Preacher 1x03

Preacher hat ein Problem, das einige Comicadaption haben: Es dauert ein wenig, bis die eigene Identität und Stimme gefunden wird. Das kann man hier sowohl auf Protagonist Jesse (Dominic Cooper) als auch auf die Serie selbst beziehen.
Ein Problem ist jedoch, dass die AMC-Produktion in der ersten Staffel nur zehn Episoden hat, um einen Ton zu etablieren, der meiner Meinung nach im Piloten gut getroffen wurde, seitdem aber nicht wieder repliziert werden konnte. Die Gründe dafür sind gar nicht so einfach zu erfassen.
Immerhin werden in dieser Folge kaum neue Fraktionen eingeführt, die die Gemengelage noch verkomplizieren, sondern die Macher rund um Seth Rogen und Evan Goldberg bedienen sich größtenteils der Figuren, die schon auf dem Spielfeld stehen.
Die mysteriöse Danny aus der letzten Folge entpuppt sich als Frau mit dem Plan, die Tulip (Ruth Negga) mit dem Aufenthaltsort eines gewissen Carlos versorgt. Gleichzeitig reicht Danny einen Hinweis an einen merkwürdigen Fremden in einem Snuff-Kino (?!) weiter, der sicherlich auch irgendwann noch eine Rolle spielt. Sie können es also doch nicht lassen und weitere verschrobene Figuren zeigen, die vielleicht irgendwie mal irgendwann eine Rolle spielen. Da wir erst in Episode drei sind, glauben wir einfach mal, dass das alles irgendwann wieder sinnvoll verwoben wird.
Carlos jedenfalls ist jemand, der Jesse und Tulip nach einem großen Ding im Stich gelassen hat und mutmaßlich - so behauptet zumindest Tulip - dafür verantwortlich ist, dass alles schief gelaufen ist. Jesse kann sie, als sie den Namen Carlos nennt, auch zur Rachemission überzeugen. Zumindest bis der Preacher an der Tankstelle erneut auf Donnie (Derek Wilson) trifft. Seit dem Barfight der beiden ist nicht nur sein einer Arm unnütz, sondern auch er selbst als rechte Hand von Odin Quincannon (Jackie Earle Haley). Beim merkwürdigen Odin gibt seine Passion für Tiergeräusche und Fleisch schon erste Aufschlüsse über seine einzigartigen Vorlieben.
Zurück zu Donnie: Der will Rache, weil ihm nun der Ruf eines Angsthasen, der bange Laute von sich gibt, vorauseilt. Das möchte er mit der Rache an Jesse ändern. Doch der Geistliche mit der Power-Stimme hat trotz gezogener Waffe keine Angst und demonstriert an ihm seine Kräfte. Statt ihn jedoch über die Klinge springen zu lassen, stoppt er, bevor er ihn zum erzwungenen Selbstmord bringt.
Gleichzeitig sorgt das Erlebnis auch dafür, dass ihm die Lust auf Rache an Carlos vergeht. Denn das Versprechen an seinen Vater, dass er einer der Good Guys sein soll, ist ihm dann wohl doch mehr wert.
Tulips Vergangenheit

Tulip wird in der Folge kurzzeitig von einem Verkehrspolizisten angehalten. Dabei ist sie bereit bis aufs Äußerste zu gehen, entscheidet sich aber zuerst für die Mitleidsmasche, um nicht wegen zu schnellen Fahrens eingesperrt zu werden. Aufgrund des falschen Ausweises muss man sämtliche Aussagen hinterfragen. Den Ring, der signalisiert, dass sie für das Militär in Afghanistan gedient hat, könnte zwar ihrer sein, genauso gut könnte sie ihn aber auch jemandem gestohlen haben. Trotzdem könnte das erklären, warum sie so waffenkundig ist und kaum Skrupel vor Mord hat. Wir werden sehen, ob diese Geschichte vielleicht noch einmal durch Flashbacks vertieft wird. Der Polizist jedenfalls glaubt ihr und lässt sie mit einer Verwarnung davonkommen.
We're from the Government

Während sich Deblanc (Anatol Yusef) und Fiore (Tom Brooke) vor dem Gesetz als Regierungsangehörige ausgeben um so von der Polizei in Ruhe gelassen zu werden, ist Cassidy (Joseph Gilgun) nicht so leicht abzuwimmeln. Als er ihr Auto wieder in der Nähe der Kirche sieht, überfährt er sie und tötet sie wieder einmal. Doch bald gibt es des Rätsels Lösung: Es sind Vertreter der Regierung, aber nicht der Irdischen, sondern der Göttlichen und ihnen ist da etwas abhanden gekommen, was sie wieder an sich nehmen würden: die göttliche Stimme, die nun in Jesse einen neuen Wirt gefunden hat. Das Wiederbeschaffen klingt aber zunächst einfacher als gedacht, denn ob der Priester die Gabe einfach so wieder abgeben möchte ist fraglich. Cassidy bietet sich jedenfalls als Vermittler an und ist froh, dass die beiden keine Vampirkiller sind.
Herrlich ist übrigens die Vorbereitung der beiden, die ein riesiges Waffenarsenal im Schlepptau haben um so auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, nur um überraschend wieder aus dem Weg geräumt zu werden. Für diese kleinen Momente kann man die Serie nur lieben.
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Dannys Mord-Wunschliste gegenüber Tulip, die aber keine Lust hat, ihren Ehemann umzubringen.
Wunder gibt es immer wieder
Die komatöse Tracy hat derweil nach Jesses Befehl die Augen wieder geöffnet, kann allerdings sonst wenig eigenständig vollbringen. Auch hier haben sich die Autoren für ein bitterböses Detail entschieden, als das automatische Bett hochgefahren wird und die Kranke einfach vorn überfällt. Das würde sich wohl nicht jede Serie trauen.
Dass Tracys Geschichte noch wichtig wird, erkennt man nicht nur deswegen, weil Emily (Lucy Griffiths) die pflegende Mutter besucht, sondern auch, weil Eugene (Ian Colletti) mit seinem Vater über sie spricht. Allerdings ermahnt ihn sein Vater, die Familie in Ruhe zu lassen. Hängt Arseface etwa mit ihrem Schicksal zusammen? Hier kann man vielleicht ein wenig Comicwissen andeuten und nachfragen, ob und in wie weit Eugenes Schicksal aus der Vorlage übernommen oder doch modernisiert wird.
Beim von Jesse geheilten Pädophilen aus der letzten Episode handelt es sich, wie wir nun schmerzlich erfahren müssen, um den Schulbusfahrer. Yikes! Zwar erkennt er seinen „Schwarm“ wegen Jesses Befehl („Forget her!“) nicht wieder, dafür wissen andere Fahrgäste von seinen schmutzigen Fantasien. Sie fällt ihm sofort wieder ins Auge, glaubt jedoch, dass sie ein neuer Fahrgast ist. Das wird sicherlich auch noch ein Nachspiel haben.
The Voice

Unterhaltsam ist die Szene, in der Jesse Cassidy seine Kräfte am Vampir selbst demonstriert. Besonders schmunzeln musste ich bei seinem geheimen Laster: Er mag Justin Bieber. Langsam scheint es so, als habe er seine Gabe besser und vor allem gezielter unter Kontrolle. Cassidy ist außerdem als mystisches Wesen nicht immun. Stellt sich nun aber die Frage, ob es jemanden gibt, bei dem das nicht wirkt. Jesse fühlt sich durch die Kraft so, als wäre Gottes gesamte Schöpfung ihn ihm; nun sollte er aber nicht zu übermütig und selbstsicher werden.
Ein weiteres humoristisches Highlight ist das Follow-Up zum in der Serie verstorbenen Tom Cruise, was im Fernsehen mit „Losing Cruise: Emotion Impossible“ begleitet wird. Den Witz muss man eben bis zuletzt ausmelken.
Jesus is Coming - Run!
Gespannt sein kann man außerdem darauf, ob das Schild bei der Kirche weiterhin Woche für Woche mit einem neuen Witz, analog zum Tafelgag bei The Simpsons befüllt wird. Ich hätte jedenfalls nichts dagegen.
Dass Jesse einer der Guten ist, beweist er, als er Teddy posthum noch eine Trauerfeier widmet, die jedoch außer ihm und Emily keine Gäste hat. Das soll ihn jedoch nicht stören, die Messe durchzuziehen.
Wo ist der Road Trip?
Wie lange wird der Road Trip noch aufgeschoben? Wird dieser gar erst nach der ersten Staffel kommen? Tulip hatte ihn diesmal durch das Lockmittel Carlos fast schon soweit. Doch durch Donnie wurde Jesse ein Spiegel vorgehalten, der ihm gezeigt hat, dass Rache nicht unbedingt Befriedigung oder Genugtuung verschafft. Die nächste Gelegenheit dürfte sich spätestens ergeben, wenn Cassidy Vermittler spielt und die Engel ihr Anliegen vortragen, denn die vorherigen Episoden haben schon genug Figuren eingeführt, die schon bald für Probleme sorgen könnten.
Fazit
Einige Probleme, die schon die zweite Episode von Preacher hatte, sind weiterhin vorhanden. Die dritte Episode hebt sich in meinen Augen jedoch durch starke rabenschwarze Humorausrufezeichen deutlich ab und auch dadurch, dass wir handlungstechnisch einige Fortschritte machen. Erste Rätsel werden aufgeklärt, wobei noch längst nicht alle Fragen beantwortet sind.
Persönlich fehlt mir aber nach wie vor etwas der Zunder, der Pfiff und das gewisse Etwas, was in der Pilotepisode vorhanden war, aber seitdem noch nicht wieder eingefangen werden konnte. Ich würde die Serie liebend gerne noch viel mehr feiern und lieben, aber das ist mir im Moment (noch) nicht möglich.
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 13. Juni 2016(Preacher 1x03)
Schauspieler in der Episode Preacher 1x03
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