Person of Interest 3x09

Person of Interest 3x09

Eine aufregende Zeit liegt in Deiner Zukunft. Dieser Glückskeks-Spruch trifft nicht nur auf Detective Fusco, sondern auch auf die Zuschauer dieser Folge von Person of Interest zu. 45 Minuten, die aufregender kaum sein könnten!

HR tut alles, um den Mann im Anzug zu schnappen. / (c) CBS
HR tut alles, um den Mann im Anzug zu schnappen. / (c) CBS

When your time is up, it's up.“ (Detective Joss Carter)

Das passiert in der Person of Interest-Folge The Crossing:

Reese (Jim Caviezel) und Carter (Taraji P. Henson) versuchen, Quinn (Clarke Peters) zum FBI zu bringen. Doch Simmons (Robert John Burke) macht ihnen die Aufgabe so schwer, wie er nur eben kann. Er lässt HR die U-Bahn-Verbindung nach Manhattan kappen und Straßenblockaden errichten. Außerdem verteilt er Johns Foto in der Unterwelt - inklusive des Versprechens auf ein saftiges Kopfgeld. Quinn und Carter will er lebend. Aber „der Mann im Anzug“ soll um jeden Preis sterben.

Kein Wunder also, dass Finch (Michael Emerson) schon bald eine neue Nummer erhält, beziehungsweise sogar eine ganze Reihe davon, die sich alle auf Tarnidentitäten einer Person beziehen: auf die von John. Er selbst ist auf einmal die Person of Interest. Finch schickt ihm Shaw (Sarah Shahi) und Fusco (Kevin Chapman) zur Hilfe. Tatsächlich gelingt es Fusco, John beim Durchbrechen einer Straßensperre zu helfen. Dadurch gerät er jedoch selbst in die Hände von HR...

Atemlose Spannung

Person of Interest hat gerade einen Lauf, wie man ihn nur selten in Serien beobachten kann. Schon in den vergangenen Wochen reihte sich eine großartige Folge an die andere. Mit The Crossing schafft es die Serie jedoch, dem noch einen drauf zu setzen. Derart gebannt, vor Spannung mitfiebernd hat der Rezensent schon lange nicht mehr vor dem Bildschirm gesessen. The Crossing - das ist Fernsehen, bei dem man nicht einmal mehr an den Nägeln kaut, bei dem man kaum noch zu atmen wagt. So sehr nimmt es einen gefangen.

Die Spannung entsteht dabei auf mehreren Ebenen: Zum einen natürlich durch die äußerliche Bedrohung. Reese und Carter müssen ihren Gefangenen in sicheres Gewahrsam bringen, während eine Übermacht aus korrupten Cops und Kriminellen auf sie Jagd macht und ihnen den Weg abzuschneiden versucht. Das ist eine Grundkonstellation, wie man sie aus dem Westernfilm kennt. Und sie wird kongenial auf den Großstadtdschungel des Big Apples übertragen.

Person of Interest

Reese ist schon oft in Gefahr gewesen. Diesmal ist er jedoch selbst das Ziel, selbst die Person of Interest. Das lässt die Gefahr noch einmal intensiver und größer erscheinen. Er und Carter - allein gegen das versammelte Böse New Yorks. Noch schlimmer sieht die Lage für Fusco aus: ein Gefanger von HR, auf völlig verlorenem Posten, gefesselt und gefoltert. Selten war die Bedrohung für Mitglieder des POI-Teams größer als in The Crossing.

Doch die Spannung resultiert noch aus mindestens einem weiteren Faktor. Und das ist das Drama, welches sich unter dem Druck der äußeren Gefahr in und mit den Figuren selbst abspielt. Die Entscheidungen, die sie zu treffen haben.

Die Kreuzung

Das Finale von The Crossing spielt sich buchstäblich an einer Straßenkreuzung ab. Zuvor gibt es jedoch schon zahlreiche metaphorische Kreuzungen, an denen die Figuren stehen und entscheiden müssen: Welchen Weg schlagen wir ein? Welcher Weg ist derjenige, mit dessen schrecklichen Konsequenzen wir noch am Besten leben können?

Finch steht vor einer solchen Entscheidung, als Root (Amy Acker) ihm ihre Hilfe anbietet. Sie könnte mit der Maschine sprechen. Sie könnte John helfen, aus der Bredouille zu kommen. Doch der Preis dafür wäre, dass Harold sie freilassen müsste. Und diesen Preis ist er nicht bereit zu zahlen. Er riskiert lieber das Leben von John und Joss und sogar sein eigenes als die Konsequenzen zu riskieren, die sich aus Roots Freiheit ergeben könnten.

In gewisser Weise könnte man argumentieren, dass er damit sogar eine (Mit-) Verantwortung am Ausgang der Folge trägt. Mal schauen, ob die Autoren das in der kommenden Zeit noch thematisieren werden. Einen Anfang haben sie ja gemacht, indem wir zum ersten Mal andeutungsweise erfahren, dass John nicht sein erster Helfer gewesen ist. Dass es andere vor ihm gegeben hat, die offenbar ein gewaltsames Ende gefunden haben. Das ist an und für sich schon eine sehr spannende Enthüllung, die auf das Verhältnis der beiden Hauptfiguren ein neues Licht wirft. Doch zurück zu den Kreuzungen.

Fusco

Finch steht noch an einer weiteren Weggabelung, als er entscheiden muss, ob Shaw lieber Reese oder Fusco helfen soll. Er entscheidet sich für Fusco, was in diesem Augenblick die absolut richtige Wahl ist: Reese hat Carter an seiner Seite - und weis außerdem im Zweifelsfall sehr gut, sich selbst zu helfen. Fusco dagegen ist völlig hilflos HR ausgeliefert. Das führt jedoch umgehend zur nächsten Kreuzung. Shaw muss sich entscheiden: hilft sie Fusco oder beschützt sie seinen Sohn? Sie kann schließlich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Jede Wahl, die sie trifft, bringt sehr wahrscheinlich eine gravierende Konsequenz mit sich: Hilft sie Fusco, bedeutet das den ziemlich sicheren Tod seines Sohns. Und umgekehrt. Sie trifft die Wahl, von der sie glaubt (gerade nach der Anfangsszene mit den beiden), dass es die Wahl ist, die Fusco gewollt hätte. Außerdem hatten wir ja schon in Razgovor gesehen, dass Shaw auf ihre eigene Art und Weise durchaus ein Herz für Kinder hat.

Trotzdem ist es natürlich ein ungeheueres Dilemma, in dem sie steckt. Ebenso Fusco, der sich weder durch die Folter noch durch die Gefahr für seinen Sohn brechen lässt. Er bewahrt das Geheimnis, das Carter ihm anvertraut hat. Koste es, was es wolle. Und das macht diese Folge aus. In bemerkenswerter Dichte werden den Figuren Entscheidungen abverlangt, die auf das Wohlergehen ihrer Teamkollegen, ja ihrer Familie fatale Auswirkungen haben können. Das ist es, was über die rein äußerliche Gefahr hinaus, The Crossing so atemberaubend spannend macht. Die Folge ist nich nur durch die äußerliche Action spannend, sondern durch die dramatischen Konflikte, in denen unsere Hauptfiguren stecken.

Beste Freunde oder sogar mehr? Reese und Carter © CBS
Beste Freunde oder sogar mehr? Reese und Carter © CBS

John und Joss

Und dann sind da natürlich noch Reese und Carter, deren Beziehung in The Crossing in den Mittelpunkt gerückt wird. Sie sind in der Pilotfolge von Person of Interest die beiden ersten Hauptfiguren gewesen, die aufeinander getroffen sind. The Crossing erinnert uns gleich mehrfach daran: Reese denkt zweimal an die U-Bahn-Schlägerei zurück, welche zu ihrem ersten Treffen geführt hat - und für sein Leben ein Wendepunkt gewesen ist. Später rezitieren beide - für die Überwachungskamera auf dem Polizeirevier - die Sätze, die sie schon bei ihrer ersten Begegnung gesprochen hatten.

Es ist ein gutes Mittel, um uns die Verbundenheit der beiden Figuren noch einmal vor Augen zu führen. Beide sind ehemalige Soldaten (der kleine Narbenvergleich unterstreicht das noch mal), welche nach dem Krieg eine neue Aufgabe gefunden haben. Beide teilen einen enormen Respekt vor den Fähigkeiten des anderen. Für Reese ist Carter immer etwas Besonderes gewesen. Erinnern wir uns zurück an die erste Staffel, als die Maschine ihre Nummer ausgespuckt hat, weil Elias hinter ihr her war (Get Carter), seine Entschlossenheit, sie um jeden Preis zu retten, obwohl sie zu dieser Zeit noch auf der Jagd nach ihm war. „Impressive lady, honest to her fault“, so beschreibt Reese sie. In einer späteren Folge attestiert er ihr: „Your moral compass is pointed in the right direction.

Finch ist sein exzentrischer Freund. Shaw ist seine Kollegin, mit der die gleiche Ausbildung, aber ansonsten nicht viel mehr teilt. Carter ist im Grunde die Person, der er sich am nächsten fühlt. Wegen ihrer Bodenständigkeit, ihres Arbeitsethos und ihrer Moral. Für sie wiederum ist er der geheimnisvolle „Mann im Anzug“, der immer für sie dagewesen und ihr beigestanden hat (ob sie wollte oder nicht...). Es ist unbestreitbar, dass zwischen den beiden ein festes Band der gegeseitigen Loyalität, Bewunderung und Freundschaft existiert, welches in The Crossing sogar noch ein klein bisschen weiter ausgedehnt wird.

Der Kuss

Der Kuss zwischen Reese und Carter ist ein spannender Moment - eine Wegkreuzung - ganz eigener Art. Er ist ganz schwer einzuordnen. Reese küsst sie im Augenblick größter Intimität zwischen den beiden, als sie miteinander die für sie schwierigsten Situationen teilen, in denen sie je gesteckt haben. In dem Kuss steckt eine tiefe Dankbarkeit für das, was Joss für ihn getan hat. Zugleich ist es das erste Mal, dass die Serie andeutet, dass die Beziehung der beiden über das Freundschaftliche hinausgehen könnte. Oder vielmehr: hätte hinausgehen können.

Die Tränen

Denn wir sehen zwei bemerkenswerte Gefühlsausbrüche von John in The Crossing. Der ist besteht in dem Kuss, welcher von ihr erwidert wird, aber ganz klar von ihm ausgeht. Der zweite sind die Tränen, die er über sie vergießt, als sie in seinen Armen stirbt.

Es war ziemlich klar, dass eine Hauptfigur in dem Event-Dreiteiler sterben würde. Bis zuletzt hat die Serie jedoch das Verwirrspiel sehr gekonnt aufrecht erhalten. Im Grunde bis zur letzten Sekunde: Als Simmons aus dem Dunkeln auftaucht und John von gleich zwei Kugeln zu Boden gestreckt wird, da dachte zumindest der Rezensent: „Okay, das war's. Jim Caviezel steigt also aus...“ Doch dann ist es Carter, die beim Schusswechsel mitten in die Brust getroffen wird. Während im Hintergrund das Telefon klingelt. Doch diesen Tod konnte auch die Maschine nicht verhindern...

Auf jeden Fall ist es ein würdiges Ende für Carter. Sie hat den Mann, der den Mord an Cal in Auftrag gegeben hat, samt der nötigen Beweise zur Zerschlagung von HR dem FBI in die Hände gegeben. Sie hat damit ihre Wiedereinsetzung als Detective erwirkt und ist sogar von sich aus hinter Finchs Geheimnis mit der Maschine gekommen. Und stirbt, als sie bei einem Überfall aus dem Hinterhalt John zu retten versucht. In einer Inszenierung - die Kreuzung, die Lichtsetzung, das Klingeln des Telefons -, die eigentlich sogar leinwandwürdig gewesen wäre.

Zu leicht gemacht

Ja, es gibt da und dort auch ein paar kleinere Kritikpunkte an The Crossing: So fragt man sich ja doch, wie es Finch gelingen kann, so problemlos in das Leichenschauhaus zu kommen. Hieß es nicht vorher, dass das Gebäude umstellt sei? Wie kann es dann sein, dass nur ein einzelner HR-Cop Reese am Ende noch verfolgt? Sah es vorher nicht so aus, als wären da ganze Heerscharen von HR-Mitgliedern am Start? Da hat man es - möglicherweise auch aus Zeitgründen - Finch und Reese ein bisschen zu leicht gemacht.

Fazit

Eine unglaublich packende und mitreißende Folge, welche die HR-Thrillerhandlung mit dich erzählten dramatischen Augenblicken für die Hauptfiguren verknüpft und auf ein herzzerreißendes Finale hinausläuft. Eine große Folge von Person of Interest, welche die Bühne für den Abschied einer großen Figur bereitet. Und uns mit der Aussicht auf den alles entscheidenden Schlusskampf zwischen Reese und Simmons entlässt. Reese hat Simmons' Boss, ja Freund Quinn hinter Gittern gebracht. Simmons hat Carter getötet. Für beide ist es spätestens jetzt eine persönliche Auseinandersetzung, die wohl nur ein Ende finden kann: mit dem Tod von einem der beiden Kontrahenten.

Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 20. November 2013

Person of Interest 3x09 Trailer

Episode
Staffel 3, Episode 9
(Person of Interest 3x09)
Deutscher Titel der Episode
Scheidewege
Titel der Episode im Original
The Crossing
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 19. November 2013 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 26. Mai 2014
Autor
Jason Carbone
Regisseur
Fred Toye

Schauspieler in der Episode Person of Interest 3x09

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?