Leben, wahrscheinlich auch, um den Strafbehörden aus dem Weg zu gehen. Unglücklicherweise verlor Tulip während ihrer turbulenten Zeit als Bankräuber ihr ungeborenes Kind, etwas, was das Paar nach ihrem vermeintlichen Ausstieg aus dem Verbrechergeschäft mit einem neuen Kind vergessen machen wollte.

Komischerweise wird in der Episode kaum die Position von Tulip eingenommen, die damals ein tragisches Erlebnis hinter sich bringen und dieses nach ihren Möglichkeiten verarbeiten musste. Nein, der Fokus liegt vielmehr auf Jesse, der in Selbstmitleid und Inaktivität untergeht, für seine Geliebte nicht wirklich da ist und dadurch auch alles andere als sympathisch rüberkommt. Dieses Verhalten steht unserer Hauptfigur ganz und gar nicht und anstatt, das Gefühl zu haben, dass man uns eine andere Seite des Titelhelden zeigt und der Charakter dadurch für mich komplexer wird, geht mir „Slacker-Jesse“ mehr auf den Geist, als dass er Mitleid oder Empathie in mir hervorruft.

AMC
AMC - © AMC

We had fun. Remember?

Gleiches gilt für den Jesse der Gegenwart, der wie von der Tarantel gestochen auf Tulips Ehemann Victor losgeht (ich finde es nach wie vor amüsant, dass man Paul Ben-Victor für diese Rolle gewinnen konnte, allein wegen des Namens) und ihn für Tulips Untreue büßen lassen will. Ich kann diesen haltlosen, emotionalen Ausbruch, der womöglich tödliche Konsequenzen haben wird, nur bedingt nachvollziehen. Jesse erscheint etwas kindisch und unreif, und deshalb fast nervig, weil mir seine blinde Wut nicht so recht in den Kopf will.

Tulip wird hier indirekt zur Schuldigen gemacht, wobei es mehr als deutlich ist, dass sich auch Jesse so einige Verfehlungen geleistet hat - selbst wenn es nur seine Egozentrik ist. Das gelingt der Folge wiederum ganz gut: das Aufzeigen, an welch schwierigem Punkt Jesse und Tulip einst gewesen sind. Dass sie die Vergangenheit irgendwie hinter sich lassen wollten, was ihr letzten Endes doch nicht gelungen ist, und dass er nicht in der Lage dazu war, seiner großen Liebe richtig Halt und Unterstützung zu geben, die Tulip so dringend benötigte. Wie die beiden mit dieser komplizierten Situation umgehen, ist teilweise arg frustrierend, nicht aber die grundsätzliche Idee, diese frühen Risse in der Beziehung zwischen ihnen zu thematisieren.

Clean up the mess

Klar gibt dies den Figuren mehr Tiefe, doch irgendwie lässt es mich dann doch etwas zu sehr kalt, als dass ich wirklich mit ihnen fühlen würde. Da erstaunt es mich schon fast ein wenig, dass es wiederum Cassidy ist, der mich in Dallas emotional am meisten bewegt. Der nonchalante Vampir macht mir persönlich als Charakter zurzeit am meisten Spaß, trifft Joseph Gilgun doch nicht nur die komischen sowie eher tragischen Momente hervorragend, auch die Macher setzen Cassidy geschickt ein. Er fungiert abermals als eine Art Bindestück zwischen Jesse und Tulip, während er eigentlich nur ein Ziel verfolgt, welches man sich im Vorfeld nur schwer hätte vorstellen können: Harmonie.

Cassidy möchte aufrichtig helfen, die Wogen glätten und für seine Freunde da sein. Während Jesse nur schwer von seinem Egotrip abzuhalten ist und Tulip extrem machtlos erscheint, geht sehr viel Wärme und Mitgefühl von Cassidy für seine Begleiter aus. Dies macht den Blutsauger zu meinem persönlichen Favoriten der Episode. Ja, auch Cassidy hat sich so manche Fehler geleistet und war nicht immer ehrlich zu seinen Freunden. Er stellt sich jedoch seinen Verfehlungen und findet sogar die richtigen Worte, um Jesse wieder zu beruhigen. Cassidys Selbstlosigkeit kommt unerwartet, trägt aber hervorragend zu seiner Charakterentwicklung bei.

AMC
AMC - © AMC

Moving on

All die Pluspunkte, die Cassidy für die die Episode herausarbeitet, reichen jedoch nicht aus, um Dallas auf ein überdurchschnittliches Niveau zu hieven. Zum Ende empfinde ich sogar mehr für Mafiaboss und Familienvater Victor als für Jesse, der, während sich Tulip vom Acker machte, weiter in Selbstmitleid versank und letztlich zurück in seine texanische Heimat kehrte. Von wahrer Liebe zwischen Tulip und Victor sollte man nicht sprechen, ihr neuer Ehemann gab ihr aber Geborgenheit, Stabilität und eine Art Neustart, den sie brauchte - auch wenn sie später Reißaus nahm, was sie erst in diese Bredouille brachte, welche nun weitläufig eskaliert ist.

Am Ende lässt sich Jesse doch überzeugen, dass er unverhältnismäßig durchgedreht ist und nicht Victors Blut an seinen Händen haben will. Die Rückschau auf die Beziehungsgeschichte von Jesse und Tulip ist beendet und die Situation scheint geklärt. Wirklich resolut erscheint mir die Auflösung des Beziehungsdilemmas um den verschonten Victor nicht, aber dafür haben wir ja den Saint of Killers (Graham McTavish), der natürlich von Jesses exzessivem Gebrauch seiner mächtigen Stimme angelockt wurde und nicht nur den Schergen Victors, sondern den Mafioso selbst abserviert.

Get out

Und mit dem neuerlichen Auftritt der scheinbar unaufhaltsamen Tötungsmaschine keimt in mir sogleich wieder etwas Hoffnung auf, dass es in Preacher bald wieder etwas zügiger zugeht. Auf Dauer dürfte es zwar auch etwas eintönig werden, wenn unser Trio permanent nur auf der Flucht vor dem Western-Terminator ist. Jetzt gerade könnte ich jedoch mal wieder ein bisschen kernige Action sowie eine unmittelbare Bedrohung in Form des Saint of Killers gebrauchen.

Die AMC-Comicadaption muss meiner Meinung nach einfach wieder etwas in die Puschen kommen und kann die zwischenzeitliche Ruhephase jetzt gerne hinter sich lassen, um an den schwungvollen Staffelstart anzuknüpfen. Mit der „Rückkehr“ des gnadenlosen Pistoleros ist schlagartig wieder mehr Feuer drin. In New Orleans hält uns anscheinend eh nicht mehr viel. Und die Suche nach dem verschwundenen Gott war diese Woche ohnehin absolut zweitrangig, wenn nicht sogar komplett egal. Also auf zu neuen, erzählerischen Ufern!

Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 18. Juli 2017

Preacher 2x05 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 5
(Preacher 2x05)
Titel der Episode im Original
Dallas
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 17. Juli 2017 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 18. Juli 2017
Regisseur
Michael Morris

Schauspieler in der Episode Preacher 2x05

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?