Preacher 1x04

Sind die Zuschauer der US-Serie Preacher nach vier Episoden schlauer als am Anfang? Die Antwort fällt schwer und tendiert in Richtung Verneinung. Wir wissen, dass Jesse Custer (Dominic Cooper) eine mysteriöse Gabe hat, mit der er andere zu seinen Gefolgsleuten machen kann. Wir wissen, dass Cassidy (Joseph Gilgun) ein Vampir ist und sein Geheimnis vor den meisten Menschen verbergen kann und wir wissen, dass zwischen Tulip und dem Priester mal etwas gelaufen ist.
Dazu ist das Örtchen in Texas voller Bewohner, die einige Geheimnisse verbergen oder einfach nur skurril sind oder gleich beides.
Hetzjagd mit Folgen

Um sich die Zeit zu vertreiben, veranstalten die Bewohner - oder besser gesagt die Kunden - des örtlichen Puffs schon mal eine Paintballhetzjagd auf die Damen des horizontalen Gewerbes, die wirkt wie im Film „Beim Sterben ist jeder der Erste“ oder in vergleichbaren Horrorfilmen. Was zunächst wie ein tödliches Spiel aussieht, entpuppt sich also als adrenalingeschwängerte Variante von Räuber und Gendarm - mit tödlichen Folgen. Denn ein Erdloch verschluckt ein junges Mädchen überraschend und beerdigt sie in einer verheerenden Gülle.
Die anschließende Trauerfeier ist erwartet merkwürdig. Der äußerst einflußreiche Odin Quincannon (Jackie Earle Haley) spricht kurz und die Sache scheint vergessen. Wenn da nicht Tulip (Ruth Negga) wäre, die die Sache nicht auf sich beruhen lassen will. Im Freudenetablissement, in dem sie sich ein Zimmer mieten konnte, spricht sie den unnötigen Tod an und ist bereit, den Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, doch dann gibt es eine Gratisstunde und die aufgehitzte Stimmung kann entschärft werden. Zumindest, bis sie die Schnauze von Clive (Alex Knight) voll hat. Allerdings erwischt sie Cassidy (Joseph Gilgun), der nach seinen Treffen mit den beiden Himmelsabgesandten etwas Geld herausschlagen konnte, das eigentlich für die Vermittlung von Jesse dienen soll, er es aber lieber in ein Drogengelage investiert.
Tulip erschrickt darüber, dass sie nicht Clive erwischt und bringt das „unschuldige“ Opfer, so schnell es ihr möglich ist, ins Krankenhaus. Dort verhindert die Bürokratie aber eine schnelle Behandlung und Cassidy kommt schnell zu ein paar Blutkonserven, die ihn wieder auf Vordermann bringen. Nun weiß also auch Tulip, dass mit Cassidy etwas nicht stimmt. Nebenbei erhascht der Vampir noch einen Kuss von Jesses Ex - bahnt sich hier etwa ein neues „Power Couple“ an? Über Tulip erfahren wir in dieser Episode, dass ihre Mutter sich ihr Geld als Prostituierte verdient hat, weswegen ihre Beziehung zum Geistlichen Jesse noch eine Ecke brisanter ist als bisher schon.
Die Himmelsgesandten Deblanc (Anatol Yusef) und Fiore (Tom Brooke) bleiben mysteriös und merkwürdig für Nichtcomicleser, alle Comickenner dürften eine ungefähre Ahnung haben, wem sie kurzzeitig Bescheid sagen wollen und wer womöglich am anderen Ende der mysteriösen Apparatur ist. Die Serienmacher lassen sich für die Offenbarung weiterhin Zeit. Mal schauen, wie lange noch. Dass man sich nicht eins zu eins an den Comic hält, ist schon lange ein akzeptierter Fakt, dennoch frage ich mich, wie man die 75 Comicausgaben auf die Staffeln verteilen wird, denn nach vier Ausgaben im Comic ist gefühlt schon etwas mehr passiert, als es hier der Fall ist.
Projekt volle Kirche

Die Episode ist diesmal durchzogen von Flashbacks, die einen jungen Jesse als Messdiener für seinen Vater zeigen. Klein Jesse ist dabei für die Vorbereitung seiner recht beliebten Messe mitverantwortlich, verteilt Bücher, öffnet Hostien und schaut aufmerksam zu, wie sein Vater seine Glaubensgemeinschaft im Griff hat.
Dabei soll Jesse ein Vorbild für andere sein und wird durch Gürtelhiebe sanktioniert, wenn er sich daneben benimmt. Das sieht auch eine junge Tulip (?) mit an.
Bei seiner eigenen Gemeinde sieht das anders aus: Die Kirche könnte voller sein und die Klingelbeutel gefüllter. Doch Jesse hat schon eine Idee. Mithilfe einer Verlosung eines Flachbildschirms sollen die Leute gelockt werden, denn der schnöde Mammon zieht meistens.
Cassidy versucht derweil, Jesse vor seinen Verfolgern zu retten, die ihn per Kettensäge von seiner besonderen Gabe befreien wollen. Dabei wird auch ein Roadtrip (endlich!) angedeutet. Doch der Priester will zunächst weiter sein Glück versuchen.
Emily (Lucy Griffiths) unterstützt Jesses Pläne und engagiert einen Babysitter für die Kinder, um den Flachbildschirm zu kaufen. Ebenso sorgt sie sich um Jesses Gewalttendenzen. Dennoch scheint sie interessiert an dem versprochenen Wunder, das für wöchentlich volle Kirchenbänke dienen soll.
Bei Odins Bart

Ein weiterer Spieler der Folge ist Odin, der in seinem Büro Q*Bert spielt und im Ort mehr Macht hat als der Bürgermeister Miles (Ricky Mabe), der zumindest versucht, den Tod der jungen Frau mit Nachdruck aufzuklären. Außerdem bringt er die Green Acre Group ins Spiel, mit denen Odin doch Geschäfte machen könnte. Doch: Was er davon hält, zeigt er ihm durch die Geschichte über seinen Großvater und dadurch, dass er auf das Anschauungsmaterial uriniert - das ultimative Zeichen fehlenden Respekts. Der Bürgermeister sorgt sich um die Stadtkassen, deren Steuereinnahmen seit Jahren sinken und für den baldigen Bankrott sorgen könnten, doch das alles kümmert den Fleischmagnaten, der nicht verraten will, was sein Geheimnis ist, überhaupt nicht. Man kann sich sicher sein, dass dieses Geheimnis noch aufgedeckt wird. Der junge Jesse hat es in den Flashbacks womöglich bereits gesehen, doch die Zuschauer ohne Comicwissen warten noch.
Ebenso wie der Bürgermeister, der bei Emily auf die Kinder aufpasst und danach mit ihr einen Wein trinkt und eine geheime Affäre führt, die die Kinder fast schon entdeckt hätten...
Serve God
Jesses Plan, die Kirchenbänke zu füllen, hat auch mit Odin zu tun, mit dem er eine Bürgerkriegsmodellbauanlage dekoriert. Da Odin ein von vielen Bewohnern respektierter Anführer ist, würde es Wunder wirken, wenn man den Mann, den sein Vater damals als hoffnungslosen und nicht zu rettenden Fall deklariert hat, zum Kirchengänger machen könnte. Dabei entspinnt sich eine Grundsatzdiskussion über das, was die Gläubiger angeblich erwartet. Mit dem Versprechen, ihm das Land seines Vaters John in Annville zu vermachen - immerhin der größte ihm nicht gehörende Fleck Erde dort -, will Jesse den Geschäftsmann in seine Sonntagsmesse locken. Tatsächlich erscheint er und ist Teil von Jesses Predigt, die den Anwesenden ein schlechtes Gewissen einreden soll, ehe der große Twist kommt.
Odin ist aus freien Stücken, wenn auch mit einem kleinen Anreiz gekommen und lehnt ab, sich in den Dienste Gottes zu stellen - und das mehrfach. Bis Jesse ernst macht und ihn mit seiner Gabe zum Gehorsam verdonnert. Doch wir wissen aus den letzten Episoden, dass dabei oft ein Haken zu finden ist (das Rausschneiden des Herzens, der Busfahrer, der sein Opfer schon bald wieder im Visier hat). Was wird es bei Odin sein?
Fazit

Jesse wünscht sich eine volle Kirche. Doch: Was hat er davon? Erfüllt er so den Wunsch seines Vaters und kann ihm beweisen, dass er einer der wenigen good guys ist? Was passiert, wenn seine Kräfte versagen? Oder die Himmelsgesandten auf ihn stoßen und Cassidy ist nicht in der Nähe?
Die vierte Folge von Preacher ist vom Unterhaltungswert her in meinen Augen bisher leider die schwächste und die Handlung mäandert teilweise ein wenig hin und her, ohne konkrete narrative Anhaltspunkte zu bringen, an denen man sich orientieren kann. Hier eine skurrile Figur, dort eine spirituelle Aufgabe, da ein kleiner schwarzhumoriger Tabubruch (Tulip, Jesse und der Puff), aber das alles ist noch kein stimmiges großes Ganzes. Daran müssen die Autoren noch arbeiten.
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 20. Juni 2016(Preacher 1x04)
Schauspieler in der Episode Preacher 1x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?