Person of Interest 2x12

Das passiert in der Person of Interest-Episode Prisoner's Dilemma:
Carter (Taraji P. Henson) beginnt mit dem Verhör der vier Gefangenen, darunter John (Jim Caviezel). Sie soll für Agent Donnelly (Brennan Brown) ermitteln, wer von den vier der „Mann im Anzug“ ist. Für Carter ist es ein Drahtseilakt: Sie muss versuchen, den Verdacht von John abzulenken, ohne dass es den Verdacht des höchst aufmerksamen FBI-Beamten erregt. Auch für John ist die Lage brenzlig: Denn beim Hofgang trifft er nicht nur auf Mafiapate Elias (Enrico Colantoni), von dem er befürchten muss, dass er Johns Tarnung auffliegen lässt. Auch Hersh (Boris McGiver), der Regierungskiller, der für die Verschwörer arbeitet, die das Geheimnis der Maschine bewahren, hat sich ins Gefängnis einschleusen lassen - und ist entschlossen, notfalls alle Verdächtigen umzubringen, um den „Mann im Anzug“ auch ganz sicher zu töten.
Fusco (Kevin Chapman) ist unterdessen ganz auf sich allein gestellt damit beschäftigt, die neueste Person of Interest vor der armenischen Mafia zu beschützen. Dabei handelt es sich um niemand Geringeres als das Supermodel Karolina Kurkova...
Eine Klasse für sich
Wahnsinn! Totaler Wahnsinn! Mehr fällt einem unmittelbar nach Prisoner's Dilemma kaum ein. Die Serie ist ja ohnehin schon ganz großartig. Aber manchmal ist sie sogar noch viel mehr als das. Man fühlt sich fast unwillkürlich an Flesh and Blood aus der vergangenen Staffel erinnert. Auch so eine Folge, die man für ein Staffelfinale hätte halten können, dabei war sie das gar nicht. Sie lief noch nicht mal während der Sweeps. Nein, einfach so wie aus dem Nichts heraus haben die Macher uns damals mit einem echten Geniestreich überfallen.
In dieser Liga spielt auch Prisoner's Dilemma. Wenn nicht sogar noch in einer darüber. Wenn sich der Rezensent nicht verzählt hat, dann kommen hier gleich vier fortlaufende Handlungsstränge zusammen und werden derart kunstvoll miteinander verwoben, dass einem schwindlig werden kann. Dazu kommen großartige Charaktermomente - und ein Comic-Relief-Nebenplot, der einen mehrfach vor Lachen fast vom Sessel plumpsen lässt und das perfekte Gegengewicht zur mitreißenden Spannung bildet, welche die Haupthandlung aufbaut.
Wahrheit oder Dichtung?
Aber der Reihe nach: Das Verhör zwischen Carter und Reese ist alles, was man sich davon in der vorangegangenen Episode 2-PI-R nur erhoffen konnte. Beide üben sich an einem delikaten Drahtseilakt, damit auf keinen Fall die Wahrheit über John herauskommt. Und letztlich, worauf Harold (Michael Emerson) ja ganz zu Recht hinweist, auch über Carter selbst. Schließlich war sie in den letzten zwölf Monaten seine und Johns Komplizin, wenn man so will.
Die Verhörszenen bestechen durch den Dreifach-Knoten, der hier geschlagen wird: Zum einen hat Carter für Donnelly eine Mission zu erfüllen. Sie soll den „Mann im Anzug“ ausfindig machen. Zum anderen muss sie allerdings genau das verhindern. Geradezu bezeichnend ist es, dass sie zwischendurch zwei Männchen im Ohr hat, die ihr abwechselnd jeweils das Gegenteil sagen, was sie tun soll. Zum Dritten ist da aber auch noch ihre eigene Neugier. Immerhin hat Harold ihr ganz am Anfang verraten, dass die Tarnidentität von John, die er hier verwendet, diejenige ist, die seiner wahren Identität am ehesten entspricht. Und hinter die, das merkt man deutlich, würde sie sehr gerne kommen. Ähnlich wie sie fragt sich auch der Zuschauer, was von dem, was John über sich erzählt, der Wahrheit entspricht - und was davon nur Legende ist.
So könnte es sehr gut sein, dass tatsächlich jener serbische Kämpfer, von dem John erzählt, der erste Mensch gewesen ist, den er umgebracht hat. In charakterlicher Hinsicht noch spannender und gewissermaßen intimer ist allerdings seine Erzählung, warum er nach dem 11. September nicht erneut in die Streitkräfte eingetreten ist. Hier haben wir als Zuschauer gegenüber Carter den Wissensvorsprung, dass für uns klar ist, dass Johns Geschichte nicht stimmt, sondern im Grunde die Negativfolie dessen ist, was sich tatsächlich ereignet hat. Ab diesem Punkt besteht seine Legende nicht aus dem, was war, sondern was hätte sein können, wenn er sich nicht entschieden hätte, zur CIA zu gehen. Dass er gerne wüsste, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn es anders gekommen wäre, ist der einzige Satz, von dem wir ihm wohl absolut glauben dürfen, das er der Wahrheit entspricht.
Genau diese Momente, in denen sich von einem Satz auf den anderen Erfundenes und Wirkliches abwechseln, sind es, welche das Verhör im Hinblick auf die Figur John Reese so interessant machen. Zugleich macht die Folge an ihm und an den Rückblenden in die Zeit seiner Zusammenarbeit mit Kara (Annie Parisse) auch ihr zu Grunde liegendes Thema fest: nämlich, wie wir mit den Konsequenzen unserer Entscheidungen leben.

Duell
Das alles ist eingebettet in ein spannendes Fernduell zwischen Harold und Donnelly: Der eine setzt alles daran, Johns Tarnung so wasserdicht wie nur möglich zu bauen, der andere sucht fieberhaft nach der Lücke. Die beiden wären, ähnlich wie Harold und Elias, auch gute Schachpartner: Zug - Gegenzug. Und jeder spielt am Limit seiner Möglichkeiten. Donnelly setzt Carter einen Knopf ins Ohr. Harold findet einen Weg, ihn zu hacken. Harold baut an Johns Legende, Donnelly findet einen neuen Weg, sie auf die Probe zu stellen. Und das alles geht Schlag auf Schlag. Das Erzähltempo von Prisoner's Dilemma ist der schiere Wahnsinn. Man sollte es nicht für möglich halten, welch eine Dichte und welch ein Handlungsdruck in einer Folge aufgebaut werden kann, welche sich letztlich um ein Verhör - zwei Leute in einem kargen Raum - dreht.
Unvollendet
Donnelly, ach , Donnelly! Wenn es etwas gibt, das man an Prisoner's Dilemma bedauern kann, dann ist es sein Abgang. Es ist wirklich eine Schande! Da ist er schon so weit hinter die Wahrheit gekommen, dass er John geschnappt und Carter als dessen Gehilfin ausfindig gemacht hat. Aber es ist ihm nicht vergönnt gewesen, hinter die ganze Wahrheit zu kommen. Dabei hätte er, der ein so formidabler Gegenspieler gewesen ist, auch einen sehr guten Verbündeten abgegeben.
Letztlich ist aber auch das schon wieder genial: Es ist eine Sache, eine Serienfigur umzubringen. Aber es ist, gerade wenn es sich nicht um eine Hauptfigur handelt, noch mal etwas ganz anderes, das Publikum darüber wirklich Trauer empfinden zu lassen. Und das gelingt den Macher von Person of Interest hier auf das Vorzüglichste: Gerade das Unvollendete, dieses Gefühl, dass mit der Figur doch eigentlich noch etwas hätte passieren müssen, dass da noch etwas hätte kommen müssen, lässt einen wirklich spüren, dass hier ein (Figuren-) Leben zu früh zu Ende gegangen ist. Wir sehen so viele Serientode, doch nur die wenigsten sind so erschütternd wie dieser hier.
Hilfe von unerwarteter Seite
Apropos Gegenspieler: Man hätte es sich eigentlich fast denken müssen, dass John, wenn er ins Gefängnis kommt, dort auch unweigerlich auf alte Bekannte trifft, darunter natürlich auch solche, die er selbst dort hineingebracht. Wie zum Beispiel Elias, dessen Auftritt kurz, aber nachhaltig eindrucksvoll ist. In einer schlechteren Serie als Person of Interest wäre eine Figur in der Lage von Elias jetzt von Vergeltungssucht getrieben - und würde alles daran setzen, sich für seine Inhaftierung zu revanchieren. So wie es der hirnlose thug versucht. Aber Elias ist anders. Wenn er sagt, dass er John immer noch dafür dankbar ist, dass dieser ihm in Witness das Leben gerettet hat, so ist das durchaus glaubwürdig. Außerdem scheint Elias die Inhaftierung gar nicht sonderlich viel auszumachen. Seine Macht ist ungebrochen. Ein Pfiff von ihm genügt, um die Schlägerei auf dem Hof zu beenden. Und er genießt die Schachpartien mit Harold.
Abgesehen davon - und das könnte durchaus in der Zukunft noch ein Faktor werden - bringt er John durch seine Hilfe natürlich in die etwas unangenehme Lage, dass er es auf einmal ist, der Elias Dankbarkeit schuldet.
Cliffhanger
Und wieder endet eine Folge mit einem Cliffhanger, diesmal jedoch unter völlig anderen Vorzeichen. Donnelly ist tot und die in den Augen von John gerade von den Toten erstandene Kara schnappt sich ihn, um, ja, um was mit ihm zu tun? Das ist die Frage, auf deren Antwort die US-Zuschauer bis Ende Januar werden warten müssen. Erst am 31. Januar geht es dort mit der nächsten neuen Folge von Person of Interest weiter.
Das Model und Bruce Willis im Kompaktformat
Selbstverständlich wäre ein Review von Prisoner's Dilemma aber noch lange nicht vollständig, wenn es nicht zumindest kurz auf Fusco und dessen Abenteuer mit Karolina Kurkova eingehen würde, welches - eine Technik, die zuletzt vor allem Leverage gerne mal gelegentlich eingesetzt hat - weitestgehend im Off stattfindet. Wir sehen daraus nur kurze, fast zusammenhanglose Ausschnitte, was die Sache aber nicht minder amüsant macht.
Celebrity-Gastauftritte haben ja nicht selten etwas Nerviges und Überflüssiges an sich (siehe zuletzt etwa Billy Dee Williams in Modern Family). Der Auftritt von Kurkova in Person of Interest ist dagegen das perfekte Gegenbeispiel: Sie ist - gerade als sie selbst - die Chiffre für „unerreichbare Traumfrau“, was es den Produzenten überhaupt erst erlaubt, Fuscos Storyline in dieser Kürze, reduziert auf einige gleichermaßen komische wie gloriose Schlüsselmomente zu erzählen. Sein Innehalten, als er eigentlich gegen den Auftrag protestieren will, bis er sieht, um wen es sich handelt - einfach göttlich! Und den Kuss der langbeinigen Schönheit hat sich der kleine, knuffige Cop durch seine Bruce Willis-Einlage nun wahrhaft redlich verdient.
Fazit
Eigentlich sechs Sterne. Mindestens. Person of Interest hat mit Prisoner's Dilemma die Latte noch mal ein ganzes Stück höher gelegt. Und das Schönste daran: Fast 16 Millionen Zuschauer haben die Folge gesehen „45870“. Qualität und Quote, sie gehen eben doch zusammen!

(Person of Interest 2x12)
Schauspieler in der Episode Person of Interest 2x12
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?