Preacher 1x02

Preacher 1x02

Auch in der zweiten Episode von Preacher mit dem Titel See bleibt die Serie teilweise ein Buch mit sieben Siegeln. Manche Figuren geben einem nämlich große Rätsel auf... Tabubrüche stehen aber weiterhin ganz oben auf dem Programm.

Szenenbild aus der „Preacher“-Episode „See“ / (c) AMC
Szenenbild aus der „Preacher“-Episode „See“ / (c) AMC

Die neue US-Serie Preacher behandelt Themen wie Glaube und Irrglaube auf eine ganz eigene Art. Die Grenzen zwischen dem Gesetz Gottes und den Gläubigern werden hier auf ihre Belastungsgrenzen getestet. Diejenigen, die sich daneben benehmen, weil sie glauben, dass Religion sie vor Strafe schützt, müssen sich in der Glaubensgemeinde von Jesse Cluster (Dominic Cooper) künftig warm anziehen.

Ich habe mir vorgenommen, diese begleitenden Reviews zur Serie so wenig wie möglich wie ein Comickenner anzugehen. Wenn eine große Parallele auffällt, werde ich Comicwissen andeuten, aber keine großen Entwicklungen vorwegnehmen. Ich bin ohnehin viel mehr daran interessiert, wie die Serienmacher die Vorlage aufbereiten, so dass auch Neueinsteiger verstehen, was vor sich geht. Denn das ist in meinen Augen die wahre Kunst bei einem solchen Serienprojekt.

Hier kann man an der zweiten Folge vielleicht schon etwas mehr kritisieren: Das Tempo, mit dem Hintergrundinformationen übermittelt werden, hält sich noch in Grenzen, außer vielleicht bei Cassidy (Joseph Gilgun), der einige seiner Vorlieben fröhlich drauflos verrät. Beispielsweise findet er „The Big Lebowski“ überbewertet. Für Comicfans gibt es zumindest bei Jesse noch eine weitere Andeutung, auf die Comickenner und Neuzuschauer sich freuen können: Es war nicht sein Vater, der ihn zum Glauben gebracht hat, sondern eine andere Person. Dieser Teil der Figurenhintergrundgeschichte hat es wirklich in sich. Mal schauen, ob wir noch in Staffel eins noch dazu kommen werden.

Towne of Ratwater

Die Serienmacher, so auch Comicautor Ennis in seiner Vorlage, lieben es, Figuren einzuführen, die sich merkwürdig und mysteriös verhalten, und die Leser beziehungweise Zuschauer vorerst im Dunkeln tappen lassen. So ist es bei unserem Cold Open der Episode, das im Jahr 1881 spielt und sicherlich bald aufgegriffen wird, denn bis dato fehlt für die Handlung ohnehin noch eine zentrale Figur.

Auch bei unseren beiden komischen Zeitgenossen, die die Ereignisse rund um die unsichtbare Macht verfolgen, welche Jesse heimgesucht hat, ist das ähnlich. Immer wieder sehen wir kleine Ausschnitte und Vignetten mit ihnen, sind danach aber wenig schlauer.

Fest steht: In beiden Fällen geizen die Macher nicht mit der Kraft von starken und schockierenden, gar blutigen Bildern. Die aufgehängten amerikanischen Ureinwohner und der wortkarge Zuhörer aus dem Intro, der an ihnen vorbeireitet, machen mich jedenfalls neugierig. Im letzteren Fall, da seine wenigen Worte im direkten Kontrast zu den Bildern stehen.

Die beiden Herren, die in der Gegenwart Bekanntschaft mit einem schlafenden Jesse in der Kirche machen, dabei eine merkwürdige Aparatur hervorzaubern und ein Lied anstimmen, ehe sie von Cassidy und einer Kettensäge zumindest scheinbar in die Schranken gewiesen werden, geben noch größere Rätsel für den Zuschauer auf. Besonders, da sie am Episodenende wieder quicklebendig auftauchen, um beim Sheriff vorstellig zu werden.

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Der blutige Kampf in der Kirche hat etwas von „Kingsman: The Secret Service“ und Ash vs. Evil Dead, denn er ist brutal, verfügt gleichzeitig aber auch über einen rabenschwarzen Humor, der zum Markenzeichen der Serie werden könnte. Hier beweist Cassidy nämlich schon seinen unschätzbaren Wert für Jesse, auch wenn Emily (Lucy Griffiths), die von dem ganzen Chaos kaum etwas mitkriegt, weil der Vampir es schnellstmöglich beseitigt, das anders sieht.

Was man vielleicht einmal etwas deutlicher definieren sollte, sind Cassidys Vampirkräfte. Ist es nur direktes Sonnenlicht, das ihm schadet? Denn sonst kann er sich ja relativ frei bewegen. Heilt Blut all seine Wunden in Windeseile? Wir werden sehen. So lange man sich an gewisse etablierte Regeln hält, dürfte das kein Problem sein.

Die Szene rund um Jackie Earle Haley aka Odin Quincannon und seine Männer gehört ebenfalls in die Kategorie: Was soll das jetzt? Die Serienmacher dürfen rätselhafte Protagonisten nicht zu inflationär einführen, sonst droht man, den Überblick oder im schlimmsten Fall das Interesse zu verlieren.

Massentaufe und Absolution

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Das Spiel mit der Religion wird weiterhin fortgeführt, was man auch an lächerlich wirkenden Massentaufen sieht, die Gläubigen die Instanterlösung und Reinwaschung aller Sünden verspricht. Nur: Was ist, wenn Jesse kurz danach die Beichte von einem Pädophilen abnehmen muss, der sein Gewissen beruhigen, einmal kurz beten und dann weitermachen darf? Genau das ist ein zentraler Konflikt, den die Figur hier mit sich trägt. Ähnlich wie die Frauenschlägerproblematik aus dem Serienpiloten kann Jesse nicht umhin, die Sache auf sich beruhen zu lassen, auch wenn er zwischendrin durch einige Stolpersteine (der Angriff in der Kirche oder die Entführung durch Tulip (Ruth Negga) aufgehalten wird.

Die Art und Weise der Beichte ist hier aber ohnehin recht offen, denn es müsste bloß ein weiteres Kirchenmitglied „reinplatzen“ und schon würde es die innersten und schmutzigsten Sünden mithören.

Dass die Absolution nicht klappt, macht auch Arseface aka Eugene (Ian Colletti) bei seinem kurzen Besuch beim von Tulip angeketteten Jesse deutlich. Der junge Mann tendiert weiterhin zum Sündigen, wobei hier offen ist, was genau er tut, weil man sich das natürlich als Offenbarung für einen späteren Zeitpunkt aufsparen möchte. Doch es lässt Jesse an seinem Glauben und an der Botschaft zweifeln, die er propagiert, denn manche Leute - so scheint es - ändern sich nie.

Zweifeln lässt Jesse zudem der Besuch beim komatösen Mädchen und ihrer Mutter, was natürlich besonders ärgerlich ist, weil er am Ende der Pilotfolge gesehen hat, wozu er durch seine besondere Gabe fähig ist. Diese lässt sich aber nicht einfach wie ein Wasserhahn aufdrehen - zumindest noch nicht -, sondern braucht gewisse Rahmenbedingungen, die Jesse erst noch erkunden muss. Diese testet Jesse alsbald an seinem schwarzen pädophilen Schaf aus, das er seine sündigen Erinnerungen und Neigungen kurzerhand vergessen lässt. Zuvor aber muss dieser Mann noch eingeschüchtert und reumütig gezeigt werden und eine Art Feuertaufe mit heißem Badewasser bestehen. Doch, siehe da: Die Stimme Gottes funktioniert und zumindest eine schlimme Tat konnte verhindert werden.

Beflügelt davon besucht Jesse seine junge komatöse Patientin erneut und hofft, dass er sein Versprechen der Mutter gegenüber einlösen und sie aufwecken kann. Ob das klappt, sehen wir dann im nächsten Kapitel.

Toadville Whorehouse

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Von unserem eigentlichen Heldentrio losgelöst verläuft momentan noch Tulips Geschichte, was allerdings auch nicht schlecht ist. Viel zu oft sind Frauenfiguren nur Beiwerk einer männlichen Heldenfigur, da ist es gut, sie auch auf eigene Abenteuer zu schicken. Tulip zieht die Männer im Bordell beim Pokern ab und bereitet derweil ihr nächstes großes Ding vor, für das sie auch Jesse einspannen will. Ein gewisser Danny hat dabei einige Hintergrundinformationen, doch der Priester bleibt stur - trotz mehrfacher Überzeugungsversuche. Wie lange kann er sich dem Charme der Exliebschaft erwehren?

Jesus - Free with store purchase

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Ich war gespannt, wie sich das „Pacing“ der zweiten Episode gestaltet, nun, da sie auf normale Kabelserienlauflänge reduziert wird. Mit knapp 47 Minuten sind die Folgen immer noch recht lang, quasi fünf Minuten länger als beispielsweise The Walking Dead. Eine kleine Straffung könnte dabei nicht schaden. Mit der Kettensägenszene in der Kirche und der „Feuertaufe“ gibt es zwar wieder zwei größere Actionszenen, aber dennoch fallen hier ein paar kleinere Längen auf.

Helfen würde es bereits, wenn der rote Faden vielleicht etwas gespannter wäre, also, dass das Vorantreiben des Plots einer gewissen Logik folgt, die bisher manchmal noch nicht ganz ersichtlich ist. Es gibt mindestens eine Handvoll schwebender Geschichtsteile, die eingeführt werden, aber höchstens angedeutet werden (Duo, Abriss des Hauses und Blaumänner, Cold Open, Arseface). Sofern diese nicht aus den Augen verloren und entsprechend aufgerollt beziehungsweise zusammengeführt werden, ist das okay. Ansonsten könnte die Gefahr der Figurenüberflutung bestehen.

Ob und inwiefern die erste Staffel dem Roadtripcharakter des Comics folgt, ist aktuell ebenfalls noch nicht ganz ersichtlich. Für die ersten zwei Folgen hat man sich einen „Sünder der Woche“ ausgesucht, was in Ordnung ist. Da die Vorlage aber stark seriell ausgelegt ist, ist anzunehmen, dass sich das noch ändern wird, nun, da Jesse das Wesen seiner Kräfte auslotet.

Fazit

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Dem überaus starken Piloten kann die Preacher-Episode See in meinen Augen nicht das Wasser reichen, doch es gibt weiterhin viele Gründe, der Comicadaption die Treue zu halten. Bilder und Soundtrack sind nach wie vor erhaben und die Stimmung der Serie einzigartig genug, dass sie eine gewisse Neo-Western-Lücke beim Rezensenten füllt.

Das Hauptdarstellertrio und auch die Nebenfiguren, die teilweise exzellent besetzt sind, verfügen über eine Menge Potential, das es teilweise noch herauszukitzeln gilt. Mit ein bisschen mehr Stringenz dürften die weiteren Episoden auch wieder mehr an Fahrt aufnehmen.

Verfasser: Adam Arndt am Montag, 6. Juni 2016
Episode
Staffel 1, Episode 2
(Preacher 1x02)
Deutscher Titel der Episode
Erkenne
Titel der Episode im Original
See
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 5. Juni 2016 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 6. Juni 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Montag, 6. Juni 2016
Regisseure
Evan Goldberg, Seth Rogen

Schauspieler in der Episode Preacher 1x02

Darsteller
Rolle
Lucy Griffiths
W. Earl Brown
Derek Wilson
Ian Colletti
Tom Brooke
Anatol Yusef

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