Person of Interest 2x20

Das passiert in der Person of Interest-Folge In Extremis:
Dr. Nelson (Dennis Boutsikaris) ist als Chirurg ein anerkannter Herzspezialist. Auf ihn weist die Maschine mit der neuesten Nummer hin. Gerade als Reese (Jim Caviezel) bei einer Preisverleihung Dr. Nelson zu Ehren die Ermittlungen aufnimmt, in was der Arzt möglicherweise verstrickt sein könnte, da ist es auch schon zu spät. Nelson ist mit der radioaktiven Substanz Polonium vergiftet worden. Der Mord an dem Doktor lässt sich folglich nicht mehr rückgängig machen. Reese kann Nelson nur noch anbieten, herauszubekommen, wer dahinter steckt.
Fusco (Kevin Chapman) legt sich unterdessen bei Cals Beerdigung mit Simmons (Robert John Burke) an - und bekommt umgehend die Konsequenzen zu spüren. Azarello (Louis Vanaria) sagt auf einmal aus, dass Fusco zu der Crew schmutziger Cops dazugehört habe - und dass Fusco der Mörder von Stills (James Hanlon) sei. Interne Ermittlungen werden gegen Fusco eingeleitet, was nicht nur ihn, sondern auch Carter (Taraji P. Henson) in die unangenehme Lage versetzt, sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen...
D.O.A.
Das vergiftete Mordopfer, das selbst bei den Ermittlungen hilft und seine Angelegenheiten regelt, etwa mit seiner Tochter (Allison Scagliotti, Warehouse 13), ist vielleicht kein sonderlich neuer Plot. Man kennt die Geschichte spätestens seit „D.O.A. - Bei Ankunft Mord“. Auch ist er nicht gerade komplex gestrickt. Zwar führen die Autoren zu Beginn eine Reihe von Verdächtigen ein, welche ein Motiv für einen Mord an Nelson haben könnten. Letztlich muss den Machern jedoch schnell klar geworden sein, dass sie angesichts des mindestens gleichwertigen B-Plots überhaupt nicht die Zeit haben würden, den Fall-der-Woche minutiös durchzudeklinieren. Und so erweist sich gleich die erste Spur im Grunde als die richtige.
HR
Es ist nicht die ganz große Kunst, die Person of Interest mit dem Fall-der-Woche abliefert. Er erfüllt aber genau die Funktionen, die er soll: Erstens, er bietet ein neues Beispiel dafür, dass Finch und Reese zu spät kommen, was ein Hinweis auf eine Fehlfunktion der Maschine ist. Dazu gleich noch mehr. Und zweitens hält er vor allem Reese beschäftigt genug, damit Fusco und Carter ihren Handlungsstrang allein zu bewältigen haben.
Der Plot mit den beiden Cops ist natürlich das, was In Extremis in dieser Woche erst wirklich sehenswert macht: Fusco kriegt sich nicht mehr ein, als er Simmons bei Cals Beerdigung erspäht - und bringt HR damit gegen sich auf. Wie ihm wohl erst zumute gewesen wäre, wenn er geahnt hätte, dass der trauernde Onkel (Clarke Peters), der da die bewegende Grabrede hält, auch gleichzeitig der Auftraggeber für den Mord gewesen ist? Der Rezensent kann an dieser Stelle nur sagen, dass ihm fast ein bisschen übel geworden ist, so bitter stießen ihm die verlogenen Worte auf.
Aber eine sehr schöne Parallelmontage! Die Preisverleihung für den guten Doc auf der einen und die Grablegung Cals auf der anderen Seite; beide jeweils eingeleitet mit einem Platon-Zitat.
Platon und Aristoteles
Keine Ahnung, ob Platon sehr viel für Person of Interest übrig gehabt hätte. Er stand den mimetischen Künsten, einschließlich des Schauspiels, ja etwas skeptisch gegenüber. Sein Schüler Aristoteles hätte an In Extremis jedoch gewiss Gefallen gefunden: Er war ja überhaupt kein Freund von episodischen Erzählungen, in denen die einzelnen Handlungen nur so unverbunden nebeneinander stehen. Sprich Procedurals. Um so mehr wusste es der altgriechische Philosoph jedoch zu schätzen, wenn er eine ganze, in sich geschlossene Handlung geboten bekam, in der das eine mit Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit aus dem anderen folgt.
So, wie etwa Person of Interest in In Extremis einen losen Faden aus der Pilotfolge wieder aufgreift: Fusco hatte die Leiche von Stills verschwinden lassen, nachdem Reese den Dirty Cop erledigt hatte, was HR, nun da Fusco vergessen zu haben scheint, „wer seine Freunde sind“, gegen ihn zu verwenden sucht. Das ist ein schöner Schlenker in die Vergangenheit der Serie, welcher zugleich erlaubt, sogar noch weiter zurückzuschauen - und erstmals zu skizzieren, wie aus Fusco überhaupt ein schmutziger Cop werden konnte. Wie sich herausstellt, ist es etwas, wo er im Zuge der Scheidung von seiner Frau hineingerutscht ist. Stills war für ihn da, als er jemanden gebraucht hat, der ihm den Rücken stärkt. Und so forderte Stills schon sehr bald umgekehrt einen Freundschaftsdienst von Fusco ein.
Fusco und Carter
Es zeigt sehr schön, wie aus einem guten Cop ein böser werden konnte, was natürlich zugleich unsere moralische Bewertung seines Handelns prägt. Und um diese geht es auch im Hinblick auf Carter. Sie weiß ja im Grunde, dass er eine schmutzige Vergangenheit hat. Sie will nur keine Details wissen, weil sie dann das Gefühl hätte, als rechtschaffende Polizistin gegen Fusco einschreiten zu müssen, was sie aber nicht will, weil er ihr Partner ist. Und ein guter, wie er in den letzten zwei Jahren mehr als einmal bewiesen hat, noch dazu.
Carter will wissen, was los ist, und ergreift dazu sogar gegenüber Finch mal das Kommando. Statt ständig nur ihm Gefälligkeiten zu erweisen, fordert nun sie einen Gefallen ein. Das ist nicht zuletzt deshalb ein toller Moment, weil er zeigt, wie wichtig Fusco ihr im Grunde ist. Zugleich steckt sie mehr den je in dem Dilemma, dass sie keinen Polizisten decken will, der nach eigenem Eingeständnis Menschenleben auf dem Gewissen hat. Sie hofft, dass Reese das Fusco-aus-der-Klemme-holen übernimmt und sie damit wieder beide Augen fest zudrücken kann. Doch hier ist es Reese, der ihr nun in dem Telefonat gehörig den Kopf wäscht. Sie muss die Entscheidung treffen, ob sie an Fuscos Rehabilitierung glaubt und ihm eine zweite Chance einräumen will.
Dirty Cop
Es ist ein Handlungsfaden, den die Serie mit sich herumträgt, eigentlich schon seitdem Carter und Fusco Partner geworden sind. Der Moment ist gekommen, in dem sie Farbe bekennen muss. Und das tut sie. Um ihrem Partner die Entlarvung als ehemals schmutziger Cop zu ersparen, macht sie sich selbst schmutzig. Und das im übertragenen wie im buchstäblichen Sinne. Auch daran hätte Aristoteles - und nicht nur er - seine helle Freude gehabt: an dem Moment der Erkenntnis. Wir sehen Carter mit Baer und ihre schmutzigen Hosenbeine und wissen in dem Moment, dass sie es war, die die Leiche umgebettet hat.
Was diesen Moment so emotional macht, ist nicht nur die Tatsache, dass Carter über ihren Schatten gesprungen ist, sondern auch, dass sie damit zugleich den internen Ermittler widerlegt hat. Dieser hatte doch behauptet, dass niemand auch nur einen Dreck auf Fusco gibt. Und so geschlagen, wie Lionel dreinsah, glaubte er das in diesem Moment wohl selbst bereits. Doch dem ist nicht so: er hat sich geändert. Und es gibt Menschen, die das anerkennen und zu ihm stehen.
Signal Corrupted
Und genau in diesem Augenblick, wo uns eigentlich ganz warm ums Herz ist, schlägt uns Person of Interest diesen Cliffhanger um die Ohren: die Machine sieht auf einmal nicht mehr blau, sondern rot - und schaltet ab. Das Staffelfinale ist eingeläutet!
Fazit
Ein ganz starker Fusco-und-Carter-Plot lässt über den etwas mäßigen Fall-der-Woche hinwegsehen. Und der Cliffhanger lässt uns inständig wünschen: ach, wenn doch schon nächste Woche wäre!
Trailer zu Folge 2x21 „Zero Day“
Verfasser: Christian Junklewitz am Samstag, 27. April 2013(Person of Interest 2x20)
Schauspieler in der Episode Person of Interest 2x20
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?