Person of Interest 4x20

Das passiert in der Person of Interest-Folge Terra Incognita:
Ein Schuss, schweres Atmen, schleppende Schritte im Schnee.
Zwei Mitglieder der Brotherhood werden Opfer einer Schießerei. Der Täter ist einer von Elias' Leuten. Und das Team Machine fragt sich, ob mit der Maschine alles in Ordnung ist. Schließlich sollte der Computer sie vorwarnen, bevor solche Taten geschehen. Es sei denn natürlich, dass die Schießerei überhaupt nicht geplant, sondern das Ergebnis einer spontanen Auseinandersetzung gewesen ist. Genau das versuchen Finch (Michael Emerson), Root (Amy Acker) und Fusco (Kevin Chapman) herauszufinden.
Reese (Jim Caviezel) ist unterdessen allein damit beschäftigt, sich um die neueste Nummer zu kümmern: Chase Patterson (Zachary Booth). Der junge Mann aus reicher Familie ist vor Jahren der Hauptverdächtige in einem Mordfall gewesen. Bevor es jedoch zu einer Anklage gekommen ist, hat er das Land verlassen. Nun ist er wieder zurück. Und als Reese sich die Akten zu dem Fall aus dem Archiv kommen lässt, muss er feststellen, dass Carter (Taraji P. Henson) damals mit den Ermittlungen betraut gewesen ist. Genauestens folgt er den Schritten, die sie damals unternommen hat, um herauszufinden, was es mit Patterson auf sich hat. Und um sich ein letztes Mal der verstorbenen Kollegin und Freundin nahe zu fühlen...
Erster Eindruck
Zwei Mal habe ich Terra Incognita gesehen - und weiß immer noch nicht, was ich von der Folge halten soll. Die Ankündigung, dass Taraji P. Henson zurückkehren würde „66925“, hatte mich natürlich neugierig gemacht, auf welche Weise die Darstellerin eingebaut werden würde, nachdem ihre Figur in The Crossing gestorben war.
Etwa eine Viertelstunde nach Beginn der Folge habe ich die Wiedergabe kurz angehalten - und mit einer Mischung aus Enttäuschung und Fassungslosigkeit gedacht: „Was? DAFÜR haben sie Taraji P. Henson zurückgeholt? Eine lauwarme Rückblende zu einem Gespräch, das Carter und Reese vor Jahren während einer Observation geführt haben, und ein völlig uninteressanter Fall der Woche? Das kann doch nicht ihr Ernst sein!!“
The Sixth Sense
Es gibt vor dem großen Wendepunkt bereits mehrere Hinweise darauf, dass es mit dem Gespräch zwischen Carter und Reese eine besondere Bewandnis hat. Ich muss gestehen: Bei der Erstrezeption sind mir die ersten Hinweise durch die Lappen gegangen, beziehungsweise ich habe sie nicht richtig zuordnen können. Wie etwa den rein akustischen Auftakt (siehe oben) oder die Tatsache, dass mitten in das Observationsgespräch hinein eine Einstellung eingeschmuggelt wurde, die Carter bei dem späteren Gespräch im Schnee zeigt.
Stutzig geworden bin ich erst, als sie davon spricht, dass John das vielleicht seiner Polizeipsychologin erzählen kann, aber doch nicht ihr. „Moment mal, da stimmt doch was nicht! Carter kann von der Psychologin doch gar nichts wissen! Dieser Handlungsstrang kam doch erst sehr viel später. Nach ihrem Tod. Häh?“
Das muss man den Machern lassen: Der Twist, dass Carter eine Nahetod-Vision von John ist, wird extrem clever vorbereitet. Man denke nur an ihren Satz: „Ich bin von der Mordkommission. Wenn Leute mit mir Zeit verbringen, dann sind sie in der Regel schon tot...“ Terra Incognita macht so gesehen beim zweiten Anschauen mehr Spaß als beim ersten, weil man diese sorgfältige Vorbereitung im Grunde erst dann erkennen kann, wenn man die Auflösung kennt. Man könnte es den „The Sixth Sense“-Effekt nennen.
Introspektion
Terra Inkognita ist die bis dato vielleicht ungewöhnlichste Folge von Person of Interest. Noch nie zuvor hat eine Episode dermaßen viel Zeit mit der Introspektion einer Figur verbracht. Die fortlaufenden Handlungsstränge (Samaritan vs. die Maschine, Dominik vs. Elias) werden zwar aufgegriffen, sind aber nur ganz am Rande von Bedeutung. Der Fall der Woche ist schnell abgehandelt - und dient im Grunde nur als Anlass dafür, dass John an Carter erinnert wird.
Im Zentrum der Folge steht die psychoanalytische Auseinandersetzung mit der Figur John Reese. Warum gibt er immer den schweigsamen Einzelgänger? Warum lässt er niemanden an sich heran? Das hat, wie wir in dieser Folge erfahren, nicht nur damit zu tun, dass er die anderen vor etwaigem Schmerz bewahren will. Es geht vielmehr vor allem darum, dass er sich selbst zu schützen meint. Er glaubt, seinen Job nur dann gut machen zu können, wenn er sich von anderen emotional abkapselt. In Terra Incognita muss er sich jedoch der Einsicht stellen, dass ihn genau diese Haltung in größte Schwierigkeiten bringt.
John und Joss
Für die Figur von John ist es sicherlich die richtige Folge zur richtigen Zeit: Er hat sich bereits im Laufe der Staffel - durch die Therapiesitzungen - mit seinem Inneren beschäftigen müssen. Er ist dabei (so sehr es vielen Fans missfällt), sich auf eine neue Beziehung einzulassen. Da ist es durchaus verständlich, dass ihm diese Fragen - Kann eine Person sich verändern? Kann er es zulassen, dass jemand ihm nahe kommt? - im Kopf herumspuken. Carter ist die Person, der sich John immer sehr nahe gefühlt hat. Das wurde bereits zu Beginn der ersten Staffel deutlich, noch bevor Carter überhaupt zum Team Machine gehörte. Von daher ist sie - beziehungsweise die Vision von ihr - auch durchaus eine logische „Gesprächspartnerin“ für diesen inneren Dialog, den John mit sich führt.
Cookie
Das ist stimmig. Und keineswegs nur ein Stunt-Casting, welches man auf Grund der dank Empire enorm gewachsenen Popularität von Taraji P. Henson vermuten könnte. Die Rückkehr der Schauspielerin ist von CBS publicitytechnisch natürlich umfassend ausgeschlachtet worden. Person of Interest ist dadurch wieder mal in die Schlagzeilen gekommen. Darüber kann man sich kaum beschweren.
Einen langfristigen Effekt wird es indes kaum haben. Denn die (neuen) Fans von Taraji P. Henson, welche sie als Cookie Lyon kennen und lieben gelernt haben, werden dem ruhigen psychologischen Kammerspiel zwischen ihr und Jim Caviezel, bei dem es um (innere) Konflikte geht, die sich nur dem langjährigen Person of Interest-Fan erschließen, wohl kaum etwas abgewinnen können. Sollte es überhaupt in den US-Einschaltquoten einen Empire-Boost für Terra Incognita gegeben haben, dann dürfte dieser schnell wieder vorüber sein.

Emotional
Für die Fans hält Terra Incognita einige sehr bewegende Momente bereit. Angefangen bei dem Foto von John und Jessica (Susan Misner), welches Carter - vor langer, langer Zeit - in Many Happy Returns gefunden hatte, und welches John nun in ihren Sachen entdeckt. Offenbar hatte sie es ihm zukommen lassen wollen, nur dass es dazu nicht gekommen ist. Genau so wenig wie zu dem Gespräch, welches John mit ihr über Jessica geführt zu haben glaubt. Nur dass dies nie geschehen ist. Dafür hat sich John nie genug öffnen können. Und nun ist es zu spät.
Gespräche, die man gerne mit einem geliebten Menschen geführt hätte, bevor er gestorben ist, sind die bittersten. Weil die Gelegenheit dazu für immer verstrichen ist.
Fazit
Es ist schon schweres emotionales Gepäck, durch das sich Person of Interest hier hindurcharbeitet. Das ist einerseits sehr mutig. So wie es im Grunde immer begrüßenswert ist (und in der vierten Staffel vielleicht etwas zu selten vorkam), wenn eine Serie die ausgetretenen Pfade verlässt - und etwas Neues, Ungewöhnliches probiert. Andererseits geht Person of Interest hier wirklich bis an die äußerste Grenze dessen, was das Format überhaupt aushalten kann. Tiefsinniges Charakterdrama in Kammerspiel-Form ist ja schön und gut. Aber dafür schauen wohl nur die Allerwenigsten Person of Interest.
Vielleicht ist das der Grund dafür, warum meine Gefühle für Terra Incognita so zwiegespalten sind. Und ich die Folge nicht ganz so gut finde, wie ich denke, dass ich sie eigentlich gut finden müsste. Wenn das irgendeinen Sinn ergibt.
Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 15. April 2015(Person of Interest 4x20)
Schauspieler in der Episode Person of Interest 4x20
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?