Preacher 1x01

Preacher 1x01

Hier ist sie also: die erste Episode der neuen AMC-Serie Preacher, die gefühlt seit dem Comicdebüt in den 1990ern in Entwicklung war. Jesse, Tulip und Cassidy starten das gemeinsame Abenteuer voller Blut, Gebete, Kugeln und schwarzem Humor.

Dominic Cooper als Jesse Custer in „Preacher“ / (c) AMC
Dominic Cooper als Jesse Custer in „Preacher“ / (c) AMC

Es hat eine ganze Weile gedauert, doch nun ist sie da, die erste Serienadaption eines Comics vom Autor Garth Ennis. Der Kabelsender AMC hat das Rennen gemacht und bringt nun Preacher ins Fernsehen. Sam Catlin, Evan Goldberg und Seth Rogen stecken hinter der tiefschwarzen Serienversion eines 90er Jahre Kultcomics, das nun die Grenzen des amerikanischen Kabelfernsehens austestet - zumindest, was christilich-religiöse Werte angeht. Denn, wie der Name schon sagt, spielen Religion und Glaube eine wichtige Rolle, was bereits mit der allerersten Szene deutlich gemacht wird.

Der Einstieg findet bei einer Glaubensgemeinschaft in Afrika statt, in der der Geistliche gerade eine Predigt voller Inbrunst hält und dann von einer unsichtbaren Kraft übernommen wird, nur um dann vor versammelter Gemeinde zu explodieren. Einzig die Worte „Be quiet“ und „I am the prophet“ fallen, bevor alle geschockt davonlaufen.

Open your hearts and souls for Jesus

Alsbald lernen wir Jesse Custer (Dominic Cooper) kennen, einen Geistlichen, der so gar nicht ins übliche aufgeräumte Bild des Berufstands passt. Er hat Tattoos, raucht und trinkt in rauen Mengen und kommt nur mühevoll aus dem Bett. Seine Glaubensgemeinschaft hört seiner Predigt auch kaum zu, sondern kommt eher aus Zwang in die Kirche, der All Saints Congregational, in der die kleinsten auch lieber am Tablet spielen.

Wir befinden uns inmitten einer kleinen texanischen Gemeinde, in der das Grillen und das Erschießen von Eichhörnchen zur Beschäftigung nach der Messe zählt. Und auch die Seelsorge fängt dort erst an, wenn etwa Teddy seine Beziehung zu seiner Mutter aufrollt oder ein kleiner junge Jesse bittet, sich seinen Vater zur Brust zu nehmen, weil der seine Mutter schlägt. Jesse könnte das tun, doch Gewalt erzeugt meistens Gegengewalt und darauf folgt selten Gutes. Darum muss er den Jungen vorerst vertrösten, behält seine Bitte aber im Hinterkopf.

Auch sonst läuft einiges Schief im Ort: das neue politisch korrekte Sportmaskottchen wird etwa öffentlich verhöhnt, während der Sheriff erst dann im Fall des Frauenschlägers einschreiten will, wenn es eine offizielle Beschwerde gibt und nicht, wenn es anonyme Hinweise von anderen Familienmitgliedern gibt. Ob es nun um eine politische Entscheidung geht oder Jesse sich vielleicht nicht in die Leben seiner Gemeindemitglieder einmischen sollte, ist nicht sofort klar. Denn wenig später erfahren wir von der vermeintlich Misshandelten, dass sie es sexuell anregend findet, wenn er handgreiflich wird.

Schon früh in der Episode überzeugt der Soundtrack der Serie. Zwar haben Quentin Tarantino oder Robert Rodriguez rein gar nichts mit der Serie zu tun, die musikalische Untermalung könnte aber auch aus deren Filmen stammen.

Über den Wolken

Szenenfoto aus der Pilotepisode der US-Serie %26bdquo;Preacher%26ldquo; © AMC
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Ein gewisser Cassidy (Joseph Gilgun) befindet sich derweil mehr als 9000 Meter über der Erde, wo wild gefeiert wird - das heißt: hemmungslos gesoffen, gekokst, gekifft und sonst noch was alles. Da drückt schon mal die Blase und sorgt dafür, dass man auf diesem Privatflieger aufs Klo muss, im Toilettenschränkchen findet Cassidy dann eine bekritzelte Bibel, die ihn Aufschluss über seine Begleitet liefert. „WTF?“ - denkt sich mancher Zuschauer, der die Comicvorlage nicht kennt.

Aber wir haben es offenbar mit wohlhabenden Vampirjägern zu tun, die den Blutsauger aus dem Verkehr ziehen wollen. Der anschließende Fight ist einfach herrlich witzig und bitterböse mit anzusehen und das Highlight dürfte der menschliche Blutspender sein, zu dem Cassidy einen Angreifer macht, ehe er sich selbst aus dem Flieger wirft. Weihwasser bringt bei ihm übrigens gar nichts. Spätestens hier wird klar, dass wir es mit einer besonderen Serie mit übernatürlichen Elementen zu tun haben, die gerne mal über jegliche Stränge schlägt. Wer hier noch nicht mehrfach laut gelacht hat, der wird sich wohl auch nicht mehr mit der Serie anfreunden. Halt! Vielleicht doch, denn bald kommt Tulip, die eine der besten Einführungen überhaupt erhält.

Forgive me father, for I have sinned

Szenenfoto aus der Pilotepisode der US-Serie %26bdquo;Preacher%26ldquo; © AMC
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Jesse muss sich nicht nur mit dem dauerpräsenten Teddy herumschlagen, der mit seinem Mutterkomplex wie eine Mischung aus Seymour Skinner und Ned Flanders aus The Simpsons wirkt und ständig einen Rat sucht, weil er allein nicht klarkommt. Custer wird in der Kirche von Emily (Lucy Griffiths), einer alleinerziehenden, mehrfachen Mutter unterstützt, die die Finanzen im Blick hat, aber auch noch einen Zuverdienst im Diner braucht, weil es nur mäßig läuft, während Miles (Ricky Mabe), der Bürgermeister, sie anbaggert. Insgeheim scheint sie aber Jesse schöne Augen zu machen, nur merkt dieser davon so gar nichts.

Apropos nichts merken: Als Jesse bei einem Walter vorbeischaut, sieht er, dass eine alte Bekannte wieder da ist und nimmt die Flucht auf. Die Zuschauer erfahren in einem Flashback ein wenig mehr zur schönen Unbekannten.

Tulip

Szenenfoto aus der Pilotepisode der US-Serie %26bdquo;Preacher%26ldquo; © AMC
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Ich kann mich nicht an ein schöneres Charakterintro erinnern, als das, was Tulip (Ruth Negga) im Preacher-Piloten erhält. Sie ist ein einem fahrendem Auto in einen Kampf mit mehreren Gegnern verwickelt, fährt querfeldein durch das Feld und hat dabei durch schmutzige Mittel (Mike-Tyson-Ohrenbeißer) die Oberhand. Danach erstickt sie ihren Angreifer mit einem Maiskolben und wird von zwei Kindern beobachtet, die alles ziemlich „awesome“ finden. Wer auch nicht? Natürlich hat das Ganze einen gewissen Trash- und Grindhouse-Faktor, aber genauso stellt man sich eine Preacher-Adaption auch vor.

Weiter geht es dann damit, dass Tulip mit den beiden frechen Kindern, viel selbst gebranntem Fusel und Konservendosen eine Bazooka baut, mit der sie dann einen Helikopter vom Himmel holt, während die beiden wie bei einem Tornado im Schutzkeller bleiben, bis sie keine lauten Geräusche mehr hören. Irre! Klar könnte man beklagen, dass man die direkte Action sehen will, aber so ist es meiner Meinung nach noch witziger. Als man dann die Piloten mit Metallresten im Gesicht sieht, transportiert das sehr schnell die Botschaft: „Don't mess with that woman - or else...!

Don't have a cow, man

Und Cassidy geht es nach seinem Sprung aus dem Flugzeug ebenfalls nicht gerade blendend. Seine Gedärme sonnen sich etwas und eine sich nähernde Kuh ist genau der richtige Snack, um sich wieder zu erholen. Währenddessen tritt auch in Russland ein weiterer Fall des explodierten Priesters auf und auch dort, wie schon in Afrika, laufen zwei Merkwürdige herum, die sich den Fall genauer anschauen. Comicleser dürften wahrscheinlich schon eine Idee haben, um wen es sich handelt, doch erst das Ende der Episode zeigt, dass das keine normale Ermittler sein dürften. Auch hier wird das eigentliche Event ausgespart, da wir aber schon die Einleitung hatten, reicht es völlig, die schockierten Worte des Augenzeugen zu hören.

Verführung

Dass Jesse an seinem Glauben zweifelt, dürfte jedem Zuschauer schnell klar sein, das wird auch aus seinem Gespräch mit Tulip deutlich, die ihn für eine große Nummer rekrutieren will. Fest steht, dass er sie vorerst an der Backe hat und fest steht auch, dass die beiden eine gemeinsame Vergangenheit hatten, die sich nicht so einfach vergessen oder abschütteln lässt. Denn: Wer kann schon behaupten, dass er eine Freundin hat, bei der man ein abgetrenntes Ohr im Wagen finden kann?

Arseface

Szenenfoto aus der Pilotepisode der US-Serie %26bdquo;Preacher%26ldquo; © AMC
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Jesse macht als Priester auch Hausbesuche und einer davon zieht ihn zum jungen Eugene (Ian Colletti) - der ist der Sohn des Sherriffs und seiner katatonischen Frau. Wegen seiner Krankheit, die sich auf sein Aussehen überträgt, kann der Junge nur Shakes oder Smoothies zu sich nehmen. Zuletzt hat er sich Gedanken gemacht, ob Gott ihm seine Sünden verzeiht, doch Custer meint, dass Gott nicht nachtragend ist und, wenn man Sühne zeigt, alles vergibt. Man kann gespannt sein, was der junge Mann verbrochen hat, das ihn so beschäftigt.

Tom Cruise explodes

Eine weitere witzige und fast beiläufige Szene zeigt uns, dass Tom Cruise ebenfalls eines der Opfer der mysteriösen unsichtbaren Kraft ist - alles, während Jesse und Cassidy sich in einer Bar kennenlernen. Später kommt der Frauenprügler rein, der Jesse eine Lektion erteilen will und zu einer Gruppe von Bürgerkriegs-Cosplayern (aka Civil War Reenactors) gehört. Er will sich vom Pfaffen nicht sagen lassen, wie er seine Frau zu behandeln hat und langt zu, als er aber seinem Sohn auch Prügel androht, zeigt Jesse, das mit ihm nicht zu spaßen ist. Denn plötzlich kassiert die ganze Gruppe ordentlich Prügel. Beim Haupttäter geht er sogar so weit, dass er ihm schmerzhaft und optisch auch sehr explizit den Arm bricht.

Dafür landet er auch im Knast, wird dort jedoch von Emily rausgeholt, der er erzählt, dass er sein Amt bald niederlegen möchte. Die rät ihm nach außen hin genau dazu, ist innerlich aber zerrissen, weil sie nach dem Tod ihres Mannes, der schon drei Jahre her ist, am liebsten Mrs. Custer wäre. Am nervigen iPad der streitenden Kinder nimmt sie aus diesem Grund Rache, um ihrer Wut freien Lauf zu lassen und die Bälger zum Teilen zu animieren, wenn auch etwas drastisch.

Gespräch mit Gott

Jesse will Gott noch einmal eine Chance geben und verzieht sich in seine Kirche, um auf ein Zeichen und eine Antwort zu warten. Doch es kommt nichts. Bis er zum nächsten Kandidaten der unsichtbaren Macht wird und nicht direkt wenige Minuten später explodiert. Womöglich muss es ein Mann ohne Glaube sein, der hiervon ergriffen wird oder aber Jesse hatte einfach nur Glück. Nach drei Tagen im Koma erwacht er rechtzeitig zur nächsten Messe, die er eigentlich zur Amtsniederlegung nutzen wollte. Stattdessen hat er ein neues Ziel und will seinen Schäfchen dabei helfen, ihr Leben in den Griff zu kriegen.

Den Anfang macht Teddy, der mutig sein soll, die Wahrheit erzählen und sein Herz seiner Mutter gegenüber öffnen soll. Die Worte Jesses haben plötzlich viel mehr Macht als noch zuvor und Teddy folgt den Anweisungen wortwörtlich. Das muss man sich so vorstellen, wie die Suggestionen und Anweisungen, die Kilgrave in Jessica Jones von sich gibt. Denn am Ende schneidet er sich sein Herz aus der Brust und liefert es seiner aufdringlichen Mutter.

Szenenfoto aus der Pilotepisode der US-Serie %26bdquo;Preacher%26ldquo; © AMC
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Jesse will einen Neustart mit der Gemeinde wagen. Dafür sind auch Tulip, Cassidy und der junge Eugene zur Messe gekommen sowie eine junge Dame, die eine E-Gitarren-Version von „Amazing Grace“ zum Besten (oder Schlechtesten) gibt. Jesses Worte dürften nun jedenfalls einen ganz anderen Nachhall haben. Den Grund werden wir sicherlich noch erfahren, weswegen wir ihn hier noch aussparen.

Fazit

Szenenfoto aus der Pilotepisode der US-Serie %26bdquo;Preacher%26ldquo; © AMC
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Der Pilot von Preacher ist einer der besten Serienpiloten, den ich seit langem gesehen habe. Er nimmt Inspiration vom Comic, ohne es eins zu eins zu übersetzen, wobei manche Elemente wie Eugene aka Arseface oder Cassidy schon jetzt sehr gut getroffen und nah an der Vorlage sind. Mit Tulip schaffen die Autoren eine Instantikone der Seriengeschichte, deren Einführung extrem gut gelungen ist. Aber auch Cassidys erster Auftritt ist überraschend und im positiven Sinne mächtig over the top. Für wenige Minuten habe ich daran gezweifelt, ob Dominic Cooper die richtige Stimme für Jesse Custer hat, doch spätestens der Barfight hat mich überzeugt.

Die Adaption bringt die nötige Mischung aus Gewalt, Action, rabenschwarzem Humor und political incorectness mit, für die sich die Comicvorlage ausgezeichnet hat, ist dabei aber eigenständig genug, um es nicht langweilig werden zu lassen.

Man könnte die Serie vielleicht für Leute, die solche Vergleiche brauchen, als eine Mischung aus Breaking Bad, Tarantino-Werk in den Südstaaten und „From Dusk Till Dawn“ beschreiben. Wobei man sagen muss, dass Preacher als Comicgeschichte parallel oder sogar vor den meisten genannten schon entstanden ist. Ennis als Autor ist eben eine Marke für sich und man kann gespannt sein, wie einige der kontroversen Szenen der Serie ins Fernsehen gebracht werden. Wobei die Auftaktfolge schon deutlich macht, dass hier einige Grenzen überschritten und Tabus gebrochen werden.

Der Soundtrack ist ebenfalls spitzenmäßig und die teilweise leicht verschachtelte Erzählweise weiß zu gefallen. Die Hintergründe der Figuren dürften sukzessive offenbart werden, so wissen wir von Jesses Vergangenheit vor seiner Zeit als Priester bisher nur Bruchstücke durch kurze Flashbacks. Auch die Hintergrundgeschichte von Cassidy dürfte noch für Staunen sorgen. Ich freue mich jedenfalls auf die kommenden Wochen und vergebe gerne die Höchstwertung.

Trailer zur nächsten Episode, See (1x02), der US-Serie Preacher:

Serienjunkies.de wird „Preacher“ mit wöchentlichen Reviews betreuen.

Verfasser: Adam Arndt am Montag, 23. Mai 2016

Preacher 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Preacher 1x01)
Titel der Episode im Original
Pilot
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 22. Mai 2016 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 30. Mai 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Montag, 30. Mai 2016
Regisseure
Evan Goldberg, Seth Rogen

Schauspieler in der Episode Preacher 1x01

Darsteller
Rolle
Lucy Griffiths
W. Earl Brown
Tom Brooke
Anatol Yusef
Ian Colletti
Derek Wilson

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