Person of Interest 2x16

Das passiert in der Person of Interest-Folge Relevance:
In Berlin schaltet die Agentin Samantha Shaw (Sarah Shahi, Life) gemeinsam mit ihrem Kollegen Cole (Ebon Moss-Bachrach), der als technische Unterstützung im Hintergrund wirkt, eine islamistische Terrorzelle aus, die einen Anschlag mit einer „schmutzigen Bombe“ geplant hatte. Anschließend werden die beiden nach New York zurückgerufen, wo eine neue Nummer auf sie wartet.
Diesmal geht es um einen einheimischen Terroristen. Während die beiden darauf warten, dass er seine Wohnung verlässt, damit sie an seinen Computer herankommen, fragt Cole seine Partnerin, ob sie sich jemals gefragt habe, woher die Nummern kommen - und ob sie vielleicht falsch sein könnten. In einem Fall, der zwei Jahre zurückliegt, hat er Nachforschungen angestellt, welche zum Ergebnis hatten, dass ihr damaliges Opfer überhaupt keine Terrorverbindungen hatte. Das hätte Cole wohl besser nicht getan. Denn als die beiden in die Wohnung gehen, geraten sie in eine Falle. Cole wird getötet. Shaw kann entkommen. Auch dank der Hilfe eines mysteriösen Schützen (Jim Caviezel)...
Wer? Wie? Was?
Keine fünf Sterne? Ist der Junklewitz jetzt völlig aus dem Gleis gesprungen? So oder ähnlich könnte gleich einer der ersten Kommentare lauten. Und das noch nicht mal ganz zu Unrecht. Ich will versuchen, es zu erklären. Einerseits und andererseits. Einerseits ist das, was die Produzenten von Person of Interest in Relevance machen (das Buch hat Serienschöpfer Jonathan Nolan selbst gemeinsam mit Amanda Segel geschrieben; Regie führte ebenfalls Nolan), natürlich absolut großartig: Ein derart radikaler Perspektivwechsel weg von den Hauptfiguren ist für eine Fernsehserie, zumal auch noch eine Network-Produktion, extrem ungewöhnlich. Es bricht die Sehgewohnheiten auf und lässt uns damit die Serie plötzlich auf eine völlig neue Weise erleben. Das ist erfrischend, das ist gewagt, das ist aufregend.
Andererseits ist es aber auch nicht ganz unproblematisch. Die Bindung an Serien funktioniert - wissenschaftlich gesprochen - in einem hohen Maße über die parasozialen Beziehungen, die wir zu den konstant wiederkehrenden Protagonisten aufbauen. Mit ihnen leiden wir und mit ihnen fiebern wir mit. Ihnen gehören unsere Sympathien. Shaw hat diesen Bonus zunächst nicht. Sie muss - als wäre es die Pilotfolge einer völlig neuen Serie - die Sympathien des Publikums erst gewinnen, was gar nicht so leicht ist, wenn man plötzlich an Stelle der gewohnten Protagonisten agieren muss (und damit in gewisser Weise in ein emotionales Konkurrenzverhältnis zu ihnen gesetzt wird).
Wenn ich nur mal von meinem persönlichen Rezeptionserleben ausgehe, so war es schon ein gespaltenes Gefühl. Eben ein Einerseits und Andererseits. Einerseits war da die Aufregung und Begeisteung darüber, etwas Neues und Gewagtes zu sehen. Andererseits gab es aber dann doch auch dieses tief im Inneren nagende Gefühl der Enttäuschung, nicht mehr von John, Harold (Michael Emerson) und den anderen zu Gesicht zu bekommen. Daher rührt vor allem der leichte Punktabzug. Wer an dieser Stelle eine andere Gewichtung vornimmt, wird von mir keinen Widerspruch erhalten. Das kann ich sehr gut nachvollziehen.
Soldatin
Was dieses latente Gefühl der Enttäuschung vielleicht noch etwas begünstigt hat, ist der Umstand, dass Shaw bislang auch noch nicht wirklich die interessante Figur ist: Ja, okay, wir verstehen, sie ist total tough und sie fühlt nichts, wenn sie Leute abknallt. Und Cole war der einzige Mensch, zu dem sie so etwas wie eine Bindung hatte. Nun ist die Rache für einen ermordeten Kollegen als Figurenmotivation allerdings schon ein bisschen abgegriffen. Und die Tatsache, dass sie sich so vollkommen unhinterfragt hinter das Programm stellt und als gute kleine Soldatin zu erweisen versucht, macht sie auch nicht notwendigerweise sympathischer.
Shaw ist zwar angelegt als Parallelfigur zu John Reese. Sie ist diejenige, die sich um die Nummern auf der „relevanten Liste“ kümmert. Was sie und John unterscheidet, ist jedoch gerade das Maß an (blindem) Gehorsam. John folgt nicht einfach nur Befehlen. Von Anfang an hat er versucht, mehr über Harold zu erfahren, als dieser von sich selbst preisgeben wollte. Sowohl während seiner Zeit bei der CIA als auch in der Zusammenarbeit mit Harold war John stets kritisch genug, zu hinterfragen, ob das, was er tut, auch tatsächlich das Richtige ist. Das sehen wir bei Shaw bislang nicht.
„I'm a big fan“
Ihre beste Szene hat Shaw natürlich fraglos gemeinsam mit Root (Amy Acker), welche sich so absolut gar nicht vom Badass-Gehabe ihres Gegenübers beeindrucken lässt. Als Shaw im Angesicht der bevorstehenden Folterung meint, dass sie so etwas genießt, und Root daraufhin mit einem Lächeln anwortet „Ich bin so froh, dass Sie das sagen. Ich auch“, da habe bestimmt nicht nur ich laut auflachen müssen.
Root ist eben - derzeit noch im Gegensatz zu Shaw - eine wirklich genial konzipierte und gespielte Figur, deren fast kindliche Begeisterung und Fröhlichkeit in einem auffälligen Gegensatz zur tatsächlichen Aggression ihres Handelns steht. Das ist vom Prinzip her gar nicht mal so verschieden von Elias (Enrico Colantoni), dessen Sanftmut und Kultiviertheit leicht darüber hinwegtäuschen könnten, dass er ein brutaler Mafiaboss ist.
Der aufmerksame Zuschauer
Der Grund, warum sich dieses Review um einen Tag verschoben hat, ist übrigens der, dass ich in den vergangenen zwei Tagen eine Konferenz an der Goethe-Universität in Frankfurt zum Thema Quality TV besucht habe. Unter anderem hat dort Felix Brinker von der Leibniz-Universität Hannover über das Thema Verschwörung in Serien vorgetragen - und wie diese mystery-getriebenen Serien die Aufmerksamkeit des Zuschauers bei der Wahrnehmung selbst kleinster Details fordern und ihn zu Eigenaktivitäten wie dem (kollektiven) Erstellen von Wikis, etwa der Lostpedia, anregen.
In diesem Sinne kann sich Person of Interest quasi geadelt vorkommen. Denn auch zu ihr gibt es inzwischen ein Wiki, die Pedia of Interest, in der die Fans minutiös zusammentragen, was sie an auffälligen Merkmalen in den Episoden entdeckt und analysiert haben (vielen Dank an Christian 77 für den Hinweis). Das ist auch kein Wunder, gibt Person of Interest doch mittlerweile mehr als genug Material dafür her. Etwa die schon in den vergangenen Episoden beobachteten Störungen der Maschine, welche in Relevance so gravierend werden, dass sie sogar den Vorspann abreißen lassen.
Ein absoluter Gänsehautmoment! Der Vorspann ist das verlässliche, wiederkehrende Moment einer Serie. Ebenso wie wir uns - darin Shaw nicht ganz unähnlich - daran gewöhnt haben, dass die Maschine (oder wie Shaw glaubt: die Abteilung Research) immer zuverlässig arbeitet. Aber in Relevance wird diese Zuverlässigkeit nun in aller Deutlichkeit erschüttert. Selbst denjenigen, die nicht auf die blauen Inserts geachtet haben, dürfte nun klar sein: Etwas ist mit der Maschine nicht in Ordnung.
Keiner hat das Sagen
Und um noch mal auf den Vortrag zu den Verschwörungsserien zurückzukommen: Das Großartige an Person of Interest ist gerade - das ist mir nach der Konferenz klar geworden -, dass die Serie narrativ eben nicht nur von der einen großen Verschwörung angetrieben wird, sondern ein sehr heterogenes Kräftefeld aufmacht. Ja, es gibt die große Regierungsverschwörung. Aber Pennsylvania Two (Jay O. Sanders) ist nicht nur weit davon entfernt, die „Kontrolle“ zu sein. Er hat auch keine totale Kontrolle, ganz und gar nicht. Weil wir in einer Welt leben, in der es Hacker gibt (von denen Pennsylvania Two sogar eine im Vorzimmer sitzen hat). Und dann natürlich noch ganz unbekannte Akteure, wie etwa „Zeus“, die einem auf einmal von China aus in die Quere kommen.
Shaw: „Haben Sie das Sagen?“
Harold: „Nein, keiner hat das Sagen.“
Es ist eine sehr seltsame Welt, in der wir leben. Da hat Harold absolut Recht. Es ist eine Welt, von der kaum jemand wird behaupten können, dass irgendwo einer sitzt, der alle Fäden in der Hand hat. Nein, es sind viele Kräfte, die an den Fäden zerren. Mal zusammen, mal gegeneinander. Und eine der großen Stärken von Person of Interest ist es, genau diese Komplexität, in der wir die Welt erleben, in eine ungemein spannende Erzählung umzusetzen.
I don't speak German! Macht nichts, wir auch nicht...
Person of Interest gibt sich ja große Mühe. Trotzdem ist es halt doch recht schwer, Berlin in New York nachzustellen. Was die Anfangsszene für den deutschen Zuschauer so amüsant macht, sind dabei nicht mal nur allein die Fehler (die falsche Polizeiuniform, die fehlerhaft beschrifteten Autokennzeichen und so weiter), sondern auch, wie sich die Macher Deutschland vorstellen: das Land, in dem Nietzsche-Poster an den Litfaßsäulen (gibt es so was eigentlich noch irgendwo?) hängen. Und auch die Werbung scheint fast durchweg für Konzerte und andere Kulturveranstaltungen zu sein. Ach, ist das schön, dass noch jemand Deutschland als das Land der Dichter und Denker assoziiert!
Fazit
Dass John und Harold hier nur Randfiguren sind, schlägt ein bisschen auf die Stimmung. Ansonsten ist Relevance natürlich eine grandiose Folge, die eindrucksvoll demonstriert, auf welch hohem erzählerischen Niveau Person of Interest mittlerweile agiert.
Und jetzt heißt es erst mal wieder zwei Wochen warten...
Verfasser: Christian Junklewitz am Sonntag, 24. Februar 2013(Person of Interest 2x16)
Schauspieler in der Episode Person of Interest 2x16
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?