Preacher 1x10

Die erste Staffel von Preacher ist nun vorĂŒber und es bleibt das GefĂŒhl, dass Potential allenthalben liegen gelassen wurde. Ob das nun ErzĂ€hlstrĂ€nge betrifft oder Figuren oder gar alles, was sich in der Kleinstadt Annville zugetragen hat. Durch das Episodenende beschleicht mich als Zuschauer das GefĂŒhl, das vieles oder gar alles fĂŒr die Katz gewesen ist. Wobei nun endlich die Weichen gestellt werden fĂŒr etwas, was man als Comicleser schon von Anfang an sehen wollte. Aber dazu spĂ€ter noch mehr.
God is coming!
Die ganze Gemeinde von Annville ist in Aufruhr, denn angeblich will Jesse Custer (Dominic Cooper) ja Gott zum ZwiegesprĂ€ch vorladen und ihn um Antworten bitten. Zweitrangig ist da der Fakt, dass ihn die Stadt und deren Sheriff als flĂŒchtigen Verbrecher auf dem Kieker hat und nach ihm fahndet.
Die Bewohner lassen sich die Haare oben wie unten am Körper fĂŒr den Besuch des Schöpfers schick machen und fiebern auf die groĂe Show hin. Andere wie Donnie (Derek Wilson) und seine Frau gehen ihrem Alltag nach, was ein bisschen Sadomaso-Spielchen bedeutet. Tulip (Ruth Negga), die von ihrem Alleingang rund um Carlos zurĂŒck ist, will derweil wissen, wo Jesse sich befindet und erfĂ€hrt schon bald, dass Donnies Familie ihm Zuflucht gewĂ€hrt hat. Und schon ist es wieder da: Das GefĂŒhl, als habe man eine gesamte Episode verpasst. Denn eigentlich war es doch Donnie, der sich das Gehör genommen hat, um in Odins (Jackie Earle Haley) Auftrag den Geistlichen zu ĂŒberrumpeln und so vor seiner Kraft immun zu sein. Nun sehen wir, dass Familie Schenck mit Jesse unter einer Decke zu stecken scheint. HĂ€?
So schaffen es die Autoren immerhin Tulip und Jesse wieder zusammenzufĂŒhren und die BrĂŒcke zum seit einigen Folgen aufgebauten Carlos-Handlungsbogen aufzubauen. Tulip hat den Mann, der ihnen alles genommen hat, nĂ€mlich nicht selbst umgebracht, sondern ihn im Kofferraum eingesperrt und nach Annville gebracht, um zu schauen, ob in Jesse der Drang nach Rache besteht. Beim Anblick des ehemaligen VerbĂŒndeten kann sich Jesse wirklich nur schwer beherrschen. Warum, erfahren wir in einem bruchstĂŒckhaften Flashback.
Solche nicht chronologischen Flashbacks macht ein Quentin Tarantino auch sehr gerne, wobei der Regisseur dann aber auch darauf achtet, dass im Endeffekt alles schlĂŒssig ist und einen Sinn ergibt. Die Preacher-Schreiber entscheiden sich fĂŒr den minimalistischen Ansatz. Carlos (Desmin Borges, You're the Worst) ist eifersĂŒchtig auf das GlĂŒck von Tulip und Jesse und lĂ€sst sie deswegen beim BankĂŒberfall ins offene Messer laufen: Er befreit einen gefesselten Sicherheitsmann/Polizisten, den Jesse dann tötet. Dabei kommt auch Tulips Ungeborenes zu Schaden und ĂŒberlebt den Vorfall nicht. Man kann also nachvollziehen, warum die beiden Rache an Carlos wollen.
Dennoch muss ich, wie schon so oft in den Reviews, das wie kritisieren. Auf der emotionalen Basis kommt das Gesehene bei mir nicht so gut rĂŒber. Das liegt vor allem daran, das die ErzĂ€hlung nicht stringent oder logisch und eben so stĂŒckhaft prĂ€sentiert wird. Aus frĂŒheren Episoden wissen wir, dass Tulip gerne Mutter wĂ€re und dass sie es sogar einmal war. Und mit kleinen kosmetischen und narrativen Ănderungen hĂ€tte man diesen Teil der ErzĂ€hlung auch durchaus mitreiĂend und emotional erzĂ€hlen können, doch das hat man in meinen Augen versĂ€umt.
Ebenso wie die Rache der beiden Figuren, die zwar viel diskutieren, dann aber beschlieĂen, ihn am Leben zu lassen und sich fĂŒr eine andere Variante entscheiden. Dabei soll wohl herauskommen, wie sehr sie fĂŒreinander geschaffen sind und wie sehr sie sich trotz aller UmstĂ€nde lieben. Doch dann spart man wieder an der falschen Stelle in der Inszenierung und zeigt Carlos nur, wie er aussieht, nachdem Tulip und Jesse sich ihn vorgenommen haben. Das ist auf Dauer unbefriedigend.
Unbefriedigend ist auch die bereits angesprochene LĂ€uterung aus dem Nichts von Donnie, mit der im Episodenverlauf immer wieder gespielt wird. Ganz nett ist der Einfall, dass man den Zuschauer auf die falsche FĂ€hrte locken will, als seine Frau mit den Cops spricht und Jesse und Tulip so in der Kirche die letzten Vorbereitungen fĂŒr das groĂe Treffen umsetzen können.
Cassidy im Knast
Cassidy (Joseph Gilgun), der sich ohne groĂe ErklĂ€rung im Knast befindet, ist ein weiteres RĂ€tsel der Episode. Der Sheriff (W. Earl Brown) möchte von Jesses Freund wissen, wo sich sein Sohn Eugene (Ian Colletti) befindet. Doch er kann oder will es ihm nicht sagen. Der Polizist hat zu seinem Gefangenen aber selbst ein paar Recherchen angestellt und dabei herausgefunden, dass er schon seit 1922 immer wieder Probleme mit dem Gesetz hat und dann immer wieder in gröĂeren Zeitintervallen im Knast sitzt.

So schlussfolgert der GesetzeshĂŒter, dass Cassidy ein Vampir ist und ergötzt sich daran, diesen zu quĂ€len. Er schieĂt ihn immer wieder an, nur um ihn dann mit Blut zu regenerieren. Im Sheriff steckt, wie wir hier wieder sehen, ein zorniger Mann, der mit seinem Schicksal - seinem entstellten Sohn und seiner katatonischen Frau - eigentlich schon gestraft genug ist. Die Provokationen Cassidys bringen das Fass dann zum Ăberlaufen und der Sheriff nutzt gleich mehrere Kugeln zur Vergeltung, lĂ€sst ihn aber dann doch frei.
Ob wir Arseface wieder sehen ist weiter fraglich - besonders nach dem Episodenende. Jesse selbst ist jedoch nicht gewillt aufzugeben und will eine Lösung finden.
Countdown to God
Nachdem schon Jesses letzter Stunt rund um Odin viele Leute in die Kirche gebracht hat, sprengt das Versprechen, Gott persönlich zu prĂ€sentieren, die Anwesenheitsrekorde noch einmal. Alle sind da, selbst das MĂ€dchen im Koma, sĂ€mtliche Prostituierte, Odin und wohl die gesamte Stadt. Jesse braucht erst einmal eine Weile um das Engelstelefon zum Laufen zu bringen - ob mit oder ohne Engelshand; die Technik scheint nicht die Neuste zu sein, wie die witzigen ModemgerĂ€usche demonstrieren. Kurzzeitig ĂŒbernimmt Odin das Wort um fĂŒr seinen Gott des Fleisches zu werben, dabei stöĂt er aber auf so gut wie keinen Anklang, was vielleicht ein kleiner Seitenhieb der Macher auf Religion und Fanatismus an sich ist. Und dann erscheint jemand, der verdĂ€chtig nach einer Projektion Gottes aussieht...
I am the Alpha and the Omega

Gott ist also womöglich hier und viele Leute haben Fragen: Warum passieren guten Menschen schlimmen Dinge? Was ist mit den Dinosauriern passiert? Darf Clive (Alex Knight) sich Hoffnungen auf einen intakten Penis machen? Die Episode besticht vor allem in leiseren Momenten durch einige witzige Dialogzeilen, nicht nur hier, sondern etwa auch bei Szenen zwischen Tulip und Jesse oder Donnie und seiner Frau.
Im Angesicht des angeblichen Herrn wagt auch Odin sich hervor und fragt nach seiner Familie, die sich - laut dem Mann auf dem Thron - im Himmel befindet. Jesse merkt jedoch, dass er es nicht mit dem echten Gott zu tun hat, nachdem er ihm seine wichtigste Frage gestellt hat („What is your plan for me?“). Da sieht er Gott in der Nase bohren und nutzt Genesis, um die Wahrheit zu erfahren. Gott ist nicht da und niemand weiĂ, wo er ist. Der ganze Auftritt ist nur eine inszenierte Farce des Himmels.
Das enttĂ€uscht die Hoffnungen der Anwesenden ungemein. Odin verlangt wieder, dass Jesse Gott denunzieren soll, die Kirche wird auseinandergenommen, Kinder nehmen Rache am perversen Busfahrer, Odin bleibt dem Gott des Fleisches treu und erschafft sich ein Kind aus Fleisch, wĂ€hrend der von Quincanon betriebene Q.M. & P. Methane-Electro Rector, der schon in der letzten Episode alarmierende Werte produziert hat, fĂŒr eine Katastrophe sorgt, als sein Wachmann sich lieber BDSM-Treffen widmet als der Sicherheit der Stadt. So wird der Druck des Methans im Reaktor immer gröĂer und die Stadt wird in Mitleidenschaft gezogen. So sehr, dass alles - inklusive Kirche - zerstört wird. Im TV-Bericht heiĂt es spĂ€ter, dass keiner so etwas ĂŒberleben kann. TatsĂ€chlich sieht man nur den Cowboy und den Killerengel noch in Annville stehen. Der Rest scheint tatsĂ€chlich tot zu sein. Komplett. Als Zuschauer frage ich mich an dieser Stelle: Habe ich quasi zehn Folgen umsonst mit diesen Figuren verbracht, die ich jetzt nie wieder sehen werde?
Stadt der SĂŒnder

Ist es also egal, dass Emily ihren Kindern sagt, dass sie Gott nicht brauchen? Spielt es eine Rolle, dass die Mutter von Stacy ihre Tochter mit einem Kissen erstickt, wĂ€hrend der Sohn ein Selfie macht? Was ist das fĂŒr ein amerikanischer Ureinwohner, der da plötzlich Selbstmord begeht und vom Maskottchen Gesellschaft kriegt? Warum sollte einen das ĂŒberhaupt noch tangieren?
Es fĂŒhlt sich wie verschwendete Zeit an, aber auch so, als hĂ€tten die Serienmacher auf Nummer sicher gehen wollen, falls eben keine zweite Staffel bestellt worden wĂ€re. So hĂ€tte man einen halbwegs runden Abschluss liefern können und die Serie hĂ€tte als eine Art Prequel zur eigentlichen Geschichte, dem Roadtrip, der nun endlich begonnen wird, fungieren können.
So werden Jesse, Tulip und Cassidy nun ihre Reise antreten, um Gott zu suchen und zu finden und ihm entweder zu helfen oder in den Arsch zu treten. Nun kann die wahre Geschichte von Preacher beginnen und die Sparversion, mit der man es bisweilen in Staffel eins zu tun bekommen hat, hinter sich gelassen werden. Hoffentlich.
Fazit
Was bleibt fĂŒr ein Fazit nach der ersten Staffel? Der Soundtrack ist meistens ziemlich gut gewĂ€hlt und manche Einzelsequenzen (Cassidy im Flugzeug, Cassidy und die KettensĂ€ge versus DeBlanc und Fiore in der Kirche, Tulip und die Bazooka, Hotelfight) haben durchaus ĂŒberzeugt, konnten aber oft die gesamte Folge nur bedingt aufwerten. Von dem zentralen Trio hatte jeder Einzelne seine Momente, wobei wahrscheinlich Cassidy bislang der Showstealer ist.
Viel zu oft wurden Figuren eingefĂŒhrt oder angedeutet, die dann eben ein Teaser geblieben sind. Der Cowboy ist von diesen Charakteren noch derjenige, ĂŒber den wir am meisten wissen. Hier wurde quasi die Miniserie âSaint of Killerâ ausgekoppelt und bereits erzĂ€hlt, wĂ€hrend man den ersten Handlungsbogen (ca. die ersten sechs Hefte) lose adaptiert hat.

Zum Ărgernis haben sich an mancher Stelle die Aussparungen in den Actionsequenzen entwickelt, die anfangs charmant wirkten, spĂ€ter aber nervig wurden (Carlos im Finale), wĂ€hrend man manche Dinge (Cowboy) zu oft gezeigt und wiederholt hat.
Bis zum Staffelfinale stellte sich die Frage, wo die Handlung und die Figuren hinwollen. Nun haben wir ein neues Ziel vor Augen, das hoffentlich mehr Klarheit schaffen wird. Denn mehr Klarheit ist etwas, das die Serie in der zweiten Staffel dringend benötigt. Damit ist nicht gemeint, dass man Antworten auf einem Silbertablett geliefert bekommen muss, aber bitte so, dass man sich nicht zwischen einer Episode und der nÀchsten fragt, wie gewisse Entwicklungen zustande kommen (wie im Finale Donnie und Cassidy).
So verbuche ich die erste Staffel als Prolog oder Exposition fĂŒr die Serie, die uns das Trio und einige Widersacher nĂ€her bringen sollte, ehe der Trip so richtig in Gang kommt. Wenn wir bei den sechs Heften bleiben, dann haben wir weitere 60 plus diverse Miniserien, die man adaptieren kann. Dabei erwarten die Zuschauer wunderbar schrĂ€ge, eklige, tolle oder unglaubliche Charaktere (Herr Starr, Allfather D'Aronique, Jesus DeSade, Marie L'Angelle, um nur ein paar zu nennen), die die Grenzen des Kabelfernsehens und auch des guten Geschmack austesten könnten. Dabei kann das Tempo gerne auch etwas angezogen werden, beispielsweise mit zwei Comichandlungsbögen pro Staffel, damit man die Chance hat, die gesamte Comicserie ins Fernsehen zu bringen.
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 1. August 2016Preacher 1x10 Trailer
(Preacher 1x10)
Schauspieler in der Episode Preacher 1x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?